Muskelschwäche: Wenn die Muskeln versagen

Veröffentlicht von: Till von Bracht (19. Februar 2018)

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Nach körperlicher Anstrengung ist es normal, sich erst einmal schlapp und entkräftet zu fühlen. Doch Muskelschwäche kann auch auf eine Erkrankung oder einen Mangel hindeuten. Was sind die häufigsten Ursachen? Wie lassen sie sich behandeln?

Was ist Muskelschwäche?

Jeder Mensch hat mehr als 600 Muskeln, die es ihm zusammen mit den Gelenken ermöglichen, sich zu bewegen und Gegenstände zu heben. Lässt diese Kraft nach, spricht man von Muskelschwäche.

Wer sich nach dem Sport oder einem langen Spaziergang ein wenig kraftlos fühlt, muss sich in der Regel keine Sorgen machen. Diese Form der Muskelschwäche dauert meist nur einige Minuten oder wenige Stunden an. Nach der Erholungsphase ist die Muskulatur wieder leistungsfähig.

Wer sich jedoch dauerhaft zu wenig bewegt, verliert langfristig an Muskelkraft. Deshalb kann Muskelschwäche als Folge von Unfällen oder Erkrankungen auftreten, die zu Bettlägerigkeit und Lähmungserscheinungen führen (z.B. Schlaganfall).

Auch im Alter verlieren Menschen Muskelmasse. Dieser natürliche Abbau von Muskelgewebe ist der Grund, warum ältere Menschen im Allgemeinen weniger Kraft haben und rascher ermüden.

Die gute Nachricht: Mit regelmäßigem Kraft- und Ausdauertraining lässt sich die verlorene Muskelmasse und Kraft wiederaufbauen. Auch dem altersbedingten Verlust von Muskelmasse kann man mit Bewegung und Kraftübungen entgegenwirken.

Muskelschwäche als Symptom

Muskelschwäche kann jedoch auch Symptom einer körperlichen oder seelischen Erkrankung oder eines Mangels sein. Zu den Erkrankungen, die Muskelschwäche hervorrufen können, zählen etwa

Bei Kindern können auch angeborene Erkrankungen dazu führen, dass sich die Muskeln nicht so gut entwickeln – zum Beispiel bei den kongenitalen Muskeldystrophien. Eine leichte Muskelschwäche bei Kindern fällt oft erst etwa ab dem sechsten Lebensmonat auf, wenn die Eltern feststellen, dass sich die motorische Entwicklung verzögert: Die Babys schaffen es zum Beispiel nicht, die Bauchlage einzunehmen oder lernen erst spät zu krabbeln. In einigen Fällen können hier physiotherapeutische Maßnahmen hilfreich sein.

Eine insgesamt seltene Erkrankung, die aber immer häufiger diagnostiziert wird, ist die sogenannte Myasthenia gravis pseudoparalytica. Hierbei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung bei der die Signalübertragung zwischen Muskel und Nerv gestört ist. Frauen sind häufiger von der Krankheit betroffen als Männer.

Eine weitere Krankheit, bei der eine Muskelschwäche zu den Symptomen gehört, ist der sogenannte Botulismus. Dies ist eine Vergiftung mit dem Botulinumtoxin, welches in verdorbenen Lebensmitteln vorkommen kann. Oft handelt es sich dabei um Konserven, die nicht ausreichend erhitzt wurden, so dass sich Botulinumbakterien in ihnen vermehren und das Gift bilden konnten. Durch die hohen Hygieneanforderungen an Nahrungsmittel ist diese Erkrankung in Deutschland mittlerweile recht selten geworden.

Wirkstoffe, die zu Muskelschwäche führen

Der Effekt des Botulinumtoxins spielt heute eher in der Behandlung eine Rolle: In kleinen Dosen in stark verkrampfte Muskeln (sog. Dystonie) gespritzt, kann der Arzt eine künstliche Muskelschwäche erzeugen. Das kann zum Beispiel bei Patienten mit Torticollis, einer verdrehten Schiefhaltung des Halses, hilfreich sein.

Auch andere Wirkstoffe können Muskelschwäche hervorrufen. Zu den Medikamenten, die die körperliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, zählen beispielsweise Abführmittel, ACE-Hemmer oder Betablocker.

Muskelschwäche: Welche Ursachen können dahinterstecken?

Eine Muskelschwäche kann zahlreiche Ursachen haben – von falscher Ernährung und Alkoholkonsum über Nerven- und Muskelentzündungen bis hin zu angeborenen Muskelerkrankungen (Muskeldystrophien), psychischen Erkrankungen sowie einer Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion. Muskelschwäche in den Beinen gilt beispielsweise als typisches Symptom einer COPD – verstärkt wird sie durch häufig eingesetzte Glukocorticosteroide ("Cortison").

Doch nicht nur die Ursachen variieren – auch die Ausprägung der Muskelschwäche ist sehr unterschiedlich und kann von leichter Schwäche (etwa nach dem Sport) bis hin zur Lähmung (z.B. nach einem Schlaganfall) reichen.

Aus der Vielzahl der möglichen Ursachen hier einige Beispiele:

Muskelschwäche: Diagnose

Besonders bei neu aufgetretener oder zunehmender Muskelschwäche ist eine rasche Diagnose durch den Arzt wichtig. Er kann feststellen, ob eine behandlungsbedürftige Erkrankung dahinter steckt.

Der Arzt stellt dazu zunächst einige Fragen, beispielsweise:

  • Wann ist die Muskelschwäche aufgetreten?
  • Welche Muskeln sind betroffen?
  • Gab es ein bestimmtes Ereignis (z.B. einen Unfall oder eine Verletzung)?
  • Haben Sie zusätzlich noch andere Beschwerden (z.B. Gefühlsstörungen)?
  • Leiden Sie an Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus oder multipler Sklerose?
  • Nehmen Sie derzeit Medikamente ein?
  • Haben oder hatten blutsverwandte Familienangehörige eine Myasthenie-Erkrankung?

Es folgen weitere Untersuchungen, um das Ausmaß der Myasthenie festzustellen und die Diagnose der zugrunde liegenden Ursache zu stellen. Dazu zählen:

Bei der neurologischen Untersuchung testet der Arzt die Nervenfunktionen, denn gesunde Nerven sind eine Voraussetzung dafür, dass die Muskeln einwandfrei arbeiten können. Der Arzt überprüft unter anderem die Bewegungsfähigkeit, die Muskelkraft, die Reflexe und das Gefühlsempfinden. Bereits mit einfachen Tests, zum Beispiel einem beidseitigem Händedruck, kann der Arzt einen Seitenunterschied der Muskelkraft feststellen.

Je nach Ergebnis der Untersuchungen ist eine weitere Diagnostik notwendig, beispielsweise:

Ob eine dieser Untersuchungen notwendig ist, entscheidet der Arzt. Je nachdem, welche Ursache er für die Muskelschwäche (Myasthenie) vermutet, kann er so die Diagnose sichern.

Muskelschwäche: Welche Formen der Behandlung gibt es?

Muskelschwäche ist nicht gleich Muskelschwäche – daher richtet sich die Therapie bei einer Muskelschwäche nach der zugrunde liegenden Ursache.

Muskelschwächen nehmen oft einen sehr unterschiedlichen Verlauf. Bei leichten, beispielsweise ernährungsbedingten Muskelschwächen mit Blutarmut, Mangel an Eisen, Vitamin E oder Selen, bessern sich die Beschwerden, wenn Sie Ihre Ernährung umstellen. Auch nach Infekten, bei denen eine Muskelschwäche auftritt, kommt die Muskelkraft meist nach ausgestandener Erkrankung zurück.

Bei vielen Nervenerkrankungen, die zu einer Myasthenie führen, ist oft nur eine Therapie der Symptome möglich – und nicht der eigentlichen Ursache. Vor allem Muskel- und Nervenkrankheiten können im Krankheitsverlauf weiter voranschreiten. Typische Beispiele sind:

Die symptomatische Muskelschwäche-Therapie umfasst unterstützende Maßnahmen, die die Muskulatur trainieren sowie die Durchblutung und Beweglichkeit fordern sollen. Dazu zählen etwa:

Medikamente

Manchmal können auch bestimmte Medikamente gegen Muskelschwäche helfen. Bei der Mysthenie gravis pseudoparalytica helfen zum Bespiel sogenannte Cholinesterasehemmer wie Pyridostigmin und Neostigmin. Bei dieser Erkrankung ist die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin aufgrund einer Autoimmunreaktion herabgesetzt. Die Cholinesterasehemmer erhöhen die Menge an Acetylcholin zwischen Muskel- und Nervenzelle – und verstärken damit seine Wirkung. Die Muskelschwäche wird dadurch für gewisse Zeit behoben.

Dieser Effekt der Cholinesterasehemmer kann auch dazu genutzt werden, um die Diagnose dieser seltenen Myasthenie-Form zu stellen (sog. Edrophonium-Test).

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Muskelschwäche":


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Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Abrufdatum: 19.02.2018)

Baenkler, H.-W., Goldschmidt, H., Hahn, J.-M., et al.: Kurzlehrbuch Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2015

Kerbl, R., et al.: Checkliste Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2015

Zierz, S.: Muskelerkrankungen. Thieme, Stuttgart 2014

Bignotti, B., et al.: Imaging of skeletal muscle in vitamin D deficiency. World journal of radiology, Vol. 6, Iss. 4, pp.119-124 (2014)

Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2013

Huppelsberg, J., Walter, K.: Kurzlehrbuch Physiologie. Thieme, Stuttgart 2013

Schweizer, U., Köhrle, J., Schweizer, S.: Supplementieren oder nicht? Das Spurenelement Selen. Perspectives in Medicine, Vol. 2, Iss. 1, pp. 72-78 (2014)

Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Diagnostik und Therapie der Myasthenia gravis und des Lambert-Eaton-Syndroms. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/087 (Stand: Mai 2013)

Hacke, W.: Neurologie. Springer, Berlin 2010

Aktualisiert am: 19. Februar 2018

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