Man sieht die Schuhe von Menschen, die auf der Straße gehen.
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Gangstörungen

Gehen ist eine der kompliziertesten und zugleich normalsten Bewegungen des täglichen Lebens. Wer nicht richtig gehen kann, also Gangstörungen hat, ist im Alltag oft verunsichert. Das kann zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität führen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Definition

Allgemein sind mit dem Begriff Gangstörungen sämtliche Abweichungen vom natürlichen Gangbild gemeint – dies kann sowohl die Ganggeschwindigkeit als auch den sonst flüssigen und symmetrischen Bewegungsablauf betreffen.

Wie sich eine Gangstörung bemerkbar macht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Die sichtbaren Gangstörungen reichen von einem leichten Humpeln bis hin zu einem sehr auffälligen Gangbild. In manchen Fällen können Gangstörungen sogar so stark ausgeprägt sein, dass Gehen kaum mehr möglich ist.

Allgemein unterscheiden Mediziner bei Gangstörungen die folgenden Formen:

  • Hinken
  • kleinschrittiger Gang
  • Watschel- oder Entengang (sog. Duchenne-Hinken)
  • Schiebergang
  • spastischer Gang
  • ataktischer Gang mit Gleichgewichtsstörungen
  • Gangstörung mit plötzlich einschießenden unwillkürlichen Bewegungen
  • Innen- bzw. Außenrotationsgang

Hinken ist die häufigste Gangstörung. Es kann ein Anzeichen sein für eine angeborene oder erworbene Verformung des Fußes, unterschiedlich lange Beine, Ischiasschmerzen, einen Reizzustand der Rückenmarksnerven (z.B. durch einen Bandscheibenvorfall), eine Verletzung, einen Knochenbruch oder auch für eine Lähmung. Zudem können Menschen mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit immer wieder vorübergehend hinken (sog. Claudicatio intermittens).

Ein kleinschrittiger Gang ist ein typisches Symptom der Parkinson-Krankheit. Außerdem kann diese Gangstörung beispielsweise vorkommen, wenn die vorderen Anteile des Frontalhirns geschädigt sind oder wenn ein Wasserkopf mit meist normalem Hirndruck (sog. Normaldruckhydrozephalus) vorliegt.

Für den Watschel- oder Entengang ist kennzeichnend, dass das Becken zur Spielbeinseite absinkt und die Betroffenen ihren Oberkörper als Ausgleich zur Standbeinseite verlagern. Eine solche Gangstörung kann zum Beispiel entstehen durch eine Fehlstellung der Hüfte (Hüftluxation), eine unvollständige Lähmung der Gesäßmuskel, fortschreitenden Muskelschwund, ein verletzungsbedingtes Auseinanderreißen der Schambeinfuge, Rachitis, eine Erkrankung des Skelettsystems namens Morbus Paget oder einen verbogenen Oberschenkelhals (Coxa vara).

Beim Schiebergang schieben die Betroffenen beim Gehen das Becken nach vorne, weil die Beweglichkeit der Hüfte oder des Iliosakralgelenks beeinträchtigt ist. Dahinter können unter anderem entzündliche Veränderungen der unteren Wirbelsäule, eine Hüftgelenksarthrose oder ein Morbus Bechterew stecken.

Ein spastischer Gang, bei dem die Betroffenen ihre Füße nur im Vorfuß belasten und die Knie beim Gehen aneinanderreiben, kann beispielsweise auftreten bei amyotropher Lateralsklerose (ALS), infantiler Cerebralparese oder wenn eine Körperhälfte nach einem Schlaganfall gelähmt ist.

Beim ataktischer Gang mit Gleichgewichtsstörungen ist die Koordination der Bewegungsabläufe gestört. Mögliche Auslöser dieser Gangstörung sind zum Beispiel ein Schlaganfall, Polyneuropathie, multiple Sklerose, eine Schädigung des Gleichgewichtsorgans (akuter Labyrinthausfall), eine degenerative Erkrankung des Kleinhirns, ein Hirntumor oder Neurosyphilis im Endstadium.

Eine Gangstörung mit plötzlich einschießenden unwillkürlichen Bewegungen kann ein Symptom für verschiedene Erkrankungen sein, die mit krankhaft gesteigerten Bewegungsaktivitäten der Skelettmuskeln (sog. Hyperkinesen) einhergehen – wie Chorea Huntington oder ein sogenannter einseitiger Ballismus (eine Erkrankung des Nervensystems, bei der es zu unkontrollierbaren und plötzlichen Schleuder- oder Schaukelbewegungen kommt).

Beim Innen- oder Außenrotationsgang handelt es sich meist nur um eine leichte Abweichung vom normalen Gangbild, die sich die Betroffenen unbewusst angewöhnt haben. Der gewohnheitsmäßige Innenrotationsgang mit nach innen zeigenden Fußspitzen tritt beispielsweise oft bei Kindern im Vorschulalter auf, der Außenrotationsgang mit nach außen gerichteten Fußspitzen bei großen übergewichtigen Menschen und bei Plattfüßen.

Wissenswertes
Gangstörungen gehören zu den häufigsten Leitsymptomen im Alter. Etwa ein Drittel aller über 70-Jährigen hat eine Gangstörung.

Ursachen

Für Gangstörungen kommen ganz unterschiedliche Ursachen infrage. In manchen Fällen stecken auch mehrere Faktoren hinter einem gestörten Gangbild – dann liegt eine multifaktorielle Gangstörung vor. Nach ihrem Entstehungsmechanismus lassen sich grob folgende Formen unterscheiden:

  • Neurologische Gangstörungen entstehen durch geschädigte oder erkrankte Nerven.
  • Orthopädische Gangstörungen entstehen z.B. durch Veränderungen oder Verletzungen im Bereich von Becken, Beinen und Füßen.
  • Psychogene oder auch funktionelle Gangstörungen haben seelische Ursachen – sie können z.B. im Rahmen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auftreten.

Nervenbedingte (neurologische) Gangstörungen sind meist die Folge einer Erkrankung des Gehirns oder der Nerven. Sie gehen teilweise mit Schwindel einher; die Betroffenen sind unsicher beim Gehen und oft auch beim Stehen. Das Gleichgewicht kann derart gestört sein, dass der Betroffene zu Boden fällt und das Bewusstsein verliert.

Orthopädische Gangstörungen können infolge von Schäden an Knochen, Gelenken und Muskeln der Beine sowie der Wirbelsäule auftreten, etwa bei Arthrose oder nach Verletzungen. Auch Veränderungen der Blutgefäße, die mit Schmerzen und Bewegungseinschränkungen einhergehen, verursachen mitunter eine Gangstörung.

Seelisch bedingte (psychogene) Gangstörungen sind stets eine Ausschlussdiagnose. Das bedeutet: Nur wenn keine körperlichen Ursachen für die Gangstörung infrage kommen, zieht der Arzt eine psychogene Störung in Betracht.

Das Gangbild ist bei psychogenen Gangstörungen variabel und kann sehr bizarre Muster zeigen. Als Ursache kommt zum Beispiel eine Angststörung infrage: Wer etwa sehr große Angst vor einem Sturz hat, geht möglicherweise sehr langsam und vorsichtig (wie auf Eis). Mediziner sprechen in diesem Zusammenhang manchmal von einem sogenannten Post-Fall-Syndrom.

Mögliche Ursachen für Gangstörungen im Überblick:

Diagnose

Wer Gangstörungen hat, sollte den Grund hierfür von einem Arzt abklären lassen. Da jedes atypische Gangmuster Spuren an der Schuhsohle hinterlässt, ist es ratsam, zum Arztbesuch möglichst abgelaufene Schuhe mitzubringen – die Analyse der Sohle kann dem Arzt bei der Diagnose helfen.

In der Regel ist bei Gangstörungen ein Orthopäde oder Neurologe die passende Anlaufstelle. Zunächst erfasst der Arzt die Krankengeschichte (sog. Anamnese). Hierzu stellt er einige Fragen – wie:

  • Liegt eine Lähmung vor?
  • Bestehen weitere Beschwerden, z.B. Schwindel oder Gefühlsstörungen oder Schmerzen in den Beinen oder anderen Körperteilen?
  • Seit wann bestehen die Beschwerden?
  • Hat ein bestimmtes Ereignis oder eine Verletzung die Gangstörungen ausgelöst?
  • Haben Sie Vorerkrankungen (z.B. ein Schlaganfall, Herzerkrankungen, Bluthochdruck, orthopädische Erkrankungen)?
  • Nehmen Sie Medikamente ein? Wenn ja, welche?
  • Trinken Sie regelmäßig Alkohol?

Mithilfe kleinerer Untersuchungen kann der Arzt abschätzen, ob ein Problem der Nerven, der inneren Organe oder des Bewegungsapparats (wie Knochen, Muskeln, Gelenke) hinter den Gangstörungen steckt. Dazu betrachtet der Arzt das betroffene Bein von außen, tastet es ab und untersucht es auf Veränderungen. Es folgt eine gründliche Untersuchung der Nerven (neurologische Untersuchung): Hierbei überprüft der Arzt unter anderem die Reflexe, die Koordination der Bewegungen und das Gefühlsempfinden. Um festzustellen, ob Gleichgewichtsstörungen bestehen, führt der Arzt einige Koordinationsprüfungen durch:

  • Beim sogenannten Romberg-Stehversuch müssen Sie mit eng zusammengestellten Füßen einige Minuten lang stehen, zuerst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen.
  • Bei der Gangprüfung lässt der Arzt Sie einige Schritte gehen, zum Beispiel auf einer Linie und mit geschlossenen Augen.
  • Beim Unterberger-Tretversuch treten Sie mit geschlossenen Augen und vorgestreckten Armen etwa 60-mal auf der Stelle.

Eventuell sind noch weitere Schritte notwendig, um die genaue Ursache der Gangstörungen festzustellen. Eventuell ist dazu der Besuch bei einem bestimmten Facharzt nötig – beispielsweise bei einem Arzt für Innere Medizin (Internisten), einem Orthopäden oder einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt (HNO). Je nach vermuteter Ursache können beispielsweise folgende Tests und Untersuchungen zum Einsatz kommen:

Therapie

Ob und wie sich Gangstörungen beheben lassen, hängt von deren Ursache ab. So reicht die Therapie bei Durchblutungsstörungen beispielsweise von allgemeinen Maßnahmen (wie Raucherentwöhnung) über Medikamente bis hin zu operativen Eingriffen.

Falls Medikamente Ihre Gangstörungen ausgelöst haben, passt der Arzt gegebenenfalls die Therapie an und verordnet Ihnen einen anderen Wirkstoff oder ändert die Dosierung. Bitte beachten: Medikamente sollten Sie nur in Rücksprache mit Ihrem Arzt absetzen.

Bei einigen Erkrankungen, die mit Gangstörungen einhergehen, lassen sich nur die Symptome behandeln – nicht aber die Ursachen. Vor allem Nervenkrankheiten (wie Polyneuropathie, Parkinson und multiple Sklerose) sowie bestimmte Muskelerkrankungen (z.B. erblich bedingter Muskelschwund) schreiten immer weiter voran und sind in der Regel nicht heilbar.

Um bei solchen muskel- und nervenbedingten Gangstörungen die Beschwerden zu lindern und das Gangbild zu verbessern, sind vor allem unterstützende Behandlungsmaßnahmen sinnvoll, die meist im Rahmen einer Physiotherapie stattfinden. Sie helfen dabei, die Muskulatur zu trainieren sowie die Durchblutung und Beweglichkeit zu fördern. Beispiele sind:

Ist eine orthopädische Erkrankung (z.B. Knochen-, Gelenk-, Muskelerkrankung) für die Gangstörungen verantwortlich, besteht die Behandlung oft in einer Ruhigstellung, Bewegungstherapie und / oder Operation. Bei Übergewicht kann es zudem sinnvoll sein, das Körpergewicht zu normalisieren.