Eine Physiotherapeutin behandelt einen Mann.
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Gleichgewichts­störungen

Der Gleichgewichtssinn ermöglicht es Menschen, ihre Haltung und ihre Bewegungen zu kontrollieren. Das Gleichgewichtsorgan ist sensibel: Bestimmte Erkrankungen können es durcheinanderbringen und Gleichgewichtsstörungen wie Schwindelgefühle hervorrufen. Was sind typische Ursachen? Und wie lassen sie sich behandeln?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Gleichgewichtsstörungen

Der Gleichgewichtssinn hilft uns dabei, uns im Raum zu orientieren. Mit ihm nehmen wir wahr, in welcher Position wir uns befinden, ob wir uns bewegen und wenn ja, wohin und wie schnell.

Von Gleichgewichtsstörungen spricht man, wenn der Gleichgewichtssinn beeinträchtigt ist. Äußern kann sich das durch

  • Wahrnehmungsstörungen wie Schwindel und/oder
  • Koordinationsprobleme wie unwillkürliche Seitwärtsbewegungen, Gangstörungen bis hin zu Stürzen sowie Schwierigkeiten, sich aufrecht zu halten.

Das Gefühl, sich nicht mehr wie gewohnt orientieren können und teilweise die Kontrolle über die eigenen Bewegungen zu verlieren, kann Unsicherheit oder Angst hervorrufen.

Je nachdem, welche Ursache hinter der Störung steckt, können auch andere Symptome auftreten, etwa

So funktioniert der Gleichgewichtssinn

Das Gleichgewichtsorgan (auch Vestibularorgan oder Vestibularapparat) befindet sich in den Ohren, genauer gesagt: jeweils im Innenohr. Zum Gleichgewichtsorgan gehören drei ringförmige, mit Flüssigkeit gefüllte Kanäle, die sogenannten Bogengänge, und zwei weitere Hohlräume, die Vorhofsäckchen.

Auf der Haut, welche die Bodengänge und Vorhofsäckchen von innen auskleidet, sitzen Sinneszellen. Diese tragen haarähnliche Strukturen auf ihrer Oberfläche, die mit einer Gelschicht bedeckt sind. Verändert der Kopf seine Position, verlagern sich die Flüssigkeit und das Gel. Dadurch neigen sich die Härchen – und diese Bewegung wird von den Sinneszellen registriert.

Die Sinneszellen sind über einen Nerv mit dem Gehirn verbunden. Dieser Nerv meldet dem Gehirn, mit welcher Geschwindigkeit sich der Kopf wohin bewegt hat. Auch die Sinneszellen der Haut, der Muskeln und der Gelenke schicken dem Gehirn ständig Informationen über die exakte räumliche Ausrichtung und Bewegungen des Körpers. Hinzu kommen natürlich die optischen Informationen, die die Augen über unsere Umgebung liefern.

All diese Informationen werden im Gleichgewichtszentrum des Gehirns verglichen und koordiniert. So entsteht im Kopf eine exakte Vorstellung von der Position und Haltung, in der sich der Körper befindet. Erhält das Gehirn allerdings widersprüchliche Informationen, kann es zu Schwindel und Gleichgewichtsstörungen kommen.

Gleichgewichtsstörungen: Ursachen

Gleichgewichtsstörungen können vielerlei Ursachen haben. Manchmal sind die Auslöser harmlos. So kann der schwankende Boden bei Schifffahrten – vor allem bei starkem Wellengang – den Gleichgewichtssinn vorübergehend durcheinander bringen (sog. Reisekrankheit).

Außerdem können Alkohol oder andere Drogen sowie Gifte und verschiedene Medikamente einen Einfluss auf den Gleichgewichtssinn haben. Zu letzteren zählen etwa

  • bestimmte Arzneien zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
  • Beruhigungsmittel,
  • einige Psychopharmaka und Neuroleptika sowie
  • bestimmte Hormonpräparate (z.B. Schilddrüsenhormone).

Es gibt aber auch Erkrankungen, die den Gleichgewichtssinn beeinträchtigen. Sie lassen sich unterteilen in

  • Krankheiten, die das Gleichgewichtsorgan direkt betreffen, und
  • Erkrankungen oder Verletzungen, die zunächst andere Organe betreffen, sich jedoch in Gleichgewichtsstörungen äußern.

Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans

Folgende Krankheiten beeinträchtigen das Gleichgewichtsorgan direkt:

  • Morbus Menière (Erkrankung des Innenohrs)
  • Innenohrentzündung
  • Bogengangsdehiszenz (Erkrankung der knöchernen Abdeckung des oberen und/oder hinteren Bogengangs)
  • Entzündung der Gleichgewichtsnerven (Neuritis vestibularis)
  • Tumoren zwischen Gehörgang und Kleinhirn (z.B. Akustikusneurinom)
  • benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (gutartiger Lagerungsschwindel)

Erkrankungen und Störungen anderer Organe

Gleichgewichtsstörungen können jedoch auch als Folge von Erkrankungen oder Störungen anderer Organe auftreten. Dazu zählen

Gleichgewichtsstörungen bei Senioren: Was sind häufige Ursachen?

Gleichgewichtsstörungen kommen im Alter besonders häufig vor. Das hat verschiedene Gründe:

  • Im Alter funktioniert das Gleichge­wichtsorgan im Innenohr nicht mehr so gut wie in jungen Jahren. Das Innenohr wird schlechter durchblutet, die Nerven leiten Signale langsamer weiter und das Gehirn kann Reize nicht mehr so gut verarbeiten. Das kann sich durch Gangstörungen und Schwindel äußern, den man als Altersschwindel bezeichnet.
  • Hinzu kommt, dass Senioren oft nicht mehr so gut hören und sehen können, was ihnen die Orientierung im Raum zusätzlich erschwert.
  • Viele der genannten Erkrankungen entwickeln sich oft erst im Alter.
  • Außerdem müssen viele Menschen aufgrund chronischer Erkrankungen dauerhaft Medikamente einnehmen, die als Nebenwirkung Gleichgewichtsstörungen hervorrufen können. Auch Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Präparaten können zu Problemen mit dem Gleichgewicht führen.

Leider sind Gleichgewichtsstörungen und Gangstörungen für ältere Menschen auch besonders riskant: Da ihre Muskulatur schwächer ist als die junger Menschen, fallen sie leichter hin und ziehen sich dabei unter Umständen gefährliche Verletzungen zu.

Gleichgewichtsstörungen: Diagnose

Bei lang anhaltenden oder immer wiederkehrenden Gleichgewichtsstörungen ist es ratsam, eine Ärztin beziehungsweise einen Arzt aufzusuchen, um die genauen Ursachen feststellen zu lassen. Dies gilt vor allem, wenn die Gleichgewichtsstörungen mit weiteren Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen einhergehen.

Um die Ursache der Gleichgewichtsstörungen zu ermitteln, benötigt die Ärztin oder der Arzt zunächst eine möglichst genaue Beschreibung der Beschwerden. Außerdem muss sie oder er sich ein Bild vom allgemeinen Gesundheitszustand der beziehungsweise des Betroffenen machen, etwa mithilfe von folgenden Fragen:

  • Wann und wie haben die Gleichgewichtsstörungen eingesetzt (z.B. plötzlich oder schleichend)?
  • Bestehen die Beschwerden dauerhaft oder gelegentlich? Wenn gelegentlich: Wie lange halten die Schwindelattacken an?
  • Treten die Gleichgewichtsstörungen nach oder in bestimmten Situationen verstärkt auf?
  • Verschlimmern sie sich, wenn Sie den Kopf drehen?
  • Haben Sie Unfälle oder Operationen hinter sich?
  • Leiden Sie an chronischen Erkrankungen?
  • Hatten Sie einen Schlaganfall oder einen Infekt?
  • Haben Sie eine psychische Krankheit wie Depressionen oder Angststörungen?
  • Nehmen Sie Medikamente oder haben Sie Medikamente abgesetzt?
  • Können Sie die Gleichgewichtsstörungen genauer beschreiben? Ist es ein Drehschwindel oder handelt es sich eher um ein "Betrunkenheitsgefühl"? Haben Sie Probleme beim Gehen? Verspüren Sie "Leere im Kopf"?
  • Haben Sie weitere Beschwerden wie etwa Herzrhythmusstörungen, Hör- oder Sehstörungen, Kopfschmerzen oder Übelkeit?
  • Haben Sie schon einmal das Bewusstsein verloren?

Mitunter orientiert sich die Ärztin oder der Arzt hierbei an standardisierten Fragebögen, zum Beispiel am Dizziness Handicap Inventory (DHI-G) oder am Vertigo Symptom Scale (VSS-G).

In der Regel hat die Ärztin oder der Arzt nach dem Gespräch bereits eine Vermutung, was die Ursache der Gleichgewichtsstörungen sein könnte. Nach dieser Verdachtsdiagnose richtet sich das weitere Vorgehen bei der körperlichen Untersuchung: Deuten die Angaben der Patientin beziehungsweise des Patienten auf eine Störung des Blutdrucks hin, misst die Ärztin oder der Arzt den Blutdruck im Liegen und Stehen. Bei Verdacht auf eine Herzerkrankung hört sie oder er das Herz mit einem Stethoskop ab. In beiden Fällen macht sie oder er ein EKG.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe von zusätzlichen Untersuchungsverfahren, mit deren Hilfe die Ärztin oder der Arzt den Gleichgewichtssinn des Patienten beurteilen kann. Gängig sind etwa folgende Methoden:

Nystagmus-Test mit der Frenzel-Brille

Wenn das Gleichgewichtsorgan beschädigt ist, kann sich das in unwillkürlichem Augenzittern (sog. Nystagmus) äußern. Das ist eine Reaktion des Gehirns auf die vom Gleichgewichtsorgan irrtümlich gemeldeten Schwankungen. Wenn die Patientin oder der Patient den Blick aktiv steuert und auf bestimmte Punkte fixiert, lässt sich das Augenzittern allerdings nicht feststellen. Deshalb setzt die Ärztin beziehungsweise der Arzt dem Patienten die sogenannte Frenzel-Brille auf: Durch ihre sehr starken Vergrößerungsgläser kann man nur sehr verschwommen sehen. Die Brille hindert die Patientin bzw. den Patienten somit daran, den Blick auf etwas zu fixieren.

Die starke Vergrößerung erleichtert es der Ärztin oder dem Arzt zudem, feinere Nystagmen festzustellen, die nicht mit bloßem Auge zu erkennen sind.

Lagerungsprüfung

Die Ärztin oder der Arzt bittet die Patientin oder den Patienten, sich zunächst aufrecht mit ausgestreckten Beinen auf die Untersuchungsliege zu setzen. Dann dreht er oder sie den Kopf der Patientin bzw. des Patienten zur Seite und führt deren bzw. dessen Oberkörper zügig nach hinten, bis er auf der Liege ruht. Der Kopf hängt über der oberen Kante der Liege herunter (sog. Kopfhängelage).

Mit dieser Methode kann die Ärztin bzw. der Arzt unter anderem die häufigste Ursache für Schwindel erkennen, den sogenannten gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel: Bei Patienten mit dieser Form von Schwindel löst der Bewegungsablauf ein Augenzittern aus.

Achtung: Dieser Test kann starke Schwindelempfindungen hervorrufen, die auch Stunden später noch auftreten können.

Koordinationstests

Es gibt verschiedene Testverfahren, um die Koordinationsfähigkeit eines Menschen zu prüfen. Die bekanntesten sind

  • der Romberg-Stehversuch sowie
  • der Unterberger-Test.

Beim Romberg-Stehversuch soll die oder der Betroffene mit eng zusammengestellten Füßen einige Minuten lang stehen, zuerst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen. Wenn sie oder er stark zu einer Seite schwankt, kann das ein Hinweis auf eine Störung des Gleichgewichtsorgans sein.

Beim Unterberger-Tretversuch tritt die Patientin bzw. der Patient mit geschlossenen Augen und vorgestreckten Armen etwa 50 bis 80-mal auf der Stelle. Wenn sie oder er sich dabei stark um die eigene Achse dreht oder sich weiter als etwa einen Meter nach vorne bewegt, kann auch eine Störung des Gleichgewichtsorgans dahinterstecken.

Hinweis: Die Tests stammen von Medizinern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Heute zweifeln Ärzte an der Aussagekraft der Ergebnisse, weil sie nicht sensitiv genug sind: Menschen mit Gleichgewichtsstörungen können die Tests manchmal ähnlich gut bewältigen wie Gesunde. Dennoch können sie Hausärzten bei einer ersten Einschätzung helfen.

Posturografie

Auch Störungen der Muskulatur und/oder Nerven können dazu führen, dass ein Mensch aus dem Gleichgewicht gerät, denn sie beeinträchtigen die Stabilität der Körperhaltung. Diese lässt sich mithilfe der sogenannten Posturografie (engl.: posture = Haltung) analysieren.

Es gibt viele verschiedene Posturografie-Verfahren. Ihr Prinzip lässt sich vereinfacht so beschreiben: Die Patientin oder der Patient stellt sich auf eine Platte, die mit Sensoren ausgestattet ist. Diese erfassen, wie sie oder er die Last des Körpers auf den Füßen verteilt und wie stark sie oder er schwankt.

Untersuchung des Gleichgewichtsorgans

Eine Störung des Gleichgewichtsorgans kann sich auch darin äußern, dass es nicht so leicht erregbar ist. Um die Erregbarkeit zu testen, kann die Ärztin bzw. der Arzt das Organ leicht reizen. Dazu eignet sich etwa die sogenannte kalorische Prüfung: Warmes (44°C) und anschließend kaltes (30°C) Wasser ins Ohr des Patienten ein. Ist das Gleichgewichtsorgan intakt, löst dieser Reiz ein Augenzittern (Nystagmus) aus.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Tests, mit denen die Ärztin bzw. der Arzt die Funktion der einzelnen Bestandteile des Gleichgewichtsorgans prüfen kann. Je nach vermuteter Ursache können zudem folgende Untersuchungen zum Einsatz kommen:

Gleichgewichtsstörungen: Therapie

Die Therapie richtet sich nach der Ursache. Ist das Innenohr entzündet, kann eine Behandlung mit Antibiotika notwendig werden. Bei einer Entzündung der oder die Gleichgewichtsnerven (Neuritis vestibularis) können Kortison und Antivertigenosa (Mittel gegen Schwindel) helfen.

Bei einigen Erkrankungen, die zu Gleichgewichtsstörungen führen (z.B. einem Akustikusneurinom), sind unter Umständen operative Eingriffe nötig, bei einem Schlaganfall gerinnungshemmende Mittel.

Gerade für Seniorinnen und Senioren, die Gleichgewichtsstörungen haben, sind aber auch physiotherapeutische Übungen ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Durch gezieltes Training können sie etwa ihre Koordination verbessern und ihre Muskulatur stärken, was ihnen insgesamt zu mehr Stabilität verhilft.