Eine müde Frau liegt auf dem Sofa.
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Anämie (Blutarmut)

Abgeschlagenheit, Schwindel, blasse Haut: Eine Anämie kann sich in vielerlei Symptomen äußern. Die häufigste Ursache ist ein Mangel an Eisen. Doch auch größere Blutverluste und Erkrankungen wie Infekte und Nierenschäden können eine Anämie hervorrufen. Welche Arten von Anämien gibt es? Und wie lassen sie sich behandeln?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Anämie (Blutarmut)

Von einer Anämie spricht man, wenn es dem Körper an bestimmten Blutbestandteilen mangelt. Es fehlt ihm dabei an rotem Blutfarbstoff (Hämoglobin) und/oder roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Dadurch werden die Organe nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, was zu verschiedenen Beschwerden führen kann.

Typische Symptome einer Anämie sind:

Entwickelt sich die Anämie langsam und schleichend, treten zunächst keine Symptome auf, weil der Körper sich bis zu einem gewissen Grad an die Blutarmut anpassen kann. Die Betroffenen erfahren dann häufig durch Zufall im Rahmen einer Blutuntersuchung von der Anämie.

Bei stark ausgeprägter Anämie versucht der Körper, den Sauerstoffmangel auszugleichen. Er pumpt das Blut schneller durch die Gefäße – der Puls steigt und man empfindet Herzrasen. Im schlimmsten Fall droht eine Ohnmacht.

Anämie: Ursachen

Die häufigsten Ursachen einer Anämie (Blutarmut) sind:

  • Blutverluste
  • ein Mangel an Eisen oder anderen Nährstoffen, die für die Blutbildung wichtig sind
  • Erkrankungen, die
    • die Blutbildung stören,
    • zu einer ungleichmäßigen Verteilung von roten Blutkörperchen führen oder
    • deren Zerstörung zur Folge haben.

Blut besteht etwa zur Hälfte aus dem flüssigen Blutplasma und zur anderen Hälfte aus Zellen. Einen Großteil dieser Zellen machen die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) aus: Sie transportieren Sauerstoff aus der Lunge zu Organen und Geweben. Gebunden ist der Sauerstoff dabei an Hämoglobin, den roten Blutfarbstoff. Von einer Anämie oder Blutarmut spricht man, wenn es dem Körper an Hämoglobin und/oder roten Blutkörperchen fehlt.

Bei etwa 80 von 100 Betroffenen ist Eisenmangel die Ursache für die Anämie. Die Eisenmangelanämie ist somit die häufigste Form der Blutarmut. Es gibt jedoch auch noch andere Formen von Anämien, die durch einen Mangel an bestimmten Nährstoffen entstehen – etwa die Vitamin-B-Mangelanämie, auch perniziöse Anämie genannt.

Anämie: Blutwerte

Um festzustellen, ob eine Patientin oder ein Patient an einer Anämie erkrankt ist, muss die Ärztin oder der Arzt ein Blutbild erstellen. Dabei sind vor allem folgende Blutwerte von Bedeutung:

  • die Menge des roten Blutfarbstoffs (Hämoglobin, kurz Hb)
  • die Zahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten)
  • den Anteil der festen Blutbestandteile (Hämatokrit)

Die folgende Tabelle zeigt, wie diese Blutwerte bei einer Anämie typischerweise verändert sind:

  Frauen Männer
Hämoglobin
(Blutfarbstoff)
weniger als 12 Gramm pro Deziliter weniger als 13 Gramm pro Deziliter
Erythrozyten
(rote Blutkörperchen)
weniger als 4 Millionen pro Mikroliter Blut weniger als 4,5 Millionen pro Mikroliter Blut
Hämatokrit
(feste Blutbestandteile)
Blut besteht zu weniger als 38 Prozent aus Hämatokrit Blut besteht zu weniger als 42 Prozent aus Hämatokrit

Anämie-Arten

Es gibt viele verschiedene Arten von Anämien. Zu den bekanntesten gehören:

  • Eisenmangelanämie
  • Anämie bei chronischen Erkrankungen (z. B. Diabetes mellitus, Krebs, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Rheuma, Nierenerkrankungen, langwierigen Infektionskrankheiten): Im Rahmen der Entzündungsreaktion bildet der Körper über längere Zeiträume hinweg vermehrt Abwehrstoffe (Zytokine) gegen die Erkrankung. Die Zytokine stören den Eisenstoffwechsel und hemmen das Wachstum der Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen.
  • Anämie in der Schwangerschaft
  • renale Anämie, die als Folge einer Nierenerkrankung entstehen kann
  • hämolytische Anämie, bei der vermehrt rote Blutkörperchen zugrunde gehen
  • Sichelzellenanämie, eine Form der hämolytischen Anämie
  • aplastische Anämie, eine seltene Erkrankung, bei der das Knochenmark zu wenig oder keine Blutkörperchen bildet
  • perniziöse Anämie, verursacht durch einen Vitamin B12 (Cobalamin)
  • Anämie als Folge des myelodysplastischen Syndroms, einer Erkrankung, die die Blutstammzellen betrifft: Diese Vorläuferzellen entwickeln sich normalerweise zu roten Blutkörperchen und anderen Blutbestandteilen. Das myelodysplastische Syndrom führt zu einem Mangel an funktionsfähigen Blutzellen.
  • Anämie durch gestörte Erhythrozytenverteilung: Bestimmte Erkrankungen führen zu einer Vergrößerung der Milz. Die Milz hat unter anderem die Aufgabe, alte rote Blutkörperchen abzubauen. Dazu filtert sie das gesamte Blut und hält alte oder fehlgeformte Blutkörperchen zurück. Ist die Milz zu groß, sammelt sie mehr Blutkörperchen in sich und baut zu viele von ihnen ab.

Jede Art von Anämie kann – neben den typischen Anämie-Symptomen – zusätzliche Beschwerden hervorrufen, die mit der ursächlichen Erkrankung zusammenhängen. Beispielsweise geht eine renale Anämie meist noch mit Symptomen einher, die durch die Nierenerkrankung ausgelöst wurden, etwa mit Hautflecken und/oder Wassereinlagerungen (Ödemen). Eine perniziöse Anämie hingegen äußert sich häufig auch durch Beschwerden, die vom Nervensystem ausgehen und die Wahrnehmung von Sinnesreizen betreffen.

Hämolytische Anämie

Rote Blutkörperchen leben etwa 120 Tage, danach baut der Körper sie ab. Bei einer hämolytischen Anämie (griech. haíma = Blut, lýsis = Auflösung) werden rote Blutkörperchen frühzeitig abgebaut. Ihre Lebensdauer beträgt dann nur noch weniger als 100 Tage. Zugleich bildet das Knochenmark nicht ausreichend neue rote Blutkörperchen, um den Verlust auszugleichen.

Viele Erkrankungen können dazu führen, dass rote Blutkörperchen frühzeitig zerstört werden. Zu den möglichen Ursachen einer hämolytischen Anämie gehören:

  • Autoimmunerkrankungen: Körpereigene Antikörper richten sich gegen die roten Blutkörperchen und zerstören diese.
  • Vergiftungen durch Schwermetalle (z. B. Blei oder Kupfer): Schwermetalle zerstören die Erythrozyten direkt oder hemmen Eiweiße, die für deren Neubildung wichtig sind.
  • Infektionen (z. B. Malaria): Die Erreger der Malaria vermehren sich in den roten Blutkörperchen und zerstören diese letztendlich.
  • Hindernisse in den Blutgefäßen, durch die die Blutgefäße geschädigt werden (etwa künstliche Herzklappen)
  • Erbkrankheiten: Angeborene Fehler im Erbgut können z. B. bewirken, dass sichelförmig verformte rote Blutkörperchen gebildet werden. Man spricht dann von einer Sichelzellenanämie, Thalassämie oder Mittelmeeranämie. Da die fehlgebildeten Blutkörperchen nicht so elastisch sind wie normal geformte, zerplatzen sie schneller.

Perniziöse Anämie

Die perniziöse Anämie ist eine Form der Blutarmut, die durch einen Mangel an Vitamin B entsteht. Dieses Vitamin benötigt der Körper, um rote Blutkörperchen zu bilden. Ist zu wenig davon vorhanden, wird die Blutbildung gestört.

Für einen Vitamin-B12-Mangel gibt es verschiedene Gründe. Manchmal ist die Ernährung das Problem: Da Vitamin B12 nur in tierischen Lebensmitteln steckt, fehlt es Veganern und Vegetariern häufig daran. Eine perniziöse Anämie hat jedoch in der Regel eine andere Ursache: Die Betroffenen nehmen zwar über die Nahrung ausreichend Vitamin B12 zu sich, ihr Körper kann aber nicht genug davon aufnehmen.

Grund dafür ist eine Autoimmunerkrankung, also eine Erkrankung, bei der das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Im Falle der perniziösen Anämie richtet sich dieser Angriff gegen körpereigene Zellen und Proteine, die für die Aufnahme von Vitamin B12 wichtig sind.

Dies führt meist nicht sofort zu deutlichen Beschwerden. Die perniziöse Anämie macht sich häufig erst spät durch Symptome bemerkbar. Zu den ersten Anzeichen zählen dann zum einen die typischen Anämie-Beschwerden wie Blässe und Müdigkeit. Da Vitamin B12 auch für das Nervensystem eine wichtige Rolle spielt, kann es zum anderen zu vielerlei neurologischen Problemen kommen. Dazu zählen etwa:

Auch psychische und geistige Beeinträchtigungen sind möglich, beispielsweise depressive Verstimmung, Psychosen und/oder Demenz.

Die perniziöse Anämie kommt bei Kindern und jungen Erwachsenen selten vor. Überwiegend sind ältere Menschen betroffen, vor allem Frauen.

Aplastische Anämie

Die aplastische Anämie ist eine seltene Form der Blutarmut, bei der das Knochenmark zu wenig oder gar keine neuen Blutzellen bildet. (Die Vorsilbe a- bedeutet "ohne", plássein ist das griechische Wort für "bilden, formen".) Sie kann entweder angeboren sein oder erst später im Leben auftreten. Ist letzteres der Fall, sprechen Ärztinnen und Ärzte auch von einer "erworbenen aplastischen Anämie".

Erworbene aplastische Anämien kommen häufiger vor als angeborene Formen dieser Erkrankung. Wie die erworbene Form entsteht, lässt sich häufig nicht klären. Fest steht, dass bestimmte Medikamente und verschiedene Viruserkrankungen (z. B. HIV und Hepatitis) eine aplastische Anämie hervorrufen können.

Anämie während der Schwangerschaft

Viele Frauen entwickeln in der Schwangerschaft eine Anämie. Häufig ist ein Mangel an Eisen und/oder Folsäure der Grund. Schwangere benötigen mehr von diesen Nährstoffen als nicht schwangere Frauen. Wird der zusätzliche Bedarf nicht gedeckt, kann sich dies unter anderem auf die Blutbildung auswirken. Hinzu kommt, dass der Körper in der Schwangerschaft vermehrt Wasser zurückhält. Dadurch wird das Blut verdünnt, sodass mit jedem Liter Blut weniger rote Blutkörperchen – und somit Sauerstoff – durch den Körper transportiert werden.

Normalerweise können Schwangere ihren erhöhten Eisenbedarf durch eine eisenreiche Ernährung decken. Besteht bereits ein Mangel, wird die Ärztin oder der Arzt zusätzlich Eisenpräparate verordnen, um eine Eisenmangelanämie zu verhindern. Diese kann nicht nur zu Beschwerden bei der werdenden Mutter führen. Eine stark ausgeprägte Eisenmangelanämie während der Schwangerschaft erhöht auch das Risiko dafür, dass das Kind zu früh oder mit zu niedrigem Gewicht auf die Welt kommt.

Ihren gesteigerten Folsäure-Bedarf können Schwangere nur schwer über die Ernährung decken. Darum rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) Frauen, die eine Schwangerschaft planen oder schwanger sind, zur Einnahme von Folsäure-Präparaten. Diese ist nicht nur wichtig, um einer Anämie vorzubeugen. Ein Folsäure-Mangel in der Schwangerschaft kann auch zu Fehlbildungen beim Kind (sog. Spina bifida, offener Rücken) führen.

Anämie: Behandlung

Die verschiedenen Arten von Anämien werden unterschiedlich behandelt. Die Therapien richten sich dabei nach der Ursache der Blutarmut: War eine starke oder chronische Blutung der Auslöser, wird die Ärztin oder der Arzt die Blutungsquelle suchen und Maßnahmen ergreifen, um die Blutung zu stillen. Bei größeren Blutverlusten – etwa durch eine Verletzung oder bei einer OP – sind manchmal Transfusionen notwendig.

Hat ein Mangel an einem bestimmten Nährstoff zur Anämie geführt, hilft in der Regel eine Umstellung der Ernährung. Zusätzlich kann die Ärztin oder der Arzt Nährstoff-Präparate verordnen. Die Patientin oder der Patient sollte diese einnehmen, bis der Mangel behoben ist. Lässt sich der Mangel nicht auf die Ernährung zurückführen, muss die tatsächliche Ursache geklärt und behandelt werden. Ein Eisenmangel zum Beispiel ist häufig Folge einer starken Regelblutung, die sich in vielen Fällen durch Medikamente abschwächen lässt.

Ist die Anämie durch eine chronische Erkrankung wie Krebs oder Rheuma entstanden, bessern sich die Beschwerden meist, wenn die Behandlung der ursächlichen Erkrankung Erfolg zeigt.

 

Anämie: Folgen

Wenn eine Anämie und ihre ursächliche Erkrankung nicht behandelt werden, verschlimmern sich die Beschwerden. Welche Folgen dann drohen, hängt unter anderem vom Ausmaß der Anämie ab. Schwere Anämien sind generell mit größeren Risiken verbunden als leichte Anämien. Allerdings haben Studien gezeigt, dass selbst leichte Anämien das Risiko erhöhen, nach einer Operation zu sterben.

Die Folgen einer Anämie hängen aber in erster Linie davon ab, durch welche Erkrankung sie entstanden ist. Denn eine Anämie tritt in den meisten Fällen nicht als eigenständige Erkrankung auf, sondern als Folgeerscheinung anderer Erkrankungen. Es gibt eine Vielzahl von Krankheiten, die Anämien verursachen können. Sie unterscheiden sich in ihrem Verlauf und somit auch in den Auswirkungen, die sie nach sich ziehen können.

Bei der häufigsten Form der Anämie, der Eisenmangelanämie, lassen die Beschwerden normalerweise nach, wenn der Mangel behoben ist. Ist die Anämie nur leicht ausgeprägt, sind gravierende Folgen unwahrscheinlich. Eine stark ausgeprägte Eisenmangelanämie kann gefährlich werden, wenn sie nicht behandelt wird. Bei älteren Menschen kann sie etwa zu Herzbeschwerden und -erkrankungen führen, zum Beispiel:

Die zweithäufigste Form der Anämie ist die sogenannte Anämie bei chronischen Erkrankungen. Sie kann etwa bei Krebs, Rheuma oder Diabetes mellitus auftreten. Wie sie verläuft und mit welchen Folgen die Betroffenen rechnen müssen, lässt sich nicht pauschal sagen: Einige dieser Erkrankungen lassen sich durch eine frühzeitige Behandlung gut in den Griff bekommen, bevor schwerwiegende Folgen auftreten. Meist geht dann auch die Anämie zurück.

Schwere Erkrankungen wie Krebs hingegen sind häufig mit belastenden Folgen verbunden. Diese hängen vor allem mit der Krebserkrankung und den Nebenwirkungen der Behandlung zusammen und nicht mit der Anämie. Es hat sich aber gezeigt, dass eine Anämie bei Krebserkrankungen einen deutlichen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung hat. Sie kann

  • die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen,
  • die tumorbedingte Erschöpfung (Fatigue) verstärken und
  • in einigen Fällen die Überlebenschancen verschlechtern.

Auch andere Anämie-Formen können jeweils verschiedene Folgen nach sich ziehen. Bei hämolytischen Anämien kann es zum Beispiel zur sogenannten hämolytischen Krise kommen, bei der plötzlich vermehrt rote Blutkörperchen absterben. Auslöser kann ein Infekt sein. Eine hämolytische Krise kann aber auch als Reaktion auf eine Bluttransfusion auftreten. Bemerkbar macht sie sich durch:

Da die hämolytische Krise zum Kreislaufschock führen kann, ist sie lebensbedrohlich. Der oder die Betroffene muss schnellstmöglich ins Krankenhaus.