Ein älterer Mann sitzt auf einer Holzbank.
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Myelodysplastisches Syndrom (MDS)

Das myelodysplastische Syndrom (MDS) zählt insbesondere bei älteren Personen zu den häufigsten Erkrankungen der Blutbildung. Bei einem MDS entstehen im Körper zu wenig gesunde Blutzellen. Stattdessen bilden sich vermehrt krankhaft veränderte oder unreife Zellen. Bei bis zu einem Viertel aller Patienten geht ein MDS in eine Form von Blutkrebs über: die akute myeloische Leukämie. Lesen Sie, woran man ein MDS erkennt, wie es entsteht und wie es sich behandelt lässt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Myelodysplastisches Syndrom (MDS)

Rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen und Blutplättchen – dies sind die festen Bestandteile des Blutes. Alle drei Zelltypen entstehen aus den sogenannten Blutstammzellen (blutbildende Stammzellen). Diese befinden sich im Inneren der Knochen: im Knochenmark.

Die Blutstammzellen sind eine Vorstufe der späteren Blutzellen. Erst durch komplexe Entwicklungs- und Teilungsmechanismen (sog. Hämatopoese) reifen sie zu den unterschiedlichen, voll funktionsfähigen Blutzellen heran – also zu roten oder weißen Blutkörperchen oder zu Blutplättchen.

Bei Menschen mit myelodysplastischem Syndrom sind Blutstammzellen krankhaft verändert. Die daraus hervorgehenden Blutzellen sind nicht normal funktionsfähig:

  • Sie weisen krankhafte Veränderungen auf, etwa in ihrer Form oder Größe (sog. Dysplasien) und/oder
  • sie sind nicht vollständig ausgereift. Unreife Zellen bezeichnen Ärzte als Blasten.

Im Körper befinden sich entsprechend weniger funktionsfähige Blutzellen als bei einem gesunden Menschen.

Myelodysplastische Syndrome teilt man in mehrere Unterformen (Typen) ein. Je nach Typ können eine oder mehrere Blutzellarten von der Erkrankung betroffen sein. Rote Blutkörperchen sind dabei fast nie in ausreichendem Maße vorhanden. Es kann aber auch sein, dass zusätzlich ein Mangel an gesunden weißen Blutkörperchen und/oder Blutplättchen vorliegt.

Je nachdem, welche Blutzellen fehlen und wie ausgeprägt der Mangel ist, entstehen verschiedene Beschwerden. Dazu zählen insbesondere Blutarmut, Infektanfälligkeit und eine erhöhte Blutungsneigung.

"Myelodysplastisches Syndrom" ist ein Sammelbegriff für bestimmte Erkrankungen der blutbildenden Stammzellen im Knochenmark. Allen gemeinsam ist, dass nicht mehr ausreichend gesunde Blutzellen zur Verfügung stehen. Das Wort "Myelos" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Mark". Unter einer Dysplasie versteht man eine Fehlbildung.

Wie häufig ist das MDS?

Schätzungen zufolge entwickeln pro Jahr etwa 4 bis 5 von 100.000 Menschen ein myelodysplastisches Syndrom. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit steigt mit höherem Alter (über 70 Jahre) deutlich an. Bei Kindern kommt ein MDS nur selten vor.

Myelodysplastisches Syndrom: Symptome

Ein myelodysplastisches Syndrom (MDS) bereitet zu Beginn meist keine Symptome. Es wird dann nur zufällig entdeckt, etwa im Rahmen einer Blutuntersuchung beim Hausarzt.

Im weiteren Verlauf der Erkrankung sind immer weniger gesunde Blutzellen vorhanden. Dies führt zu

  • Symptomen von Blutarmut, wenn rote Blutkörperchen fehlen (Anämie).
  • erhöhter Infektanfälligkeit, wenn weiße Blutkörperchen fehlen (Leukopenie).
  • Blutungsneigung, wenn Blutplättchen fehlen (Thrombozytopenie).

Blutarmut durch Mangel an roten Blutkörperchen

Die ersten Symptome eines myelodysplastischen Syndroms entwickeln sich meist aufgrund einer Blutarmut (Anämie). Sie entsteht, weil die Anzahl der gesunden roten Blutkörperchen (Erythrozyten) abnimmt. Rote Blutkörperchen transportieren den eingeatmeten Sauerstoff von der Lunge in sämtliche Zellen des Körpers. Sind zu wenige von ihnen vorhanden, gelangt nicht mehr ausreichend Sauerstoff in die Organe und Gewebe. Typische Symptome einer Blutarmut sind

Infektanfälligkeit durch Mangel an weißen Blutkörperchen

Oft sind bei einer MDS auch zu wenig gesunde weiße Blutkörperchen (Leukozyten) vorhanden. Diese sind ein wichtiger Teil der Immunabwehr. Bei einem Mangel kann der Körper Krankheitserreger nicht mehr so gut abwehren. Das gilt vor allem, wenn eine bestimmte Form der weißen Blutkörperchen betroffen ist: die neutrophilen Granulozyten.

Patienten sind dann anfälliger für Infekte, zum Beispiel in den Atemwegen. Zudem erweisen sich Infekte häufig als langwieriger als bei ansonsten gesunden Menschen. Hinzu kommt, dass Antibiotika bei MDS-Patienten weniger gut wirken, sodass bakterielle Infektionen nur schwer zurückgedrängt werden können.

Erhöhte Blutungsneigung durch Mangel an Blutplättchen

Auch die Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten) kann bei einer MDS abnehmen. Bei einem Thrombozytenmangel ist die Blutgerinnung gestört. Die Patienten neigen dann vermehrt zu Blutungen. Mögliche Symptome sind:

Seltener kommt es zu stärkeren Blutungen, so zum Beispiel im Magen-Darm-Trakt. Je weniger gesunde Blutplättchen vorhanden sind, desto größer ist das Risiko für schwere Blutungen.

Myelodysplastisches Syndrom: Ursachen

Ein myelodysplastisches Syndrom entwickelt sich durch Schäden im Erbmaterial (DNA) in den Blutstammzellen. Solche Schäden entstehen in den meisten Fällen erst im Laufe des Lebens: Bei der Zellteilung können kleine Fehler in der DNA auftreten (sog. Mutationen). Je mehr Zellen sich im Laufe des Lebens teilen, desto eher kommt es zu solchen Fehlern.

Bei einem MDS sind die blutbildenden Stammzellen im Knochenmark durch entsprechende Schäden bösartig verändert, sodass daraus hervorgehende Blutzellen nicht richtig funktionieren. In 9 von 10 Fällen lässt sich nicht erklären, warum genau die Erkrankung entstanden ist. Ärzte sprechen dann von einem primären myelodysplastischen Syndrom. Veranlagung oder bestimmte Umwelteinflüsse können ein MDS begünstigen. Weitere mögliche Auslöser sind bestimmte Lösungsmittel wie Benzol oder ionisierende Strahlen.

Seltener handelt es sich um ein sogenanntes therapieassoziiertes myelodysplastisches Syndrom. Davon sprechen Ärzte, wenn die Erkrankung durch Schäden der Blutstammzellen nach einer Chemo- oder Strahlentherapie entstanden ist.

Myelodysplastisches Syndrom: Diagnose

Um ein myelodysplastisches Syndrom diagnostizieren zu können, benötigt man

Hat der Hausarzt im Blutbild Auffälligkeiten festgestellt und den Verdacht, dass es sich um ein MDS handeln könnte, wird er seinen Patienten an einen Spezialisten für Krebs-/Bluterkrankungen (Onkologe/Hämatologe) verweisen.

Erste Hinweise auf ein myelodysplastisches Syndrom ergeben sich aus dem Kleines Blutbild. Im Labor wird unter anderem bestimmt, wie viele Blutzellen (rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen) vorhanden sind. Bei einem MDS ist die Anzahl der gesunden Blutzellen vermindert. Davon können verschiedene Zelltypen betroffen sein – also sowohl die roten und weißen Blutkörperchen als auch die Blutplättchen. Meist liegt bei MDS-Patienten eine Blutarmut vor. Dann sind zu wenig funktionsfähige rote Blutkörperchen vorhanden.

Blutuntersuchung

Ein Mangel an Blutzellen ist jedoch kein Beweis für ein myelodysplastisches Syndrom. Vielmehr kann es zahlreiche andere Ursachen dafür geben. Daher ist eine genauere Blutuntersuchung nötig: das Differentialblutbild. Dafür werden die Blutzellen unter dem Mikroskop betrachtet. Bei einem MDS sind fehlgebildete Zellen zu erkennen. Sie sind in Form und Größe verändert (sog. Dysplasien). Zudem lässt sich häufig eine erhöhte Zahl unreifer Zellen (Blasten) im Blut nachweisen.

Zusätzlich wird der Arzt weitere Laborwerte bestimmen (z. B. Folsäure, LDH, Erythropoetin, Serumferritin, Vitamin B). Diesen helfen ihm unter anderem dabei, verschiedene andere Erkrankungen zu erkennen oder auszuschließen, so zum Beispiel eine Blutarmut aufgrund eines Folsäuremangels.

Untersuchung des Knochenmarks

Wenn das Blutbild auf ein mögliches MDS hinweist, muss das Knochenmark genauer untersucht werden, denn dort reifen die einzelnen Blutzellen heran. Dafür ist eine Knochenmarkpunktion nötig. Dabei entnimmt der Arzt mit einer Spritze eine kleine Menge Knochenmark – normalerweise aus dem Beckenkamm am Hüftknochen. Der Eingriff dauert wenige Minuten. Er findet unter örtlicher Betäubung statt und wird in der Regel ambulant durchgeführt. Häufig wird auch ein kleines Stück Knochen entnommen und untersucht (Knochenmarkbiopsie).

Nach der Knochenmarkpunktion werden Zellen und Gewebe des Knochenmarks unter dem Mikroskop betrachtet. Dabei lassen sich unter anderem Veränderungen (Dysplasien) an den blutbildenden Zellen nachweisen. Auch kann der Arzt so ermitteln, wie viele unreife Blutzellen (Blasten) im Knochenmark vorhanden sind. Darüber hinaus ist eine molekularbiologische Untersuchung von Bedeutung: Dabei wird ermittelt, ob bestimmte Chromosomen (= Träger der genetischen Informationen) oder Gene in den kranken Zellen verändert sind. Bei mehr als der Hälfte der Patienten mit MDS lassen sich solche Veränderungen der Chromosomen nachweisen.

Erst nach der Untersuchung des Knochenmarks kann der Arzt beurteilen, ob tatsächlich ein myelodysplastisches Syndrom vorliegt. Mithilfe der Knochenmarkuntersuchung kann er zudem genauer bestimmen, um welche Unterform (MDS-Typ) es sich handelt und wie die Prognose ist. Dies ist wichtig, um die anschließende Therapie zu planen.

Myelodysplastisches Syndrom: Typen

Ärzte teilen die myelodysplastischen Syndrome nach bestimmten Kriterien in einzelne Typen ein. Die Typen unterscheiden sich teils stark in ihrem Verlauf und in der Prognose. Auch hängt es unter anderem vom Typ ab, welche Behandlung der Arzt vorschlagen wird.

Um welchen MDS-Typ es sich handelt, richtet sich danach,

  • wie hoch der Anteil der unreifen Zellen (Blasten) im Knochenmark und Blut ist. Dieser kann auf bis zu 20 Prozent ansteigen. Ärzte sprechen dann von einem Blastenexzess.
  • wie hoch das Ausmaß der Zellveränderungen (Dysplasien) ist.
  • wie viele unterschiedliche Blutzell-Linien (rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Blutplättchen) betroffen sind. Sind z. B. nur die roten Blutkörperchen verändert, spricht man von einer Einlinien-Dysplasie. Sind zusätzlich die weißen Blutkörperchen und/oder die Blutplättchen betroffen, handelt es sich um eine Mehrlinien-Dysplasie.
  • ob sich sogenannte Auerstäbchen im Knochenmark nachweisen lassen. Dies sind stäbchenförmige, rot-violette Einschlüsse in den Zellen. Sie weisen auf eine Reifungsstörung hin.
  • wie hoch der Anteil der sog. Ringsideroblasten (RS) ist. Dabei handelt es sich um veränderte rote Blutkörperchen. Anders als gesunde Zellen sind sie nicht in der Lage, Eisen in den Blutfarbstoff einzubauen. Die Folge: Das Eisen lagert sich ringförmig um den Zellkern ab.
  • ob sich in den kranken Zellen bestimmte genetische Veränderungen nachweisen lassen.

MSD-Typen (vereinfachte Darstellung)

MSD-Typ Beschreibung Anteil unreifer Blutzellen (Blasten)
MDS mit Einzellinien-Dysplasie (MDS SLD) Blutzellen einer Linie (rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen oder Blutplättchen) sind verändert. < 1 % Blasten im Blut
< 5 % Blasten im Knochenmark
MDS mit Mehrlinien-Dysplasie (MDS MLD) Blutzellen mehrerer Linien (rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen und/oder Blutplättchen) sind verändert. < 1 % Blasten im Blut
< 5 % Blasten im Knochenmark
MDS SLD mit Ringsideroblasten (MDS RS SLD) Die roten Blutkörperchen sind verändert. In den veränderten Zellen lassen sich vermehrt Eiseneinschlüsse (Ringsideroblasten) nachweisen. < 1 % Blasten im Blut
< 5 % Blasten im Knochenmark
MDS MLD mit Ringsideroblasten (MDS RS MLD) Die roten Blutkörperchen und die weißen Blutkörperchen und/oder die Blutplättchen sind verändert.
In veränderten roten Blutzellen lassen sich vermehrt Eiseneinschlüsse (Ringsideroblasten) nachweisen.
< 1 % Blasten im Blut
< 5 % Blasten im Knochenmark
MDS del(5q) Auf dem Chromosom 5 lassen sich bestimmte Veränderungen nachweisen. < 1 % Blasten im Blut
< 5 % Blasten im Knochenmark
MDS mit Blastenvermehrung (MDS EB 1) Mindestens eine Blutzell-Linie ist verändert.
Es lassen sich vermehrt unreife Blutzellen (Blasen) nachweisen.
bis zu 5 % Blasten im Blut
bis zu 10 % Blasten im Knochenmark
MDS mit Blastenvermehrung (MDS EB 2) Mindestens eine Blutzell-Linie ist verändert.
Es lassen sich vermehrt unreife Blutzellen (Blasten) nachweisen.
Es lassen sich sog. Auerstäbchen im Knochenmark nachweisen.
bis zu 20 % Blasten im Blut (Blastenexzess)
bis zu 20 % Blasten im Knochenmark
MDS, unklassifiziert sonstige Erscheinungsbilder, die nicht oder nur zum Teil die Kriterien der anderen Typen erfüllen < 1 % Blasten im Blut
< 5 % Blasten im Knochenmark

Myelodysplastisches Syndrom: Wann geht MSD in eine Leukämie über?

Bei etwa 20 bis 25 von 100 Personen geht das myelodysplastische Syndrom in eine akute myeloische Leukämie (AML) über. Bei diesem Blutkrebs produzieren die Blutstammzellen eine sehr große Zahl unreifer Zellen (Blasten) in Form von nicht funktionierenden weißen Blutkörperchen. Das MDS wurde früher daher als Präleukämie bezeichnet, also einer Vorstufe der Leukämie.

Eine akute myeloische Leukämie liegt vor, wenn der Anteil der Blasten im Knochenmark über 20 Prozent liegt. Besonders hoch ist das Leukämie-Risiko für MDS-Patienten mit dem Typ "MDS mit Blastenvermehrung" (MDS EB).

Myelodysplastisches Syndrom: Grundbehandlung

Welche Therapie bei einem myelodysplastischen Syndrom infrage kommt, richtet sich vor allem danach, wie schwer die Erkrankung ist und wie hoch das Risiko für einen ungünstigen Verlauf ist. Heilen lässt sich ein MDS nur durch eine Knochenmark- beziehungsweise Stammzelltransplantation. Diese kommt jedoch nur bei einem Teil der Patienten infrage.

Grundlage jeder MDS-Behandlung ist die sogenannte Supportivtherapie (= unterstützende Therapie). Dabei geht es darum,

  • Symptome der Erkrankung zu lindern (z. B. Beschwerden durch eine Blutarmut) und
  • Nebenwirkungen von Medikamenten abzuschwächen.

Mögliche Bestandteile der Supportivtherapie sind

  • Transfusion roter Blutkörperchen, um eine Blutarmut zu verringern
  • Eisenentleerung (sog. Chelattherapie)
  • Transfusion von Blutplättchen, um einer Blutungsneigung vorzubeugen/Blutungen zu behandeln
  • Gabe von Antibiotika

Transfusion roter Blutkörperchen

Viele Patienten mit MDS leiden unter Blutarmut (Anämie). Sie entsteht, wenn zu wenige funktionsfähige rote Blutkörperchen (Erythrozyten) vorhanden sind. Wenn die Zahl der gesunden roten Blutkörperchen sehr niedrig ist und/oder der Patient ausgeprägte Symptome einer Blutarmut zeigt, wird der Arzt eine Erythrozyten-Transfusion in Erwägung ziehen.

Bei der Transfusion erhält der Patient gesunde rote Blutkörperchen über die Vene. Die meisten Betroffenen vertragen eine solche Transfusion gut.

Eisenentleerung: Chelattherapie

Bei Patienten, die häufiger Transfusionen mit roten Blutkörperchen benötigen, lagert sich vermehrt Eisen im Körper an – denn Eisen ist ein Bestandteil des roten Blutfarbstoffs. Zu viel Eisen kann auf Dauer die Organe schädigen.

Bei der sogenannten Chelattherapie nimmt der Patient ein Medikament mit dem Wirkstoff Deferasirox ein. Überschüssiges Eisen wird dadurch ausgeschieden. Zu möglichen Nebenwirkungen zählen Verdauungsprobleme wie Durchfall oder Übelkeit. In der Regel nehmen diese Symptome im Laufe der Therapie ab.

Transfusion von Blutplättchen

Die Transfusion von Blutplättchen kann Sinn machen, wenn die Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten) im Blut gering ist beziehungsweise der Patient zu vermehrten Blutungen neigt.

Da Blutplättchen nur wenige Tage leben, muss eine Transfusion relativ häufig durchgeführt werden. Es kann passieren, dass die Transfusion nach einer gewissen Zeit nicht mehr richtig wirkt – vermutlich, weil der Körper die Blutplättchen des Spenders als Fremdkörper erkennt und Antikörper dagegen bildet. Der Arzt wird daher sorgfältig abwägen, ob eine Transfusion infrage kommt.

Antibiotika

Bei Patienten, die zu wenig neutrophile Granulozyten (Form der weißen Blutkörperchen) im Blut haben, ist das Infektionsrisiko erhöht. Dann können vorbeugend Antibiotika zum Einsatz kommen, insbesondere, wenn die Personen tatsächlich oft krank sind. Ob die Gabe von Antibiotika sinnvoll ist, muss der Arzt von Fall zu Fall entscheiden, da Antibiotika mit verschiedenen Nebenwirkungen verbunden sein können. Dazu zählt zum Beispiel Durchfall. Zudem können bestimmte Bakterien im Laufe der Zeit gegen die Medikamente resistent werden, sodass das Antibiotikum dann nicht mehr richtig wirkt.

Bei Anzeichen eines Infekts, etwa bei Fieber, sollten Patienten mit Granulozytenmangel möglichst frühzeitig den Arzt aufsuchen. Mithilfe von Antibiotika können dann zum Beispiel bakterielle Zusatzinfektionen verhindert werden.

Myelodysplastisches Syndrom: Therapie bei Niedrig-Risiko-Patienten

Die sogenannten Niedrig-Risiko-Patienten haben eine gute Prognose. Ihr Risiko, dass das myelodysplastische Syndrom einen schweren Verlauf nimmt oder in eine akute myeloische Leukämie übergeht, ist relativ gering. Zusätzlich zur Grundbehandlung können Niedrig-Risiko-Patienten von weiteren Therapiemöglichkeiten profitieren, die die Lebensqualität verbessern. Dazu zählt vor allem die Behandlung mit

  • Wachstumsfaktoren wie Erythropoetin (EPO) und
  • dem Wirkstoff Lenalidomid.

Auch ein Niedrig-Risiko-MDS kann sich verschlechtern und sich zu Blutkrebs entwickeln. Daher ist es wichtig, den Verlauf der Erkrankung regelmäßig zu kontrollieren.

Behandlung mit Wachstumsfaktoren

Der Körper bildet verschiedene sogenannte Wachstumsfaktoren. Dies sind spezielle Eiweiße, die die Zellen im Knochenmark dazu anregen, gesunde Blutzellen zu produzieren. Der Wachstumsfaktor Erythropoetin regt beispielsweise die Bildung der roten Blutkörperchen an. Der Wachstumsfaktor G-CSF (Granulozyten-Kolonie stimulierender Faktor) aktiviert dagegen die Produktion der neutrophilen Granulozyten, einer Form der weißen Blutkörperchen.

In manchen Fällen hilft es MDS-Patienten, wenn sie synthetisch hergestellte Wachstumsfaktoren unter die Haut gespritzt bekommen. Dazu zählt vor allem Erythropoetin. Allerdings wirkt es nur bei einem Teil der Betroffenen. Zudem kann sich die Wirkung bei längerer Behandlung abschwächen. Zu möglichen Nebenwirkungen von Erythropoetin zählen Kopfschmerzen, grippeähnliche Beschwerden oder Gelenkprobleme.

Lenalidomid

Der Wirkstoff Lenalidomid ist für Personen geeignet, bei denen sich bestimmte Chromosomenveränderungen in den kranken Zellen nachweisen lassen (am Chromosom 5). Bei einem Großteil dieser Patienten normalisiert Lenalidomid das Blutbild nach einigen Wochen. Das Medikament steht in Form von Tabletten zur Verfügung.

Zu möglichen Nebenwirkungen zählen Hautausschlag, Darmbeschwerden und Müdigkeit. Lenalidomid führt wahrscheinlich zu Missbildungen beim Ungeborenen. Personen, deren Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist, sollten das Medikament nur dann einnehmen, wenn sie entsprechend verhüten.

Myelodysplastisches Syndrom: Therapie bei Hoch-Risiko-Patienten

Hoch-Risiko-Patienten haben eine eher ungünstige Prognose. Ihr Risiko für einen schweren Verlauf ist erhöht und ihre Lebenserwartung entsprechend vermindert.

Stammzell-/Knochenmarktransplantation

Die Stammzell- oder Knochenmarktransplantation ist die einzige Möglichkeit, um das myelodysplastische Syndrom zu heilen. Dabei werden die kranken Blutstammzellen durch gesunde Zellen eines Spenders ersetzt. Weil die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen und Rückfälle hoch ist, ziehen Ärzte diese Therapie vorwiegend bei zumeist jüngeren Hoch-Risiko-Patienten in gutem Allgemeinzustand in Betracht.

Zunächst wird das Knochenmark mit einer hochdosierten Chemotherapie zerstört. Gegebenenfalls kommt zusätzlich eine Strahlentherapie zum Einsatz. Anschließend werden gesunde Blutstammzellen oder Knochenmark des Spenders übertragen. Spenden können nur Personen, die ähnliche Gewebemerkmale aufweisen wie der Empfänger. Dies können verwandte, aber auch nicht verwandte Menschen sein.

Behandlung mit Azacitidin

Wenn eine Stammzelltransplantation nicht geeignet ist, wird der Arzt möglicherweise eine Behandlung mit Azacitidin (und in einigen Ländern mit dem Wirkstoff Decitabin) vorschlagen. Das Medikament hemmt unter anderem das Wachstum krankhafter Blutzellen. Dadurch kann der Verlauf des myelodysplastischen Syndroms bei einem Teil der Patienten ein Stück weit verzögert werden.

Azacitidin spritzt der Arzt an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen unter die Haut. Nach jeweils vier Wochen wird die Behandlung wiederholt. Zu möglichen Nebenwirkungen zählen Magen-Darm-Probleme, Funktionsstörungen der Nieren, ein Mangel an Blutzellen und Reizungen an der Einstichstelle.

Weitere Therapiemöglichkeiten

In Einzelfällen kann eine hochdosierte Chemotherapie sinnvoll sein. Dabei werden mit Medikamenten (sog. Zytostatika) vor allem rasch wachsende, kranke Zellen abgetötet. Zum Teil werden allerdings auch gesunde Zellen in Mitleidenschaft gezogen, was zu verschiedenen Nebenwirkungen führt.

Die Medikamente erhält der Patient entweder als Tablette oder über die Vene. Da das Rückfallrisiko nach nur einem Behandlungszyklus hoch ist, wird die Behandlung mehrfach wiederholt, sofern die Person in einem guten Allgemeinzustand ist. Bei Personen, die bestimmte Chromosomenveränderungen in den Zellen aufweisen, wirkt die Chemotherapie weniger gut als bei anderen Patienten.

Myelodysplastisches Syndrom: Prognose & Lebenserwartung

Myelodysplastische Syndrome können sehr unterschiedlich verlaufen. Deshalb lässt sich nicht pauschal beantworten, wie hoch die Lebenserwartung ist.

Bei einem myelodysplastischen Syndrom hängt die Prognose von mehreren Faktoren ab, insbesondere davon,

  • an welchem MDS-Typ der Patient erkrankt ist,
  • wie alt der Patient ist,
  • wie hoch der Anteil der unreifen Zellen (Blasten) und Zellveränderungen ist bzw. wie ausgeprägt der Mangel an gesunden Blutzellen ist und
  • welche Therapie zum Einsatz kommt und wie gut sie wirkt.

Für eine genauere Prognose verwenden Ärzte sogenannte Risiko-Scores (IPSS bzw. IPSS-R). Dabei werden für bestimmte Risikofaktoren Punkte vergeben. Je mehr Punkte es sind, desto höher ist das Risiko für einen ungünstigen Verlauf. Zum Beispiel ist ein hoher Anteil unreifer Zellen (Blasten) mit einem hohen Risiko verbunden. Mithilfe des Risiko-Scores kann der Arzt einordnen, ob sein Patient eher zur Niedrig- oder zur Hochrisikogruppe gehört. So kann er ungefähr abschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Patient eine Leukämie entwickelt – und wie hoch die Lebenserwartung im Durchschnitt ist.

Allgemein gilt:

  • Patienten aus der Niedrig-Risikogruppe haben oft über viele Jahre hinweg kaum Beschwerden und müssen kaum ärztlich behandelt werden.
  • Bei Patienten aus der Hoch-Risikogruppe schreitet die Erkrankung rascher voran oder geht in eine Leukämie über, sodass die durchschnittliche Lebenserwartung häufig nur bei einigen Monaten liegt. Sie benötigen in der Regel eine intensivere Therapie.