Man sieht rote Blutkörperchen.
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Knochenmarktrans­plantation & Blutstammzell­transplantation

Die Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation ist eine Therapiemethode bei schweren Formen der Blutarmut (aplastische Anämien), angeborenen Immundefekten, Leukämie (Blutkrebs), bösartigen Lymphomen (Lymphdrüsenkrebs) und anderen Tumoren. Ziel der Stammzelltransplantation ist es, das blutbildende System wieder aufzubauen beziehungsweise zu erneuern.

Allgemeines

Das Knochenmark enthält sogenannte pluripotente Stammzellen, aus denen sämtliche Zellen des Bluts und des Immunsystems entstehen können. Diese Stammzellen bilden ein Leben lang neue Blutzellen. Wenn dies durch eine Krankheit nicht mehr funktioniert, können Ärzte intakte Stammzellen aus dem Knochenmark (Knochenmarktransplantation), dem Blut oder dem Nabelschnurblut (jeweils Blutstammzelltransplantation) eines Spenders transplantieren. Damit der Körper des Empfängers die transplantierten Zellen des Spenders nicht abstößt, müssen die "neuen" Stammzellen den ursprünglichen in ihren sogenannten HLA-Merkmalen sehr ähnlich sein. HLA-Merkmale (humane Leukozytenantigene) sind bestimmte Eiweiße auf den Oberflächen der weißen Blutzellen (Leukozyten). Bislang sind etwa 7000 solcher Merkmale bekannt, was es manchmal schwierig macht, einen geeigneten Spender zu finden.

Erhält jemand bei einer Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation die Stammzellen eines anderen, bezeichnen Ärzte dies als allogene Stammzelltransplantation. Am besten geeignet, um Knochenmark beziehungsweise Stammzellen zu spenden, sind leibliche Geschwister, da ihre HLA-Gewebemerkmale am ehesten mit denen des Empfängers übereinstimmen. Im Idealfall besteht die Möglichkeit, die Stammzellen des eineiigen Zwillings zu transplantieren (sog. syngene Transplantation). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Bruder oder eine Schwester für die Stammzellenspende eignet, liegt bei etwa 25 Prozent – bei Eltern und anderen Verwandten ist der Prozentsatz bereits deutlich geringer. In etwa einem von drei Fällen findet sich ein geeigneter Stammzellspender in der Familie. Ist dies nicht der Fall, muss man in einem Knochenmarkregister nach einem Fremdspender suchen. In etwa drei von vier Fällen findet sich auf diese Weise innerhalb von drei Monaten ein passender Spender.

Wenn jemand eine Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation erhält, kann es sich dabei unter Umständen auch um eigene Stammzellen handeln: In dem Fall liegt eine sogenannte autologe Stammzelltransplantation vor. Hierzu ist es nötig, die Stammzellen zuvor in einer Phase der Krankheitsbesserung (Remission) zu entnehmen und speziell zu behandeln. Dabei kann man allerdings nicht sicher ausschließen, dass keine schädlichen Zellen mehr in der Stammzellenspende enthalten sind, die dann wieder in den Körper gelangen. Welche Methode der Stammzelltransplantation im Einzelfall geeignet ist, hängt unter anderem von der Art der Erkrankung ab und ob ein geeigneter Spender verfügbar ist.

Eine erfolgreiche Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation ist für viele Betroffene lebensrettend. Die Therapie ist jedoch sehr belastend und birgt das Risiko von Komplikationen. Daher ist es wichtig, vorher den Nutzen und die Risiken einer Stammzelltransplantation gegeneinander abzuwägen.

Durchführung

Vor der eigentlichen Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation ist es nötig, die geschädigten Stammzellen des Empfängers komplett zu zerstören: Die Durchführung dieser sogenannten Konditionierung geschieht entweder durch eine hochdosierte Chemotherapie oder durch eine Kombination aus Strahlen- und Chemotherapie. Die Konditionierungstherapie zerstört alle Zellen des Knochenmarks, damit anschließend das neue Knochenmark aus der Stammzellspende anwachsen kann.

Was Sie erwartet, wenn Sie Stammzellen spenden möchten, hängt davon ab, ob eine klassische Knochenmarktransplantation oder eine Blutstammzelltransplantation ansteht. Insgesamt stehen für die Stammzellenspende drei verschiedene Methoden zur Verfügung:

  • Die älteste Methode zur Stammzelltransplantation ist die Übertragung von rotem Knochenmark. Dabei entnimmt der Arzt dem Spender unter Vollnarkose mit Punktionsnadeln aus beiden Beckenknochen insgesamt etwa 1.000 ml Knochenmark-Blut-Gemisch. Die entnommene Menge bildet sich innerhalb von zwei Wochen vollständig nach.
  • Als zweite Methode hat sich mittlerweile die periphere Blutstammzellspende etabliert und die klassische Knochenmarkspende weitgehend abgelöst. Bei diesem Verfahren erhält der Spender zunächst etwa vier Tage lang Spritzen mit einem bestimmten Hormon (G-CSF), welches das Knochenmark dazu anregt, mehr Stammzellen zu bilden, die dann in das Blut übergehen. Anschließend lassen sich die Stammzellen über ein spezielles Verfahren – die sogenannte Blutzellseparation (Leukapherese) – aus dem Blut "sammeln". Bei dieser Methode der Stammzellspende ist keine Narkose notwendig. Die Prozedur dauert etwa vier bis sechs Stunden und muss in manchen Fällen am nächsten Tag wiederholt werden, um ausreichend Stammzellen zu gewinnen.
  • Eine neue Form der Stammzelltransplantation ist die Verwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut, das man direkt nach der Geburt aus der Nabelschnur entnimmt. Diese Stammzellen sind sehr gut verträglich. Da die gewonnenen Stammzellen jedoch nur in geringer Menge zur Verfügung stehen, lässt sich diese Methode bisher nur selten durchführen. Eltern können das Nabelschnurblut ihrer Kinder spenden oder gegen eine Gebühr zum eigenen Gebrauch bei einer privaten Nabelschnurblutbank aufbewahren lassen.

Die eigentliche Transplantation der Stammzellen des Spenders erfolgt wie eine Bluttransfusion über eine größere Vene am Arm oder über einen zentralvenösen Katheter (zentraler Venenkatheter). Dabei führt der Arzt einen dünnen Plastikschlauch in eine größere Vene (z.B. am Hals oder über dem Schlüsselbein) ein und schiebt sie bis zum rechten Vorhof des Herzens vor. Die Blutstammzellen erreichen über den Blutstrom das Knochenmark und siedeln sich dort an. Nach etwa zwei bis vier Wochen zeigt sich, ob die neuen Stammzellen ausreichende Mengen an Blutzellen bilden können – also ob die Stammzelltransplantation erfolgreich war.

Bei der Transplantation von fremden Stammzellen (allogene Übertragung) kann es in den ersten Monaten zu Unverträglichkeiten gegenüber den Stammzellen des Spenders kommen (sog. Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit bzw. Graft-versus-Host-Reaktion – engl.: Graft-versus-Host-Disease, GvHD). Diese Immunreaktion kann lebensgefährliche Schäden an der Haut und den inneren Organen verursachen. Daher ist es erforderlich, nach einer allogenen Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation über eine längere Zeit Medikamente einzunehmen, die das Abwehrsystem unterdrücken (sog. Immunsuppressiva) und so verhindern, dass die Zellen des Spenders den Körper attackieren.

Bei der autologen Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation muss der Empfänger keine immunsuppressiven Medikamente einnehmen, da die Stammzellenspende aus eigenen Stammzellen besteht. Auch bei einer Stammzelltransplantation aus Nabelschnurblut ist das Risiko einer Abstoßung geringer als bei einer allogenen Stammzelltransplantation.

Anwendungsgebiete

Für eine Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation typische Anwendungsgebiete sind Krankheiten, bei denen die Blutbildung oder das Immunsystem geschädigt sind. Hierzu gehören vor allem:

Meist dient eine Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation der Nachbehandlung einer Chemotherapie, durch welche die Blut- und Immunzellenbildung zerstört ist: Durch die transplantierten Stammzellen soll sich das blutbildende System wieder aufbauen beziehungsweise erneuern.

Risiken und Komplikationen

Eine Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation ist mit gewissen Risiken verbunden und kann eventuell auch zu Komplikationen führen. Weil die Risiken bei einer Transplantation mit dem Alter ansteigen, hielt man es bis vor ein paar Jahren nur bis zu einem Alter von etwa 50 Jahren sinnvoll, einem Patienten fremde Stammzellen transplantieren zu lassen (sog. allogene Stammzelltransplantation). Inzwischen führt man allogene Stammzelltransplantationen jedoch auch bei Patienten zwischen 60 und 70 Jahren durch, sofern unter Berücksichtigung der begleitenden Umstände (wie dem allgemeinen Gesundheitszustand) die Heilungsaussichten günstig sind. Stammzelltransplantationen mit eigenen Stammzellen (sog. autologe Transplantation) oder mit Stammzellen eines eineiigen Zwillings (sog. syngene Transplantation) kommen bis zu einem Alter von etwa 70 Jahren zum Einsatz.

Bis das Immunsystem nach der Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation vollständig wiederhergestellt ist, vergeht in der Regel mindestens ein Jahr. Vor allem in der Konditionierungsphase (d.h., wenn man das Knochenmark des Stammzellempfängers zur Vorbereitung komplett zerstört) und in den ersten Wochen nach der Stammzelltransplantation hat der Empfänger kaum funktionierende Abwehrzellen im Blut und ist daher extrem anfällig für Infektionen. Um sich vor Infektionskrankheiten zu schützen, muss sich der Stammzellempfänger nach der Transplantation einige Zeit in einem keimfreien Einzelzimmer (Sterileinheit) aufhalten, zu dem nur wenige Personen Zutritt haben. Außerdem ist es ratsam, in dieser frühen Phase der Kontakt zu Tieren und Pflanzen zu vermeiden. Auch anschließend ist es wichtig, neben der körperlichen Hygiene besonderen Wert auf die Sauberkeit der Umgebung zu legen.

Die vor der Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation durchgeführte Chemotherapie wirkt sich auf alle Zellen im Körper aus und kann dadurch auch zu Organschäden führen. Häufig fallen den Betroffenen während der Chemotherapie die Haare aus, wachsen danach aber in der Regel normal nach. In vielen Fällen führt die Chemotherapie auch zu einer bleibenden Unfruchtbarkeit. Durch die Ganzkörperbestrahlung kann sich außerdem die Linse im Auge trüben (grauer Star Grauer Star (Katarakt)), was sich jedoch mit einer Operation beheben lässt.

Bei der Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation selbst sind weitere Risiken und Komplikationen möglich. So ist Fieber eine häufige Begleiterscheinung nach der Stammzelltransplantation. Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall treten ebenfalls häufig auf. Bei der allogenen Transplantation kann es nach der Übertragung zu einer Unverträglichkeitsreaktion gegenüber den fremden Stammzellen kommen: der sogenannten Graft-Versus-Host-Disease (GVDH, deutsch: Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit).

Bei der autologen Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation treten generell weniger Komplikationen auf, es besteht aber ein erhöhtes Risiko für eine Neuerkrankung durch eine mögliche Verunreinigung (Kontamination) der Stammzellen mit bösartigen Zellen.

Die Nebenwirkungen und Risiken einer Knochenmarktransplantation oder Blutstammzelltransplantation für den Spender sind meist gering. So können bei der klassischen Knochenmarkspende leichte Schmerzen – ähnlich einem Muskelkater – oder Blutergüsse im Bereich der Einstichstellen auftreten. Außerdem bestehen die üblichen Risiken einer Vollnarkose. Bei der peripheren Blutstammzellspende bekommt der Spender oft vorübergehend Kreislaufprobleme wie Schwindel. In der Vorbereitungsphase der peripheren Stammzellentnahme mit dem Wachstumshormon treten teilweise grippeähnliche Symptome wie Gliederschmerzen auf.