Eine junge Person hält einer älteren Person die Hand.
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Sepsis ("Blutvergiftung")

Eine Sepsis (umgangssprachlich "Blutvergiftung") kann tödlich enden. Darum ist es wichtig, die ersten Anzeichen schnell erkennen zu können und ernstzunehmen. Ärzte orientieren sich bei der Diagnose an bestimmten Kriterien. Welche sind das? Und wie läuft die Therapie ab?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Sepsis (Blutvergiftung)

Sepsis-Definition: Was ist eine Blutvergiftung?
Von einer Sepsis spricht man, wenn der Körper im Kampf gegen eine Infektion seine eigenen Organen angreift. Nach der offiziellen medizinischen Definition ist die Sepsis eine "lebensbedrohliche Organdysfunktion", also eine Erkrankung, bei der die Organe versagen, was tödlich enden kann. Der Begriff "Blutvergiftung" ist veraltet und medizinisch nicht korrekt.

Wird der Körper von Bakterien, Pilzen oder Viren angegriffen, wehrt er sich. Diese Abwehrreaktion nennt man Entzündung. Zunächst entzündet sich nur die vom Angriff betroffene Körperregion: eine Wunde am Arm, eine Lungenentzündung, ein Harnwegsinfekt.

Wenn die Krankheitserreger oder die Stoffe, die sie freisetzen, in den Blutkreislauf gelangen und sich im Körper ausbreiten, entwickelt sich häufig ein Organversagen. Die Folge: eine Sepsis, umgangssprachlich auch als Blutvergiftung bezeichnet.

"Blutvergiftung ist allerdings ein irreführender Begriff, denn Gifte sind nicht die Ursache der Sepsis", sagt der Prof. Michael Bauer, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie des Universitätsklinikums Jena. Als Leiter des dort angesiedelten Center for Sepsis Control & Care setzt sich Bauer seit Jahren für eine bessere Aufklärung über die Sepsis ein.

Denn die Sepsis zählt in deutschen Krankenhäusern zu den häufigsten vermeidbar en Todesursachen. "Wären mehr Ärzte dazu in der Lage, sie rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln, würden deutlich weniger Menschen daran sterben", sagt Bauer.

Lebensbedrohliche Infektionen und Sepsis stellen häufige Notfälle dar, sind aber bei Weitem nicht so im öffentlichen Bewusstsein wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Prof. Michael Bauer

Wer an einer Infektion erkrankt ist und Symptome einer Sepsis bei sich beobachtet, sollte so schnell wie möglich ins Krankenhaus. Typische Anzeichen für eine Sepsis sind

Roter Strich = Blutvergiftung?
Entgegen der häufigen Annahme ist ein roter Strich, der sich zum Herzen hin ausbreitet, kein Anzeichen für eine Sepsis. Eine solche rote Linie ist vielmehr das Symptom einer Lymphangitis. "Diese kann zwar zur Sepsis führen, das ist aber eine absolute Rarität", sagt Bauer.

Sepsis (Blutvergiftung): Ursachen

Prinzipiell kann jede Infektion zu einer Sepsis ausarten. Am häufigsten entwickelt sich eine Sepsis als Folge

"Diese Infekte sind jedoch nicht die eigentliche Ursache", sagt Intensivmediziner Prof. Bauer. "Verursacht wird die Sepsis durch eine fehlregulierte Immunantwort."

Normalerweise ist der Körper dazu in der Lage, Krankheitserreger abzuwehren, bevor sie zur Bedrohung für den gesamten Organismus werden. Dazu muss er zum einen die Erreger wirkungsvoll bekämpfen, und zum anderen schnellstmöglich das angegriffene Gewebe reparieren.

Zu einer Sepsis kommt es, wenn das Immunsystem diese Aufgaben nicht mehr richtig erfüllen kann: Wehrt es sich nicht mit ausreichender Schlagkraft, können die Keime Oberhand gewinnen. Fällt die Entzündungsreaktion zu stark aus, wird auch körpereigenes Gewebe beschädigt. Laufen obendrein die Reparaturprozesse zu langsam ab, nehmen die Schäden im Körper immer gefährlichere Ausmaße an.

"Eine Operation, eine Chemotherapie oder eine schwerwiegende Erkrankung: Diese und andere Belastungen können das Immunsystem so stark beeinträchtigen, dass es nicht mehr optimal arbeitet", erklärt Bauer. Ein erhöhtes Risiko für eine Sepsis haben also vor allem Menschen mit Erkrankungen, die das Immunsystem beeinträchtigen:

  • Krebspatienten, die eine Chemotherapie erhalten
  • Patienten, die eine immunsuppressive Therapie
  • ältere Menschen,
  • Diabetiker,
  • Menschen mit chronischen Nieren- und Lebererkrankungen sowie
  • Alkohol- und Drogenabhängige.

Sepsis (Blutvergiftung): Anzeichen

Die drei wichtigsten Anzeichen für eine Sepsis (Blutvergiftung) sind

Typisch für die Sepsis ist überdies ein sehr starkes Krankheitsgefühl, wie es auch bei einer Grippe auftritt. Bei manchen Patienten führt eine Sepsis zudem zu Unterkühlung (unter 36 Grad Celsius) oder Fieber und Schüttelfrost.

Zu diesen Beschwerden kann es zwar auch bei anderen, harmloseren Krankheiten kommen. Treten die Symptome zusammen, in Verbindung mit einem Infekt und/oder bei immungeschwächten Patienten auf, besteht aber immer das Risiko einer Sepsis. "Die Beschwerden bei einer Sepsis sind meist viel stärker als bei harmlosen Infekten, die Betroffenen spüren den Unterschied in der Regel sehr deutlich", sagt Intensivmediziner Bauer.

Da eine Sepsis ein lebensbedrohlicher Zustand ist, sollte man damit nicht zum Hausarzt, sondern so schnell wie möglich einen Notarzt rufen oder ins Krankenhaus fahren.

Sepsis: Definition & Kriterien

Der Definition und den Diagnosekriterien der Sepsis kommt eine lebenswichtige Bedeutung zu: Nur wenn die Kriterien klar und eindeutig sind, kann der Arzt eine Blutvergiftung schnell und sicher erkennen. Je früher er sie erkennt, umso eher kann er die Behandlung einleiten und umso höher sind seine Überlebenschancen.

Da die Diagnostik mit den alten Kriterien – den sogenannten SIRS-Kriterien – häufig zu lange dauerte, wurde 2016 eine neue Definition der Sepsis eingeführt, die Sepsis-3.

Danach muss der Notarzt, um die Diagnose "Sepsis" stellen zu können, nur drei Symptome feststellen:

  1. Bewusstseinsveränderung
  2. niedriger Blutdruck
  3. beschleunigte Atmung

Diese drei Diagnose-Kriterien nennen Ärzte qSOFA-Score. Die Abkürzung steht für "quick sepsis-related organ failure assessment", übersetzt "schnelle Bewertung des durch die Sepsis verursachten Organversagens".

Nach dieser schnellen Bewertung leitet der Arzt zunächst intensivmedizinische Notfall-Maßnahmen ein, um den Infekt unter Kontrolle zu bringen und den Patienten zu stabilisieren.

Erst dann folgen weitere Diagnose-Schritte, bei denen der Arzt prüft, welche Organe wie stark beschädigt sind. Beispielsweise prüft er

des Patienten. Aus den Untersuchungsergebnissen kann der Arzt Rückschlüsse auf den Zustand der Organe ziehen. Diesen beurteilt er auf einer Punkteskala von 1 (leicht beeinträchtigt) bis 4 (stark beeinträchtigt). Aus den Punkten errechnet der Arzt den Gesamt-SOFA-Score. Je höher der SOFA-Score, umso weiter fortgeschritten die Sepsis.

Die schwerste Form der Sepsis ist der sogenannte septische Schock, der mit deutlich schlechteren Überlebenschancen verbunden ist. Die beiden wichtigsten Anzeichen für einen septischen Schock sind stark abgesunkener Blutdruck und erhöhte Laktat-Werte im Blut. Laktat sammelt sich im Körpergewebe an, wenn dieses nicht mehr ausreichend durchblutet wird. Das ist bei einer Sepsis der Fall.

Wieso gibt es eine neue Sepsis-Definition?

Früher stellten der Arzt die Diagnose anhand der sogenannten SIRS-Kriterien. SIRS steht für "systemisches inflammatorisches Response-Syndrom". Mit den SIRS-Kriterien lässt sich die Stärke der Entzündungsreaktion beurteilen. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass das Ausmaß der Entzündung nicht unbedingt etwas darüber aussagt, wie schlecht es einem Patienten geht. Seine Überlebenschancen hängen vor allem davon ab, wie viel Schaden die Entzündung bereits im Körper angerichtet hat, genauer: wie viele Organe beeinträchtigt sind. Das Organversagen steht darum im Mittelpunkt der neuen Definition. Laut dieser ist die Sepsis eine "lebensbedrohliche Organdysfunktion", hervorgerufen durch eine Entzündung.

Sepsis (Blutvergiftung): Behandlung

Als erstes Therapie zielt darauf ab,

In manchen Fällen verabreicht der Arzt dem Patienten ein Beruhigungsmittel oder versetzt ihn in ein künstliches Koma. Denn häufig geht die Sepsis mit schmerzhaften und beängstigenden körperlichen Beschwerden einher. Auch die Behandlungsmaßnahmen – etwa die künstliche Beatmung – können teils unangenehm oder belastend sein.

Behandlung des Infekts

Meist sind Bakterien Ursache der Sepsis. Anfangs weiß der Arzt aber noch nicht, um welche Art von Bakterien es sich handelt. Deshalb verabreicht er dem Patienten zunächst ein Breitbandantibiotikum, das gegen verschiedene Bakterien wirkt. "So hat man die beste Chance, den Infekt einzudämmen und den Patienten schnellsmöglich außer Lebensgefahr zu bringen", erklärt Intensivmediziner Prof. Bauer.

Wenn die Therapie anschlägt und sich der Zustand des Patienten verbessert, sollte der Arzt ermitteln, welche Art von Erreger die Sepsis ausgelöst hat. So kann er das Breitbandantibiotikum durch ein anderes Antibiotikum ersetzen, das sich gezielt gegen den vorliegenden Erreger richtet. "Deeskalation" nennen Ärzte diesen Prozess.

Video: 6 Fakten über Antibiotika

Wenn Antibiotika nicht helfen, haben möglicherweise Pilze die Infektion ausgelöst: In dem Fall eignen sich zur Therapie Mittel gegen Pilzerkrankungen (sog. Antimykotika).

Wichtig: Breitbandantibiotika sollten nur im akuten Notfall zum Einsatz kommen. Sie helfen zwar in der Regel schnell, weil sie gegen viele verschiedene Bakterienarten wirken. Letzteres hat jedoch auch Nachteile: "Breitbandantibiotika sind nicht immer die wirksamsten Waffen gegen spezifische Erreger", sagt Prof. Bauer. Außerdem hat jeder Einsatz eines Breitbandantibiotikums zur Folge, dass viele verschiedene Erreger unempfindlich gegen Antibiotika werden.

Maßnahmen zur Stabilisierung

Bei einer Sepsis sinkt der Blutdruck stark ab. Zudem ist die Durchblutung der Organe beeinträchtigt. Dadurch mangelt es den Organen an Sauerstoff, was im schlimmsten Fall zur Folge hat, dass sie versagen.

Um das zu verhindern, schleust der Arzt über eine Infusion große Mengen Flüssigkeit in den Körper des Patienten ein. Zusätzlich kann er ihm ein bestimmtes Mittel (Noradrenalin) verabreichen, das das Herz-Kreislauf-System anregt und den Blutdruck steigert.

Je nachdem, welche Organe beeinträchtigt sind, können noch weitere Maßnahmen notwendig sein, um den Zustand des Patienten zu stabilisieren. Versagen seine Lungen, muss er künstlich beatmet werden. Arbeiten seine Nieren nicht mehr, erhält der Patient eine Blutwäsche (Dialyse).

Rehabilitation

Ist die intensivmedizinische Behandlung abgeschlossen, ist der Patient in der Regel stark geschwächt. Wenn er während der Behandlung im künstlichen Koma war und künstlich beatmet wurde, muss er dann zunächst lernen, wieder selbstständig zu atmen. Zudem hilft ihm ein Physiotherapeut dabei, seine Muskulatur wiederaufzubauen.

Welche weiteren Rehabilitations-Maßnahmen notwendig sind, richtet sich danach, welche Schäden die Sepsis im Körper angerichtet hat. Auch benötigt der Betroffene möglicherweise Unterstützung durch einen Psychotherapeuten, um das traumatische Erlebnis zu verarbeiten und mit den zum Teil bleibenden Folgen der Erkrankung zurechtzukommen.

Sepsis (Blutvergiftung): Verlauf

Eine Sepsis kann innerhalb weniger Stunden zum Tod führen. Die Überlebenschancen hängen unter anderem vom Alter und der sonstigen gesundheitlichen Verfassung des Patienten ab, sowie vom Auslöser der Infektion.

Grundsätzlich gilt aber: Je eher der Patient behandelt wird, umso wahrscheinlicher ist es, dass er überlebt. Denn je länger die Entzündung im Körper wütet, umso mehr Organe nehmen Schaden. Und je mehr Organe versagen, umso schlechter sind die Überlebenschancen.

Insgesamt erkranken in Deutschland jährlich etwa 280.000 Menschen an einer Sepsis. Für 70.000 von ihnen endet die Erkrankung tödlich. Es stirbt also etwa vierte Sepsispatient an den Folgen der Blutvergiftung. Ein septischer Schock endet für mehr als jeden zweiten Patienten tödlich.

Folgen der Sepsis

Bei denjenigen, die die Erkrankung überleben, kann die Genesung Jahre dauern. Häufig hinterlässt die Blutvergiftung bleibende Spuren, weil die Organe sich nicht wieder vollständig von der Schädigung durch die Entzündung erholen. Wurden zum Beispiel durch die entzündlichen Prozesse Nerven beschädigt, kann es sein, dass sich die betroffene Körperregion dauerhaft taub anfühlt.

Wurde durch die Sepsis die Durchblutung einzelner oder mehrerer Gliedmaßen gestört, erhalten diese vorübergehend nicht ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe. Diese Unterversorgung kann dazu führen, dass Gewebe abstirbt. Dann ist eine Amputation nicht zu vermeiden.

Nicht minder belastend sind die psychischen Folgen, mit denen Betroffene und ihre Angehörigen oft noch jahrelang zu tun haben. Viele entwickeln eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung. In diesem Fall ist es wichtig, dass sie sich von einem Psychotherapeuten helfen lassen.

Sepsis (Blutvergiftung): Vorbeugen

Zu einer Sepsis kommt es immer infolge einer Infektion mit Krankheitserregern. Die wichtigste Maßnahme, um Infektionen aller Art vorzubeugen, ist Hygiene. Vor allem an Orten wie Krankenhäusern und Arztpraxen, an denen sich viele kranke Menschen aufhalten, sollte man Hygienemaßnahmen treffen:

  • Waschen Sie sich gründlich die Hände, wenn Sie mit Gegenständen, Oberflächen oder Menschen in Berührung gekommen sind, die von Krankheitserregern besiedelt sein könnten.
  • Wenn Sie Händedesinfektionsmittel verwenden, lassen Sie dieses mindestens 30 Sekunden einwirken. Nur so werden alle Keime abgetötet.
  • Krankenhausmitarbeiter achten normalerweise selbst auf ausreichende Hygiene. Wenn nicht, sollten Sie sie darauf ansprechen.

Ein erhöhtes Sepsis-Risiko besteht vor allem bei Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist. Dazu zählen unter anderem ältere Personen und Menschen, denen die Milz entfernt wurde. Für sie ist es besonders wichtig, dass sie alle empfohlenen Impfungen erhalten haben.

Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) sollten sie sich auch gegen Pneumokokken impfen lassen. Diese Bakterien können Lungenentzündungen hervorrufen, welche hierzulande der häufigste Auslöser der Sepsis sind.