Das Bild zeigt eine Urinprobe.
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Urinwerte

Die Inhaltsstoffe des Urins können mithilfe verschiedener Urinuntersuchungen analysiert werden – das Ergebnis sind die Urinwerte.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Überblick

Urin oder Harn ist eine Flüssigkeit, die unter anderem Abfallprodukte des Körpers enthält. Diese Abfallprodukte bezeichnen Mediziner als harnpflichtige Substanzen. Das bedeutet, dass diese Stoffe nur über den Urin entsorgt werden können.

Die Nieren produzieren den Urin. Sie filtern für den Körper wertvolle Stoffe aus dem Urin heraus, sodass nur "Überflüssiges" nach draußen gelangt. So entstehen pro Tag etwa 1 bis 1,5 Liter Urin, je nach Trinkmenge und Wasserverlusten über Schweiß, Erbrechen oder Durchfall auch etwas mehr oder weniger.

Der Urin besteht aus folgenden Hauptbestandteilen, die als Urinwerte ermittelt werden können:

Weitere Urinwerte sind zum Beispiel

  • der pH-Wert des Urins
  • das spezifische Gewicht
  • die Dichte des Urins
  • zelluläre Bestandteile wie rote Blutkörperchen (Erythrozyten)
  • Bakterien im Urin

Die Urinwerte können helfen, Erkrankungen des Genital- und Harntrakts festzustellen. Bakterien im Urin sind zum Beispiel ein Hinweis auf eine bakterielle Harnwegsinfektion. In diesem Fall kann der Arzt anordnen, die Bakterien näher zu bestimmen, um das richtige Antibiotikum zur Behandlung zu finden.

Enthält der Urin zu viel Glukose (Zucker), kann der Arzt damit einen Diabetes mellitus feststellen. Die Urinwerte können auch Nierenerkrankungen aufdecken: So können zum Beispiel ein zu hoher Eiweißgehalt, rote Blutkörperchen im Urin oder zu hohe Kreatinin-Werte darauf hinweisen, dass mit den Nieren etwas nicht stimmt. In diesem Fall führt der Arzt weitere Tests durch, um die genaue Nierenerkrankung festzustellen.

Einige Urinwerte können als Schnelltest mit Urinteststreifen direkt in der Arztpraxis ermittelt werden. Für nähere Untersuchungen ist aber eine Urinanalyse im Labor notwendig.

Urinteststreifen

Einige im Urin auftretende Substanzen (Urinwerte) lassen sich mithilfe von Teststreifen ermitteln. Dazu taucht man den speziellen Urinteststreifen kurz in eine Urinprobe ein.

Je nachdem, in welcher Konzentration die jeweilige Substanz im Urin vorhanden ist, verfärbt sich der Teststreifen. Der Untersucher vergleicht diese Verfärbung dann mit einer Farbtafel, um das Ergebnis auszuwerten..

Urinteststreifen weisen im Schnellverfahren folgende Stoffe im Urin nach:

  • Eiweiß

Ein weiterer Wert, den die Urinteststreifen nachweisen können, ist das Urobilinogen, das beim Abbau des roten Blutfarbstoffs entsteht. Weist der Urintest einen der genannten Stoffe nach, sind weitere Laboranalysen des Urins notwendig.

Normbereiche der Urinwerte

Eine genaue Analyse des gewonnenen Urins erfolgt im Labor.

Dabei erkennt man, ob Zellen und andere feste Bestandteile sowie Krankheitserreger im Urin vorhanden sind. Die Normbereiche der Urinwerte können in gewissen Grenzen von Labor zu Labor schwanken. Die folgenden Urinwerte in der Tabelle sind deshalb nur Richtwerte:

Eigenschaft Normwerte
spezifisches Gewicht (Dichte) 1.001 - 1.035 g/l
Osmolalität 50 - 1.200 mosmol/kg
pH-Wert 4,8 - 7,6
rote Blutkörperchen (Erythrozyten) bis 5 Zellen/µl
weiße Blutkörperchen (Leukozyten) bis 10 Zellen/µl
Albumin (Eiweiß) unter 30 mg/24h
Glukose (Zucker) bis 20 mg/dl
Nitrit negativ
Ketone negativ
Urobilinogen negativ
Bilirubin negativ
Kreatinin 1,2 - 1,8 g/24h

pH-Wert

Veränderte Urinwerte können auf eine Erkrankung hindeuten. Bei einem gesunden Menschen ist der Urin mit einem pH-Wert von etwa 6,0 (Normalbereich 4,8 bis 7,6) leicht sauer. Ist der pH-Wert des Urins sehr hoch (größer als 8) und enthält er gleichzeitig Nitrit, das normalerweise nicht im Urin vorkommt, spricht dies für eine bakterielle Infektion der ableitenden Harnwege.

Aber auch die Ernährung hat einen Einfluss auf den pH-Wert. Zum Beispiel ist der pH-Wert des Urins nach dem Essen, vor allem bei vegetarischer Ernährung, meist etwas erhöht. Aber auch Stoffwechselerkrankungen können zu einem erhöhten Urin-pH-Wert führen. Ein niedriger pH-Wert tritt bei einer sehr fleischlastigen Ernährung, beim Fasten und in der Nacht auf. Er hat selten krankhafte Gründe, kann aber auch ein Anzeichen für Gicht sein.

pH-Osmolalität

Die Osmolalität des Urins beschreibt die Konzentration gelöster Teilchen – zum Beispiel Harnsäure, Harnstoff, Elektrolyte – pro Kilogramm Flüssigkeit und wird in osmol/kg angegeben. Im Normalfall versucht die Niere, so viele Teilchen wie möglich mit so wenig Wasser wie nötig auszuscheiden. Krankheiten wie Diabetes insipidus und verschiedene Nierenerkrankungen verursachen einen niedrigen Osmolalitätswert, das heißt die Nieren scheiden nur wenige Teilchen mit dem Urin aus. Auch eine übermäßige Flüssigkeitszufuhr kann das Verhältnis zwischen Flüssigkeit und festen Bestandteilen im Urin verändern. Bei Durchfall, Fieber und einer ungenügenden Flüssigkeitsaufnahme scheidet die Niere meist einen sehr stark konzentrieren Urin aus. Ist der Osmolalitätswert dauerhaft erhöht, kann dies die Bildung von Blasensteinen begünstigen.

Zusammensetzung

Urin setzt sich aus festen und flüssigen Bestandteilen zusammen.

Bei krankhaften Prozessen im Körper ist es möglich, dass die Nieren nicht nur sogenannte harnpflichtige Substanzen (Stoffe, die die Nieren regulär mit dem Harn ausscheiden) sondern auch andere Bestandteile des Stoffwechsels ausscheiden.

Normale Harnbestandteile

Harnstoff

Harnstoff ist das Endprodukt des Eiweißstoffwechsels beim Menschen. Er wird in der Leber aus Ammoniak und Bicarbonat gebildet. Täglich scheiden die Nieren etwa 13 bis 33 Gramm Harnstoff aus. Dies ist die größte Menge aller von den Nieren zu eliminierenden Stoffe. Wird im Körper viel Eiweiß abgebaut, führt dies zu einem Anstieg der Harnstoffausscheidung, zum Beispiel bei

  • Nebennierenüberfunktion
  • eiweißreicher Nahrung
  • Hungerzuständen, z.B. nachts, beim Fasten
  • Durchfall
  • Erbrechen

Bei einer Schwangerschaft, vegetarischer Kost oder angeborenen Störungen im Harnstoffzyklus nimmt die Ausscheidung von Harnstoff dagegen ab.

Harnsäure

Der Körper scheidet etwa 0,3 bis 0,8 Gramm Harnsäure täglich über den Urin aus. Harnsäure entsteht als Abbauprodukt des sogenannten Purinstoffwechsels. Purine sind Nukleinsäuren, die unter anderem Bestandteile der DNA (Träger der Erbinformation) sind, und vor allem mit Fleisch aufgenommen werden. Die Harnsäurekonzentration im Urin ist zum Beispiel erhöht bei:

  • Nierensteinen
  • Nierenschäden durch Vergiftungen

Ein niedriger Harnsäure-Urinwert entsteht zum Beispiel bei einem Mangel des Enzyms Xanthinoxidase, das für den Purinstoffwechsel wichtig ist, oder durch verschiedene Medikamente.

Kreatinin

Kreatinin entsteht in Muskel- und Nervenzellen beim Abbau von Kreatin, einer Energiespeichersubstanz. Es gelangt über das Blut in die Nieren, die es schließlich ausscheiden. Täglich geben die Nieren etwa 1,2 bis 1,8 Gramm davon in den Harn ab. Durch den Genuss großer Fleischmengen, eine erhöhte Muskelmasse oder Muskelentzündungen kann sich der Kreatinin-Wert im Urin erhöhen. Ein niedriger Wert tritt bei einer verminderten Muskelmasse und Nierenversagen auf.

Säuren

Die Nieren scheiden täglich verschiedene Säuren wie Oxalsäure, Zitronensäure und freie Aminosäuren mit dem Urin aus. Angeborene Stoffwechselkrankheiten wie die primäre Hyperoxalurie und entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn gehen mit einer Erhöhung der Oxalatkonzentration im Urin einher und begünstigen so die Entstehung von Nierensteinen. Bei Erkrankungen der Leber steigt die Ausscheidung von freien Aminosäuren im Harn stark an.

Hormone

Harn enthält verschiedene Hormone. Ein diagnostisch wichtiger Urinwert ist unter anderem das sogenannte Choriongonadotropin, das dem Schwangerschaftsnachweis dient. Daneben können beispielsweise die Konzentrationen der sogenannten Stresshormone Katecholamine (Adrenalin, Noradrenalin), der Steroide (Geschlechtshormone und Kortisol), der Gonadotropine (geschlechtshormon-stimulierende Hormone) und des Serotonins (Botenstoff des Nervensystems) zur Abklärung von Bluthochdruck, bestimmten Krebsarten und Stoffwechselerkrankungen bestimmt werden.

Anorganische Salze

Ein gesunder Mensch scheidet täglich etwa 10 Gramm Salze über den Urin aus. In erster Linie handelt es sich dabei um Kochsalz (Natrium-Chlorid). Ein hoher Urinwert an Natrium tritt beispielsweise bei Nierenversagen oder bestimmten Stoffwechselerkrankungen auf, niedrige Konzentrationen bei Erbrechen, Durchfall, Bauchspeicheldrüsenentzündung oder Herzinsuffizienz.

In der Praxis spielt darüber hinaus die Ausscheidung von Phosphat eine wesentliche Rolle, da auch dieser Urinwert bei bestimmten Erkrankungen erhöht oder erniedrigt auftreten kann. Erhöhte Werte kommen beispielsweise bei Überfunktion der Nebenschilddrüse, Calcium- und Vitamin D-Mangel vor. Bei chronischem Nierenversagen (Niereninsuffizienz) und Unterfunktion der Nebenschilddrüse sind die Urinwerte von Phosphat erniedrigt.

Krankhafte (pathologische) Harnbestandteile

Nitrit

Der Körper scheidet in geringen Mengen Nitrat über den Harn aus. Bestimmte Bakterien wandeln dieses Nitrat in Nitrit um, welches im Normalfall nicht im Urin des Menschen nachgewiesen werden kann. Der Nachweis von Nitrit dient deshalb als Hinweis für eine bakterielle Harnwegsinfektion. In der Regel genügt dafür ein einfacher Urinteststreifentest.

Proteine

Natürlicherweise scheiden die Nieren unter 150 Milligramm Eiweiß pro Tag über den Urin aus. Dabei spielt vor allem das sogenannte Albumin eine Rolle. Durch schwere körperliche Anstrengung oder auch während einer Schwangerschaft, kann es zu einer erhöhten Eiweißausscheidung und damit zu einer sogenannten Proteinurie oder Albuminurie kommen, die nicht krankhaft (pathologisch) ist. Eine krankhafte Proteinurie tritt vorübergehend bei Fieber und anhaltend vor allem bei Nierenerkrankungen bei Diabetes mellitus und bei Schwermetallvergiftungen auf. Mit einem Teststreifen lässt sich zunächst feststellen, ob eine Proteinurie vorliegt. Die Untersuchung des 24-Stunden-Urins dient anschließend der genauen Bestimmung der Zusammensetzung der vorliegenden Proteine und ihrer Konzentrationen.

Zucker

Der Körper scheidet im Normalfall nur eine ganz geringe Menge Zucker (weniger als 70 mg pro Tag) mit dem Urin aus. Normalerweise liegen weniger als 15 mg/dl im Urin vor, nach dem Essen unter 30 mg/dl. Erst wenn der Blutzuckerspiegel einen Wert von etwa 180 mg/dl (normal bis 100 mg/dl) überschreitet, ist vermehrt Zucker (Glukose) im Urin vorhanden und lässt sich über einen Streifentest nachweisen. Fast immer deutet eine solche "Glukosurie" (mehr als 15 mg/dl) auf einen Diabetes mellitus hin und muss weiter abgeklärt werden.

Ketonkörper

Bei längerem Fasten wandelt der Körper Speicherfett in Ketonkörper um, die ihm – ähnlich dem Blutzucker – als Energielieferant dienen. Daher sind Ketonkörper normalerweise nicht im Urin nachweisbar. Weist ein Urintest Ketonkörper nach, ist dies ein Hinweis auf Hungerzustände oder einen entgleisten Diabetes mellitus. Es ist wichtig, eine Ketonurie frühzeitig zu erkennen, da sie Entgleisungen des Stoffwechsels anzeigt.

Bilirubin

Bilirubin entsteht in der Leber, in der Milz und im Knochenmark beim Abbau des roten Blutfarbstoff (Hämoglobin). Normalerweise gelangt Bilirubin über die Gallenwege in den Darm und wird über den Stuhl ausgeschieden. Sind die Gallenwege verlegt, zum Beispiel durch einen Gallenstein oder einen Tumor, sammelt sich das Bilirubin im Blut an und wird schließlich mit dem Urin über die Nieren ausgeschieden. Auch Leberentzündungen und eine Leberzirrhose können zu einem hohen Urinwert von Bilirubin führen. Der Urin verfärbt sich dunkel, wenn das rot-orange-farbige Bilirubin und seine Abbauprodukten darin gelöst sind. Gleichzeitig führt eine erhöhte Konzentration von Bilirubin im Blut zu einer sogenannten Gelbsucht (Ikterus). Dabei ist die Haut gelb verfärbt, insbesondere die Bindehaut am Auge.

Mikroskopische Untersuchung (Urinsediment)

Um die festen Bestandteile des Harns untersuchen zu können, ist es nötig, das sogenannte Harnsediment (lat. sedimentum = Bodensatz) herzustellen. Dazu zentrifugiert der Untersucher einen Teil des gewonnenen Urins, sodass sich zwei voneinander abgesetzte Phasen bilden (flüssig und fest) – den flüssigen Überstand verwirft er.

Anschließend bringt der Untersucher das Sediment auf einen Objektträger auf und beurteilt bei 100- bis 400-facher Vergrößerung Art und Aussehen der im Sediment vorkommenden Zellen. Der normale Urin enthält nur ganz wenige rote und weiße Blutkörperchen und keine oder nur vereinzelte Bakterien. Daneben finden sich abgeschilferte Zellen aus den Nieren und der Schleimhaut der ableitenden Harnwege, sogenannte Plattenepithel- und Urothelzellen.

Erythrozyten

Befinden sich zu viele rote Blutkörperchen (Erythrozyten) (Normalwert: bis 5 Zellen/µl) im Urin, liegt eine sogenannte Hämaturie vor. Eine Rotfärbung des Urins deutet bereits auf eine solche Hämaturie hin. Sie lässt sich auf schnellem Weg mit einem Urinteststreifen nachweisen. Bei der mikroskopischen Abklärung einer Hämaturie beurteilt ein Experte vor allem das Aussehen der vorhandenen Erythrozyten, da dieses ein Hinweis auf die Art der zugrunde liegenden Erkrankung ist. So finden sich krankhaft veränderte Erythrozyten vorwiegend bei Erkrankungen der Nierenkörperchen (glomeruläre Nierenerkrankungen). Unauffällig aussehende rote Blutkörperchen im Urin sprechen dagegen eher für eine Erkrankung der ableitenden Harnwege, Tumoren oder Verletzungen. In jedem Fall muss die Ursache einer Hämaturie genau abgeklärt werden.

Leukozyten

Sind sehr viele weiße Blutkörperchen (Leukozyten) (Normalwert: bis 10 Zellen/µl) im Urin vorhanden, deutet dies auf eine Infektion der Nieren oder der ableitenden Harnwege hin. In diesem Fall muss eine mikrobiologische Untersuchung des Urins erfolgen, um die Erreger zu identifizieren. Auch bei Krebserkrankungen kann die Leukozytenanzahl erhöht sein.

Urinkultur

Besteht der Verdacht auf eine Infektion der Nieren oder der ableitenden Harnwege mit Bakterien ordnet der Arzt zunächst eine sogenannte Keimzahlbestimmung an. Dabei zählt der Untersucher die Anzahl an Krankheitserregern in einem Milliliter Urin bei einer bestimmten Vergrößerung unter dem Mikroskop. Bei Keimzahlen von über 100.000 Bakterien pro Milliliter Urin ist eine Infektion sehr wahrscheinlich.

Um die Erreger genau zu identifizieren und ihre Empfindlichkeit gegenüber den gebräuchlichen Antibiotika festzustellen, verwendet man anschließend ein Teil der steril gewonnenen Urinprobe zum Anlegen einer Bakterienkultur.

Hierzu wird eine Probe des Urins auf einem Nährmedium verteilt, auf dem die vorhandenen Keime wachsen können. Sind Bakterienkolonien entstanden, wird ein Antibiotikum zugegeben. Stirbt die Kolonie daraufhin ab, liegt keine sogenannte Resistenz (Unempfindlichkeit) gegen den Wirkstoff vor. Das Arzneimittel ist dann für die Therapie der Beschwerden geeignet. Sterben die Bakterien dagegen nicht ab, sind sie resistent gegen dieses Antibiotikum und der Arzt muss einen anderen Wirkstoff einsetzen.