Frau sitzt auf Sofa und berührt ihr Bein aufgrund von Taubheitsgefühlen.
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Taubheitsgefühl (Hypästhesie): Ursachen und Behandlung

Taubheitsgefühle in Finger, Bein oder Gesicht können unangenehm und störend sein. Ursachen für die veränderte Wahrnehmung gibt es viele. Häufig ist ein Taubheitsgefühl harmlos und verschwindet nach kurzer Zeit von selbst. Es kann aber auch ernstzunehmende Ursachen geben. Was hinter der Missempfindung stecken kann.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Taubheitsgefühl: Überblick

Bei einem Taubheitsgefühl ist das Berührungsempfinden der Haut herabgesetzt. Betroffene haben dann das Gefühl, dass ein bestimmter Bereich der Haut (zum Beispiel die Hand) teilweise oder gänzlich ohne Empfinden ist. Es wirkt möglicherweise wie abgestorben oder eingeschlafen.

Taubheitsgefühle zählen zu den Sensibilitätsstörungen. Der Fachausdruck für Taubheitsgefühle lautet Hypästhesie.

Je nachdem, wie sich das Taubheitsgefühl äußert, handelt es sich um eine bestimmte Form der Hypästhesie:

  • Taktile Hypästhesie: Das Berührungs- und Druckempfinden ist herabgesetzt.
  • Thermhypästhesie: Das Hitze- oder Kälteempfinden ist abgeschwächt.
  • Hypalgesie: Die Schmerzempfindlichkeit ist verringert.
  • Pallhypästhesie: Vibrationen werden weniger wahrgenommen.

Einen vollständigen Sensibilitätsausfall bezeichnet man als Anästhesie. Diese kann krankheitsbedingt sein oder bewusst als örtliche Betäubung (Lokalanästhesie) oder Narkose herbeigeführt werden, zum Beispiel um aus medizinischen Gründen erforderliche Untersuchungen oder Eingriffe vornehmen zu können.

Ein Taubheitsgefühl tritt häufig an den Gliedmaßen auf, also an Armen oder Beinen. Das taube Gefühl kann sich dabei ein- oder beidseitig einstellen. Taube Finger oder Zehen kommen ebenfalls häufiger vor. Am Rumpf oder im Gesicht treten Taubheitsgefühle dagegen eher selten auf. Eine Hypästhesie kann sich jedoch auch hier halb- oder beidseitig zeigen.

Je nach Ursache begleiten das Taubheitsgefühl weitere Symptome, wie:

Verschwindet das Taubheitsgefühl von alleine, kann es danach zu einem typischen Kribbeln in den betroffenen Körperteilen kommen, etwa im Finger. 

Achtung: Sollten einseitig Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen in Arm oder/und Bein auftreten, kann ein lebensgefährlicher Schlaganfall vorliegen. Weitere Anzeichen sind oft Sprach- und Sehstörungen sowie Schwindel und Kopfschmerzen. Wählen Sie in jedem Fall den Notruf (112), sollten Sie bei sich oder anderen Personen die Symptome feststellen.

Woher kommt ein Taubheitsgefühl? Mögliche Ursachen

Taubheitsgefühle können unterschiedliche Ursachen haben, etwa eine Durchblutungsstörung im betroffenen Körperteil oder eine Nervenschädigung.

Wie lange das Taubheitsgefühl anhält, kann bereits ein Hinweis auf die Ursache sein. Ein vorübergehendes Taubheitsgefühl tritt beispielsweise häufig auf, wenn durch eine ungünstige Körperhaltung ein Nerv abgeklemmt wird. Das kann unter anderem vorkommen, wenn man den Oberarm auf einer Stuhllehne abstützt oder sich bäuchlings liegend längere Zeit auf den Ellenbogen aufstützt.

Auch bei einer ungünstigen Schlafposition, bei der die Arme schlecht durchblutet werden oder wenn man die Beine länger übereinander schlägt, können Taubheitsgefühle entstehen beziehungsweise die Arme oder Beine "einschlafen".

Mögliche Ursachen für ein Taubheitsgefühl sind zum Beispiel:

Polyneuropathie als Ursache der Taubheitsgefühle

Taubheitsgefühle gelten außerdem als typisches Symptom für eine Polyneuropathie, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems. Diese tritt zum Beispiel häufiger bei Menschen mit Diabetes mellitus als sogenannte "diabetische Polyneuropathie" auf. Dabei ist die Empfindsamkeit der Füße deutlich vermindert, sodass es unbemerkt zu ernsten Verletzungen kommen kann.

Taubheitsgefühle aufgrund eines Bandscheibenvorfalls

Eine Hypästhesie kann auch infolge eines Bandscheibenvorfalls entstehen, wenn eine Bandscheibe eine Nervenwurzel zusammendrückt und so ein Taubheitsgefühl verursacht. Ein Taubheitsgefühl in den Beinen deutet häufig auf eine Erkrankung des Ischiasnervs (Nervus ischiadicus) hin.

Taubheitsgefühl der Hand und Finger

Andauernde Taubheitsgefühle in der Hand und den Fingern können unter anderem auf ein Karpaltunnelsyndrom hindeuten. Dabei ist der Karpaltunnel zu eng, wodurch Druck auf den sogenannten Mittelnerv (Medianusnerv) entsteht. Häufig beginnen die Missempfindungen an den Fingerkuppen von Daumen-, Zeige- und Mittelfinger. Die Beschwerden treten zudem in der Regel nachts oder nach Handarbeit auf. 

Gelegentlich auftretende Taubheitsgefühle der Hand zum Beispiel am Morgen beim Aufstehen sind meist harmlos und auf eine ungünstige Schlafposition zurückzuführen. 

Weitere Gründe für andauernde Taubheitsgefühle in den Händen können sein:

  • Muskelverspannungen im Nackenbereich
  • Bandscheibenvorfall
  • Stoffwechselstörungen wie Diabetes 
  • Nährstoffmangel, zum Beispiel ein Vitamin-B12-Mangel

Taubheitsgefühl im Arm

Fühlt sich ein Arm plötzlich taub an und liegen weitere Symptome wie Sprachstörungen, Kopfschmerzen, Benommenheit, Lähmungen und Gangstörungen vor, kann dies auf einen Schlaganfall hindeuten. Strahlen die Missempfindungen und mitunter Schmerzen in den Oberkörper, Hals, Kiefer, die Schulterblätter oder den Oberbauch aus, kann zudem ein Herzinfarkt vorliegen. Beide Vorfälle sind Notfälle und müssen ärztlich abgeklärt werden (Notruf 112 wählen). 

Auch ein HWS-Syndrom, bei dem es zu verschleißbedingten Veränderungen der Wirbel oder zu Entzündungen im Bereich der Halswirbelsäule kommt, kann zu Taubheitsgefühlen und Kribbeln in Armen und Nackenbereich führen. Generell sind Veränderungen der Wirbelsäule wie ein Bandscheibenvorfall mögliche Auslöser von Missempfindungen im Körper. Dabei ist entscheidend, in welchem Bereich die Wirbelsäule betroffen ist. Abhängig davon sind Auswirkungen an verschiedenen Körperstellen spürbar.

Taubheit und Kribbeln in Armen und Beinen können zudem auf das Guillain-Barré-Syndrom hinweisen, das nach viralen oder bakteriellen Infektionen auftreten kann. Die Nervenerkrankung geht aber meist mit weiteren Symptomen wie Gangschwierigkeiten, Seh-, Sprach- und Schluckstörungen einher. In sehr seltenen Fällen wurde das Syndrom auch nach einer Corona-Impfung festgestellt.

Taubheitsgefühl im Bein, Fuß und Zehen

Missempfindungen der Beine, Füße und Zehen sind nicht selten auf Probleme der Wirbelsäule und gereizte Nerven zurückzuführen. Ist ein Nerv am Rückenmark oder im Verlauf des Beines geschädigt, kann es zu Taubheit im Bein kommen. 

Taube Zehen wiederum können auch durch zu enges Schuhwerk oder das ständige Tragen von High-Heels begünstigt werden. Zudem ist ein sogenanntes Morton Neurom manchmal Auslöser von tauben Zehen. Dabei handelt es sich um eine Verdickung der Nerven im Mittelfuß, die neben Taubheit zu Schmerzen führt. 

Taubheitsgefühl im Gesicht

Fühlen sich Bereiche des Gesichts taub an oder kribbeln, kann dies von der Wirbelsäule, genauer der Halswirbelsäule, herrühren. Ebenso kann eine Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) hinter den Beschwerden stecken. Die CMD ist eine Störung des Kausystems, die den Kiefer und die Kaumuskulatur betrifft.

Taubheitsgefühl: Wie erfolgt die Diagnose?

Um herauszufinden, wodurch das Taubheitsgefühl entsteht, benötigt der*die Arzt*Ärztin einige Informationen von Betroffenen, wie zum Beispiel:

  • Wann ist das Taubheitsgefühl zum ersten Mal aufgetreten?
  • Hält die Hypästhesie seitdem an oder verschwindet das Taubheitsgefühl zwischendurch wieder?
  • Tritt die Hypästhesie ein- oder beidseitig auf?

Entscheidend ist auch, ob das Taubheitsgefühl nach einem bestimmten Vorfall aufgetreten ist, beispielsweise nach einer ungeschickten Bewegung oder nach einem Unfall. Ein wichtiger Aspekt für die Diagnose ist außerdem, ob bei Betroffenen andere Erkrankungen (wie zum Beispiel Diabetes mellitus) bestehen, die bei einer Hypästhesie als mögliche Ursache infrage kommen.

Zusätzlich wird versucht, mithilfe einer körperlichen Untersuchung genauer herauszufinden, welcher Bereich von dem Taubheitsgefühl betroffen ist. Sind nur einige Finger oder die ganze Hand betroffen? Fühlen sich mehrere Stellen am Körper taub an oder kribbeln? Auf diese Weise lassen sich mögliche Nervenschädigungen oft schon aufspüren. Um neurologische Ausfälle festzustellen, werden zudem die Eigenreflexe, das Gehör, die visuelle Wahrnehmung (der Sehsinn) und der Gleichgewichtssinn der Betroffenen geprüft.

Je nach vermuteter Ursache der Hypästhesie können weitere Untersuchungen notwendig sein, so zum Beispiel:

Taubheitsgefühl: Welche Therapie gibt es?

Bei einem Taubheitsgefühl richtet sich die Therapie nach der jeweiligen Ursache. Ist das Taubheitsgefühl das Begleitsymptom einer bestehenden Grunderkrankung, ist die zielgerichtete Behandlung dieser Krankheit erforderlich.

  • Ein vorübergehendes Taubheitsgefühl aufgrund einer ungünstigen Körperhaltung (zum Beispiel eingeschlafene Beine beim Schneidersitz) verschwindet in der Regel kurze Zeit später von allein, sobald man die Haltung verändert.

  • Steckt eine Polyneuropathie hinter dem Taubheitsgefühl, hängt die Therapie davon ab, welche Form dieser Erkrankung vorliegt. Eine angeborene Polyneuropathie beispielsweise kann bisher nicht ursächlich behandelt werden, die Behandlung konzentriert sich deswegen vor allem auf eine Linderung der Beschwerden. Eine diabetische Polyneuropathie erfordert hingegen vor allem eine optimale Einstellung des Blutzuckers und den kompletten Verzicht auf Alkohol. Liegt ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure vor, bessern sich die Symptome unter Umständen, wenn man den Mangel ausgleicht.

  • Tritt die Hypästhesie infolge einer bakteriellen Infektion (zum Beispiel Borreliose) auf, hilft eine Antibiotikatherapie. Wenn das Taubheitsgefühl mit einer Herpesinfektion zusammenhängt, behandelt der*die Arzt*Ärztin diese zumeist mit dem Wirkstoff Aciclovir.

  • Ist ein Bandscheibenvorfall die Ursache der Hypästhesie, besteht die Therapie vor allem darin, die Wirbelsäule zu entlasten – zum Beispiel durch eine Stufenbettlagerung. Um die Schmerzen zu lindern, verabreichen Fachleute mitunter entzündungshemmende Schmerzmittel (zum Beispiel aus der Gruppe der NSAR) oder Glukokortikoide und Mittel zur Muskelentspannung (Muskelrelaxanzien). Um langfristig die Rückenmuskulatur zu kräftigen, empfiehlt sich anschließend eine Physiotherapie. In schweren Fällen kann auch eine Operation an der betroffenen Bandscheibe notwendig sein.

Generell sollten länger bestehende Missempfindungen ärztlich abgeklärt werden. Neurolog*innen sind häufig eine gute Anlaufstelle, wenn es um Taubheitsgefühle und Kribbeln geht.