Das Bild zeigt eine Person, die sich ihre schmerzende Hand hält.
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Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen)

Brennen, Kribbeln, Stechen – während bei vielen Schmerzarten die Nervenbahnen die Schmerzreize an das Gehirn bloß "übermitteln", ist bei neuropathischen Schmerzen das Nervensystem selbst der Schmerzverursacher. Neuropathische Schmerzen, umgangssprachlich als Nervenschmerzen bezeichnet, entstehen durch Schädigungen oder Erkrankungen des Nervengewebes.

Überblick

Es gibt viele verschiedene Ursachen, die Nervenfasern schädigen und zu Nervenschmerzen führen können – zum Beispiel Verletzungen, Operationen oder Krankheiten. Zu den klassischen neuropathischen Schmerzsyndromen zählen

Häufigkeit

Neuropathische Schmerzen sind kein seltenes Phänomen. Exakte Statistiken fehlen zwar, Experten schätzen jedoch, dass bis zu fünf Prozent der Bevölkerung unter neuropathischen Schmerzen leiden.

Wie sich neuropathische Schmerzen genau äußern und welche Körperteile betroffen sind, hängt von der Ursache ab. Betroffene spüren den Schmerz oft nicht nur an den verletzten Nerven selbst, sondern an den mit ihnen verbundenen Körperteilen.

Eine diabetische Polyneuropathie zum Beispiel geht häufig mit Schmerzen in Armen und Beinen, Missempfindungen wie Kribbeln, aber auch mit Wadenkrämpfen einher.

Sind die Fasern des fünften Hirnnervs (sog. Trigeminusnerv) gereizt, geschädigt oder irritiert, entstehen blitzartige, sehr starke und stechende Schmerzen im Gesicht. Dies bezeichnet man als Trigeminusneuralgie.

Grundsätzlich beschreiben viele Betroffene Nervenschmerzen als

  • brennend,
  • kribbelnd,
  • stechend und
  • ausstrahlend.

Oft kommt es dabei zu plötzlichen Schmerzattacken, Dauerschmerzen treten eher seltener auf. Typisch für neuropathische Schmerzen ist auch, dass bereits sanfte Berührungen Schmerzen hervorrufen können – Ärzte sprechen dann von einer sogenannten Allodynie.

Neuropathische Schmerzen oder nozizeptive Schmerzen?

Grundsätzlich lassen sich neuropathische Schmerzen von den sogenannten nozizeptiven Schmerzen unterscheiden. Wie der Name schon sagt gehen Nervenschmerzen immer mit Schädigungen des Nervengewebes einher.

Bei nozizeptiven Schmerzen hingegen treten Schmerzen auf, wenn die Haut, Muskeln, Knochen, Sehnen, Gelenke oder innere Organen geschädigt werden. Die Nervenfasern bleiben dabei intakt und leiten die Schmerzsignale an das Gehirn weiter. Typische Beispiele für nozizeptive Schmerzen sind Hautverbrennungen oder Gallenkoliken.

Da die beiden Schmerzarten auch kombiniert auftreten können, ist es in der Praxis oft schwer, zwischen neuropathischen und nozizeptiven Schmerzen zu unterscheiden. Fachleute bezeichnen diese Form als Mixed Pain.

Bei einem Bandscheibenvorfall zum Beispiel verursachen degenerierte Bandscheiben und muskuläre Fehlhaltungen nozizeptive Schmerzen. Schiebt sich der Gallertkern der Bandscheibe allerdings in den Rückenmarkskanal, drückt er auf das umliegende Nervengewebe. Stechende neuropathische Schmerzen sind die Folge.

Ursachen: Wie entstehen Nervenschmerzen?

Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) entstehen als direkte Folge einer Schädigung oder Erkrankung von Nervenstrukturen. Je nach Ursache kann diese Schädigung das periphere oder auch das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) betreffen.

Periphere neuropathische Schmerzen

Als periphere Nerven bezeichnet man alle Nerven, die nicht zum Gehirn oder zum Rückenmark gehören – zum Beispiel in Armen und Beinen. Das Wort "peripher" bedeutet dabei so viel wie "außen, am Rand liegend".

Zu den häufigsten Ursachen peripherer neuropathischer Schmerzen zählt Diabetes mellitus . Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer diabetischen Polyneuropathie. Veränderungen in den kleinsten Blutgefäßen (sog. diabetische Mikroangiopathie), die durch den zu hohen Blutzuckerspiegel entstehen, führen dazu, dass die Nerven geschädigt werden.

Ein weiteres typisches Beispiel für periphere neuropathische Schmerzen sind sogenannte Phantomschmerzen. Sie entstehen, wenn periphere Nervenfasern durch einen Unfall oder eine Operation durchtrennt werden. Betroffene empfinden dabei Schmerzen in dem nicht mehr vorhandenen Körperteil. Der Phantomschmerz befindet sich also eigentlich außerhalb des Körpers.

Bei einer Gürtelrose sind die neuropathischen Schmerzen Folge der Reaktivierung von Viren, die nach einer durchgemachten Windpocken-Infektion in den Nervenbahnen "schlummern". Dabei kommt es zu teils heftigen, brennenden Schmerzen in dem Körperbereich, den der infizierte Nerv versorgt.

Eine der häufigsten peripheren Nervenerkrankungen stellt das Karpaltunnelsyndrom dar – ein Nerven-Engpass-Syndrom der Hand. An der Innenseite des Handgelenks wird dabei der Nerv, der Bereiche der Hand versorgt (Medianusnerv), durch den Handwurzelkanal eingeengt. Dadurch entstehen vor allem nachts Missempfindungen (Kribbeln) und Schmerzen in der Hand.

Weitere mögliche Ursachen von peripheren neuropathischen Schmerzen sind:

Zentrale neuropathische Schmerzen

Liegen die geschädigten oder verletzten Nerven im Gehirn oder im Rückenmark, spricht man von sogenannten zentralen neuropathischen Schmerzen.

Nervenschmerzen, deren Ursachen zentral – also im zentralen Nervensystem – liegen, können bei Erkrankungen wie

entstehen.

Typischerweise sind bei zentralen Nervenschmerzen vor allem größere Körperbereiche betroffen, es kann aber auch zu brennenden und meist plötzlich auftretenden Schmerzen in Händen oder Füßen kommen.

Grundsätzlich treten zentrale neuropathische Schmerzen seltener auf als periphere Nervenschmerzen.

Nervenschmerzen: Wie lassen sie sich behandeln?

Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) sind oft schwierig zu behandeln. Dies liegt unter anderem daran, dass viele "klassische" Schmerzmittel (z.B. nichtsteroidale Antirheumatika, NSAR) hier nicht wirken. Es gibt jedoch eine Reihe von Medikamenten, die speziell bei Nervenschmerzen eingesetzt werden – zum Beispiel

Doch auch mit diesen Mitteln kann eine völlige Schmerzfreiheit nicht garantiert werden. Als realistische Therapieziele bei neuropathischen Schmerzen sind in der Regel anzustreben:

  • Schmerzverringerung um 30 bis 50 Prozent,
  • Verbesserung der Schlafqualität,
  • Verbesserung der Lebensqualität,
  • Erhaltung der sozialen Aktivität und des sozialen Beziehungsgefüges und
  • Erhaltung der Arbeitsfähigkeit.

Wichtig für die Therapie: Geduld bei Patient und Arzt

Die Behandlung von Nervenschmerzen ist in den meisten Fällen langwierig und setzt sowohl bei Betroffenen als auch bei dem behandelnden Arzt ein gewisses Maß an Geduld voraus. Denn das richtige, wirksame Medikament, die beste Kombination und die richtige Dosierung müssen bei jedem einzelnen Patienten erprobt werden.

So gibt es zum Beispiel Fälle, bei denen Antidepressiva wirkungslos bleiben, Antiepileptika oder Kombinationen neuropathische Schmerzen deutlich reduzieren können.

Der erste Schritt der Behandlung von Nervenschmerzen besteht darin, die Ursache zu beseitigen beziehungsweise so gut wie möglich zu behandeln. Bei Patienten mit diabetischer Polyneuropathie bedeutet das zum Beispiel, dass der Blutzucker optimal eingestellt wird. Steckt Alkoholmissbrauch hinter den Nervenschmerzen, so sollten Betroffene auf den Konsum alkoholischer Getränke verzichten .

Im Anschluss folgt häufig eine medikamentöse Therapie der neuropathischen Schmerzen. Dazu stehen momentan die folgenden vier Substanzgruppen zur Verfügung:

  • Antiepileptika mit Wirkung auf neuronale Calciumkanäle: Der Wirkstoff Pregabalin behindert die Öffnung der Calciumkanäle und drosselt somit den Einstrom von Calcium in die Nervenendigungen. Die gesteigerte Freisetzung von Nervenbotenstoffen wird auf diese Weise auf das normale Maß zurückgeführt. So kann Pregabalin neuropathische Schmerzen lindern. Häufig kommt auch der Wirkstoff Gabapentin zum Einsatz. Der Wirkmechanismus von Gabapentin ist noch nicht genau bekannt.
  • Antiepileptika mit Wirkung auf Natriumkanäle: Seit langem ist der positive Effekt von Carbamazepin bei der Trigeminusneuralgie bekannt. Die schmerzlindernden Eigenschaften von Carbamazepin beruhen vermutlich auf einer Hemmung der Reizweiterleitung der betroffenen Nerven im Rückenmark. Auch der Wirkstoff Lamotrigin wird häufig bei Nervenschmerzen eingesetzt.
  • Antidepressiva: Vor allem die sogenannten trizyklischen Antidepressiva haben sich in der Behandlung neuropathischer Schmerzen bewährt. Wie fast alle Antidepressiva wirken diese Medikamente, indem sie im Gehirn die Konzentration der Botenstoffe zwischen den Nervenzellen beeinflussen.
  • Opioidhaltige Schmerzmittel: Wenn sich Nervenschmerzen mit Medikamenten aus der Gruppe der Antidepressiva oder Antiepileptika nicht behandeln lassen, können mitunter starke Schmerzmittel (Opioide) helfen. Vor allem im Gehirn und im Rückenmark befinden sich sogenannte Opioid-Rezeptoren, die bei Erregung eintreffende Schmerzsignale unterdrücken. Opioide Schmerzmittel binden an diese Rezeptoren und aktivieren sie. Damit wird die Wahrnehmung von Missempfindungen und Schmerzen vorübergehend ausgeschaltet.