Eine Frau hockt an einer Wand
© Getty Images

Schmerzgedächtnis

Wenn Schmerzen länger anhalten oder besonders stark sind, kann ein Schmerzgedächtnis entstehen. Der Patient hat auch dann noch Beschwerden, wenn die eigentliche Ursache des Schmerzes längst beseitigt ist.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Wenn Schmerzen Spuren hinterlassen

Ob im Rücken, in den Gelenken oder im Kopf: Etwa jeder fünfte Patient, der den Hausarzt besucht, leidet unter chronischen Schmerzen. "Mitverantwortlich" für chronische Schmerzzustände ist das sogenannte Schmerzgedächtnis. Vereinfacht gesagt sensibilisiert sich der Körper dabei für den Schmerz, den er gelernt hat – und reagiert auch dann mit Schmerzen, wenn es eigentlich keinen Grund mehr dafür gibt.

Sehr starke Schmerzen oder Schmerzen, die über einen längeren Zeitraum bestehen, "merkt" sich der Körper – er bildet ein Schmerzgedächtnis. Dieser Prozess ist so ähnlich wie beim Lernen: Wer immer wieder die gleichen Vokabeln paukt, speichert diese Informationen irgendwann in seinem Langzeitgedächtnis ab, wo das Gelernte dauerhaft verankert ist. Dabei bilden sich regelrechte Gedächtnisspuren. Sie ermöglichen, dass wir uns wieder erinnern. Das Schmerzgedächtnis funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip: Auch Schmerzen können Spuren im Gehirn hinterlassen.

Schmerzen sind zunächst einmal eine überlebenswichtige Einrichtung der Natur. Sie sind aus biologischer Sicht notwendig, damit der Mensch auf Störungen seines Körpers reagieren kann. Akute Schmerzen warnen uns davor, dass mit dem Körper etwas nicht in Ordnung ist, etwa bei einer Verletzung oder einer Entzündung. Würde man keinerlei Schmerzen empfinden, könnte dies fatale Folgen haben: Man denke nur an eine akute Blinddarmentzündung, die unbehandelt lebensbedrohlich ist.

Auch wenn wir beispielsweise mit der Hand eine Herdplatte berühren, wird die schützende Warnfunktion von Schmerzen deutlich: Schmerzrezeptoren in der Haut senden an das Gehirn entsprechende Signale, die dazu führen, dass wir die Handlung als schmerzhaft wahrnehmen – und die Hand wieder von der Herdplatte nehmen. Der Schmerz ist zwar unangenehm, aber er bewahrt in diesem Fall vor körperlichem Schaden.

Akute Schmerzen sind also durchaus sinnvoll. Wenn Schmerzen aber über längere Zeit hinweg anhalten, können sie ihre Warnfunktion verlieren und chronisch werden. Der Schmerzzustand ist dann nicht mehr Symptom eines körperlichen Schadens, sondern hat sich zu einem eigenständigen Krankheitsbild entwickelt. Chronische Schmerzen können außerordentlich belastend sein und den Alltag regelrecht zur Qual machen.

Von chronischen Schmerzen sprechen Experten, wenn die Beschwerden länger als drei Monate anhalten – manche Mediziner legen auch einen Zeitraum von mindestens Monaten fest. Bei der Entstehung von chronischen Schmerzen spielt das Schmerzgedächtnis eine wichtige Rolle.

Wie entsteht Schmerz?

Bevor wir einen akuten Schmerz wahrnehmen, geht ihm ein Reiz voraus – ausgelöst zum Beispiel durch einen Stoß, eine Muskelverspannung oder große Hitze.

Ob in Haut, Muskeln, Gelenken oder inneren Organen: Fast überall befinden sich Schmerzrezeptoren, sensible Sinneszellen, die für die Schmerzwahrnehmung zuständig sind. Sie reagieren etwa auf Hitze, Kälte und chemische Reize sowie auf mechanische Einflüsse wie eine Verletzung, aber auch auf Botenstoffe, die bei einer Entzündung im Körper freigesetzt werden. Wissenschaftler bezeichnen diese Schmerzrezeptoren als Nozizeptoren (lat. noce̲re = schaden).

Durch schmerzverursachende Reize aus der Umwelt, etwa einen Bienenstich, werden die Nozizeptoren aktiviert. Aber auch Reize aus dem Körperinneren können dazu führen, dass die Schmerzrezeptoren angeregt werden, zum Beispiel bei einer Magenschleimhautentzündung. Die Information, dass ein Körperteil Schaden genommen hat, geben die Nozizeptoren an Gehirn und Rückenmark weiter. Dort wird die Information verarbeitet und die entsprechende Reaktion ausgelöst. Zum Beispiel empfinden wie bei hohen Temperaturen auf der Haut Schmerzen – und sorgen dafür, dass der betroffene Körperteil der Hitze nicht mehr ausgesetzt wird.

Wie stark ein Mensch einen Schmerz empfindet, ist individuell verschieden. In Stresssituationen sorgen körpereigene Botenstoffe dafür, dass das eigene Schmerzempfinden schwächer ist. Schmerzen treten dann unter Umständen erst auf, wenn der Stress vorbei ist.

Vom akuten zum chronischen Schmerz

In der Regel klingen akute Schmerzen nach kurzer Zeit wieder ab. Wenn Schmerzen länger als drei Monate anhalten und nicht mehr mit einem direkten Auslöser in Verbindung stehen, spricht man von chronischen Schmerzen.

Bestehen Schmerzen über einen längeren Zeitraum hinweg oder sind sie sehr stark, können sie sich geradezu verselbstständigen und ein Schmerzgedächtnis ausbilden. Durch den permanenten Schmerzreiz kann es passieren, dass sich die schmerzverarbeitenden Nervenzellen, aber auch Rückenmark und Gehirn in ihrer Struktur verändern und zunehmend empfindlicher werden. Der gleiche Reiz wird stärker empfunden als zuvor.

Diesen "Lernvorgang", bei dem sich der Schmerz regelrecht ins zentrale Nervensystem einbrennt, bezeichnen Forscher als Schmerzgedächtnis oder Schmerzengramm. Das Schmerzgedächtnis kann unter anderem mithilfe von bildgebenden Verfahren wie der Positronenemissionstomographie im Gehirn und Rückenmark sichtbar gemacht werden.

Durch die erhöhte Empfindsamkeit der Schmerzrezeptoren senden diese viel schneller Schmerzsignale an das Gehirn als zuvor. Die Folge: Schon geringe Schmerzreize oder auch nur Berührungen führen zu Schmerzen. Zudem kann es passieren, dass das zentrale Nervensystem mit Schmerz reagiert, obwohl gar kein Schmerzreiz mehr vorhanden ist. In besonders ausgeprägten Fällen kann es passieren, dass benachbarte Körperregion plötzlich ebenfalls schmerzen.

Das bedeutet: Selbst, wenn die ursprüngliche Ursache für den Schmerz ausgeschaltet ist, sind die Beschwerden nach wie vor vorhanden. Der Schmerz hat dann seinen biologischen Sinn als Warnsignal verloren.

Warum entwickeln manche Menschen nach einer Erkrankung ein Schmerzgedächtnis und leiden unter chronischen Schmerzzuständen – andere Personen mit vergleichbaren Krankheitsbildern jedoch nicht?

An der Antwort auf diese Frage wird noch geforscht. Offenbar tragen mehrere Faktoren dazu bei, ob eine Person zu einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit neigt oder nicht, so zum Beispiel:

  • genetische Einflüsse
  • psychische Faktoren: Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Ängsten oder Depressionen sind stärker gefährdet als psychisch Gesunde; zudem können die mit akuten Schmerzen verbundenen Einschränkungen zu einer erhöhten Muskelanspannung und vermehrtem Stress führen – was den Schmerz weiter verstärken kann. Aber auch bestimmte Überzeugungen und Wahrnehmungen haben einen Einfluss, so etwa, wenn sich die Person besonders auf den Schmerz fokussiert.
  • soziale Komponenten, etwa das familiäre und berufliche Umfeld

Schmerzgedächtnis überschreiben

Viele Menschen mit chronischen Schmerzen versuchen, den Schmerz mit Medikamenten auszuschalten – das Schmerzgedächtnis können sie damit in der Regel jedoch nicht überlisten.

Wenn sich ein Schmerzgedächtnis gebildet hat und chronische Schmerzen bestehen, ist eine langwierige und komplexe Schmerztherapie nötig, bei der Ärzte mehrere Behandlungsstrategien miteinander kombinieren (sog. multimodales Konzept). So können die Spuren, die der Schmerz hinterlassen hat, überschrieben werden.

Die Therapie stimmt der Arzt individuell mit dem Patienten ab. Je früher die Therapie erfolgt, desto besser. Ziel der Behandlung ist dabei nicht unbedingt, die Schmerzen zu stoppen, sondern besser mit ihnen umzugehen.

Medikamente spielen in der Schmerztherapie eine wichtige Rolle. Es gibt aber noch viele andere Verfahren, die die Behandlung ergänzen, so zum Beispiel:

Um Schmerzen verändern zu können, ist das Schmerzverständnis von Bedeutung: Der Arzt muss dem Patienten vermitteln, dass Schmerzen nicht nur durch körperliche Prozesse beeinflusst werden, sondern dass auch weitere Faktoren daran beteiligt sind – so etwa die Psyche oder bestimmte Verhaltensweisen. Anstatt das Gefühl zu haben, dem Schmerz ausgeliefert zu sein, soll der Patient lernen, dass er auf die Schmerzintensität ein Stück weit einwirken kann.

In diesem Zusammenhang kann es sinnvoll sein, dass der Patient zum Beispiel im Rahmen einer Verhaltenstherapie herausfindet, welche Aktivitäten und Stimmungen die Schmerzen verstärken und was die Schmerzen lindert. In diesem Rahmen kann ein Schmerztagebuch hilfreich sein, in dem der Patient festhält, in welchen Situationen Schmerzen auftreten, wie stark sie sind. Die gewonnenen Erkenntnisse kann er dann im Alltag umsetzen, etwa, indem er bestimmte Verhaltensweisen verändert.

Neuronale Plastizität

Das Gehirn hat die Fähigkeit, sich im Laufe des Lebens zu verändern und so auf äußere Einflüsse zu reagieren. Zum einen ist es so lebenslang möglich, Neues zu lernen – zum anderen können sich so aber auch ungünstige Strukturen wie das Schmerzgedächtnis herausbilden. Diese sogenannte neuronale Plastizität ermöglicht es zudem, das Gelernte wieder zu überschreiben.

Vorbeugen ist besser als heilen

Am besten ist es, chronischen Schmerzen bereits durch entsprechende Medikamente vorzubeugen und somit zu verhindern, dass ein Schmerzgedächtnis entsteht.