Eine Frau umfasst ein Treppengeländer mit der linken Hand.
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Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud)

Wenn Finger oder Zehen immer wieder mal plötzlich weiß werden und sich auch noch wie eingeschlafen oder kribbelig anfühlen, kann es sich um das Raynaud-Syndrom handeln. Was steckt dahinter und wie lässt sich das Raynaud-Phänomen behandeln?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Ursachen & Häufigkeit

Als Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud) bezeichnet man eine anfallsweise auftretende Durchblutungsstörung der Finger und/oder Zehen, zum Beispiel als Reaktion auf Kälte oder Stress. Umgangssprachlich kennt man das Raynaud-Syndrom auch unter Bezeichnungen wie "Weißfingerkrankheit" oder "Leichenfinger".

Mediziner unterscheiden bei dieser Erkrankung zwei Formen: das primäre Raynaud-Syndrom und das sekundäre Raynaud-Syndrom.

Raynaud-Syndrom: Ursachen

Ursachen für das primäre Raynaud-Syndrom

Das primäre Raynaud-Syndrom tritt ohne erkennbaren Grund auf. Es scheint nicht in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen zu stehen. Die Durchblutungsstörung wird hier meist durch Reize wie Kälte oder Stress ausgelöst, die dann zu einer krampfartigen Verengung der Blutgefäße (einem sog. Vasospasmus) führen.

Welche Ursachen genau hinter dem primären Raynaud-Syndrom stecken, ist nicht bekannt. Man vermutet, dass sich bei den Betroffenen ein bestimmter Teil des vegetativen Nervensystems – der sogenannte Sympathikus – zu dem von anderen Menschen unterscheidet beziehungsweise anders verhält: Möglicherweise sind die Blutgefäße in Fingern und Zehen bei den Betroffenen empfindsamer für Reize wie Kälte (z. B. kaltes Wetter, kalte Gegenstände) oder Stress und lösen so den gefäßverengenden Krampf aus. Oder das sympathische Nervensystem befindet sich im Bereich der Finger und Zehen ganz allgemein in einem erhöhten Erregungszustand (sog. erhöhter Sympathikotonus) und reagiert deshalb auf bestimmte Reize mit der krampfartigen Gefäßverengung.

Ursachen für das sekundäre Raynaud-Syndrom

Das sekundäre Raynaud-Syndrom tritt in der Regel als Folge einer anderen Erkrankung (oder begleitend dazu) oder durch Medikamente auf. Diese Umstände führen dazu, dass es beim Betroffenen im Bereich der Finger und Zehen zu krampfartigen Verengungen der Blutgefäße sowie vorübergehenden Gefäßverschlüssen kommt und so weniger Blut in Finger und Zehen gelangt.

Mögliche Ursachen für das sekundäre Raynaud-Syndrom sind zum Beispiel:

  • organische Veränderungen der Gefäße, wie:
    • Gefäßverschlüsse im Bereich der Arme und Beine (z. B. bei Arteriosklerose)
    • Kollagenosen (Erkrankungen, die zu Entzündungen des Bindegewebes und der Blutgefäße führen), wie z. B. Sklerodermie, systemischer Lupus erythematodes
    • Gefäßverschlüsse durch einen Blutpfropf (Embolie)
    • Endangiitis obliterans (Winiwarter-Buerger-Syndrom)
    • Gewebeschädigungen (oft berufsbedingt), wie sog. Vibrationstrauma durch hochtourige Handgeräte – also etwa Motorsägen, Bohrer, Fräsen, Schriftenmeißel, Schneide-, Schleif- oder Poliermaschinen mit Vibrationen im Frequenzbereich von 20 bis 1.000 Hz oder Trauma durch Verwendung der Hand als Schlagwerkzeug (sog. Hypothenar-Hammer-Syndrom, häufig bei Handwerkern, aber auch bei Sportarten wie Volleyball oder Karate)
  • neurologische Probleme, wie:
    • Störung des vegetativen Nervensystems als Folge neurologischer Erkrankungen, z. B. nach einem Schlaganfall
    • Erkrankung der Nerven in Armen und Beinen, z. B. durch geschädigte Nervenwurzeln (sog. radikuläre Syndrome), gereizte Nerven- und Blutgefäßgeflechte (sog. Plexus), Polyneuropathie
  • Einflüsse, die die Fließeigenschaften des Blutes verändern, wie:
    • Zunahme bestimmter Eiweiße im Blutplasma, die das Blut zähflüssiger machen (sog. Hyperviskositätssyndrom, z. B. im Rahmen einer Krebserkrankung oder bei Autoimmunprozessen)
    • Zunahme von Blutbestandteilen wie Kälteagglutininen, Kryofibrinogenen oder Kryoglobulinen
  • bestimmte Medikamente, wie:

Raynaud-Syndrom: Häufigkeit

Morbus Raynaud kommt relativ häufig vor. In Europa betrifft die Erkrankung etwa 5 bis 20 von 100 Personen, Frauen bis zu viermal häufiger als Männer.

Das primäre Raynaud-Syndrom tritt oft schon in jungen Jahren auf, meist zwischen 20 und 40 Jahren. In Deutschland sind etwa 7 bis 12 von 100 Personen von dieser Form der Erkrankung betroffen. Das sekundäre Raynaud-Syndrom zeigt sich dagegen meist erst nach dem 40. Lebensjahr.

Sowohl beim primären als auch beim sekundären Raynaud-Syndrom tritt die Durchblutungsstörung im Bereich der Finger häufiger auf als im Bereich der Zehen.

Raynaud-Syndrom: Symptome

Beim Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud) kommt es anfallsweise zu Durchblutungsstörungen der Finger und (seltener) auch der Zehen. Vereinzelt kann das Raynaud-Syndrom auch an anderen Körperteilen auftreten, wie etwa an Lippen, Ohren, Knien, Brustwarzen oder Nase.

Der anfallartige Charakter führt zu einem ganz bestimmten Ablauf der Symptome, der sich in drei Phasen einteilen lässt. Mediziner sprechen hierbei auch vom sogenannten Tricolore-Phänomen.

Die drei Phasen beim Raynaud-Syndrom

  1. Blasse Haut: Wenn sich die Arterien durch anfallartige Gefäßkrämpfe verengen, fließt weniger Blut durch die Finger bzw. Zehen. Als Folge wirken diese weiß und blutleer und fühlen sich möglicherweise kalt, taub oder eingeschlafen an. Auch Kribbeln oder andere Missempfindungen sind möglich.
  2. Bläuliche Haut: Als Reaktion auf die verengten Arterien weiten sich die Venen. Dadurch sammelt sich mehr venöses Blut in den Fingern bzw. Zehen und lässt diese bläulich wirken.
  3. Gerötete Haut: Die Gefäßverkrampfung löst sich schließlich, wodurch die Durchblutung wieder zunimmt. Als Folge färben sich die Finger bzw. Zehen rötlich. Häufig geht die zunehmende Durchblutung mit Schmerzen einher.

Die drei Phasen laufen allerdings nicht immer vollständig ab. Manchmal fehlen Phase drei und/oder zwei.

Symptome bei primärem Raynaud-Syndrom

Das primäre Raynaud-Syndrom macht sich vor allem bei Zeige-, Mittel-, Ring- und kleinem Finger bemerkbar. Der Daumen ist von der Durchblutungsstörung oft nicht betroffen. Meist treten die Gefäßverengungen zudem an beiden Händen gleichzeitig und symmetrisch auf. An den Zehen tritt die primäre Form von Morbus Raynaud eher selten auf.

Die Durchblutungsstörung ist beim primären Raynaud-Syndrom nicht so stark, dass Gewebeschäden zu befürchten sind. Die Anfälle sind zeitlich begrenzt und dauern normalerweise nicht länger als 30 Minuten.

Symptome bei sekundärem Raynaud-Syndrom

Beim sekundären Raynaud-Syndrom kann die Durchblutungsstörung dagegen asymmetrisch auftreten. Im Unterschied zum primären Raynaud-Syndrom:

  • sind häufiger sowohl Finger als auch Zehen betroffen.
  • treten die Anfälle häufiger und länger auf.

Bedingt durch die jeweilige Grunderkrankung, die die Ursache für das sekundäre Raynaud-Syndrom ist (z. B. eine Bindegewebsstörung), kann es in schweren Fällen dazu kommen, dass das Gewebe in Finger- und Zehenendgliedern nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird und sich dadurch verändert oder sogar abstirbt.

Raynaud-Syndrom: Diagnose

Meist lässt sich das Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud) bereits anhand der typischen Symptome erkennen. Verschiedene Tests und Untersuchungsmethoden können bei der Diagnosestellung helfen.

Wichtig ist es zudem herauszufinden, ob das Raynaud-Syndrom durch eine bestehende (möglicherweise noch nicht erkannte) Grunderkrankung hervorgerufen wird. Bei manchen Erkrankungen (z. B. Kollagenosen) kann das Raynaud-Syndrom bereits begleitend auftreten, obwohl sich die eigentliche Grunderkrankung noch nicht durch Beschwerden bemerkbar macht.

Faustschlussprobe

Bei der sogenannten Faustschlussprobe hebt man beide Hände (möglichst bis über den Kopf) und schließt die Hände 2 Minuten lang immer wieder fest zur Faust. Danach nimmt man die Hände wieder runter, sodass das Blut zurückfließen kann. Wirken die Handflächen dabei fleckig, ungleichmäßig oder füllen sich die Hände nur sehr langsam mit Blut, ist eine Durchblutungsstörung wahrscheinlich.

Kältetest

Das Raynaud-Syndrom lässt sich durch Kälte auslösen (z. B. durch kaltes Wasser).

Symmetrie

Die Gefäßverengungen in Fingern und Zehen treten beim primären Raynaud-Syndrom typischerweise symmetrisch auf.

Weitere Methoden

Zur Diagnose eines sekundären Raynaud-Syndroms können verschiedene Untersuchungsmethoden zum Einsatz kommen, so zum Beispiel:

Bestimmte Erkrankungen können ein ähnliches Beschwerdebild wie das Raynaud-Syndrom hervorrufen und müssen deshalb bei der Diagnose ausgeschlossen werden. Dazu gehören beispielsweise Gefäßverschlüsse (Embolie) in den Arterien von Armen und Beinen oder die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK).

Raynaud-Syndrom: Therapie

Welche Therapie beim Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud) die richtige ist, hängt davon ab, um welche Form es sich handelt.

Beim primären Raynaud-Syndrom setzt die Behandlung vor allem darauf, die Beschwerden zu lindern beziehungsweise diesen vorzubeugen, also die Auslöser zu meiden.

Handelt es sich dagegen um ein sekundäres Raynaud-Syndrom ist die Durchblutungsstörung die Folge einer bestehenden Grunderkrankung. In diesem Fall ist es wichtig, die eigentlich zugrundeliegende Erkrankung zu behandeln.

Ganz allgemein sollten Betroffene mit Raynaud-Syndrom

  • Umstände meiden, welche die Blutgefäße in Fingern und Zehen verengen könnten (wie Kälte) und andererseits versuchen,
  • Umstände zu schaffen, die eine Gefäßerweiterung in Fingern und Zehen fördern und so die Durchblutung bessern.

Hierbei können folgende Maßnahmen hilfreich sein:

  • Hände und Füße vor Kälte schützen, z. B. durch (beheizbare) Handschuhe, Taschenwärmer, Schuhe mit dickeren Schuhsohlen, Einlegesohlen, dicke Socken
  • nicht rauchen
  • Entspannungsmethoden erlernen und regelmäßig anwenden, z. B.
  • gefäßverengende Medikamente meiden
  • Arbeiten mit vibrierenden Geräten meiden (wie etwa hochtourigen Bohrern)
  • Arbeiten oder Sportarten meiden, bei denen die Hand als Schlagwerkzeug verwendet wird (z. B. Tischlerarbeiten, Volleyball, Karate)

Bei starken Beschwerden durch Morbus Raynaud können außerdem verschiedene Medikamente hilfreich sein, beispielsweise:

Raynaud-Syndrom der Brustwarze

Bei Menschen mit Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud) kann die Durchblutungsstörung in manchen Fällen auch an den Brustwarzen auftreten und dort typische Symptome wie Farbveränderungen über bläulich, blass und gerötet hervorrufen.

Bei stillenden Frauen kommt es durch das Raynaud-Syndrom in manchen Fällen zu schmerzhaften Beschwerden beim Stillen. Ohne wirksame Behandlung kann das dazu führen, dass Frauen aufgrund der schmerzenden Brustwarzen frühzeitig abstillen. Kleineren Studien zufolge bessern sich solche Stillbeschwerden im Rahmen eines Raynaud-Syndroms jedoch, wenn man darauf achtet,

Je nach Situation können auch Calciumkanalblocker (wie Nifedipin) infrage kommen, da diese gefäßerweiternd wirken.

Raynaud-Syndrom: Verlauf

Das primäre Raynaud-Syndrom ist im Allgemeinen harmlos und nimmt in der Regel einen guten Verlauf. Bei Frauen hören die Beschwerden häufig mit Beginn der Wechseljahre auf.

Wie ein sekundäres Raynaud-Syndrom verläuft, hängt vor allem von der zugrundeliegenden Erkrankung ab und ob diese behandelt wird.

Mögliche Komplikationen

In schweren Fällen kann es beim sekundären Raynaud-Syndrom dazu kommen, dass die Endglieder von Zehen und Fingern nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Als Folge kann sich das Gewebe verändern oder sogar absterben (z. B. in Form einer Fingerkuppennekrose).

Raynaud-Syndrom: Vorbeugen

Einem Raynaud-Syndrom (Morbus Raynaud) lässt sich nicht direkt vorbeugen. Menschen mit Raynaud-Syndrom können allerdings versuchen, Beschwerden zu vermeiden, indem sie:

  1. Umstände meiden, die die Gefäße in Fingern und Zehen verengen und dadurch die Durchblutung stören, wie z. B.
    • Kälte, kaltes Wasser, kalte Gegenstände
    • Rauchen
    • Stress
    • handwerkliche Arbeiten, die mit Vibration einhergehen
    • Arbeiten oder Sportarten, bei denen die Hand als Schlagwerkzeug eingesetzt wird
  2. Umstände fördern, die die Gefäße in Fingern und Zehen weiten und dadurch die Durchblutung verbessern, wie z. B.

Ernährung und Raynaud-Syndrom

Bislang gibt es keine sicheren Hinweise darauf, dass man dem Raynaud-Syndrom mit einer bestimmten Ernährung vorbeugen oder Beschwerden lindern kann. Positive Effekte hat in manchen Fällen unter Umständen eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist. Diese findet man vor allem in Fettfisch (wie Lachs, Hering oder Thunfisch) sowie als Vorstufe in Walnüssen oder einigen pflanzlichen Ölen. Die Untersuchungen hierzu sind jedoch wenig aussagekräftig.

Koffeinhaltige Getränke wie Kaffee, schwarzer oder grüner Tee sowie Cola-Limonaden wirken gefäßverengend. Menschen mit Raynaud-Syndrom, die hierauf empfindlich reagieren, sollten diese vorsichtshalber nur in Maßen zu sich nehmen beziehungsweise beobachten, ob der Konsum etwas an den Beschwerden ändert.