Spastik und Muskelschwäche bei MS

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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Multiple Sklerose kann die unterschiedlichsten Symptome verursachen. Eines der häufigsten ist Muskelschwäche. Im Laufe der Zeit können die betroffenen Muskeln auch versteifen und verkrampfen (bzw. spastisch werden). Mit einer individuellen Behandlung möchte man dem aber gezielt entgegenwirken und so die feinmotorischen Leistungen und die Gehfähigkeit verbessern, Schmerzen lindern und Folgeschäden verhindern.

Die für multiple Sklerose typischen Entzündungen in Gehirn und Rückenmark schädigen Teile der Nervenfasern. Dadurch ist die Weiterleitung elektrischer Impulse zwischen den verschiedenen Nerven- und Körperzellen gestört.

Eine Folge davon kann Muskelschwäche sein: Denn die Signale der Nervenzellen kommen auch bei den Muskelzellen nur abgeschwächt oder gar nicht an. Der Verlust der Muskelkraft kann zu verschiedenen Einschränkungen bis hin zu Lähmungserscheinungen führen und im Verlauf der MS Gehhilfen nötig machen.

Etwa 80 Prozent aller Menschen mit MS entwickeln eine Muskelschwäche. Häufig tritt das Symptom zusammen mit einer Spastik auf: Damit ist eine erhöhte Muskelspannung gemeint. Sie betrifft bis zu 70 Prozent der MS-Patienten.

Die Spastik ist ein Zeichen dafür, dass die Nervenverbindung (sog. Pyramidenbahn), die im Gehirn und Rückenmark verläuft und alle Bewegungen steuert, durch die MS-Entzündungsherde dauerhaft geschädigt ist. Diese erhöhte Muskelspannung kann

  • ununterbrochen bestehen (sog. tonische Spastik) oder auch
  • zeitweilig auftreten (sog. einschießende bzw. phasische Spastik).

Die Spastik kann mit Schmerzen verbunden sein und die Beweglichkeit der Betroffenen beeinträchtigen. Neben der erhöhten Muskelspannung ist sie gekennzeichnet durch:

  • Muskelsteifigkeit
  • Verkrampfungen
  • Schwere- und Spannungsgefühl
  • teils auch Muskelverkürzungen

Wie wirken sich Muskelschwäche und Spastik aus?

Eine wichtige Auswirkung der Muskelschwäche und Spastik bei MS ist die eingeschränkte Beweglichkeit. So kann sich die Gehgeschwindigkeit ebenso wie die Gehstrecke, die die Betroffenen an einem Stück bewältigen können, verringern.

In manchen Fällen macht sich die Spastik nur mit zunehmender Muskelbelastung bemerkbar: So kann sich beispielsweise bei einem längeren Fußweg die Beinmuskulatur erst noch locker anfühlen und später zunehmend verkrampfen, je weiter man geht. Allgemein können Menschen mit MS durch die Spastik in ihren Alltagsaktivitäten sowie im sozialen und beruflichen Leben erheblich eingeschränkt sein.

Die Spastik kann auch verschiedene körperliche Folgeschäden mit sich bringen – wie:

  • Muskel- und Sehnenverkürzungen
  • Verschleißerscheinungen an Gelenken
  • Schwierigkeiten beim Entleeren der Blase
  • Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr

Die Behandlung der Spastik soll die feinmotorischen Leistungen und die Gehfähigkeit verbessern, Schmerzen lindern und Folgeschäden verhindern.

Was hilft gegen die Spastik?

Zunächst gilt es, alle Faktoren, die eine Spastik auslösen oder fördern können, zu verringern, auszuschalten oder zu vermeiden. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Harnwegsinfekte
  • Störungen der Magen-Darm-Funktion
  • Schmerzen
  • Druckgeschwüre
  • unbequeme Kleidung und Schuhe
  • schlecht angepasste Hilfsmittel

Daneben ist es wichtig, die richtige Bewegung, Körperhaltung und Lagerung (ggf. auch Techniken zur Umlagerung) zu lernen, um das Auftreten von Spastik nicht zu fördern.

Zudem lässt sich die Spastik gut durch Bewegungstherapie und bei Bedarf auch durch Medikamente behandeln.

Bewegungstherapie

Unverzichtbare Grundlage der Spastik-Behandlung bilden eine regelmäßige Krankengymnastik und Physiotherapie. Beispiele hierfür sind die Bobath-Behandlung und die propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation (PNF):

  • Ziel der Bobath-Behandlung ist es, Bewegungsfolgen und -übergänge aufzubauen sowie Gleichgewichtsreaktionen und die Kör­perwahrnehmung zu verbessern.
  • Die PNF soll dabei helfen, notwendige Bewegungen wieder durchzuführen.

Auch motorgetriebene Therapiefahrräder und Laufbandtraining mit Entlastung des Körpergewichts können dazu beitragen, die Spastik bei MS zu verringern. Zudem gibt es verschiedene Hilfsmittel (z.B. spezielle Schienen, Unterarmgehstützen und andere Gehhilfen), mit denen man die Gehfähigkeit verbessern kann.

Medikamente

Wenn die Bewegungstherapie nicht ausreichend gegen die erhöhte Muskelspannung bei MS wirkt, können unterstützend Medikamente zum Einsatz kommen. Es stehen verschiedene Wirkstoffe zur Verringerung der Spastik (sog. Antispastika) zur Verfügung. Dabei unterscheidet man:

  • Mittel, die über den Mund eingenommen oder per Spritze verabreicht werden und im ganzen Körper wirken (z.B. Baclofen- oder Tizanidin-Tabletten) und
  • Mittel, die im von der Spastik betroffenen Bereich angewendet werden (z.B. in den spastischen Muskel verabreichte Botulinumtoxin-Spritzen, Baclofen- oder Kortison-Injektionen in den Liquorraum).

Die medikamentöse Behandlung der Spastik bei MS legen die behandelnden Ärzte individuell unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung fest.

Die Behandlung soll es Menschen mit MS ermöglichen, ihren Alltag trotz der Muskelschwäche und Spastik besser zu bewältigen – und so ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität erhöhen.

Weitere Informationen

Quellen:

MS verstehen – Symptome. Online-Informationen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): www.dmsg.de (Abrufdatum: 2.1.2018)

MS behandeln – Mobilität und Spastik. Online-Informationen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): www.dmsg.de (Abrufdatum: 2.1.2018)

Online-Informationen des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten (IFK e.V.): www.ifk.de (Abrufdatum: 2.1.2018)

Schmidt, R.M., Hoffmann, F., Faiss, J.H., Köhler, W. (Hrsg.): Multiple Sklerose. Urban & Fischer, Stuttgart 2015

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN): Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/050 (Stand: August 2014)

Henze, T. (Hrsg.): Multiple Sklerose – Symptome besser erkennen und behandeln. Zuckschwerdt, Germering bei München 2013

Aktualisiert am: 2. Januar 2018



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