Eine Frau blickt traurig aus dem Fenster.
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Depressive Verstimmung und Winterdepression: Was hilft?

Kurzfristige Stimmungstiefs kennt vermutlich jeder Mensch. Hält dieser Zustand aber länger als zwei Wochen an, sprechen Fachleute von einer depressiven Verstimmung. Im Winter treten depressive Verstimmungen besonders häufig auf, vorwiegend aufgrund des Lichtmangels. Welche Symptome weisen auf eine solche Winterdepression hin und was hilft, damit Betroffene sich wieder besser fühlen?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Was ist eine depressive Verstimmung?

Eine depressive Verstimmung besteht, wenn Emotionen wie Traurigkeit und Niedergeschlagenheit mindestens zwei Wochen lang anhalten. Depressionen werden unterteilt in leichte, mittelschwere und schwere Depressionen. Eine depressive Verstimmung zählt zu den leichten bis mittelschweren Depressionen.

Nach belastenden Ereignissen, etwa einer Trennung oder dem Tod eines geliebten Menschen, erlebt fast jede Person eine Phase, in der ihre Stimmung gedrückt ist. Den meisten Menschen ist es aber auch während dieser Zeit möglich, ihren Kummer zumindest kurzfristig zu vergessen – zum Beispiel durch Ablenkung oder soziale Interaktion. Normale Traurigkeit vergeht außerdem mit der Zeit. Bleibt das Gefühl aber über lange Zeit bestehen, kann sich eine Depression entwickeln. Die Übergänge von Trauer und Traurigkeit zu einer Depression verlaufen fließend.

Wenn depressive Verstimmungen in den dunklen Monaten aufgrund des Lichtmangels vorkommen, heißen sie auch:

  • saisonal abhängige Depression/saisonale Depression (SAD) oder
  • Winterdepression.

Häufigkeit: Wie viele Menschen sind von Winterdepressionen betroffen?

Von saisonalen Depressionen sind vier bis 13 Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen. Besonders in nördlicheren Regionen, in denen die Winter länger und dunkler sind, neigen die Menschen zur Winterdepression.

Depressive Verstimmung: Ursachen

Zu einer depressiven Verstimmung kommt es meist durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Auslöser für eine saisonale Depression ist in der Regel der Lichtmangel in den Herbst- und Wintermonaten. Hormone und Botenstoffe im Gehirn geraten in ein Ungleichgewicht, was zu schweren Stimmungsschwankungen führen kann. Denn die kürzer werdenden Tage signalisieren dem Körper einen veränderten Tag-Nacht-Rhythmus. So wird in Dunkelperioden etwa vermehrt das Schlafhormon Melatonin ausgeschüttet, welches besonders schläfrig macht.

Weitere mögliche Ursachen einer depressiven Verstimmung sind zum Beispiel:

  • Dauerstress
  • traumatische Erlebnisse wie Gewalt, Missbrauch oder schwere Erkrankungen
  • Ängste, etwa Existenzängste aufgrund einer Kündigung
  • Trennung
  • Tod eines nahestehenden Menschen

Gestörte Signalübertragung: Botenstoffe geraten aus dem Gleichgewicht

Ohne Botenstoffe (Neurotransmitter) gäbe es keine Signalübertragung im Gehirn. Zu den wichtigsten Botenstoffen gehören Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und Endorphine. Sie werden vom Körper selbst produziert und liegen in einem ganz bestimmten Verhältnis zueinander vor. Ist dieses Verhältnis gestört, etwa weil ein Botenstoff nicht ausreichend produziert wird, schlägt sich dies in Gefühlen, Verhalten und Wahrnehmung nieder:

  • Dopamin ist in Kombination mit Noradrenalin für angenehme und erfreuliche Gefühle zuständig. Ein zu niedriger Dopaminspiegel führt zu Niedergeschlagenheit und deprimierter Stimmung.
  • Serotonin sorgt für Gelassenheit, Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Ruhe. Außerdem dämpft es Hungergefühle, Angst, Aggression, Kummer und Sorgen.
  • Noradrenalin hält den Körper wach, aufmerksam und motiviert.
  • Endorphine wirken schmerzlindernd. Ein zu niedriger Endorphinspiegel lässt Schmerzen stärker erscheinen.

Werden keine oder zu wenig Botenstoffe gebildet, führt dies zu einer gestörten synaptischen Übertragung. Die Folge: Signale können nicht mehr von einer Nervenzelle auf die andere überspringen. Ein Mangel an Botenstoffen kann verschiedene Ursachen haben, etwa

  • Drogen- und Alkoholkonsum
  • die Einnahme bestimmter Medikamente
  • genetische Veranlagung
  • Gifte
  • bestimmte Erkrankungen (z. B. Schilddrüsenunterfunktion)
  • ein gestörter Tag-/Nachtrhythmus (sowie vermehrte Dunkelheit im Winter)

Depressive Verstimmungen bei Frauen

Frauen sind etwa doppelt so oft von depressiven Verstimmungen betroffen wie Männer. Das liegt unter anderem daran, dass sie im Laufe ihres Lebens häufiger Hormonschwankungen unterworfen sind. Frauen entwickeln daher vor allem in folgenden Situationen eine depressive Verstimmung:

Kein erhöhtes Risiko für eine depressive Verstimmung besteht bei hormonellen Verhütungsmitteln auf Östrogenbasis, wie etwa der Antibabypille. Besonders für die heutigen niedrig dosierten Präparate konnte in Untersuchungen kein Zusammenhang belegt werden.

Depressive Verstimmung: Welche Symptome sind typisch?

Eine depressive Verstimmung wie etwa eine Winterdepression kann sich individuell unterschiedlich äußern. Häufig ist folgende Symptomatik:

Besonders auffällig ist, dass die Stimmung Betroffener häufig zum Abend hin noch schlechter wird.

Wann beginnt und endet die Winterdepression?

Eine Winterdepression beginnt gewöhnlich im Spätherbst und endet im Frühjahr. In einigen Fällen können auch im Frühjahr noch vereinzelt Symptome auftreten.

Depressive Verstimmung: Wie erfolgt die Diagnose?

Wer eine depressive Verstimmung bei sich vermutet beziehungsweise entsprechende Beschwerden beobachtet, sollte unbedingt ärztlichen Rat einholen. Erste Anlaufstelle kann die hausärztliche Praxis sein. Um eine Winterdepression zu erkennen, wird zunächst im Rahmen der Anamnese erfragt,

  • seit wann die Beschwerden bestehen und
  • ob sie jedes Jahr etwa zur gleichen Zeit auftreten.

Für die sichere Diagnose müssen mindestens zwei typische Beschwerden bestehen, zu diesen zählen:

  • gedrückte Stimmung
  • Interessenverlust
  • Freudlosigkeit
  • Antriebsminderung

Zusätzlich müssen zwei weitere, unspezifische Nebensymptome vorliegen, wie:

Die Symptomatik muss über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen bestehen, damit eine depressive Verstimmung diagnostiziert wird.

Depressive Verstimmung: Welche Behandlung ist wirksam?

Eine depressive Verstimmung benötigt eine Therapie, die sich nach der Schwere der Beschwerden richtet. Ziel der Behandlung ist es,

  • Angstzustände zu lindern,
  • die Stimmung zu bessern und
  • zu vermeiden, dass sich chronische Depressionen (Dysthymie) ausbilden oder
  • es zu Rückfällen (Rezidive) kommt.

Gegen eine leichte depressive Verstimmung können bereits einfache Maßnahmen der Selbsthilfe helfen. So können Betroffene einiges tun, um die Produktion des Glückshormons Serotonin eigenständig anzukurbeln:

Bei stärkeren und länger anhaltenden Beschwerden ist es wichtig, ärztlichen Rat einzuholen und sich behandeln zu lassen. So kann etwa eine Psychotherapie sinnvoll sein. Auch folgende Behandlungen zeigen mitunter Wirkung:

Wichtig: Um mögliche Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu vermeiden, sollte eine Therapie mit Johanneskraut nur nach ärztlicher Absprache erfolgen. Vorsicht ist auch geboten, wenn Lichttherapie und Johanniskraut gleichzeitig verwendet werden: Johanniskraut macht lichtempfindlicher, es kann zu sogenannten phototoxischen Reaktionen kommen.

Was ist eine Lichttherapie (Phototherapie)?

Die Lichttherapie zielt darauf ab, dass der Körper mit ausreichend Sonnenlicht beziehungsweise vergleichbar hellem künstlichen Licht versorgt wird. Das kann in Form von ausgedehnten Spaziergängen geschehen oder mithilfe spezieller Lampen. Die Lichttherapie kann in der ärztlichen Praxis oder zu Hause vorgenommen werden. Derzeit ist die Lichttherapie als Behandlung einer depressiven Verstimmung eine IGel-Leistung, muss von den Patient*innen also selber gezahlt werden.

Medikamente gegen depressive Verstimmungen

Ist es nicht möglich, die Situation mit einfachen Maßnahmen wie Spaziergängen oder mit natürlichen Präparaten wie Johanniskraut zu bessern, kann es sinnvoll sein, vorübergehend Antidepressiva einzunehmen. Die Therapie setzt dabei dort an, wo depressive Verstimmungen entstehen: Medikamente sorgen dafür, dass wieder mehr Botenstoffe für die Signalübertragung zur Verfügung stehen.

Bei der Behandlung von Depressionen und depressiven Verstimmungen ist es wichtig, die Therapie fortzuführen, bis

  • die Stimmung über längere Zeit stabil ist und
  • Maßnahmen getroffen wurden, um Rückfällen vorzubeugen.

Depressive Verstimmung: Verlauf und Prognose

Wenn es sich bei der depressiven Verstimmung um eine Winterdepression handelt, nimmt diese meist einen typischen Verlauf:

  • In der Regel beginnt diese saisonal abhängige Depression im Herbst und hält bis zum Frühjahr an.
  • Die Symptome verschwinden anschließend häufig schlagartig und von selbst.
  • Im Frühjahr kann die Stimmung noch hin und wieder schwanken (Sonderform der Winterdepression, ähnlich einer bipolaren Störung).

Auch depressive Episoden, die sich nicht auf die dunkle Jahreszeit zurückführen lassen, treten, werden durch bestimmte Faktoren wie Traumata, Stress und Trauer ausgelöst oder verstärkt. Diese lassen sich, wie auch der Wintereintritt, kaum umgehen. Unterstützung durch Angehörige sowie Eigeninitiative begünstigen einen positiven Verlauf der depressiver Episoden und machen belastende Lebensphasen für Betroffene erträglicher.

Wichtig ist es jedoch, jede Form der depressiven Verstimmung ernst zu nehmen und nicht als belanglose Befindlichkeitsstörung abzutun. Halten die Symptome länger an oder treten immer wieder auf, sollte dies ärztlich abgeklärt werden. Bleiben die Beschwerden unbehandelt, besteht nämlich die Gefahr, dass die depressive Verstimmung mit der Zeit in eine chronische Erkrankung übergeht.

Lässt sich einer depressiven Verstimmung vorbeugen?

Grundsätzlich kann sich eine depressive Verstimmung in allen Jahreszeiten entwickeln. Da bei der Entstehung psychischer Erkrankungen wie Depressionen und depressiven Verstimmungen oftmals auch die Veranlagung eine Rolle spielt, lässt sich nur bedingt vorbeugen. Wer zu depressiven Verstimmungen neigt, kann dennoch einiges tun, um die Beschwerden zu vermeiden oder zumindest abzuschwächen.

Einer Winterdepression lässt sich etwa meist vorbeugen, indem die körpereigene Produktion des Glückshormons Serotonin angekurbelt wird. Dabei helfen Spaziergänge oder Sport im Freien – denn wer ausreichend Licht tankt und sich bewegt, sorgt dafür, dass mehr Serotonin ausgeschüttet wird.

Auch über die Ernährung lässt sich der Serotoninspiegel heben. Zwar gelangt in Lebensmitteln enthaltenes Serotonin nicht ins Gehirn, da es die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren kann – die Serotonin-Vorstufe Tryptophan überwindet diese Hürde jedoch. Die Aminosäure Tryptophan findet sich zum Beispiel in

  • Fisch,
  • Bananen,
  • Datteln,
  • Feigen,
  • und Schokolade.

Auch eine kohlenhydratreiche Ernährung kann die Stimmung kurzzeitig heben.