Eine Frau erleidet nachts einen Essanfall und macht sich in der Küche über Donuts her.
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Binge-Eating-Störung: Ursachen, Symptome und Behandlung

Viele Menschen essen hin und wieder mehr, als ihnen guttäte. Die krankhaften Essanfälle, die Menschen mit Binge-Eating-Störung erleben, sind jedoch etwas ganz anderes. Kummer, Essanfall, Scham, noch mehr Kummer: In diesem Teufelskreis sind Betroffene gefangen. Welche Ursachen hinter der Essstörung stecken können und wie sie sich behandeln lässt, erfahren Sie hier.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Was ist Binge Eating?

Die Binge-Eating-Störung (auch BES, Binge Eating Disorder, engl. binge = Gelage, Exzess) ist eine Ess­störung, die sich durch regelmäßige Es­sanfälle äußert. Die Betroffenen essen meist allein, in der Regel sehr schnell und entwickeln danach Schuldgefühle.

Aufgrund der großen Kalorienmengen, die sie bei den regelmäßigen Essattacken zu sich nehmen, sind Menschen mit Binge-Eating-Störung häufig übergewichtig. Zudem leiden sie psychisch: Da sie sich für ihre Esssucht schämen, grenzen sie sich häufig von ihren Freunden und Familienmitgliedern ab und fühlen sich dann zunehmend einsam. Auch ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Stimmung schadet die Störung – manchmal bis hin zur Depression.

Um solche und andere körperlichen und seelischen Konsequenzen zu vermeiden, ist es wichtig, dass Betroffene möglichst frühzeitig Hilfe erhalten.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit sind ein bis drei von 100 Menschen in Deutschland von einer Binge-Eating-Störung betroffen. Frauen erkranken häufiger als Männer. Männer entwickeln jedoch eher eine Binge-Eating-Störung als andere Essstörungen wie Magersucht (Anorexia nervosa) oder Bulimie.

Risikogruppe: Wer ist betroffen?

Unter übergewichtigen Menschen kommt die Binge-Eating-Störung auffallend häufig vor: Von ihnen haben etwa 15 bis 30 Prozent eine Binge-Eating-Störung. Essanfälle können bei Menschen aller Altersgruppen auftreten, auch bei Kindern. Die Störung entwickelt sich aber meist im jungen oder mittleren Erwachsenenalter.

Binge Eating: Ursachen

Die Ursachen von Binge Eating sind noch nicht vollständig geklärt. Man vermutet, dass ein Zusammenspiel verschiedener Einflüsse an der Entstehung der Binge-Eating-Störung beteiligt ist. Eine Rolle spielen wohl vor allem psychische Faktoren wie

  • eine starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper,
  • ein geringes Selbstwertgefühl und
  • belastende Gefühle wie Stress, Ärger, Wut, Frust und/oder Traurigkeit.

Emotionales Essen: Der Kühlschrank gegen Kummer

Das Grundproblem ist, dass die Betroffenen Essen zur Steuerung ihrer Gefühle nutzen: Sie versuchen, ihren Kummer oder ihre innere Anspannung durch Essen zu lindern. Sie empfinden die angenehmen Gefühle, die Essen hervorruft, als tröstlich. Diese Befriedigung ist allerdings nur von kurzer Dauer und wird im Verlauf der Essattacke durch Schuld, Scham und Selbstekel abgelöst.

Durch das Binge Eating geraten die Betroffenen also in einen Teufelskreis: Die Scham und der Selbstekel verstärken ihren Kummer, was zu erneuten Essanfällen führt – welche wiederum noch mehr Kummer nach sich ziehen.

Führen Diäten zu einer Binge-Eating-Störung?

Häufig gehen der Binge-Eating-Störung eine lang andauernde Unzufriedenheit mit der eigenen Figur und viele Diäten voraus. Gerade gescheiterte Diätversuche scheinen eine Binge-Eating-Störung zu begünstigen. Denn strenge Restriktion über einen längeren Zeitraum führt zu einem hohen Fokus auf das Thema Essen und begünstigt Heißhunger.

Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Diät zwangsläufig zu der Essstörung führt. Die Entstehung dieser Erkrankung ist komplex und lässt sich meist nicht eindeutig auf eine Ursache zurückführen.

Binge Eating: Typische Symptome

Eine Binge-Eating-Störung ist für Außenstehende nicht leicht zu erkennen. Betroffene versuchen meist, ihre Krankheit geheim zu halten. Zudem entwickelt sich die Essstörung oft schleichend, sodass einige Erkrankte zunächst Schwierigkeiten haben, ihr gestörtes Essverhalten richtig einzuordnen. Diese Anzeichen können auf Binge Eating hindeuten:

  • Regelmäßige, unkontrollierte Essanfälle: Die Betroffenen verschlingen innerhalb kurzer Zeit – oft innerhalb weniger Stunden – große Nahrungsmengen und essen auch weiter, wenn sie längst satt sind.
  • Heimliches Essen: Betroffene von Binge Eating sind in der Regel allein, wenn sie einen Essanfall haben. Bei Mahlzeiten in Gesellschaft halten sie sich eher zurück, das gemeinsame Speisen wird häufig vermieden.
  • Ständiges Gedankenkreisen um Nahrungsmittel: Typisch für Binge Eating ist ein hoher Fokus auf Nahrung und Nahrungsmittel. Betroffene können sich kaum auf Dinge konzentrieren, die nichts mit Essen zu tun haben. Sie verbringen etwa viel Zeit mit der Planung von Mahlzeiten und mit der Recherche von Rezepten.
  • Soziale Isolation: Menschen mit Binge Eating ziehen sich im Laufe ihrer Erkrankung oft immer mehr zurück. Sie sagen Treffen ab und meiden soziale Kontakte – etwa aus Sorge, vor anderen essen zu müssen und die Kontrolle zu verlieren.
  • Kontrollverlust: Während der Essanfälle haben die Betroffenen das Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren. Sie schaffen es nicht, die Nahrungsaufnahme zu unterbrechen.
  • Störung der Hunger- und Sättigungssignale: Betroffene verlernen, wie sich Hunger und Sättigung anfühlen. Intuitives Essen ist nicht mehr möglich.
  • Scham und Schuldgefühle: Im Anschluss an einen Essanfall fühlen sich Betroffene schuldig und bereuen, so viel gegessen zu haben. Das unangenehme Völlegefühl verstärkt diese Emotionen.
  • Selbstentwertung: Menschen mit Binge Eating haben in der Regel ein sehr negatives Körperbild: Sie fühlen sich unwohl oder hassen ihren Körper sogar.
  • Übergewicht: Daher führt Binge Eating auch häufig zu Übergewicht (Adipositas). Dieses kann verschiedene körperliche Krankheiten hervorrufen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen.

Wichtig: Übergewicht ist nicht zwangsläufig ein Kriterium der Binge-Eating-Störung. Auch Menschen im Normalgewicht können betroffen sein. Dass die Zahl auf der Waage kein sicherer Hinweis auf eine Erkrankung ist, gilt übrigens auch für andere Essstörungen.

Wie wird Binge Eating diagnostiziert?

Erste Anlaufstelle bei Verdacht auf Binge Eating kann die hausärztliche Praxis sein. Erhärtet sich der Verdacht auf eine Binge-Eating-Störung, erfolgt in der Regel eine Überweisung zu einer fachärztlichen Praxis – zum Beispiel zu einem*einer Psychotherapeut*in. Die Diagnose der Essstörung erfolgt anhand der typischen Beschwerden: Berichten Patient*innen über Essanfälle, die mit einem Gefühl des Kontrollverlustes einhergehen, wird dies bereits als deutliches Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten gewertet.

Diagnosekriterien für Binge Eating

Von einer Binge-Eating-Störung sprechen Ärzt*innen und Psycholog*innen erst, wenn Erkrankte seit längerer Zeit wiederholt Essanfälle erleben. Nach den Vorgaben des amerikanischen Diagnose-Handbuchs Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) müssen die Essanfälle an mindestens zwei Ta­gen pro Wo­che ü­ber einen Zeitraum von einem halben Jahr auftreten, damit von einer Binge-Eating-Störung die Rede sein darf.

Wichtiger Bestandteil der Diagnose ist auch die Abgrenzung zu Bulimia nervosa  (Bulimie, Ess-Brech-Sucht) . Bei dieser Essstörung treten ebenfalls Essattacken und anschließende Schuldgefühle auf. Menschen mit Bulimie versuchen aber, durch drastische Maßnahmen zu verhindern, dass die aufgenommene Nahrungsmenge zu einer Gewichtszunahme führt, zum Beispiel durch

  • selbst ausgelöstes Erbrechen,
  • Fasten,
  • übermäßige körperliche Anstrengung zum Verbrennen von Kalorien sowie
  • die Einnahme von Abführmitteln.

Schildert der*die Patient*in derartige Verhaltensweisen, spricht dies gegen eine Binge Eating Disorder und für eine Bulimie. Eine Binge-Eating-Störung kann jedoch in eine Bulimie übergehen und umgekehrt.

Diagnose von Begleiterkrankungen

Die Binge-Eating-Störung tritt oft gemeinsam mit anderen körperlichen und seelischen Erkrankungen auf. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von Komorbidität. Zu den häufigsten komorbiden Störungen von Binge Eating zählen etwa

Ob diese Erkrankungen Auslöser der Essstörung sind oder umgekehrt, lässt sich oft nicht sicher feststellen. Es ist auch denkbar, dass mehrere psychische und körperliche Erkrankungen gleichzeitig auftreten, ohne dass eine Erkrankung die andere verursacht hat. Wichtig ist in jedem Fall, dass alle Begleiterkrankungen erkannt und bei der Planung der Therapie mitberücksichtigt werden.

Wie wird Binge Eating behandelt?

Die Therapie der Binge-Eating-Störung hat zum Ziel, dass die Betroffenen

  • ein gesünderes Essverhalten und ein besseres Gespür für Hunger und Sättigung entwickeln,
  • andere Wege finden, mit negativen Gefühlen umzugehen und
  • ein normales Gewicht erreichen.

Helfen können bei einer Binge-Eating-Störung insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie sowie die sogenannte interpersonelle Psychotherapie.

Interpersonelle Psychotherapie

Bei dieser Therapieform geht es darum, dass die Betroffenen ihre Beziehungen zu anderen Menschen verbessern. Denn häufig entstehen die inneren Spannungen und die belastenden Gefühle, die zu den krankhaften Essanfällen führen, durch Konflikte und ungesunde Beziehungen. In der Therapie können Betroffene lernen, wie sie gesunde Beziehungen zu anderen aufbauen und besser mit zwischenmenschlichen Konflikten umgehen können.

Abnehmen mit Binge-Eating-Störung

Viele Menschen mit Binge-Eating-Störung sind übergewichtig oder fettleibig. Da Übergewicht vielerlei körperliche Probleme und Erkrankungen hervorrufen kann, ist es wichtig, dass Betroffene ein normales Gewicht erreichen. Allerdings birgt eine Gewichtsreduktion durch strenge Diäten die Gefahr, dass sich die Essstörung verschlimmert. Daher sind Diäten für Menschen mit Binge Eating Disorder normalerweise nicht empfehlenswert.

Häufig verhilft ihnen bereits die Psychotherapie zu einem gesünderen Umgang mit Essen. Auch eine Ernährungsberatung und Sport können dazu beitragen, das Übergewicht abzubauen. Welche Abnehm-Maßnahmen geeignet sein könnten, sollten Betroffene in ärztlicher Absprache entscheiden.

Binge Eating: Verlauf und Prognose

Unbehandelt kann die Binge-Eating-Störung zu einer Reihe von Problemen führen. Viele Betroffene ziehen sich immer stärker aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld zurück und/oder haben Schwierigkeiten, ihrem Beruf und Freizeitaktivitäten nachzugehen. Im schlimmsten Fall zieht die Essstörung andere Erkrankungen nach sich. Vor allem gesundheitliche Probleme, die aufgrund von Übergewicht entstehen, sowie Depressionen, können ernsthafte Konsequenzen haben.

Die gute Nachricht: Die Binge-Eating-Störung lässt sich in der Regel gut in den Griff bekommen – deutlich besser als andere Essstörungen. Etwa zwei Drittel der Betroffenen gelingt es, die Störung mithilfe einer Psychotherapie zu überwinden und zu einem gesunden Essverhalten zurückzufinden. Auch das Rückfallrisiko ist gering.

Wie kann man Binge Eating vorbeugen?

Oft ist die Binge-Eating-Störung Folge eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Einflüsse. Daher ist es grundsätzlich schwierig, dieser Störung vorzubeugen. Dennoch gibt es einige Risikofaktoren, die es zu vermeiden gilt.

Was Eltern tun können

Bis zu einem gewissen Maß können Eltern mit der Erziehung dazu beitragen, dass ihr Kind ein gesundes Verhältnis zu Essen aufbaut und einen bewussten Umgang mit negativen Gefühlen erlernt. Förderlich ist es etwa, wenn die Eltern Rücksicht auf das Hunger- und Sättigungsgefühl des Kindes nehmen und dem Kind kein Essen aufdrängen. Auch sollten Eltern Essen niemals als Belohnung oder Trostmittel einsetzen.

Gerade jüngere Kinder orientieren sich in ihrem Verhalten stark an ihren Eltern. Daher ist es wichtig, dass Eltern versuchen, ihren Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Im Idealfall ...

  • ... pflegen sie selbst eine gute Beziehung zu ihrem Körper.
  • ... machen sie ihr Selbstwertgefühl nicht von ihrem Erscheinungsbild beziehungsweise ihrem Gewicht abhängig und beurteilen auch Mitmenschen nicht nach deren Aussehen.
  • ... essen sie ausgewogen und maßvoll und nur, wenn sie hungrig sind.
  • ... überwinden sie Stress und Kummer nicht, indem sie essen, sondern entwickeln gesündere Bewältigungsstrategien.

Generell ist die Erziehung jedoch nur ein Faktor von vielen, der bei der Entstehung von Essstörungen wie Binge Eating eine Rolle spielen kann.

Frühzeitige Hilfe ist wichtig

Um den seelischen und körperlichen Problemen vorzubeugen, die die Binge-Eating-Störung nach sich ziehen kann, ist es wichtig, dass Betroffene frühzeitig professionelle Hilfe erhalten. Wer bei einer nahestehenden Person Anzeichen eines gestörten Essverhaltens bemerkt, sollte daher darauf hinwirken, dass sie ärztlichen Rat aufsucht.