Eine  besorgt aussehende junge Frau schaut auf das Fieberthermometer.
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Hypochondrie (hypochondrische Störung)

Hypochonder werden häufig als "eingebildete Kranke" oder "Simulanten" dargestellt. Zu Unrecht. Die Krankheit ist allerdings nicht körperlicher, sondern psychischer Natur. Eine hypochondrische Störung kann mit einem erheblichen Leidensdruck verbunden sein. Lesen Sie, woran man die Hypochondrie erkennt und wie sie sich behandeln lässt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Hypochondrie: Überblick

Ein Druck im Magen, hin und wieder Kopfschmerzen, nächtliches Schwitzen – solche Beschwerden können viele Ursachen haben. Oft sind sie harmlos. Die meisten sind beruhigt, wenn der Arzt Entwarnung gibt und keine körperliche Ursache findet.

Bei Menschen, die an Hypochondrie (hypochondrische Störung) leiden, ist es anders: Sie sind davon überzeugt, ernsthaft körperlich krank zu sein, obwohl es keinen medizinischen Hinweis dafür gibt. Auch wenn mehrere Ärzte eine organische Ursache ausschließen konnten, fühlen sie sich nicht beruhigt. Sie glauben, dass man etwas übersehen haben muss und drängen auf weitere Untersuchungen.

Viele Hypochonder fühlen sich in ihrem Alltag sehr eingeschränkt. Zum Beispiel kann ihre berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sein. Aber auch die Beziehungen zu anderen Menschen können leiden. Weisen nahestehende Personen darauf hin, dass es sich möglicherweise um eine psychische Erkrankung handelt, fühlen sich die Betroffenen meist nicht ernst genommen.

Video: Warum Hypochonder keine Simulanten sind

Hypochondrie zählt zu den somatoformen Störungen

Die Hypochondrie ist eine Form der somatoformen Störung. Typisch für eine somatoforme Störung: Der Betroffene verspürt körperliche Beschwerden, ohne dass der Arzt eine organische Ursache finden kann. Im Gegensatz zu Personen mit anderen somatoformen Störungen ordnen Hypochonder ihre Symptome meist einer bestimmten Krankheit zu. So glauben Sie etwa, an Krebs oder einer Nervenerkrankung wie multipler Sklerose erkrankt zu sein.

Schätzungen zufolge leiden etwa 4 von 100 Personen an einer hypochondrischen Störung. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.

Lesen Sie mehr zum Thema: Was ist eine somatoforme Störung?

Hypochondrie: Symptome

Menschen mit hypochondrischer Störung ...

  • sind überzeugt davon, ernsthaft erkrankt zu sein, obwohl eine körperliche Krankheit ausgeschlossen wurde
  • spüren immer wieder in seinen Körper hinein und sehen körperliche Missempfindungen als Beweis für eine ernste Erkrankung
  • überprüfen permanent körperliche Funktionen (z. B. Körpertemperatur, Blutdruck, Puls …)
  • stellen einen unauffälligen Arztbefund infrage und suchen immer wieder andere Ärzte auf (sog. "doctor-shopping").

Hypochonder berichten häufig von sehr unterschiedlichen körperlichen Symptomen, die oft wechseln und verschiedene Körperbereiche betreffen. Nicht selten haben die Betroffenen Personen in ihrem näheren Umfeld, die eine körperliche Erkrankung haben, die mit ähnlichen Beschwerden einhergeht. Hinzu kommen meist psychische Beschwerden wie Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Erschöpfung, Angst oder Konzentrationsprobleme.

In manchen Fällen unterziehen sich Hypochonder sogar risikoreichen operativen Eingriffen, von denen sie sich Hinweise auf die Ursache ihrer Beschwerden erhoffen. Die Möglichkeit, dass ihre Beschwerden psychische Ursachen haben, schließen sie aus.

Charakteristisches Symptom einer Hypochondrie ist, dass die Betroffenen gedanklich immer wieder damit beschäftigt sind, ernsthaft krank zu sein. Die Sorge, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden, ist groß. Entsprechend fokussieren sich Menschen mit Hypochondrie auf körperliche Symptome – und spüren verstärkt in ihren Körper hinein. Schon kleine körperliche Missempfindungen oder Veränderungen sehen sie als Beweis, dass sie tatsächlich krank ist. Einige Beispiele:

  • Ein leicht erhöhter Puls nach dem Treppensteigen ist völlig normal. Ein Mensch mit Hypochondrie, der glaubt, eine schwere Herzerkrankung zu haben, sieht sich jedoch in dieser Annahme bestätigt, wenn das Herz rast.
  • Vorübergehende Verdauungsbeschwerden nach einem üppigen Mahl sind für die meisten Menschen kein Anlass, sich Sorgen zu machen. Für eine Person mit hypochondrischer Störung, die davon überzeugt ist, an Darmkrebs erkrankt zu sein, sind die Symptome hingegen ein Beweis, dass sie wirklich krank ist.
  • Gelegentliche Kopfschmerzen können für einen Betroffenen die Bestätigung sein, dass er einen Hirntumor hat.

Hypochondrie: Ursachen

Eine hypochondrische Störung entsteht im Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Hypochonder haben oft negative Erfahrungen mit Krankheiten gemacht – etwa, weil sie selbst oder ein Angehöriger schon einmal ernsthaft erkrankt waren. Zudem spielt eine Rolle, wie die Eltern mit Krankheit und Beschwerden umgegangen sind. Und auch genetische Faktoren sind an der Entstehung beteiligt.

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine Hypochondrie gehört ein gesteigertes Erregungsniveau: Schon bevor die ersten Anzeichen der Störung auftreten, zeigen viele spätere Hypochonder eine hohe psycho-physiologische Reaktivität. Das bedeutet zum Beispiel, dass sie auf Reize besonders schnell mit erhöhtem Herzschlag reagieren.

Außerdem haben hypochondrische Menschen eine besonders niedrige Wahrnehmungsschwelle für körperliche Reize. Sie können beispielsweise ihren Puls leichter spüren als andere. Nicht zuletzt neigen (spätere) Hypochonder zum Katastrophendenken. Sie bewerten Ereignisse oft extrem negativ. Hypochonder sind zudem meist ängstliche Menschen und neigen eher zu Angsterkrankungen als andere Personen.

Kommen psychische Belastungen oder Stress hinzu, kann sich eine hypochondrische Störung entwickeln. Schon kleinste, in der Regel harmlose Beschwerden wie Spannungskopfschmerzen oder Verstopfung sind für die Betroffenen ein Hinweis auf eine ernste Erkrankung. Die Folge: Sie spüren verstärkt in ihren Körper hinein.

Leicht entsteht so ein Teufelskreis, durch den sich die Hypochondrie festigt:

  • Die Gewissheit, krank zu sein, erhöht das Stresslevel und steigert die Aufmerksamkeit für Beschwerden. Meist versuchen Betroffene, in der Fachliteratur und im Internet mehr Informationen über ihr Leiden zu finden.
  • Durch die erhöhte Anspannung und das ständige "Hineinspüren in den Körper" nehmen Menschen mit hypochondrischer Störung vermehrt Symptome wahr, was sie in ihrer Annahme bestätigt, krank zu sein.
  • Durch immer wieder neue Untersuchungen und Arztbesuche wollen sie sich vergewissern, dass alles in Ordnung ist, können es jedoch nicht glauben, wenn der Arzt nichts finden konnte.
  • Zusätzlich schonen sich Personen mit Hypochondrie aus Sorge um ihre Gesundheit und vermindern dadurch ihre körperliche Belastbarkeit. So kann es passieren, dass schon kleinere Anforderungen zu körperlichen Beschwerden wie zum Beispiel Atemnot und Herzstolpern führen – was wiederum dazu führt, dass sich die Betroffenen bestätigt fühlen, krank zu sein.

Hypochondrie aus psychoanalytischer Sicht

Aus Sicht von Psychoanalytikern liegen einer Hypochondrie ungelöste innere Konflikte zugrunde, die durch Schuldgefühle oder Angst entstehen. Die Betroffenen verschieben ihre Aufmerksamkeit ganz auf körperliche Störungen, um sich nicht mit den tatsächlich zugrunde liegenden Konflikten auseinandersetzen zu müssen.

Die körperlichen Beschwerden haben demnach zum Teil einen symbolischen Charakter: So könnten zum Beispiel Augenprobleme aus Sicht des Psychoanalytikers ein Ausdruck dafür sein, etwas nicht sehen zu wollen. Diese Annahme spiegelt sich auch in Ausdrücken wie "Mir ist etwas auf den Magen geschlagen" oder "Das bereitet mir Kopfschmerzen" wider.

Hypochondrie: Diagnose

Häufig berichten Menschen mit hypochondrischer Störung von immer wechselnden oder vielen unterschiedlichen Beschwerden. Auch psychische Begleitsymptome wie Unruhe, Erschöpfung oder Angst können auf eine Hypochondrie hinweisen.

Im Gespräch wird der Arzt/Therapeut zum Beispiel wissen wollen,

  • welche Beschwerden sein Patient genau hat,
  • seit wann die Beschwerden bestehen,
  • welche Behandlungen und Untersuchungen bereits durchgeführt wurden und/oder,
  • ob den Beschwerden ein belastendes Ereignis vorausgegangen ist (z. B. ein Krankheitsfall in der Familie, besondere psychische Belastungen …).

Vor der Diagnosestellung muss sicher sein, dass nicht doch eine körperliche Ursache hinter den Beschwerden steckt. Oft haben die Betroffenen schon viele ärztliche Untersuchungen bei anderen Ärzten hinter sich. Im Zweifel ist es jedoch wichtig, dass der Arzt seinen Patienten nochmals gründlich untersucht. Das gilt insbesondere, wenn seit der letzten Untersuchung weitere Symptome hinzugekommen sind.

Es gibt psychische Erkrankungen, die mit ähnlichen Symptomen einhergehen können wie eine Hypochondrie. Dazu zählen zum Beispiel andere somatoforme Störungen, Depressionen oder Angststörungen.

Hypochondrie: Therapie

Eine Hypochondrie wird in der Regel psychotherapeutisch behandelt. Ergänzend können Antidepressiva zum Einsatz kommen. Bis sich Menschen mit einer hypochondrischen Störung in eine Therapie begeben, vergeht jedoch oft viel Zeit – denn sie sind überzeugt davon, körperlich krank zu sein. Meist haben die Betroffenen schon einen langen Leidensweg hinter sich, wenn sie eine Psychotherapie beginnen.

Insbesondere die Verhaltenstherapie gilt bei der Behandlung einer Hypochondrie als erfolgversprechend. Die Wirksamkeit dieser Therapieform ist am besten untersucht und erwiesen. Welche Behandlung jedoch im Einzelfall am besten geeignet ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, so zum Beispiel von den persönlichen Vorlieben der Person.

Ziel der Therapie ist es nicht, körperliche Beschwerden zu beseitigen. Vielmehr kann es darum gehen, die Erkrankung zu verstehen und mögliche Beeinträchtigungen im Lebensalltag zu verringern.

Lesen Sie mehr zum Thema: Wie läuft eine Psychotherapie ab?

Verhaltenstherapie

In einer Verhaltenstherapie lernen Menschen mit hypochondrischer Störung zum Beispiel,

  • wie ihre Gedanken, Verhaltensweisen und Gefühle sich gegenseitig beeinflussen und wie eine Hypochondrie entstehen kann,
  • wie ängstliche Selbstbeobachtung und Schonhaltung die Beschwerden verstärken,
  • unter welchen Bedingungen sich die individuelle Symptomatik verändert,
  • mit welchen Situationen (z.B. Konflikte in der Familie oder eine hohe Arbeitsbelastung) diese Veränderungen in Verbindung stehen und
  • wie sie negative Denkmuster erkennen und dauerhaft verändern können.

Die Erkrankten lernen in der Therapie, ihre bisherigen Bewertungen von körperlichen Beschwerden kritisch zu hinterfragen. Das bedeutet zum Beispiel zu erkennen, dass ein schnell schlagendes Herz nicht unbedingt auf eine Krankheit hinweisen muss, sondern dass es andere, harmlose Erklärungen dafür geben kann – etwa Angst, Stress oder körperliche Anstrengung.

Auch Konfrontationsübungen können im Rahmen der Verhaltenstherapie zum Einsatz kommen. Die Person muss sich in den Übungen ihren Ängsten und Befürchtungen stellen – und beispielsweise aushalten, dass sie in Zukunft nicht ständig den Arzt wechselt.

Hilfreich kann es sein, nahestehende Personen in die Therapie einzubeziehen und ihnen zu verdeutlichen, wie sie den Patienten/Klienten am besten unterstützen können.

Lesen Sie mehr zum Thema: Was passiert in einer Verhaltenstherapie?

Ergänzende Therapiemöglichkeiten

Manche Personen mit einer hypochondrischen Störung empfinden eine Entspannungstechnik als angenehm. Durch gezielte Entspannung können sie körperliche und seelische Anspannung abbauen. Zu Entspannungstechniken zählen zum Beispiel

Körperliche Bewegung kann sich positiv auf den Erkrankungsverlauf auswirken.

Auch Biofeedback kann helfen: Bei dieser Technik werden Körperfunktionen wie Herzschlag oder Blutdruck durch Lautsprecher oder Bildschirm sicht- und hörbar gemacht. So kann die Person lernen, wie ihre Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen die Körperfunktionen beeinflussen: So führt Angst (vor einer Erkrankung) beispielsweise dazu, dass der Blutdruck steigt und das Herz schneller schlägt.

Ist der Leidensdruck sehr hoch, können ergänzend zur Psychotherapie Medikamente hilfreich sein. So wird der Arzt zum Beispiel Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer verschreiben.

Hypochondrie: Verlauf

Menschen mit Hypochondrie sind überzeugt davon, körperlich krank zu sein, und suchen deswegen verschiedene Ärzte auf. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Therapie ist jedoch die Einsicht, an einer psychischen Erkrankung zu leiden. Daher haben die Betroffenen oft einen langen Leidensweg hinter sich, bis sie sich in psychologische Behandlung begeben.

Eine hypochondrische Störung nimmt oft einen chronischen Verlauf. Das bedeutet: Die Erkrankung bleibt über einen langen Zeitraum hinweg bestehen. Die Beschwerden können dabei in ihrer Intensität schwanken. Mithilfe einer Psychotherapie ist es jedoch möglich, eine hypochondrische Störung in den Griff zu bekommen.