Eine junge Frau grübelt traurig vor sich hin.
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Bulimie: Ursachen, Symptome und Behandlung der Essstörung

Essanfälle gefolgt von starken Schuldgefühlen und Gegenmaßnahmen: Menschen, die an Bulimie erkranken, nehmen innerhalb kurzer Zeit große Nahrungsmengen zu sich. Im Anschluss versuchen sie, das Gegessene schnellstmöglich loszuwerden – indem sie sich etwa übergeben oder exzessiv Sport treiben. Hier erfahren Sie, welche Anzeichen auf Bulimie hindeuten, welche Folgen drohen und wie eine Therapie aussehen kann.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Bulimie

Sowohl Bulimie als auch Binge-Eating kennzeichnen sich durch unkontrollierte Essanfälle, gefolgt von Scham und Schuldgefühlen. Menschen mit Bulimie ergreifen nach einer solchen Essattacke jedoch Gegenmaßnahmen, um die aufgenommenen Kalorien wieder loszuwerden. Binge-Eating-Erkrankte tun das nicht.

Nein. Zwar erbrechen viele Betroffene nach einem Essanfall. Doch es gibt zahlreiche weitere Maßnahmen, mit denen die Erkrankten das Gegessene wieder loszuwerden versuchen – etwa exzessive Sporteinheiten, stunden- oder tagelanges Fasten, Abführmittel oder Appetitzügler.

Betroffene leben ihre Krankheit oft heimlich aus und haben Angst, dass ihre Bulimie auffliegen könnte. Bei Angehörigen ist daher Fingerspitzengefühl gefragt. Wichtig ist, die*den Erkrankte*n ernstzunehmen und Hilfe anzubieten, aber keinen Druck auszuüben. Eine Behandlung ist nur möglich, wenn der*die Betroffene dazu bereit ist.

Je nachdem, mit welcher Symptomatik die Bulimie einhergeht, kann die Erkrankung dem Körper langfristig schaden. Erbrechen sich die Betroffenen, schädigt das den Magen, die Speiseröhre und die Zähne. Zudem kommt es zu Nährstoffmangel und Hautproblemen. Auch Haarausfall, Elektrolytstörungen und Muskelkrämpfe sind häufige Spätfolgen.

Was ist Bulimie?

Bulimie (Bulimia nervosa, Ess-Brechsucht) ist eine Essstörung. Betroffene verspüren immer wieder das Bedürfnis, in kürzester Zeit große Mengen Nahrung zu sich zu nehmen. Dadurch stellen sich vorrübergehend angenehme Gefühle wie Entspannung oder Trost ein. Das betäubende Gefühl eines vollen Magens kann zudem dafür sorgen, dass Betroffene von ihren Problemen abgelenkt sind.

Die Erleichterung, die ein Essanfall mit sich bringt, hält allerdings nur kurz. Dann setzen meist Scham und Schuldgefühle ein, auch Wut und Selbstekel können vorkommen. Um diesen Zustand schnellstmöglich zu beenden, ergreifen Betroffene Gegenmaßnahmen – indem sie sich absichtlich erbrechen, bis zur Erschöpfung Sport treiben oder Medikamente wie Abführmittel einnehmen.

Wer ist betroffen?

Schätzungen zufolge erkranken ein bis zwei von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens an Bulimia nervosa. Die psychische Erkrankung tritt wie auch andere Essstörungen vorwiegend im Jugendalter auf. Doch auch im Erwachsenenalter kann sich die Essstörung entwickeln. Laut aktueller Zahlen sind in drei von vier Fällen Frauen betroffen. Fachleuten zufolge dürfte die Dunkelziffer der erkrankten Männer aber deutlich höher sein.

Ein besonders hohes Risiko, an Bulimie zu erkranken, besteht bei Leistungssportler*innen – insbesondere in Sportarten, bei denen die Figur und Gewicht eine große Rolle spielen. Das ist etwa bei Bodybuilding, Kampfsport, Turnen, Ballett und Eiskunstlauf der Fall.

Für Außenstehende ist die Krankheit oft nicht sichtbar. Im Gegenteil: Betroffene befinden sich meist im Normalgewicht, ihr Essverhalten wirkt zudem oft besonders gesund. Erkrankte versuchen, nach außen hin den Schein zu wahren. Vor anderen Menschen zu essen, ist für sie meist eine Herausforderung. So schränken sie ihr Essverhalten stark ein, im Anschluss und hinter verschlossener Tür kommt es dann oft zu Essanfällen.

Selbsttest: Habe ich eine Essstörung?

Wie entsteht Bulimie?

Eine Bulimie entsteht durch ein Zusammenspiel aus psychischen und biologischen Ursachen.

Genetische Disposition

Häufig erkranken mehrere Menschen innerhalb einer Familie an einer Essstörung. Das lässt sich zwar nicht allein auf die Gene zurückführen, sondern auch auf problematische Verhaltens- oder Denkmuster, die in der Familie vermittelt werden. Studien mit Zwillingen legen aber nahe, dass die Erbanlagen tatsächlich einen erheblichen Einfluss haben: Wenn ein eineiiger Zwilling Bulimie hat, erkrankt häufig auch der andere Zwilling daran. Bei zweieiigen Zwillingen trifft die Erkrankung deutlich seltener beide Geschwister.

Übergewicht

Viele Betroffene waren in ihrer Kindheit übergewichtig und/oder haben übergewichtige Eltern. Der Wunsch nach einer schlanken Figur treibt sie dann – meist in der Pubertät – dazu, ihr Essverhalten rigoros einzuschränken und zu kontrollieren. Sie beginnen, für immer längere Zeiträume komplett auf Nahrung zu verzichten. Auf das Hungern folgen früher oder später exzessive Essanfälle.

Geringes Selbstwertgefühl

Die psychischen Vorgänge, die an der Entstehung einer Bulimie mitwirken, sind in der Regel vielschichtig und komplex. Die meisten Betroffenen haben ein geringes Selbstwertgefühl. Selbstwertprobleme allein sind zwar nie die alleinige oder direkte Ursache der Essstörung. Typisch ist aber, dass die Erkrankten ihren Selbstwert in Abhängigkeit von ihrer Figur und ihrem Gewicht wahrnehmen. Diese Verknüpfung ist es, die eine Bulimie begünstigt – oft ausgelöst durch das in der Gesellschaft vorherrschende schlanke Schönheitsideal.

Traumata

Häufig gehen dem Beginn der Erkrankung belastende Ereignisse (Traumata wie Missbrauch oder Gewalterfahrungen) voraus, die starken seelischen Leidensdruck hervorrufen, mitunter bis hin zur Depression. Diese leidvollen Gefühle sind häufig der Auslöser der Essstörung, zudem können sie diese auch verschlimmern: Je schlechter es den Betroffenen psychisch geht, desto ausgeprägter werden ihre Symptome.

Essen als Konfliktbewältigung

Menschen mit Bulimie versuchen, über die Essanfälle emotionale Konflikte zu bewältigen, mit denen sie anders nicht fertigwerden. Das Essen verschafft ihnen für einen kurzen Moment eine suchtähnliche Befriedigung, die tröstlich sein kann. 

Bulimie: Welche Symptome sind typisch?

Betroffene haben Essattacken, sie nehmen innerhalb eines kurzen Zeitraums große Nahrungsmengen zu sich. Zwar planen einige Erkrankte die Essanfälle sogar und kaufen dafür ein, haben dann aber während der Anfälle oft nicht mehr im Griff, wie viel sie essen. Typischerweise greifen sie dabei vor allem zu besonders kalorienreichen Lebensmitteln, die sie sich sonst untersagen – etwa kohlenhydratreiche Speisen, Süßigkeiten und Fast Food.

Meist fühlen sich die Betroffenen im Laufe der Essanfälle immer schlechter, sowohl körperlich als auch seelisch. Die kurzfristige Befriedigung geht in ein unangenehmes Völlegefühl über. Außerdem machen sich Scham- und Schuldgefühle breit, begleitet von der großen Angst, durch die zusätzlichen Kalorien zuzunehmen. Um all dem entgegenzuwirken, versuchen die Betroffenen anschließend, ihren Essanfall auszugleichen, indem sie drastische Gegenmaßnahmen ergreifen:

  • Sie erbrechen sich absichtlich – und in der Regel heimlich.
  • Einige Betroffene treiben exzessiv Sport, teilweise bis zum Zusammenbruch.
  • Mitunter nehmen Bulimiker*innen Medikamente wie Abführmittel (Laxantien), Entwässerungstabletten oder Appetitzügler ein.
  • Eine weitere Maßnahme ist Fasten: Betroffene essen nach einem Essanfall über einen längeren Zeitraum nichts mehr.

Der Teufelskreis aus Essanfällen und Restriktion führt langfristig dazu, dass Betroffene ihre natürlichen Hunger- und Sättigungssignale nicht mehr erkennen. Intuitives Essen ist dann nicht mehr möglich, was es Erkrankten schwer macht, zu einem normalen Essverhalten zurückzufinden.

Typische Symptomatik bei Bulimie: Body Checking

Ein Warnsignal, das auf eine Essstörung wie Bulimie hindeuten kann, ist der ständige Fokus auf den eigenen Körper sowie das Körpergewicht. Dieses körperbezogene Kontrollverhalten wird „Body Checking“ genannt. Betroffene betrachten sich über das normale Maß hinaus im Spiegel, dokumentieren (vermeintliche) Veränderungen des eigenen Körpers mithilfe von Fotos und Videos, wiegen und messen sich mehrmals täglich und tasten bestimmte Körperteile ab.

Charakteristisch ist auch das ständige Gedankenkreisen um das Thema Essen. Wann, wie und welche Mahlzeit als nächstes gegessen wird, nimmt einen so großen Raum im Leben der Betroffenen ein, dass kaum Energie für anderes bleibt. Deshalb ziehen sich Erkrankte oft zurück und schränken ihre sozialen Kontakte ein.

Bulimie geht oft mit anderen Essstörungen einher

Die bulimischen Verhaltensweisen sind zum Teil auch charakteristisch für andere Essstörungen, etwa Magersucht (Anorexia nervosa) oder Sportsucht. Auch ein zwanghaft gesundes Essverhalten (Orthorexie), sowie eine Körperschemastörung (Dysmorphophobie), bei der die Selbstwahrnehmung verzerrt ist, lässt sich bei Betroffenen häufig als Begleiterkrankung diagnostizieren.

Auch ein Wechsel zwischen verschiedenen Störungen kommt vor. Besonders häufig entwickelt sich etwa eine Anorexie zu einer Bulimie. Denn während einer Magersucht schränken Erkrankte ihre Nahrungszufuhr so drastisch ein, dass der Körper nach einer gewissen Zeit mit extremem Heißhunger reagiert. In Folge kommt es zu Essattacken.

Bulimie: "Hamsterbacken" und andere körperliche Symptome

Bei manchen Betroffenen vergrößern sich durch das ständige Erbrechen die Speicheldrüsen, vor allem die Ohr- und Zungengrundspeicheldrüsen. Die Folge sind geschwollene Wangen – sogenannte Hamsterbacken. Darüber hinaus kann sich eine Bulimie im Gesicht durch folgende Anzeichen äußern:

Warum schädigt Bulimie die Zähne?

Beim Erbrechen gelangt Magensaft in den Mund. Dieser enthält Salzsäure, eine aggressive Säure, die irgendwann Spuren im Mund hinterlässt: Die angegriffene Zahnoberfläche wird glatter und die Schneidekanten werden durchscheinend. Das Zahnfleisch kann sich entzünden. Mitunter versuchen die Betroffenen, durch übermäßige Zahnhygiene gegenzusteuern. Akribisches Schrubben kann das Problem allerdings noch verschlimmern.

Folgen von Bulimie

Eine Bulimie kann zum einen großes psychisches Leid verursachen. Die Betroffenen haben ständig mit belastenden Gedanken und Gefühlen wie Scham, Schuld, Angst und Traurigkeit zu kämpfen. Mitunter geht die Bulimie auch mit anderen seelischen Erkrankungen wie einer Depression oder Sozialphobie einher.

Zum anderen wirkt sich Bulimie langfristig auch schädigend auf den Körper aus. Häufige Folgen der Essstörung sind:

In seltenen Fällen können gefährliche Komplikationen wie akutes Nierenversagen auftreten. Auch kann es zu einem Magendurchbruch (Magenperforation) kommen.

Wie wird Bulimie diagnostiziert?

Bei Verdacht auf Bulimie kann zunächst die hausärztliche Praxis aufgesucht werden. Hier findet ein Anamnesegespräch sowie eine gründliche körperliche Untersuchung statt. So können körperliche Ursachen ausgeschlossen werden, zudem wird überprüft, ob der Körper der*des Betroffenen bereits Schäden davongetragen hat, die womöglich mitbehandelt werden müssen.

Erhärtet sich der Verdacht, dass eine Bulimie vorliegt, folgt eine Überweisung an eine fachärztliche therapeutische Praxis. Damit eine Bulimie diagnostiziert wird, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Der*die Betroffene

  • leidet seit mindestens drei Monaten und im Schnitt zweimal wöchentlich an unkontrollierten Essattacken,
  • greift zu kompensatorischen Verhaltensweisen,
  • lebt in der ständigen Angst vor einer Gewichtszunahme,
  • verspürt starken Leidensdruck, da Essen und Körper übermäßig viel Raum im Alltag einnehmen.

Wichtig: Auch, wenn nicht jedes der Kriterien erfüllt ist, sollten Betroffene sich unbedingt Hilfe suchen. Je eher eine Essstörung erkannt wird, desto besser lässt sie sich behandeln!

Wie wird Bulimie behandelt?

Menschen mit Bulimie kann eine Psychotherapie helfen. Es gibt verschiedene psychotherapeutische Verfahren, die sich in ihrem Ablauf und in den angewandten Methoden teils stark unterscheiden. Welches Verfahren für die*den Erkrankte*n am besten geeignet ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Zum einen, weil das von den individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen der*des Betroffenen abhängt. Zum anderen, weil nicht alle Verfahren ausreichend erforscht sind – jedenfalls nicht im Hinblick auf ihre Wirksamkeit bei Bulimie.

Verhaltenstherapie bei Bulimie

Am besten belegt ist derzeit die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie, kurz KVT. Kognitiv heißt "erkennen". In dieser Therapieform geht es nämlich zunächst darum, die eigenen problematischen Denkmuster und Einstellungen zu erkennen und zu verstehen. Im nächsten Schritt lernen Betroffene, ihre persönlichen Auslöser (Trigger) im Alltag zu erkennen und alternative Bewältigungsstrategien zu entwickeln und anzuwenden.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Für manche Patient*innen ist ein anderes Behandlungsverfahren besser geeignet, zum Beispiel eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Bei dieser geht es unter anderem darum, unbewusste Konflikte zu klären, die der Essstörung zugrunde liegen. Gerade zu Beginn der Therapie drehen sich die Gespräche um belastende und prägende Erfahrungen der Erkrankten und um die Frage, wie diese zu der Erkrankung beigetragen haben könnten.

In den meisten Fällen kann die Behandlung ambulant stattfinden. Nur in bestimmten Fällen ist ein Aufenthalt in einer Klinik oder Tagesklinik notwendig.

Wichtig ist zudem eine begleitende Behandlung möglicher körperlicher Folgen einer Bulimie.

Bulimie: Verlauf und Prognose

Begeben sich Bulimiker*innen frühzeitig in Behandlung, stehen die Chancen auf Heilung relativ gut. Voraussetzung ist allerdings, dass die*der Erkrankte bereit für diesen Schritt ist.

Da es bei Bulimie selten zu gefährlichem Untergewicht kommt, haben Betroffene im Vergleich zu Menschen mit Magersucht ein deutlich geringeres Risiko, an ihrer Erkrankung zu sterben. Dennoch zeigen Studien, dass Bulimie-Erkrankte eine 7-fach höhere Suizidalität aufweisen als Gesunde.