Eine Frau erschöpft nach einem Lauf.
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Sportsucht: Wenn Bewegung zum Zwang wird

Sport ist gesund, da sind sich Fachleute einig. Anders sieht es allerdings aus, wenn das Trainingspensum überhandnimmt, ein trainingsfreier Tag Ängste auslöst und Erschöpfung oder Verletzungen ignoriert werden. Welche Warnzeichen sprechen für eine Sportsucht? In welchen Sportarten kommt die Sucht besonders häufig vor und wann sollten sich Betroffene professionelle Hilfe holen?

Was ist Sportsucht?

Den Körper fit halten, einen Ausgleich schaffen, sportliche Ziele verfolgen: Es gibt viele gute Gründe, um zu trainieren. Regelmäßige Bewegung im Alltag ist wichtig – für das psychische, aber auch das körperliche Wohlbefinden. Wenn Menschen ein gesundes Trainingspensum jedoch überschreiten und ihr Sportverhalten zwanghafte Züge annimmt, kann eine Sportsucht vorliegen.

Bislang wurde die Sportsucht noch nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt und besitzt keinen Eintrag im Klassifikationssystem für psychische Störungen. Einige kritische Stimmen sind der Auffassung, die Störung sei lediglich ein Begleitphänomen anderer Krankheiten. Andere sind wiederum der Auffassung, die Sportsucht sollte als eigenständige psychische Erkrankung verstanden und den verhaltensbezogenen Süchten (substanzunabhängig) zugeordnet werden.

Auch herrscht Uneinigkeit darüber, welche Kriterien zur Diagnostik einer Sportsucht vorliegen müssen. Viele Fachleute sind jedoch der Meinung, dass sich ein krankhaftes Sporttreiben nicht nur durch Umfang und Intensität äußert. So muss die sportliche Aktivität zusätzlich eine sogenannte Maladaptivität zur Folge haben. Das bedeutet: Das Sportverhalten wirkt sich langfristig negativ auf die persönliche Entwicklung der betroffenen Person aus –in psychischer, sozialer und körperlicher Hinsicht.

Fachleute unterscheiden zudem zwischen der primären und sekundären Sportsucht:

  • Primäre Sportsucht: Die Sportsucht entwickelt sich ohne das Vorliegen einer weiteren psychischen Erkrankung.
  • Sekundäre Sportsucht: Andere psychische Störungen (etwa Essstörungen) stellen die Grundlage für die Sportsucht dar.

Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)

Die sekundäre Sportsucht tritt insbesondere in Kombination mit Essstörungen auf. Besonders oft liegt bei Betroffenen zusätzlich Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Bulimia nervosa oder Ess-Brech-Sucht), Orthorexie oder eine Körperschemastörung (Dysmorphophoie) vor. Auch Depressionen oder Angsterkrankungen können parallel auftreten.

Darüber hinaus wird die Sportsucht in drei verschiedene Aktivitätstypen unterteilt:

  1. Ausdauertypus: Betroffene dieses Typus betreiben Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen. Hier tritt in mehr als der Hälfte aller Fälle zusätzlich eine Essstörung auf – vermutlich, da sich Ausdauersportarten am besten eignen, um die Zielsetzung einer Essstörung zu erfüllen (möglichst viele Kalorien zu verbrennen und an Gewicht zu verlieren).
  2. Ästhetiktypus: Dieser Typus betrifft Sportarten, die den Drang nach Formung des eigenen Körpers befriedigen. Dazu zählen etwa Kraftsport und Bodybuilding. Eine Sportsucht entwickelt sich hier meist aus einem bestimmten Körperideal kombiniert mit dem Wunsch, den eigenen Körper zu kontrollieren. Der Ästhetiktypus ist häufig mit einer Körperschemastörung (Dysmorphophobie) verbunden.
  3. Erlebnistypus: Der Erlebnistypus tritt vermutlich seltener auf, ist in der Medienlandschaft aber recht präsent. Häufig wird etwa von sogenannten "Adrenalinjunkies" berichtet, die waghalsige Abenteuersportarten betreiben. Dazu zählen Sportarten, die mit einem eher hohen Risiko verbunden sind, etwa Freiklettern. Inwieweit dieser Typus eine Relevanz im Zusammenhang mit Sportsucht aufweist, ist bislang umstritten.

Wichtig: Hauptsächlich tritt die Sportsucht in Einzelsportarten wie Ausdauer- oder Kraftsport auf. Grundsätzlich kann die Störung aber bei jeder Sportart entstehen. Vor allem Menschen, die ihr Sporttreiben mit persönlichen Werten verbinden und sich stark mit dem Sport identifizieren, sind gefährdet.

Prävalenz: Wie häufig ist Sportsucht?

Konkrete Zahlen zur Häufigkeit der Sportsucht gibt es im deutschsprachigen Raum nicht. Fachleute gehen jedoch von einer relativ niedrigen Prävalenz aus, da nur ein niedriger Teil der Bevölkerung mehrmals wöchentlich oder täglich Sport treibt. Viele Sportler*innen weisen vermutlich einzelne Auffälligkeiten auf. Als behandlungsbedürftig stufen Expert*innen nur einen sehr geringen Teil der Personen mit primärer Sportsucht ein. Grundsätzlich tritt Sportsucht als sekundäre Erkrankung deutlich häufiger auf.

Wie entsteht Sportsucht?

Meist entwickelt sich eine Sportsucht – wie viele andere psychische Erkrankungen auch – aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Untersuchungen zeigen zum einen, dass der menschliche Körper bei sportlicher Betätigung Glückshormone ausschüttet. Dazu kommt es jedoch nur bei starker Anstrengung. Das könnte erklären, warum Betroffene ihr Trainingspensum immer weiter steigern. Zudem kann eine angstlösende und antidepressive Wirkung von Sport ausgehen. So trainieren einige Sportler*innen mit dem konkreten Ziel, aus einem Stimmungstief herauszukommen.

Ein weiterer Erklärungsansatz ist das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und das Erleben der eigenen Leistungsfähigkeit. Betroffene streben etwa danach, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, das insbesondere in den sozialen Netzwerken vermittelt wird. Besonders empfänglich für die Entwicklung einer Sportsucht sind in diesem Kontext Menschen, die

  • in einem Umfeld aufgewachsen sind, in welchem sie wenig Anerkennung erhielten,
  • zu Perfektionismus neigen,
  • sich stark über die eigene Leistung definieren,
  • ein niedriges Selbstwertgefühl haben.

Das soziale Umfeld kann wesentlich dazu beitragen, ob Sportler*innen ein Suchtverhalten entwickeln. Leben Eltern ihrem Kind beispielsweise vor, dass eine gute sportliche Leistung wichtig ist und belohnt wird oder zur Emotionsregulation benutzt werden kann, kann dies eine solche Störung begünstigen. Auch eine genetische Vorbelastung kann dazu beitragen, dass Menschen eine Sportsucht entwickeln.

Oftmals entsteht ein problematisches Trainingsverhalten aber auch erst im Jugendalter. Denn gerade in der Pubertät sind Jugendliche mit unzähligen neuen Emotionen konfrontiert, für die sie ein Ventil benötigen. Zudem ist die eigene Identitätsfindung eine zentrale Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz. Jugendliche suchen also nach etwas, mit dem sie sich identifizieren – und das kann unter anderem der Sport sein.

Warnzeichen: Welche Symptome zeigen sich bei Sportsucht?

Eine Sportsucht entwickelt sich meist schleichend und wird oft erst spät als problematisch erkannt. Das liegt unter anderem daran, dass ein hohes Trainingspensum und viel Bewegung im Alltag zunächst mit einem gesunden Lebensstil in Verbindung gebracht werden. Umso wichtiger ist es, mögliche Warnzeichen zu kennen.

Folgende Kriterien, die grundsätzlich für Suchterkrankungen typisch sind, können auf ein ungesundes Sportverhalten hindeuten:

  • Toleranzentwicklung: Das Sportler*innen Pensum und Intensität ihres Trainings stetig anpassen müssen, um ihre gewünschten Leistungen zu erreichen, ist zunächst ein normales Phänomen im Sport. Steigerungen und neue Trainingsreize sind Grundvoraussetzung, um eine Leistungsentwicklung zu erzielen. Betroffene einer Sportsucht steigern ihr Pensum jedoch vorwiegend nicht zielgerichtet, etwa, um eine bessere Zeit beim Laufen zu erreichen. Stattdessen dient die erhöhte Trainingsdosis häufig der Emotionsregulation und Impulskontrolle. Hierzu wird oft exzessiv und über die Erschöpfungsgrenze hinaus trainiert. 

  • Aufwand: Betroffene einer Sportsucht stecken nicht nur während des aktiven Trainings Zeit und Energie in den Sport. Auch ein hoher organisatorischer und finanzieller Aufwand kann ein Hinweis für ein Suchtverhalten sein. Hierzu zählen etwa eine akribische Trainingsplanung und der Kauf von Sportausrüstung. Derlei Aktivitäten fallen in die sportfreie Zeit, wodurch das Training zur Priorität wird und andere Lebensbereiche deutlich in den Hintergrund rücken. Auch eine starke Fixierung auf die Ernährung ist in diesem Kontext typisch. So beschäftigen sich Betroffene etwa mit Nährstoffen, Kalorien und gesunden Rezepten.

  • Entzugssymptome: Kommt es in sportfreien Phasen zu Entzugssymptomen, spricht dies ebenfalls für eine Sportsucht. Entzugsanzeichen können sowohl psychischer als auch körperlicher Natur sein. So kommt es etwa zu innerer Unruhe, Gereiztheit und sogar Aggressivität. Fallen Trainingseinheiten weg, erleben einige Betroffene zudem Schuldgefühle und erleben sich selbst als undiszipliniert und leistungsschwach. Körperliche Entzugssymptome sind etwa Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden, eine Veränderung des Ruhepulses und Muskelschmerzen.

  • Non-Intentionalität: Betroffene einer Sportsucht trainieren häufig länger und intensiver, als sie es eigentlich beabsichtigen. Ihr Sportverhalten ist gefühlsgesteuert: Durch das exzessive Training versuchen sie, positive Emotionen hervorzurufen (Euphorie). Um an diesen Punkt zu kommen, trainieren Betroffene mitunter weit über den eigentlich geplanten Punkt hinaus.

  • Kontrollverlust: Vielen Betroffenen ist ihr problematisches Sportpensum bewusst. Sie verspüren einen Leidensdruck und wissen, dass sich etwas ändern muss. Umfang und Intensität des Trainings zu reduzieren, gelingt ihnen aber trotzdem nicht: Sie haben keine Kontrolle über ihr Sportverhalten. 

    Jedoch: In einigen Fällen erleben Betroffene den Kontrollverlust paradoxerweise als Kontrollgewinn: Indem sie körperlich aktiv sind, streben sie die Kontrolle über den eigenen Körper an. Hier sehen Sportpsychologen*Sportpsychologinnen eine starke Parallele zu Essstörungen.

  • Soziale Vernachlässigung und Konflikte: Soziale Kontakte und schulische oder berufliche Verpflichtungen rücken in den Hintergrund und werden vernachlässigt. Das kann zu Konflikten mit dem familiären und partnerschaftlichen Umfeld sowie zu einem Leistungsabfall in Job, Schule oder Ausbildung führen. Als Folge ziehen sich Betroffene oft noch weiter zurück.
  • Maladaptive Kontinuität: Wenn das hohe und intensive Sportpensum weiter ausgeführt wird, obwohl bereits negative Konsequenzen aufgetreten sind, sprechen Fachleute von maladaptiver Kontinuität. Einige Beispiele: Betroffene ignorieren etwa Schmerzen und Anzeichen des Übertrainings wie ständige Müdigkeit, Schlafprobleme, eine hohe Infektanfälligkeit und Lustlosigkeit beim Sport. Zudem werden ärztlich verordnete Pausen nicht eingehalten und Sportverletzungen bagatellisiert. Dies kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen wie eine Herzmuskelentzündung oder chronisch orthopädische Beschwerden nach sich ziehen. Teilweise nehmen Betroffene Schmerzmittel ein, um ihr Sportpensum weiterhin hochzuhalten. Langfristig stellt dies eine massive Gefährdung für die Gesundheit dar.

Weitere mögliche, aber nicht entscheidende Symptome für Bewegungssucht können Leidensdruck und Krankheitseinsicht sein. Gerade zu Beginn betrachten viele Betroffene ihr hohes Trainingspensum jedoch nicht als Ursache möglicher Probleme, sondern als Lösung: Sport ist ihr Ventil, um Emotionen zu regulieren. Dass ihr Trainingsverhalten bereits Suchtcharakter hat und ihre Gesundheit gefährdet, wird mitunter erst spät registriert.

Wie wird Sportsucht diagnostiziert?

Befürchten Sportler*innen, dass ihr Trainingsverhalten suchtartige Züge annimmt, kann die hausärztliche Praxis erste Anlaufstelle sein. Von hier kann eine Überweisung zu einer psychotherapeutischen Praxis ausgestellt werden, wo dann die Diagnose Sportsucht erfolgen kann.

Zwar gilt Sportsucht nicht als offizielle Erkrankung. Fachleute konnten allerdings feststellen, dass Sport zu ähnlichen Abhängigkeiten führen kann wie andere Suchtaktivitäten. Deshalb erfolgt die Diagnosestellung anhand der allgemeinen Bestimmungsmerkmale für Suchterkrankungen, die im System zur Bestimmung von Süchten und Verhaltenssüchten "DSM-5" (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) festgehalten sind.

Von insgesamt elf Kriterien sind für die Diagnosestellung von Sportsucht insbesondere sieben bedeutsam:

  • Toleranz
  • Entzugssymptome
  • Non-Intentionalität
  • Kontrollverlust
  • Zeitaufwand
  • (Sozialer) Konflikt
  • Beharren/Zwang

Dabei lässt sich die Schwere der Störung noch einmal einteilen in

  • mild (zwei bis drei Kriterien sind erfüllt)
  • moderat (vier bis fünf Kriterien sind erfüllt)
  • schwer (mindestens sechs Kriterien sind erfüllt)

Zudem wird überprüft, ob die Sportsucht als primäre oder sekundäre Erkrankung vorliegt und ob begleitende Erkrankungen, etwa Essstörungen wie Magersucht bestehen.

Behandlungsmöglichkeiten bei Sportsucht

Wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie bei Sportsucht ist die Krankheitseinsicht der Betroffenen. Sie müssen einer Behandlung aufgeschlossen gegenüberstehen, damit diese gelingen kann. Als wirksam haben sich verschiedene Ansätze der Psychotherapie erwiesen.

Mögliche Bestandteile einer Therapie:

  • den Ursachen der Sportsucht auf den Grund gehen
  • mögliche Triggerpunkte ermitteln und im Akutfall erkennen
  • schrittweise alternative Tätigkeiten in den Alltag einbauen

Ziel der Behandlung ist es nicht, den Sport aus dem Leben der Betroffenen zu streichen. Vielmehr sollen Erkrankte einen anderen Umgang mit Bewegung erlernen: Sport soll langfristig zum körperlichen und psychischen Wohlbefinden beitragen, Freude bereiten und auf gesunde Weise genutzt werden.

Eine Möglichkeit ist auch, die Sportart zu wechseln und etwa auf eine Mannschaftsportart umzusteigen. Hier steht die Einzelleistung weniger im Vordergrund, zudem können Betroffene neue Sozialkontakte knüpfen. Auch Sportarten, die zur Körperwahrnehmung beitragen, können sinnvoll sein. Durch Yoga oder Pilates können betroffene Sportler*innen etwa lernen, achtsam mit sich selbst umzugehen, Signale ihres Körpers besser wahrzunehmen und auf diese adäquat zu reagieren.

Lässt sich Sportsucht vorbeugen?

Grundsätzlich ist es schwierig, einer Bewegungssucht vorzubeugen. Keinen Sport zu treiben, um einer potenziellen Sucht vorzubeugen, ist nicht empfehlenswert. Zum einen ist das Risiko, eine Sportsucht zu entwickeln, sehr gering. Zum anderen ist die Gefahr, die von einem inaktiven Lebensstil ohne Bewegung ausgeht, deutlich höher.

Was Sportler*innen dennoch tun können, um ein gesundes Maß an Sport nicht zu überschreiten:

  • ehrlich zu sich selbst sein und das eigene Sportverhalten und die Motive für das möglicherweise hohe Sportpensum regelmäßig kritisch hinterfragen: Trainiere ich über mein geplantes Pensum hinaus? Vernachlässige ich Freundschaften, Familie oder Job? Fühle ich mich schuldig, wenn ich ein Training verpasse?

  • dem Körper ausreichend Erholung gönnen, bei Schmerzen, Verletzungen und Krankheit pausieren und Anzeichen von Überlastung und Übertraining ernstnehmen

  • Sozialkontakte außerhalb des Sportbereichs pflegen