Die Umrisse zweiter Köpfe, einer schwarz, einer weiß.
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Bipolare Störung

Bei einer bipolaren Störung wechseln sich depressive und manische Phasen ab. Die genauen Ursachen sind bislang unklar. Eine bipolare Störung wird meist mit Medikamenten behandelt. Zusätzlich können eine Psychotherapie und andere Verfahren sinnvoll sein.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Bipolare Störung (manisch-depressiv)

Mal traurig, mal fröhlich, mal lustlos, mal energiegeladen: Bei allen Menschen schwankt die Gefühlslage hin und wieder. Das ist ganz normal.

Menschen mit bipolarer Störung erleben jedoch Stimmungsschwankungen, die weit über das normale Maß hinausgehen: Ihre Stimmung ist ohne äußeren Anlass übertrieben gedrückt oder übersteigert – von manisch bis depressiv. Während der Depression ist die Stimmung gedrückt und es fehlt den Betroffenen an Interesse und Antrieb. In der Manie kehrt sich die Stimmung um. Euphorie, Tatendrang und grenzenlose Selbstüberschätzung sind dann typische Symptome.

Was ist eine bipolare Störung?

Bei einer bipolaren Störung (auch: bipolare affektive Störung, früher: manisch-depressive Erkrankung) schwankt die Stimmung immer wieder zwischen zwei Extremen, nämlich zwischen

  • Hochstimmung (Manie)
  • und Depression.

Diese Schwankungen können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, sie gehen aber immer weit über ein angemessenes Maß hinaus. Zwischen Manie und Depression liegen Abschnitte, in denen die Stimmung in einem gesunden Rahmen liegt.

Manische Phase

Während einer manischen Phase sind die Betroffenen voller Begeisterung: Sie trauen sich nahezu alles zu, fühlen sich übertrieben selbstbewusst und könnten buchstäblich Bäume ausreißen. Oft schlafen sie kaum, weil sie ihre Flut an Ideen sofort in die Tat umsetzen wollen. Sie verhalten sich ungewohnt leichtsinnig, risikofreudig und hemmungslos.

Depressive Phase

Das genaue Gegenteil ist die Depression. An Stelle der Hochstimmung treten nun eine tiefe Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Was früher Spaß gemacht hat, ist plötzlich bedeutungslos geworden.

Symptome von Manie und Depression können bei einer bipolaren Störung auch gleichzeitig auftreten oder sich in rascher Folge abwechseln.

Wie häufig sind bipolare Störungen?

Circa 1 von 100 Personen entwickelt im Laufe ihres Lebens eine bipolare Störung mit depressiven und manischen Episoden. Etwas häufiger ist eine abgeschwächte Form (Bipolar-II-Störung): Schätzungen zufolge erkranken rund 4 von 100 Personen daran. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen.

Bipolare Störung: Formen

Ärzte unterscheiden zwischen zwei Ausprägungen der bipolaren Störung:

1. Bipolar-I-Störung

Der Typ Bipolar I steht für den typischen Verlauf mit ausgeprägten depressiven und manischen Phasen.

2. Bipolar-II-Störung

Menschen mit einer sogenannten Bipolar-II-Störung erleben hingegen depressive und hypomanische Phasen. Das bedeutet: Die Hochstimmung ist weniger stark ausgebildet als bei einer echten Manie – depressive Episoden können hingegen genauso schwer verlaufen wie beim Typ Bipolar I.

Die einzelnen Krankheitsphasen können unterschiedlich lange anhalten. In den meisten Fällen dauert es zwei bis drei Jahre, bis ein kompletter manisch-depressiver Zyklus abgeschlossen ist. Die Zyklen können aber auch deutlich kürzer sein:

  • Rapid cycling: Bei einem sog. rapid cycling (engl. = "schneller Zyklus") erlebt der Patient pro Jahr mindestens vier (hypo-)manische oder depressive Phasen. Schätzungen zufolge kommt rapid cycling bei bis zu 2 von 10 Personen mit bipolarer Störung vor.
  • Ultra rapid cycling: Die Phasen wechseln wöchentlich oder häufiger.

Ist die jeweilige Krankheitsphase abgeklungen, schließt sich in der Regel eine beschwerdefreie Phase an (sog. Remission). In manchen Fällen bleibt die beschwerdefreie Phase jedoch aus und Depression und Manie wechseln sich unmittelbar ab.

Zyklothymia: Leichte, anhaltende Stimmungsschwankungen

Eine lang anhaltende (chronische), aber eher leichte Form der Stimmungslabilität ist die sogenannte Zyklothymia: Dabei schwankt die Stimmung über Jahre hinweg immer wieder. Sie schlägt jedoch weniger stark in eine Richtung aus. Vielmehr erleben Patienten immer wieder Phasen einer leicht gehobenen Stimmung (Hypomanie), die sich mit einer leichten Depression abwechseln. Ausgeprägte manische oder depressive Episoden kommen nicht vor. Eine Zyklothymia entwickelt sich oft im frühen Erwachsenenalter.

Bipolare Störung: Symptome

Je nachdem, ob gerade eine Manie oder eine Depression vorherrscht, können die Symptome einer bipolaren Störung sehr unterschiedlich sein. Nicht nur die Stimmung, auch Denken, Handeln und Fühlen sind während einer akuten Krankheitsphase erheblich beeinträchtigt.

Typische Symptome einer bipolaren Störung

Symptome während einer Manie Symptome während einer Depression
unangemessene Hochstimmung bis hin zur Euphorie, aber auch Reizbarkeit gedrückte Stimmung, Unruhe, Ängste
übermäßige Aktivität, ständiger Wechsel zwischen verschiedenen Aktivitäten verminderter Antrieb; verlangsamte Bewegungen, aber auch psychomotorische Erregung
immer neue, schnell wechselnde Ideen ("Ideenflucht") Freud- und Interesselosigkeit
mangelndes Schlafbedürfnis Schlafstörungen
Gedankensprünge, schnell wechselnde Gedanken ("Gedankenrasen"); Ablenkbarkeit verlangsamtes Denken; Konzentrationsstörungen
Rededrang verlangsamte Sprache
Selbstüberschätzung niedriges Selbstwertgefühl, Minderwertigkeitsgefühle
starkes Kontaktbedürfnis, riskantes oder rücksichtloses Verhalten sozialer Rückzug  
gesteigertes sexuelles Bedürfnis,  verringertes sexuelles Bedürfnis
psychotische Symptome wie z. B. Größenwahn psychotische Symptome, z. B. Verarmungswahn

Symptome einer Manie

Eine manische Phase entsteht meist sehr plötzlich. Personen, die eine manische Phase durchleben, glauben, sie seien unverwundbar. Sie sind in absoluter Hochstimmung und fühlen sich übertrieben selbstbewusst. Sie neigen dazu, sich zu überschätzen. Manche reagieren auffällig gereizt, unruhig oder aggressiv und sind anderen gegenüber sehr misstrauisch.

Maniker*innen sind unangemessen

  • unternehmungslustig,
  • kontaktfreudig
  • und voller Energie.

Sie sprudeln nur so über vor Ideen, die sie möglichst sofort in die Tat umsetzen möchten. Meist sind ihre Gedanken jedoch so sprunghaft, dass sie es nicht schaffen, ein Vorhaben zu Ende zu führen. Sie denken, sprechen und handeln schnell, sind dabei aber sehr zerstreut. Oft verlieren sie jegliche Hemmschwellen gegenüber anderen und verhalten sich zum Beispiel sexuell sehr freizügig. Während einer Manie sind die Betroffenen kaum oder gar nicht in der Lage, einen geregelten Alltag zu führen. Zudem kommen sie kaum zur Ruhe, weil ihnen Schlaf eher lästig erscheint.

Typisch: Psychotische Symptome

Eine manische Phase kann mit psychotischen Symptomen einhergehen. Das bedeutet: Der Bezug zur Realität geht vorübergehend verloren. Häufig entwickeln Betroffene einen Größenwahn: Sie überschätzen sich maßlos und glauben, jede noch so riskante oder schwierige Aufgabe bewältigen zu können – obwohl das aus objektiver Sicht unrealistisch ist. Halluzinationen oder Verfolgungswahn können während einer Manie ebenfalls auftreten.

Maniker*innen geraten immer wieder in Schwierigkeiten und setzen leichtsinnig Gesundheit, Beziehungen, Beruf oder Finanzen aufs Spiel. Sie legen ein Verhalten an den Tag, dass normalerweise nicht ihrer Natur entspricht. Einige Beispiele:

  • Sie geben ihr ganzes Geld für ein eigentlich aussichtsloses Projekt aus und verschulden sich.
  • Sie kündigen ihren Job und treten ad hoc eine Weltreise an, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben.
  • Sie setzen beim Roulette ihr gesamtes Geld auf eine Zahl.
  • Sie stürzen sich in sexuelle Abenteuer und gefährden dabei ihre Beziehung.

Hypomanie: Die kleine Schwester der Manie

Eine abgeschwächte Form der Manie ist die Hypomanie. Bei der Hypomanie ist die Stimmung deutlich gesteigert – aber nicht so stark, dass man von einer Manie sprechen könnte. Im Gegensatz zu Menschen mit Manie sind Personen mit Hypomanie in der Lage, einen geregelten Alltag zu führen. Eine Hypomanie hält meist nur einige Tage an.

Weitere Anzeichen einer Hypomanie sind

  • vermindertes Schlafbedürfnis,
  • erhöhtes Redebedürfnis, Bedürfnis nach Geselligkeit,
  • Konzentrationsprobleme,
  • Unruhe,
  • erhöhtes sexuelles Bedürfnis sowie
  • Hang zu Leichtsinnigkeit/Verantwortungslosigkeit.

Symptome einer Depression

Die Symptome der Depression stellen gewissermaßen das Gegenteil der Manie dar. Depressive Phasen kommen in der Regel häufiger vor als manische und halten länger an. Zu den Hauptsymptomen einer Depression zählen

  • eine gedrückte Stimmung,
  • Freud- und Interessenlosigkeit sowie
  • verminderter Antrieb.

Depressionen können mit Suizidgedanken einhergehen. Wenn Sie solche Gedanken haben oder bemerken, dass eine Person in Ihrem Umfeld suizidgefährdet sein könnte: Scheuen Sie sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenden Sie sich bei Suizidgedanken an die nächste psychiatrische Klinik oder informieren Sie den Notruf unter 112.

Eine weitere Anlaufstelle kann die Telefonseelsorge sein. Diese erreichen Sie kostenlos und anonym unter den Nummern:

  • +49 (0)800 1110111
  • +49 (0)800 111 0 222

Gefühl der Leere

Depressive haben keine Freude mehr an Dingen, die ihnen vorher Spaß gemacht haben. Sie spüren eine tiefe Traurigkeit oder eine innere Leere. Manche haben den Eindruck, zu keinerlei Gefühlsregungen mehr fähig zu sein. Während der Depression blicken die Betroffenen pessimistisch in die Zukunft und trauen sich nichts zu. Sie haben nicht mehr so viel Antrieb wie vorher, sodass ihnen Aktivitäten häufig schwerfallen. Sie haben Probleme damit, selbst kleine Entscheidungen zu treffen. Oft ziehen sie sich von Freunden und Bekannten zurück.

Auch körperliche Beschwerden möglich

Depressionen können sich in ganz unterschiedlichen Ausprägungen äußern: Bei einigen stehen körperliche Symptome im Vordergrund, andere leiden vor allem unter seelischen Beschwerden. Zu den möglichen körperlichen Symptomen zählen etwa Magen- oder Kopfschmerzen. Andere leiden besonders unter dem Gefühl, nichts wert zu sein. Bewegungen und Sprechen können verlangsamt sein (sog. psychomotorische Hemmung). Aber auch Unruhe und ein starker Bewegungsdrang (sog. psychomotorische Agitiertheit) kommen häufiger vor. Seelisch macht sich eine Depression häufig dadurch bemerkbar, dass die Betroffenen das Gefühl haben, nichts wert zu sein.

In einer depressiven Phase kann es passieren, dass der Bezug zur Realität vorübergehend verloren geht (psychotische Symptome). Zum Beispiel hat die dperessive Person dann den Wahn, zu verarmen und sich zu verschulden.

Mischzustände

Symptome von Manie und Depression können gleichzeitig oder in raschem Wechsel auftreten. Expert*innen sprechen dann von einer gemischten Episode. Bis zu 60 von 100 Erkrankten erleben solche Mischzustände.

Ein Beispiel für einen Mischzustand: Eine Person fühlt sich niedergeschlagen und depressiv. Gleichzeitig ist sie aber sehr unruhig, aktiv und fühlt sich getrieben.

Bipolare Störung: Ursachen

Die Ursachen der bipolaren Störung sind noch nicht im Detail bekannt. Fest steht, dass mehrere Faktoren im Zusammenspiel an der Entstehung einer manisch-depressiven Erkrankung beteiligt sind. Dazu zählen vor allem:

  • genetische Komponenten: Eine genetische Veranlagung scheint bei bipolaren Erkrankungen eine große Rolle zu spielen, ist aber nicht die alleinige Ursache. Personen mit einem bipolaren Verwandten ersten Grades (z. B. Mutter, Vater) entwickeln 10-mal häufiger eine bipolare Störung als Personen ohne erbliche Vorbelastung. Ist ein Elternteil erkrankt, liegt das eigene Erkrankungsrisiko bei 10 bis 20 %. Sind beide Elternteile krank, erhöht sich das Risiko auf bis zu 60 %.
  • Charaktereigenschaften: Menschen mit bestimmten Charaktereigenschaften haben ein erhöhtes Risiko für eine bipolare Störung. Dazu zählen vor allem Personen, die von Natur aus eher extrovertiert und übertrieben ausgelassen (hypothym) sind.
  • äußere Einflüsse: Einschneidende Lebensereignisse (z. B. Trennung der Eltern, Tod eines Angehörigen) oder Traumata (z. B. durch Missbrauch) können eine akute manische oder depressive Episode auslösen, wenn die Person entsprechend veranlagt ist.

Bipolare Störung: Diagnose

Bis eine bipolare Störung diagnostiziert wird, kann einige Zeit vergehen. Insbesondere (hypo-)manische Phasen werden oft lange übersehen. Der Grund: Viele Betroffene fühlen sich durch die Hochstimmung gar nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil – sie sind froh, nach einer depressiven Phase wieder besser gelaunt zu sein. Sie bemerken nicht, dass ihre Stimmung über ein gesundes Maß hinausgeht und reagieren bisweilen aggressiv, wenn Angehörige sie darauf hinweisen. So geht der*die Ärzt*in möglicherweise zunächst davon aus, es habe sich um eine reine Depression gehandelt.

Es gilt: Erst wenn der*die Ärzt*in sowohl mindestens eine (hypo-)manische als auch eine depressive Episode festgestellt hat, kann er*sie eine bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung) diagnostizieren.

Nicht jede Missstimmung ist gleich eine Depression. Und nicht jede Hochstimmung muss bedeuten, dass es sich um eine Manie handelt. Um herauszufinden, ob die*der Betroffene tatsächlich gerade eine manische beziehungsweise depressive Phase durchmacht, wird sich der*die Ärzt*in an bestimmten Diagnosekriterien orientieren.

Ein Beispiel: Um von einer depressiven Episode zu sprechen, muss die Stimmung über mindestens zwei Woche hinweg gedrückt sein. Dabei müssen mindestens vier von zehn typischen Symptomen auftreten – darunter wenigstens zwei der drei Hauptsymptome (gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Antriebsminderung).

Was macht der Arzt?

Oft ergeben sich erste Hinweise auf eine bipolare Störung aus dem Gespräch zwischen Ärzt*in und Patient*in. Der*die Ärzt*in fragt den*die Patient*in unter anderem nach der Lebensgeschichte, nach psychischen Erkrankungen innerhalb der Familie und nach Art und Dauer der Beschwerden.

Nahestehende Begleitpersonen tragen durch ihre Schilderungen dazu bei, dass sich der*die Ärzt*in einen ersten Eindruck verschaffen kann. Folgende Untersuchungen und Verfahren sind zur Diagnose der bipolaren Störung hilfreich:

  • psychologische Tests und Verfahren zur Persönlichkeitsdiagnostik, z. B.:
    • strukturierte Interviews mit dem*der Patient*in
    • Fragebögen zur Selbstbeurteilung (z. B. Manie-Selbstbeurteilungsskala, MSS; Beck-Depressions-Inventar-II, BDI-II)
    • Beurteilungsbögen, die dem*der Ärzt*in helfen, den Zustand seines Patienten einzuschätzen (z. B. der Clinical Global Impression Scale, CGI)
  • eine körperliche Untersuchung
  • Laborwerte und ggf. weitere Diagnoseverfahren

Andere Ursachen ausschließen

Bestimmte Erkrankungen oder Medikamente können zu Symptomen führen, die einer bipolaren Störung ähneln. Dazu gehören etwa

Wichtig ist, dass der*die Ärzt*in solche Erkrankungen ausschließt. Bei Bedarf werden daher weitere Untersuchungen veranlasst. Dazu gehören bildgebende Verfahren wie MRT oder CT, ein EEG oder die Bestimmung der Hormonwerte.

Die Behandlung einer bipolaren Störung gehört in die Hände eines Facharztes. Hat der*die Hausärzt*in den Verdacht, dass die*der Betroffene eine bipolare Störung hat, wird er sie*ihn an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder für Nervenheilkunde überweisen.

Bipolare Störung: Therapie

Die Therapie einer bipolaren Störung besteht aus der

  • Akutbehandlung mit dem Ziel, akute (hypo-)manische bzw. depressive Episoden zu lindern und der
  • Phasenprophylaxe mit dem Ziel, erneuten Episoden vorzubeugen bzw. sie zu lindern.

In der Regel sind zur Behandlung einer bipolaren Störung immer Medikamente erforderlich. Zusätzlich kann eine Psychotherapie sinnvoll sein. Wenn die üblichen Behandlungsmethoden nicht oder nicht ausreichend wirken, kann der*die Ärzt*in auch andere Therapieoptionen vorschlagen.

Zur Verfügung stehen etwa

  • nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden wie
    • Elektrokrampftherapie,
    • Lichttherapie,
    • Schlafentzug und
    • Verfahren zur Hirnstimulation, z. B. Vagusnervstimulation.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, die Therapie durch Ergotherapie, Kunst-, Musik- oder Tanztherapie oder Körperarbeit zu ergänzen.

Psychoedukation: Patienten und Angehörige aufklären

Je genauer eine manisch-depressive Person und ihre Angehörigen über die bipolare Störung Bescheid wissen, desto besser. Zu Beginn der Behandlung ist es daher wichtig, dass der*die Patient*in und die Angehörigen über die Erkrankung, ihre Ursachen und möglichen Therapieformen informiert werden und lernen, wie sich Rückfälle am besten vermeiden lassen. Die wichtigsten Grundlagen können sie in einem entsprechenden Kurs erlernen. Eine solche Aufklärung durch einen Experten nennt man Psychoedukation. Im Anschluss an die Psychoedukation kann eine Psychotherapie folgen.

Gerade in einer akuten manischen Phase fühlen sich die Betroffenen oft nicht krank und brechen die medikamentöse Therapie ab. An dieser Stelle ist es besonders wichtig, dass Angehörige, Psychiater*innen und/oder Psycholog*innen unterstützend zur Seite stehen. Manchmal ist es nötig, dass die*der Betroffene vorübergehend in einer Klinik behandelt wird – gegebenenfalls gegen ihren*seinen Willen, wenn sie*er ansonsten sich oder anderen schaden würde.

Lesetipp: Warten auf einen Therapieplatz – 5 Tipps, um die Wartezeit zu überbrücken

Bipolare Störung: Medikamente

Zur Behandlung einer bipolaren Störung sind vor allem drei Wirkstoffgruppen geeignet:

  • Stimmungsstabilisierer,
  • Antipsychotika und
  • Antidepressiva

Stimmungsstabilisierer: Gleichen Stimmungen aus

Stimmungsstabilisierer spielen bei der medikamentösen Therapie der bipolaren Störung eine zentrale Rolle. Sie gleichen die starken manisch-depressiven Stimmungsausschläge aus. Sie sind sowohl in akuten Krankheitsphasen als auch zur Vorbeugung erneuter Episoden geeignet. Zu häufig verwendeten Wirkstoffen zählen

Welchen Wirkstoff der*die Ärzt*in wählt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, zum Beispiel davon,

  • ob die*der Betroffene gerade eine akute depressive oder manische Phase durchmacht,
  • ob bzw. wie gut sie*er das Medikament verträgt und
  • welche Beschwerden im Vordergrund stehen.

Insbesondere in beschwerdefreien Phasen und zur Behandlung der Manie hat sich Lithium bewährt. Lithium verhindert in vielen Fällen, dass neue Krankheitsphasen auftreten – oder aber es verringert die Symptome deutlich. Bei der Therapie mit Lithium ist es jedoch besonders wichtig, dass die*der Betroffene das Medikament regelmäßig einnimmt und die vorgegebene Dosis einhält.

Mögliche Nebenwirkungen von Lithium sind Gewichtszunahme, Zittern, Übelkeit, eine Schilddrüsenunterfunktion oder Störungen der Nebenschilddrüsen.

Antipsychotika und Antidepressiva

Antipsychotika (Neuroleptika) wirken dämpfend und beruhigend. Sie können unter anderem psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen lindern. Zu Antipsychotika, die bei einer bipolaren Störung verschrieben werden, zählen sogenannte atypische Antipsychotika wie

Antidepressiva wie Fluoxetin oder Sertralin wirken stimmungsaufhellend und antriebssteigernd. Sie sind insbesondere während einer depressiven Episode geeignet. Die Nebenwirkungen von Antipsychotika und Antidepressiva variieren je nach Wirkstoff.

Mehr wissen: Welches Medikament in welcher Phase?

Phase Medikamentöse Behandlung
akute depressive Episode Während einer mittleren oder schweren depressiven Phase gilt das Antipsychotikum Quetiapin als erstes Mittel der Wahl. Bei fehlendem Erfolg kann der*die Ärzt*in auf Stimmungsstabilisierer oder alternativ auf Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) zurückgreifen. Leichte depressive Episoden müssen nicht zwingend medikamentös behandelt werden.
akute manische Episode Bei einer Manie wird der*die Ärzt*in zunächst einen Stimmungsstabilisierer (z. B. Lithium, Carbamazepin, Valproat) einsetzen. Wirkt dieser nicht ausreichend, kann er alternativ ein Antipsychotikum (z. B. Aripiprazol, Olanzapin, Quetiapin, Risperidon, Ziprasidon) verschreiben. Stimmungsstabilisierer und Antipsychotikum kann der*die Ärzt*in bei Bedarf kombinieren.
beschwerdefreie Phase  In einer beschwerdefreien Phase wird der*die Ärzt*in möglichst Lithium verschreiben. Alternativ kann er*sie gegebenenfalls andere Stimmungsstabilisierer (Carbamazepin, Valproat oder Lamotrigin) oder ein Antipsychotikum (Aripiprazol, Olanzapin oder Risperidon) geben.

Bipolare Störung: Psychotherapie

Psychotherapie ist eine sinnvolle Ergänzung zur medikamentösen Behandlung. Die Therapie trägt dazu bei, neue Krankheitsphasen zu verhindern und möglichst lange beschwerdefrei zu bleiben. Ersetzen kann die Psychotherapie die Medikamentengabe jedoch in der Regel nicht.

Der*die Patient*in lernt in der Psychotherapie zum Beispiel,

  • mögliche Auslöser für akute Krankheitsphasen rechtzeitig zu erkennen und zu beeinflussen,
  • wie Medikamente wirken und warum er*sie diese benötigt,
  • erste Anzeichen einer manischen/depressiven Phase zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken,
  • Probleme im Alltag zu bewältigen, z. B. soziale Ausgrenzung durch die Erkrankungen,
  • Ängste vor der Zukunft/einem Rückfall abzubauen und
  • einen geregelten, strukturierten Tagesablauf zu gestalten (z. B. auf geregelte Schlafenszeiten achten).

Der Inhalt der Therapie ist unter anderem davon abhängig, ob die Person gerade eine akute Krankheitsphase durchlebt oder ob sie beschwerdefrei ist. Während einer manischen Episode ist es wichtig, zu viele Reize zu vermeiden. Während der Depression hingegen kann die Therapie darauf abzielen, dass der*die Betroffene aktiver wird.

Verschiedene Therapieverfahren haben sich zur Behandlung einer bipolaren Störung bewährt:

  • Kognitive Verhaltenstherapie: Der*die Patient*in lernt unter anderem, erste Anzeichen einer akuten Phase zu erkennen, Stress zu minimieren und mit manischen/depressiven Symptomen umzugehen.
  • Familienfokussierte Therapie (FFT): Der*die Therapeut*in bezieht die Angehörigen in die Behandlung mit ein. Gemeinsam mit der*dem Erkrankten lernen sie, einen geregelten Alltag zu führen, Rückfälle zu verhindern und Konflikte zu lösen.
  • Interpersonelle und soziale Rhythmustherapie (IPSR): Zum einen lernt der*die Patient*in, Lösungen für zwischenmenschliche Probleme zu finden. Zum anderen sollen ein geregelter Tagesablauf und ein ausgeglichener Schlaf-Wach-Rhythmus Stimmungsschwankungen verhindern.

Bipolare Störung: Weitere nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten

In bestimmten Fällen kommen weitere Behandlungsmöglichkeiten infrage. Zwei Beispiele sind die Elektrokrampftherapie und die Wachtherapie.

Elektrokrampftherapie

In sehr schweren akuten manischen oder depressiven Phasen kann der*die Ärzt*in eine Elektrokrampftherapie (EKT) in Erwägung ziehen. Eine EKT wird unter Vollnarkose durchgeführt. Dabei erhält das Gehirn einen schwachen Stromstoß. Dies löst einen Krampfanfall aus. Der Anfall dauert circa 20 bis 40 Sekunden. Der*die Patient*in kann sich nach dem Aufwachen nicht an den Anfall erinnern.

Durch die EKT stabilisiert sich in den meisten Fällen die Stimmung – warum genau das so ist, ist bisher unklar. Diese Methode wird allerdings erst in Betracht gezogen, wenn es der*dem Betroffenen trotz Medikamenten und Psychotherapie sehr schlecht geht oder wenn sie*er die Medikamente nicht verträgt.

Wachtherapie

Während einer schweren Depression kann die Wachtherapie – zusätzlich zu Medikamenten – für eine kurze Zeit Linderung bringen. Wachtherapie bedeutet Schlafentzug: Der*die Patient*in bleibt für eine bestimmte Zeit wach (maximal 40 Stunden). Die antidepressive Wirkung hält zwar nur kurze Zeit an, signalisiert der*dem betroffenen aber, dass sie*er die depressive Phase überwinden kann.

Für Personen, die gleichzeitig manische und depressive Symptome erleben (sog. gemischte Episode), ist die Wachtherapie nicht geeignet.

Ergänzende Therapiemethoden

Ergänzend können weitere Therapiemethoden hilfreich sein:

Bipolare Störung: Verlauf

Jede bipolare Störung verläuft anders: Einige erleben zwischen manischen und depressiven Episoden sehr lange Phasen, in denen die Stimmung stabil ist. Bei anderen wechselt die Stimmung häufiger (sog. rapid cycling). Manische und depressive Symptome können gleichzeitig auftreten oder sich unmittelbar abwechseln.

Die bipolare Störung ist zwar nicht heilbar, sie lässt sich jedoch mit Medikamenten gut in den Griff bekommen. Bei einer angemessenen Therapie bleiben die akuten Phasen bei bis zu 7 von 10 Patienten aus oder verlaufen sehr milde.

Welche Folgen kann eine bipolare Störung haben?

Eine bipolare Störung kann sehr belastend sein und das Leben der Person erheblich beeinträchtigen. Vor allem die akuten manischen und depressiven Phasen können zu Problemen führen. Einige Betroffene haben aber auch in symptomfreien Phasen Schwierigkeiten, ein normales Leben zu führen.

Mögliche Folgen einer bipolaren Störung sind:

  • Probleme am Arbeitsplatz bis hin zum Jobverlust
  • Verschuldung in einer manischen Phase
  • soziale Isolation, etwa, weil Freunde oder Bekannte die Symptome nicht nachvollziehen können oder weil sich der Betroffene aus Scham zurückzieht
  • Konflikte in der Partnerschaft durch ständige Stimmungswechsel
  • Suizidgedanken und -versuche.

Das Risiko für einen Suizid ist insbesondere während einer depressiven oder gemischten Episode erhöht.

Eine bipolare Störung geht häufig mit anderen psychischen Erkrankungen einher, zum Beispiel mit

Bestimmte körperliche Erkrankungen kommen bei Menschen mit einer bipolaren Störung häufiger vor. Dazu gehören Diabetes mellitus, Übergewicht, Migräne und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.