Eine junge Frau blickt deprimiert aus dem Fenster.
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Anhedonie: Fehlende Freude als Symptom bei Depression

Niemand ist stets gut gelaunt, sich hin und wieder lust- und antriebslos zu fühlen, ist normal. Menschen mit Anhedonie sind jedoch über einen längeren Zeitraum hinweg unfähig, jegliche positiven Gefühle zu empfinden. Freudlosigkeit ist ein ernstzunehmendes Symptom, das im Rahmen verschiedener Erkrankungen auftreten kann. Welche Ursachen hinter Anhedonie stecken können, lesen Sie hier.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Anhedonie

Anhedonie bezeichnet die Unfähigkeit, positive Emotionen wie Freude, Lust, Genuss oder Motivation zu empfinden. Es handelt sich nicht um eine eigenständige Erkrankung, sondern um ein Symptom, das zum Beispiel bei Depressionen auftritt. 

Die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, hängt mit einer Fehlschaltung des Belohnungssystems zusammen: Die Dopaminausschüttung wird in Folge gehemmt. Dazu kommt es im Rahmen psychischer Erkrankungen. Anhedonie kann aber auch erblich bedingt sein. 

Freudlosigkeit kann verschiedene Ursachen haben. Anhedonie ist lediglich ein Symptom, weshalb es wichtig ist, die Grunderkrankung zu ermitteln. Da auch körperliche Erkrankungen als Auslöser infrage kommen, erfolgt zunächst eine Blutuntersuchung. In einer psychologischen Praxis können dann weitere Tests erfolgen. 

Was ist Anhedonie?

Anhedonie beschreibt die Verringerung oder komplette Abwesenheit von Freude über einen längeren Zeitraum hinweg. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer gestörten emotionalen Schwingungsfähigkeit. Betroffene sind unfähig, positive Emotionen wie Lust oder Genuss zu empfinden. Auch das Interesse an Aktivitäten wie Hobbys, die den Erkrankten zuvor Freude bereitet haben, schwindet.

Anhedonie zählt nicht als eigenständige Erkrankung, sondern als Symptom. Sie tritt im Rahmen verschiedener psychischer Störungen auf. Freudlosigkeit gilt neben Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit etwa als Kernsymptom bei Depressionen oder depressiven Verstimmungen. Anhedonie kommt aber auch bei zahlreichen anderen Krankheitsbildern vor – gemeinsam mit anderen Symptomen. Fachleute unterscheiden zwei Formen der Anhedonie:

  1. Die antizipatorische Anhedonie äußert sich durch die Unfähigkeit, Vorfreude zu empfinden. Damit ist auch die Motivation gestört, eine potenziell erfreuliche Situation herbeizuführen.
  2. Die konsumatorische Anhedonie zeichnet sich durch fehlendes Vergnügen im Moment des Erlebens aus.

Weiterhin wird zwischen der sozialen Anhedonie und der physischen Anhedonie unterschieden: Während sich soziale Anhedonie primär auf soziale Interaktion bezieht, können Betroffene bei einer physischen Anhedonie auch körperliche Reize nicht genießen. Dazu zählt etwa Geschlechtsverkehr, aber auch eine gute Mahlzeit oder eine Massage.

Übrigens: Als Gegenpol zu Anhedonie gilt die Manie. Manische Freude kennzeichnet sich durch eine übertrieben euphorische Stimmung in Kombination mit extremem Aktivitätsdrang.

Woher stammt der Begriff Anhedonie?

Der Begriff Anhedonie wurde erstmals Ende des 19. Jahrhunderts vom französischen Psychologen Théodule Armand Ribot als krankhafte Freudlosigkeit beschrieben. Anhedonie bezieht sich auf den aus dem Griechischen abgeleiteten Begriff Hedonismus (gr. hedone = Freude, Vergnügen). Dabei handelt es sich um eine philosophische Anschauung, dass der Mensch grundsätzlich nach Genuss oder Sinneslust strebt.

Begriffsabgrenzung: Dysthymie und Alexithymie

Anhedonie wird häufig mit Dysthymie und Alexithymie verwechselt.

  • Dysthymie bezeichnet das Gefühl der Niedergeschlagenheit und Traurigkeit – also negativer Gefühle. Dysthymie gilt wie Anhedonie als eines der Kernsymptome bei Depression und wird auch als chronische Depression bezeichnet. Anders als Dysthymie beschreibt Anhedonie jedoch nicht das Auftreten negativer Emotionen, sondern die Abwesenheit jeglicher positiven Gefühle.
  • Alexithymie ist die Unfähigkeit, Gefühle differenziert wahrzunehmen und in Worte zu fassen. Betroffene sind also grundsätzlich fähig, positive Emotionen zu erleben, können diese aber nicht einordnen und ausdrücken.

Anzeichen für Anhedonie

Anhedonie äußert sich als Abwesenheit positiver Gefühle. Auch die anschließende Bewertung einer erlebten Situation als „nicht lohnenswert“ ist Expert*innen zufolge ein typisches Kriterium. Die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, wirkt sich belastend auf den Alltag der Betroffenen aus:

  • Sozialer Rückzug: Betroffene ziehen sich zurück und vernachlässigen zwischenmenschliche Beziehungen. Da ihnen nichts mehr Freude bereitet und sie oftmals auch keine Vorfreude empfinden können, sagen sie zum Beispiel geplante Treffen ab. Insbesondere in Partnerschaften kann Anhedonie für beide sehr belastend sein.
  • Interessensverlust: Freizeitaktivitäten, an denen Betroffene zuvor interessiert waren, werden vernachlässigt.
  • Schwierigkeiten im Beruf: Mit der Lebensfreude schwindet auch die Motivation, sich beruflich weiterzuentwickeln und gute Leistungen zu erbringen. Das kann insbesondere im Job zu Schwierigkeiten führen.
  • Gewichtsschwankungen: Betroffene verlieren die Lust, Sport zu treiben und/oder auf einen gesunden Lebensstil zu achten. Womöglich schwindet auch der Antrieb, regelmäßige Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Entsprechend sind Gewichtsschwankungen nach oben und unten möglich.
  • Suizidgedanken: In besonders schweren Fällen können auch suizidale Gedanken auftreten.

Da Freudlosigkeit oft im Rahmen einer psychischen Erkrankung auftritt, zeigen sich je nach Störung entsprechende weitere Beschwerden.

Anhedonie: Ursachen

Die neuronalen Mechanismen, die bei Anhedonie aktiv werden, sind noch nicht gänzlich erforscht. Fachleute fanden aber heraus, dass bei Menschen mit Anhedonie eine verminderte Dopaminausschüttung stattfindet.

Ursächlich ist eine Fehlfunktion des Belohnungssystems. Diese Hirnregion wird normalerweise aktiv, wenn etwas als angenehm empfunden wird: Der Neurotransmitter Dopamin wird ausgeschüttet, umgangssprachlich auch als Glückshormon bezeichnet. Das erzeugt positive Gefühle und ein Verlangen nach mehr – und damit auch eine Handlungsmotivation, um das Erlebte erneut zu empfinden.

Anhedonie als Kernsymptom bei Depression

Anhedonie ist eines der Hauptkriterien für die klinische Diagnose einer Depression oder depressiven Verstimmung. Daneben müssen aber noch weitere Kriterien erfüllt sein. Neben Freudlosigkeit zeichnet sich eine Depression durch Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit aus. Zudem treten oft folgende Beschwerden auf:

Anhedonie kann auch im Rahmen weiterer psychischer Erkrankungen auftreten. So zeigt sich das Symptom häufig als sogenanntes Negativsymptom bei einer Schizophrenie oder schizoiden Persönlichkeitsstörung.

Fachleute gehen davon aus, dass zudem eine gewisse Veranlagung ursächlich sein kann. Auch folgende Faktoren können zu einem Mangel an Dopamin im Belohnungssystem führen:

Daneben können auch körperliche Ursachen eine Anhedonie auslösen. So steckt in einigen Fällen etwa eine Schilddrüsenerkrankung oder ein Nährstoffmangel, etwa Eisenmangel, hinter der Freudlosigkeit.

Wie wird Anhedonie diagnostiziert?

Menschen, die über einen längeren Zeitraum oder wiederkehrend unfähig sind, Freude zu empfinden, sollten ärztlichen Rat einholen. Anhedonie ist ein belastender Zustand, den Betroffene nicht hinnehmen sollten.

Da Anhedonie keine eigenständige Erkrankung ist, sondern lediglich ein Symptom darstellt, muss die auslösende Ursache festgestellt werden. Mögliche Grunderkrankungen können psychische Störungen wie Depression oder Schizophrenie sein.

Doch auch körperliche Faktoren müssen in Betracht gezogen werden. Daher sollte die erste Anlaufstelle die hausärztliche Praxis sein. Hier erfolgt eine körperliche Untersuchung inklusive Blutentnahme.

Kann kein körperlicher Auslöser für die Anhedonie ermittelt werden, findet in aller Regel eine Überweisung zu einer psychotherapeutischen oder psychiatrischen Praxis statt. Hier können spezielle Tests und Fragebögen Aufschluss geben, welche mögliche psychische Grunderkrankung vorliegt.

Anhedonie: Therapie

Ziel der Therapie bei Anhedonie ist die Wiederherstellung positiver Empfindungen bei Betroffenen.

Die Behandlung richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache. Ist etwa eine psychische Erkrankung der Grund, kann eine Psychotherapie helfen. Auch eine stationäre Unterbringung kann sinnvoll sein. Im Rahmen einer Psychotherapie können Betroffene

  • potenziell ursächliche Traumata verarbeiten,
  • Bewältigungsstrategien erlernen, um in der nächsten anhedonischen Episode entsprechend regieren zu können,
  • persönliche Trigger (Verstärker) ermitteln und dem Symptom so vorbeugen.

Neben der Behandlung des Symptoms Anhedonie müssen in der Regel weitere Beschwerden therapiert werden, die Teil der ursächlichen Grunderkrankung sind.

Lange Wartezeiten: Therapieplätze oftmals knapp

In Deutschland gestaltet sich die Suche nach einem Therapieplatz oft schwierig. Schnelle Hilfe kann aufgrund der langen Wartezeiten häufig nicht gewährleistet werden. Um die Wartezeit zu überbrücken, können Betroffene zunächst eine Selbsthilfegruppe aufsuchen oder auf eine Online-Therapie zurückgreifen. Derlei Optionen ersetzen zwar keine Psychotherapie, können aber eine gute erste Anlaufstelle sein.

Antidepressiva bei Anhedonie oft nicht wirksam

Auch eine medikamentöse Behandlung bietet sich an. Antidepressiva eignen sich Fachleuten zufolge jedoch nur bedingt zur Behandlung von Anhedonie. Denn diese zielen in der Regel auf den Neurotransmitter Serotonin ab. Bei Menschen mit Anhedonie ist jedoch nicht die Serotonin-, sondern die Dopaminausschüttung gehemmt. Daher tragen Antidepressiva zwar zur Verbesserung negativer Emotionen bei, wirken aber nicht ausreichend gegen Anhedonie.

Einige Antidepressiva, etwa Agomelatin, stimulieren jedoch die Freisetzung von Dopamin und werden entsprechend zur Behandlung bei Anhedonie eingesetzt. Als wirksam hat sich zudem Pramipexol erwiesen. Der Wirkstoff kommt normalerweise bei Parkinson zur Anwendung. Einige Studien zeigen zudem einen Behandlungserfolg durch Ketamin.

Anhedonie: Prognose und Verlauf

Die Prognose einer Anhedonie hängt von ihrer Ursache und dem Schweregrad ab: Wird das Symptom durch ein belastendes Lebensereignis ausgelöst, kann die Freudlosigkeit nach einiger Zeit von selbst wieder verschwinden.

Ist der Auslöser eine psychische Erkrankung wie Depression, stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung schlechter: Gängige Antidepressiva helfen oft nicht gegen die Anhedonie, sondern wirken nur gegen andere Symptome. Entsprechend ist es wichtig, Anhedonie als Kernsymptom zu ermitteln und gezielt zu behandeln.

Häufig ist zudem eine jahrelange Psychotherapie nötig.