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Persönlichkeitsstörungen

Ob extrem perfektionistisch, launisch oder misstrauisch: Bei einer Persönlichkeitsstörung weichen die Persönlichkeitszüge eines Menschen sehr stark von denen der Durchschnittsbevölkerung ab. Dies kann die Lebensqualität erheblich einschränken und zu Konflikten im zwischenmenschlichen Umgang führen. Lesen Sie, welche Persönlichkeitsstörungen es gibt, wie sie entstehen und wie man sie behandeln kann.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Persönlichkeitsstörungen

Kein Mensch gleicht dem anderen: Manche gehen leicht aus sich heraus, andere sind von Natur aus zurückhaltend. Manche sind eher ängstlich, andere mutig. Und manche neigen dazu, schnell "in die Luft" zu gehen, während andere stets die Ruhe selbst sind. Alle Eigenschaften eines Menschen mitsamt seiner Wahrnehmungen, seinen Gefühlen, seinen Gedanken und seinen Verhaltensweisen machen die individuelle Persönlichkeit aus. Die Grundzüge der Persönlichkeit entwickeln sich in der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter und bleiben ein Leben lang relativ stabil.

Wenn einzelne Persönlichkeitszüge schon seit der Kindheit oder Jugend auffallend stark ausgeprägt, deutlich von der Norm abweichend und sehr unflexibel sind, kann es sich um eine Persönlichkeitsstörung handeln. Je nachdem, welche Persönlichkeitszüge vorherrschen, unterscheiden Ärzte und Psychologen zwischen verschiedenen Formen von Persönlichkeitsstörungen. Dazu zählt etwa die Borderline-Störung, die mit starken Schwankungen der Stimmung, des Selbstbilds und der sozialen Beziehungen einhergeht. Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung sind hingegen anderen gegenüber sehr misstrauisch und reagieren leicht überempfindlich. Ein anderes Beispiel ist die zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Im Vordergrund steht ein ausgeprägter Hang zu Perfektionismus und Ordnungsliebe.

Wann spricht man von einer Persönlichkeitsstörung?

Stechen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale besonders hervor, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es sich um eine Störung handelt. Zum Beispiel hat ein sehr ordnungsliebender Mensch nicht automatisch eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Vielmehr sind die Grenzen von einer Auffälligkeit zu einer Störung fließend.

Von einer Persönlichkeitsstörung sprechen Psychologen/Psychotherapeuten, wenn individuelle, tief verwurzelte und weitgehend stabile Verhaltens- und Erlebensweisen eines Menschen

  • im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt auffällig stark oder schwach ausgeprägt sind,
  • dauerhaft schon seit der Kindheit oder dem frühen Erwachsenenalter bestehen und
  • dazu führen, dass der Betroffene und/oder seine Umgebung darunter leiden bzw. die berufliche oder soziale Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist.

Zudem muss eine körperliche Erkrankung als Ursache ausgeschlossen sein, etwa eine Hirnschädigung.

Persönlichkeitsstörungen im Überblick

Experten teilen die unterschiedlichen Persönlichkeitsstörungen grob in drei Gruppen ein. Zu jeder Gruppe gehören Persönlichkeitsstörungen mit ähnlichen Merkmalen.

  • Gruppe A: Zu diesen Persönlichkeitsstörungen passen die Stichworte "sonderbar" und "exzentrisch"
  • Gruppe B: Zu diesen Persönlichkeitsstörungen passen die Stichworte "dramatisch", "launisch" und "emotional"
  • Gruppe C: Zu diesen Persönlichkeitsstörungen passen die Stichworte "selbstunsicher", "abhängig" und "zwanghaft"

Einteilung der Persönlichkeitsstörungen

Gruppe Zugehörige Persönlichkeitsstörungen Merkmale (Beispiele)
A: sonderbar, exzentrisch paranoide Persönlichkeitsstörung misstrauisch, überempfindlich, streitsüchtig, nachtragend, feindselig, rechthaberisch, extrem eifersüchtig
schizoide Persönlichkeitsstörung reserviert, gleichgültig, gefühllos scheinend, kühl, distanziert, zurückgezogen, gesellschaftliche Regeln werden nicht anerkannt
B: dramatisch, launisch, emotional histrionische Persönlichkeitsstörung nach Aufmerksamkeit heischend, kontaktfreudig, übertrieben emotional, theatralisch
narzisstische Persönlichkeitsstörung selbstverliebt, sich selbst überschätzend, auf der Suche nach Bewunderung, leicht kränkbar
dissoziale Persönlichkeitsstörung verantwortungslos, Regeln missachtend, egozentrisch
emotional-instabile Persönlichkeitsstörung impulsiv, leicht wechselnde Stimmungen, kein klares Selbstbild (Borderline)
C: selbstunsicher, abhängig, zwanghaft selbstunsichere Persönlichkeitsstörung ängstlich, besorgt, zurückgezogen, wenig belastbar, unsicher
abhängige Persönlichkeitsstörung von anderen abhängig, anhänglich, unselbständig, sich unterordnend, nachgiebig
zwanghafte Persönlichkeitsstörung perfektionistisch, unflexibel, pedantisch

Wie häufig sind Persönlichkeitsstörungen?

Schätzungen zufolge haben ungefähr 10 bis 15 von 100 Personen in der Bevölkerung eine mehr oder minder schwer ausgeprägte Persönlichkeitsstörung. Besonders häufig sind dabei die abhängige, die dissoziale, die histrionische und die Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Persönlichkeitsstörungen: Formen

Paranoide Persönlichkeitsstörung

Charakteristisch für die paranoide Persönlichkeitsstörung sind Überempfindlichkeit (z. B. auf Kritik) und starkes Misstrauen anderen gegenüber. Betroffene neigen dazu, Erlebtes zu verdrehen und Äußerungen oder Verhaltensweisen anderer Menschen als persönliche Anfeindung zu werten, unabhängig davon, ob es dafür einen Grund gibt. Paranoide Persönlichkeiten rechnen ständig damit, von anderen bedroht oder erniedrigt zu werden. Manche reagieren entsprechend feindselig, andere eher resigniert.

Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung haben eine starre, rechthaberische Haltung und sind meist regelrecht streitsüchtig. Sie beharren darauf, ihre Meinung durchzusetzen. Aufgrund ihres starken Misstrauens haben sie meist keine engen Bindungen zu anderen Menschen, oder aber sie sind übertrieben eifersüchtig. Die paranoide Persönlichkeitsstörung kommt bei circa 1 von 100 Personen vor.

Schizoide Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung wirken auf andere gefühllos, kühl, gleichgültig, zurückhaltend und reserviert. Emotionen wie Freude, Wut oder Trauer zeigen sie nur wenig. Sie zählen zu den Einzelgängern und haben kaum enge Beziehungen zu anderen. In Partnerschaften kommt es zu Konflikten, weil das Gegenüber unter der distanzierten und gefühllos scheinenden Art des Betroffenen leidet.

Für schizoide Persönlichkeiten haben gesellschaftliche Normen und Regeln keine Bedeutung. Daher fallen sie bisweilen als sehr eigenwillige oder exzentrische Menschen auf, die entsprechend anecken. Selbst eigene Leistungen werden kaum anerkannt. Schätzungen zufolge ist 1 von 100 Personen betroffen.

Lesen Sie mehr zum Thema: Schizoide Persönlichkeitsstörung

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung steht ein extremer Geltungsdrang im Vordergrund. Die Betroffenen haben einen ausgeprägten Drang danach, im Mittelpunkt zu stehen. Sie zeigen sich sehr kontaktfreudig, übertrieben emotional und haben einen Hang zur theatralischen Selbstdarstellung. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie positiv oder negativ auffallen – Hauptsache, sie fühlen sich wahrgenommen. Manche versuchen, durch ihr Äußeres aufzufallen, etwa durch eine besonders aufreizende Kleidung.

Ihre Beziehung zu anderen gestaltet sich als schwierig, insbesondere zur Partnerin oder zum Partner. Es fällt ihnen schwer, eine tiefgehende Beziehung einzugehen. Bis zu 3 von 100 Menschen haben eine histrionische Persönlichkeitsstörung.

Lesen Sie mehr zum Thema: Histrionische Persönlichkeitsstörung

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung neigen zur Selbstüberschätzung. Sie verhalten sich, als seien sie etwas Besonderes und anderen überlegen, selbst, wenn sie keine entsprechende Leistung zeigen. In der Fantasie malen sie sich aus, grenzenlos erfolgreich und überlegen zu sein. Auf andere wirken sie arrogant und überheblich.

Narzissten erwarten, dass andere zu ihnen aufschauen und sie bevorzugt behandeln. Dabei sind sie kaum in der Lage, sich in andere Menschen hineinzuversetzen – und sie zeigen auch kein Interesse daran. Vielmehr dienen ihnen ihre Mitmenschen als Mittel zum Zweck, um ihre Ziele zu erreichen. Narzissten versuchen stets, im Mittelpunkt des Geschehens zu sein.

Sie neigen zu sehr flüchtigen Beziehungen. Zu einer länger andauernden Partnerschaft sind sie meist nur dann in der Lage, wenn sich der Partner völlig unterordnet, weil er zum Beispiel eine abhängige Persönlichkeitsstruktur hat.

Auch wenn sie nach außen sehr selbstbewusst wirken: Das Selbstwertgefühl von Narzissten kann vermutlich stark schwanken und ist davon abhängig, wie andere auf sie reagieren. Narzissten gelten als leicht verletzbar. Auf Kritik reagieren sie sehr empfindlich.

Lesen Sie mehr zum Thema: Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Dissoziale (antisoziale) Persönlichkeitsstörung

Menschen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung werden auch als antisoziale oder soziopathische Persönlichkeiten bezeichnet. Typisch für diese Störung ist, dass sich die Betroffenen nicht an soziale Normen halten und verantwortungslos handeln. Die ersten Anzeichen einer dissozialen Persönlichkeitsstörung werden schon in der Kindheit oder in der Jugend sichtbar. Die Betroffenen schwänzen die Schule, stehlen oder sind gewalttätig. Sie sind leicht reizbar und neigen zu aggressivem Verhalten.

Antisoziale Persönlichkeiten haben emotionale Defizite. Die meisten können sich nicht in andere Menschen hineinversetzen und zeigen kein Mitgefühl. Sie haben kein Schuldbewusstsein und zeigen sich egoistisch. Sie nutzen andere Menschen aus oder manipulieren sie. Dissoziale Persönlichkeiten langweilen sich schnell. Sie sind stets auf der Suche nach Abwechslung und wechseln oft ihre Partner.

Die dissoziale Persönlichkeitsstörung wird bei Männern häufiger diagnostiziert als bei Frauen. Schätzungen zufolge sind von 100 Personen circa 3 betroffen.

Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung

Zur emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung zählen zwei Typen: der impulsive Typ und der Borderline-Typ. Der impulsive Typ zeichnet sich zum einen durch rasche Gefühlswechsel (sog. emotionale Instabilität) aus. Die Betroffenen sind launisch und die Stimmung kann sich von einer Minute auf die andere ändern. Zum anderen fällt eine mangelnde Impulskontrolle auf. Das bedeutet, dass sich betroffene Personen bei starken Emotionen nicht "im Griff" haben. Dies führt zum Beispiel zu aggressivem Verhalten.

Video: 6 Anzeichen, dass der/die Partner/in Borderliner ist

Personen, die zum Borderline-Typ zählen, leiden ebenfalls unter heftigen Gefühlschwankungen und können ihre Impulse nicht gut kontrollieren. Zusätzlich kommt es bei diesen Menschen zu emotionalen Krisen. Sie fühlen sich rasch zurückgewiesen und gekränkt. Sie haben einen verminderten Selbstwert, manchmal eine regelrechte Ich-Störung. Darüber hinaus neigen sie zu selbstschädigendem Verhalten (z. B. Schnittverletzungen), Depressionen, Süchten und Suizid(-drohungen). Sie haben kein klares Selbstbild und berichten häufig, sich selbst fremd vorzukommen. Sie führen häufig intensive, aber rasch wechselnde Beziehungen. Circa 2 bis 3 von 100 Menschen sind von der Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen.

Lesen Sie mehr zum Thema: Borderline-Persönlichkeitsstörung

Selbstunsichere (ängstlich-vermeidende) Persönlichkeitsstörung

1 bis 3 von 100 Personen haben eine selbstunsichere Persönlichkeitsstörung. Nicht ohne Grund wird diese Form auch ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung genannt: Die Betroffenen sind grundsätzlich eher ängstlich, schüchtern und zurückhaltend. Sie sind permanent angespannt und besorgt. Sie fühlen sich minderwertig und haben Angst, von anderen abgelehnt oder kritisiert zu werden. Daher reagieren sie sehr empfindlich, sobald sie mit Kritik konfrontiert werden. Soziale Kontakte scheuen sie. Damit weisen Betroffene ähnliche Merkmale auf wie bei einer sozialen Phobie.

Selbstunsichere Persönlichkeiten gelten als sensibel und rücksichtsvoll und werden für diese Eigenschaften von anderen geschätzt. Nicht selten leiden die Betroffenen unter anderen psychischen Erkrankungen wie einer Angststörung.

Abhängige (dependente) Persönlichkeitsstörung

Menschen mit abhängiger (dependenter) Persönlichkeitsstörung gelten als sehr anhänglich, hilfsbereit und zuverlässig. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Hilfe und Unterstützung. Sie fühlen sich hilflos und nicht in der Lage, ein eigenständiges Leben zu führen. Sie können nur schwer eigenständige Entscheidungen treffen. Vielmehr hoffen sie, dass ihnen jemand Entscheidungen abnimmt. Daher suchen sie eine Bezugsperson, an die sie sich "klammern" und die ihnen eine gewisse Sicherheit gibt. Dies kann die Partnerin oder der Partner sein. Aus Angst, diese Person zu verlieren, stellen abhängige Persönlichkeiten ihre Bedürfnisse in den Hintergrund. Sie sind sehr nachgiebig und lassen sich weitgehend von den Ansichten ihres Gegenübers leiten. Ein Verlust der Bezugsperson kann bei Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstörung eine psychische Krise auslösen.

Man schätzt, dass ungefähr 3 von 100 Personen unter einer dependenten Persönlichkeitsstörung leiden.

Zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung

Starre Regeln, Korrektheit und feste Abläufe – danach haben Menschen mit einer zwanghaften (anankastischen) Persönlichkeit ein ausgeprägtes Bedürfnis. Sie stellen an sich und andere hohe Ansprüche. Sie möchten möglichst alles perfekt machen und geraten so oft an den Rand der Erschöpfung. Zwanghafte Persönlichkeiten sind pedantisch und sehr zuverlässig. Entsprechend verunsichert sind sie, wenn ihre Ordnung gestört wird. Sie sind nur wenig spontan und wirken auf andere steif und ernst. Auf Kritik reagieren sie sehr empfindlich.

Wichtig zu wissen: Eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung ist nicht dasselbe wie eine Zwangsstörung. Bei der zwanghaften Persönlichkeitsstörung ist die Zwanghaftigkeit eine relativ feste, überdauernde Persönlichkeitseigenschaft. Sie ist bereits in der Kindheit oder Jugend zu beobachten. Eine Zwangsstörung kann sich hingegen auch erst im Erwachsenenalter entwickeln. Ein weiterer Unterschied: Menschen mit Zwangsstörung haben immer wieder sich aufdrängende Gedanken (Zwangsgedanken) oder den Zwang, bestimmte Dinge zu wiederholen. Dies kommt bei einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung in der Regel nicht vor. Als Faustregel gilt: Faustregel: Eine zwanghafte Persönlichleitsstörung ist permanent vorhanden, die Symptome einer Zwangsstörung kommen nur phasenweise zum Vorschein.

Überschneidungen möglich

Die einzelnen Persönlichkeitsstörungen sind nicht immer exakt voneinander abgrenzbar. Vielmehr sind Überschneidungen zwischen "benachbarten" Störungen möglich. So kann es zum Beispiel sein, dass eine Person sowohl Merkmale einer selbstunsicheren als auch einer abhängigen Persönlichkeitsstörung aufweist. Überschneidungen zwischen der schizoiden und der paranoiden Persönlichkeitsstörungen kommen ebenfalls häufiger vor.

Persönlichkeitsstörungen: Ursachen

Wissenschaftler gehen davon aus, dass viele verschiedene Einflüsse im Zusammenspiel eine Persönlichkeitsstörung begünstigen.

Welche Persönlichkeitsmerkmale sich in den ersten Lebensjahren stärker ausbilden und welche schwächer – und ob sich daraus eine Persönlichkeitsstörung entwickelt –, hängt von diversen Faktoren ab. Dabei unterscheidet man

  • Veranlagung: Die erblich bedingte Veranlagung bestimmt, ob ein Mensch von Natur aus eher kontaktfreudig oder ungesellig, eher ängstlich oder mutig, eher von sich überzeugt oder selbstunsicher ist.
  • äußere Faktoren: Hierzu zählen unter anderem der Erziehungsstil der Eltern oder das soziale Umfeld, in dem die Person aufgewachsen ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Persönlichkeitsstörung ausbildet, steigt, wenn die Beziehung zu den Eltern gestört ist. Traumatische Ereignisse in der Kindheit können das Risiko ebenfalls erhöhen – etwa Gewalt im Elternhaus. Psychische Störungen der Eltern, negative Vorbilder und ein ungünstiges soziale Milieu können ebenfalls eine Persönlichkeitsstörung begünstigen.

Viele Menschen mit Persönlichkeitsstörungen weisen neurobiologische Auffälligkeiten auf. Dazu zählen unter anderem leichte Veränderungen im EEG, Fehlregulationen der Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn oder geringe Abweichungen der Hirnstruktur.

Unterschiedliche Entstehungsmodelle

Wichtig zu wissen: Faktoren wie Veranlagung und bestimmte Umwelteinflüsse führen nicht automatisch zu einer Persönlichkeitsstörung. Vielmehr spielt eine entscheidende Rolle, wie ein Mensch ganz individuell mit diesen Einflüssen umzugehen in der Lage ist.

Aus verhaltenstherapeutischer Sicht entstehen Persönlichkeitsstörungen größtenteils durch ungünstige Lernprozesse. Demnach entwickelt jede Person – auf Basis ihrer individuellen Veranlagung – ihre eigene Strategie, um mit Umwelteinflüssen umzugehen. Dabei orientiert sie sich am Verhalten anderer Menschen wie den Eltern und/oder ihr Verhalten wird durch positive oder negative Verstärkung von außen beeinflusst. Bestimmte Verhaltensweisen werden verstärkt, andere unterdrückt. Mit dem Verhalten entwickeln sich relativ starre, tief verwurzelte Überzeugungen und Strategien, mit einer Situation umzugehen. Bei einer Person mit einer abhängigen Persönlichkeitsstörung könnte eine Überzeugung lauten: "Ich bin hilflos und schwach." Eine Strategie wäre dann etwa, sich eine Person zu suchen, die Sicherheit vermittelt.

Aus psychodynamischer Sicht entstehen Persönlichkeitsstörungen, wenn die Entwicklung in der frühen Kindheit massiv beeinträchtigt wurde. Je nachdem, in welcher Entwicklungsphase eine solche Störung erfolgt ist, ergeben sich unterschiedliche Ausprägungen einer Persönlichkeitsstörung.

Persönlichkeitsstörungen: Diagnose

Eine Persönlichkeitsstörung kann längere Zeit unentdeckt bleiben. Dabei hängt es in hohem Maße von der jeweiligen Form der Störung ab, ob eine Person einen Psychotherapeuten aufsucht. Einige Beispiele:

  • Menschen mit einer selbstunsicheren oder abhängigen Persönlichkeitsstörung begeben sich relativ häufig in Psychotherapie, weil ihr Leidensdruck sehr hoch ist.
  • Eine dissoziale Persönlichkeit wird man vergleichsweise selten beim Therapeuten antreffen. Der Grund: Sie erkennt nicht, dass ihre stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale in sozialen Beziehungen problematisch sind.
  • Auch histrionische Persönlichkeiten – also Menschen mit extremem Geltungsdrang – sind normalerweise nicht der Meinung, dass ihr Verhalten ungünstig ist. Dennoch machen sie nicht selten eine Psychotherapie. Sie suchen oft einen Psychotherapeuten auf, weil sie Probleme in der Partnerschaft haben oder unter Depressionen leiden. Einem erfahrenen Psychotherapeuten gelingt es jedoch anhand der Schilderungen und Verhaltensweisen seines Patienten, eine Persönlichkeitsstörung zu erkennen – selbst wenn vermeintlich andere Probleme im Vordergrund stehen.

Um die Diagnose zu stellen, muss der Psychotherapeut insbesondere wissen,

  • welche Beschwerden im Vordergrund stehen und wie stark sie sind,
  • seit wann die Probleme bestehen,
  • ob der Patient/Klient andere psychische Erkrankungen hat und/oder ob er
  • Suchtmittel oder bestimmte Medikamente einnimmt.

In manchen Fällen sind nicht nur die Schilderungen des Patienten, sondern auch Berichte von nahestehenden Menschen für den Therapeuten hilfreich.

Die Grundzüge der Persönlichkeit entwickeln sich bis in das junge Erwachsenenalter. Daher sollte eine Persönlichkeitsstörung erst ab dem späten Jugendalter diagnostiziert werden.

Standardisierte Tests erleichtern die Diagnose

Mithilfe standardisierter Testverfahren kann sich der Psychotherapeut gezielt ein genaueres Bild machen. Er greift dabei auf spezielle Checklisten (z.B. Internationale Diagnosen Checkliste für DSM-IV) oder Fragebögen (z. B. Personality Disorder Questionnaire) zurück, mit denen er die Persönlichkeitsmerkmale einer Person erfassen kann.

Hilfreich können strukturierte Interviews sein, zum Beispiel das International Personality Disorder Examination (IPDE) oder das Strukturier­te Klinische In­ter­view für DSM-IV (SKID-II). Während des Interviews stellt der Therapeut gezielt Fragen zu unterschiedlichen Themen. Die Antworten des Patienten können Hinweise darauf geben, ob es sich um eine Persönlichkeitsstörung handelt. Für eine genaue Diagnose werden anschließend einzelne Themenbereiche vertieft.

Oft erweist es sich als schwierig, eine Persönlichkeitsstörung von einer anderen psychischen Erkrankung abzugrenzen – auch, weil viele Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung unter weiteren psychischen Krankheiten leiden. Darüber hinaus können verschiedene Persönlichkeitsstörungen kombiniert auftreten, was die Diagnose erschweren kann.

Körperliche Erkrankungen ausschließen

Psychische Auffälligkeiten können körperliche Ursachen habe. Dazu zählen eine Hirnschädigung oder die Einnahme bestimmter Medikamente. Bevor der Psychotherapeut eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, muss eine körperliche Ursache daher ausgeschlossen sein. Daher wird er seinen Patienten gegebenenfalls an einen Arzt verweisen.

Besteht der Verdacht, dass eine organische Erkrankung hinter den Beschwerden steckt, wird der behandelnde Arzt einige Untersuchungen vornehmen. So wird er zum Beispiel je nach vermuteter Ursache Blut abnehmen, ein MRT oder ein EEG machen.

Persönlichkeitsstörungen: Behandlung

Nicht jede Persönlichkeitsstörung muss behandelt werden. Eine Behandlung kommt vor allem dann infrage, wenn die Person darunter leidet – etwa, weil sie sehr selbstunsicher ist und dadurch Probleme in Beziehungen oder im Berufsleben hat. In den meisten Fällen ist eine Psychotherapie geeignet.

Da die Persönlichkeitszüge eines Erwachsenen relativ stabil sind, ging man lange davon aus, dass eine Persönlichkeitsstörung kaum therapierbar ist. Mittlerweile sind sich Experten einig, dass sich die tiefgreifenden Persönlichkeitsmerkmale in gewissen Grenzen durchaus verändern lassen. Damit dies gelingen kann, erstreckt sich die Therapie in der Regel über einen längeren Zeitraum, der mehrere Jahre umfassen kann.

In der Psychotherapie geht es nicht darum, die stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale zu "heilen". Vielmehr lernt der Patient, im Alltag besser damit zu leben. Dies kann gelingen, indem er ungünstige Verhaltensweisen und Denkmuster verändert. So kann er besser mit sich und anderen Menschen umgehen.

Die "richtige" Behandlungsmethode gibt es bei Persönlichkeitsstörungen nicht. Vielmehr richtet sich die Wahl der Therapie auch nach den individuellen Bedürfnissen des Patienten. Bei einigen Formen von Persönlichkeitsstörungen haben sich allerdings bestimmte Therapieansätze bewährt. So kann bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung eine Sonderform der Verhaltenstherapie helfen: die dialektisch-behaviorale Verhaltenstherapie. Für andere Persönlichkeitsstörungen gibt es hingegen keine klaren Empfehlungen, welche Therapie am besten wirkt.

Viele Menschen mit Persönlichkeitsstörungen leiden gleichzeitig unter anderen psychischen Erkrankungen. Diese werden in der Psychotherapie entsprechend mitbehandelt.

Eine spezielle medikamentöse Behandlung bei Persönlichkeitsstörungen gibt es nicht. Je nach Beschwerdebild können jedoch zusätzlich zur Psychotherapie unterschiedliche Medikamente zum Einsatz kommen. Bei depressiven Symptomen können Antidepressiva zum Einsatz kommen.

Persönlichkeitsstörungen: Verlauf

In der Regel bleiben die stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale über Jahrzehnte größtenteils bestehen. Das ist nicht zwangsläufig ein Problem: Oft spüren Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung lange Zeit keinen hohen Leidensdruck und kommen in ihrem Alltag gut zurecht. Belastende Situationen können ihren Zustand jedoch verändern und zu einer Krise führen. Dies kommt beispielsweise bei selbstunsicheren Persönlichkeiten vor, die ihren Partner verlieren.

Eine Persönlichkeitsstörung kann mit zunehmendem Alter schwächer werden. Eine Psychotherapie kann den Verlauf zudem günstig beeinflussen.

Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung haben im Laufe ihres Lebens meist Probleme in Beziehungen zu anderen Menschen. Zudem haben viele weitere psychischen Erkrankungen wie

Menschen mit anhängiger Persönlichkeitsstörung leiden zum Beispiel oft unter einer Angststörung. Borderline und die histrionische Persönlichkeitsstörung gehen nicht selten mit Depressionen einher.

Suizidversuche/Suizide kommen bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung häufiger vor.