Eine ernst dreinblickende Frau
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Persönlichkeitsstörungen: Arten, Symptome und Ursachen

Ob extrem perfektionistisch, launisch oder misstrauisch: Bei einer Persönlichkeitsstörung weichen die Persönlichkeitszüge eines Menschen sehr stark von denen der Allgemeinbevölkerung ab. Dies kann die Lebensqualität erheblich einschränken und zu Konflikten im zwischenmenschlichen Umgang führen. Lesen Sie, welche Persönlichkeitsstörungen es gibt, wie sie entstehen und wie man sie behandeln kann.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Was sind Persönlichkeitsstörungen?

Keine Person gleicht der anderen: Während einige aufgeschlossen auf ihre Mitmenschen zugehen, sind andere von Natur aus zurückhaltend. Manche sind eher ängstlich, andere mutig. Die einen neigen dazu, schnell "in die Luft" zu gehen, während andere stets die Ruhe selbst sind. Alle Eigenschaften eines Menschen mitsamt seiner

  • Wahrnehmungen,
  • Gefühle,
  • Gedanken
  • und Verhaltensweisen

machen die individuelle Persönlichkeit aus. Die Grundzüge der Persönlichkeit entwickeln sich in der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter und bleiben ein Leben lang relativ stabil. Sind einzelne Persönlichkeitsmuster schon seit der Kindheit oder Jugend auffallend stark ausgeprägt, deutlich von der Norm abweichend und sehr unflexibel, kann es sich um eine Persönlichkeitsstörung handeln.

Stechen bestimmte Merkmale besonders hervor, bedeutet das jedoch nicht zwangsläufig, dass es sich um eine Störung handelt. Zum Beispiel hat ein sehr ordnungsliebender Mensch nicht automatisch eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Vielmehr sind die Grenzen von einer Auffälligkeit zu einer Störung fließend.

Wann spricht man von einer Persönlichkeitsstörung?

Von einer Persönlichkeitsstörung sprechen Fachleute, wenn individuelle, tief verwurzelte und weitgehend stabile Verhaltens- und Erlebensweisen eines Menschen

  • im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt auffällig stark oder schwach ausgeprägt sind,
  • dauerhaft schon seit der Kindheit oder dem frühen Erwachsenenalter bestehen und
  • dazu führen, dass der Betroffene und/oder seine Umgebung darunter leiden bzw. die berufliche oder soziale Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt sind.

Zudem muss eine körperliche Erkrankung als Ursache ausgeschlossen sein, etwa eine Hirnschädigung.

Wie häufig sind Persönlichkeitsstörungen?

Schätzungen zufolge haben ungefähr zehn bis 15 von 100 Personen in der Bevölkerung eine mehr oder minder schwer ausgeprägte Persönlichkeitsstörung. Besonders häufig sind dabei die abhängige, die dissoziale, die histrionische und die Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Persönlichkeitsstörungen im Überblick

Je nachdem, welche Persönlichkeitszüge vorherrschen, unterscheiden Fachleute zwischen verschiedenen Formen von Persönlichkeitsstörungen. Dazu teilen sie die unterschiedlichen Störungen in drei Gruppen mit jeweils prägnanten Merkmalen ein.

Gruppe A: „sonderbar“, „exzentrisch“

  • paranoide Persönlichkeitsstörung
  • schizoide Persönlichkeitsstörung
  • histrionische Persönlichkeitsstörung

Gruppe B: „dramatisch“, „launisch“, „emotional“

Gruppe C: "selbstunsicher", "abhängig", "zwanghaft"

  • selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
  • abhängige Persönlichkeitsstörung
  • zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Persönlichkeitsstörungen: Welche Formen gibt es?

Paranoide Persönlichkeitsstörung

Charakteristisch für die paranoide Persönlichkeitsstörung sind Überempfindlichkeit (etwa auf Kritik) und starkes Misstrauen anderen gegenüber. Betroffene neigen dazu, Erlebtes zu verdrehen und Äußerungen oder Verhaltensweisen anderer Menschen als persönliche Anfeindung zu werten, unabhängig davon, ob es dafür einen Grund gibt. Paranoide Persönlichkeiten rechnen ständig damit, von anderen bedroht oder erniedrigt zu werden. Einige reagieren entsprechend feindselig, andere eher resigniert.

Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung haben eine starre, rechthaberische Haltung und sind oft regelrecht streitsüchtig. Sie beharren darauf, ihre Meinung durchzusetzen und verhalten sich nachtragend. Aufgrund ihres starken Misstrauens haben sie meist keine engen Bindungen zu anderen Menschen, oder aber sie sind übertrieben eifersüchtig. Die paranoide Persönlichkeitsstörung kommt bei circa einer von 100 Personen vor.

Schizoide Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung wirken auf andere gefühllos, kühl, gleichgültig, zurückhaltend und reserviert. Sie sind oft unfähig, Freude zu empfinden (Anhedonie), aber auch andere Gefühle wie Wut oder Trauer zeigen sie kaum. Schizoide Persönlichkeiten ziehen sich meist zurück, enge Freundschaften oder Beziehungen gehen sie selten ein – und wenn, kommt es häufig zu Konflikten, weil das Gegenüber unter der distanzierten und gefühllos scheinenden Art der betroffenen Person leidet.

Für schizoide Persönlichkeiten haben gesellschaftliche Normen und Regeln keine Bedeutung. Daher fallen sie bisweilen als sehr eigenwillige oder exzentrische Menschen auf, die entsprechend anecken. Schätzungen zufolge ist eine von 100 Personen betroffen.

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung steht ein extremer Geltungsdrang im Vordergrund. Die Betroffenen haben eine ausgeprägte Neigung danach, im Mittelpunkt zu stehen. Sie zeigen sich sehr kontaktfreudig, übertrieben emotional und haben einen Hang zur theatralischen Selbstdarstellung. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie positiv oder negativ auffallen – Hauptsache, sie fühlen sich wahrgenommen. Einige versuchen zudem, durch ihr Äußeres aufzufallen, etwa durch eine besonders aufreizende Kleidung.

Ihre Beziehung zu anderen gestaltet sich als schwierig, insbesondere zu dem*der Partner*in. Betroffenen fällt es schwer, eine tiefgehende Beziehung einzugehen. Bis zu drei von 100 Menschen haben eine histrionische Persönlichkeitsstörung.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung neigen zur Selbstüberschätzung. Sie verhalten sich, als seien sie anderen überlegen, selbst, wenn sie keine entsprechende Leistung zeigen. In der Fantasie malen sie sich aus, grenzenlos erfolgreich zu sein. Menschen mit narzisstischen Zügen versuchen stets, im Mittelpunkt des Geschehens zu sein. Auf andere wirken sie dadurch oft arrogant und überheblich.

Narzisst*innen erwarten, dass andere zu ihnen aufschauen und sie bevorzugt behandeln. Dabei sind sie kaum in der Lage, sich in andere Menschen hineinzuversetzen – und sie zeigen auch kein Interesse daran. Vielmehr dienen ihnen ihre Mitmenschen als Mittel zum Zweck, um ihre Ziele zu erreichen.

Personen mit narzisstischen Zügen neigen zu flüchtigen Beziehungen. Zu einer länger andauernden Partnerschaft sind sie meist nur dann in der Lage, wenn sich der*die Partner*in völlig unterordnet, weil er*sie zum Beispiel einen abhängigen Persönlichkeitsstil hat.

Auch wenn sie nach außen sehr selbstbewusst wirken und typischerweise über ein ausgeprägtes Temperament verfügen: Das Selbstwertgefühl von Narzisst*innen kann stark schwanken und ist davon abhängig, wie andere auf sie reagieren. So gelten Betroffene als leicht verletzbar. Auf Kritik reagieren sie beispielsweise sehr empfindlich. Schätzungen zufolge sind etwa 0,8 bis 6,4 Prozent der Bevölkerung betroffen. Dabei handelt es sich zu rund 75 Prozent um Männer.

Dissoziale (antisoziale) Persönlichkeitsstörung

Menschen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung werden auch als antisoziale oder soziopathische Persönlichkeiten bezeichnet. Typisch für diese Störung ist, dass sich die Betroffenen nicht an soziale Normen halten und verantwortungslos handeln. Die ersten Anzeichen einer dissozialen Persönlichkeitsstörung werden schon in der Kindheit oder Jugend sichtbar. Die Betroffenen schwänzen etwa die Schule, stehlen oder sind gewalttätig. Sie sind leicht reizbar und neigen zu aggressivem Verhalten.

Dissoziale Persönlichkeiten haben emotionale Defizite. Die meisten können sich nicht in andere Menschen hineinversetzen, sie sind nicht fähig, Empathie zu empfinden. Zudem scheinen Betroffene kein Schuldbewusstsein zu haben und handeln oft egoistisch. So nutzen sie andere Menschen etwa aus oder manipulieren sie. Dissoziale Persönlichkeiten langweilen sich schnell. Sie sind stets auf der Suche nach Abwechslung – auch innerhalb von Beziehungen, weshalb sie häufig ihre Partner*innen wechseln.  

Die dissoziale Persönlichkeitsstörung wird bei Männern häufiger diagnostiziert als bei Frauen. Schätzungen zufolge sind von 100 Personen circa drei betroffen.

Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung

Zur emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung zählen zwei Typen:

  • der impulsive Typ
  • der Borderline-Typ

Der impulsive Typ zeichnet sich zum einen durch rasche Gefühlswechsel (sog. emotionale Instabilität) aus. Die Betroffenen sind launisch und die Stimmung kann sich von einer Minute auf die andere ändern. Zum anderen fällt eine mangelnde Impulskontrolle auf. Das bedeutet, dass sich betroffene Personen bei starken Emotionen nicht "im Griff" haben. Dies führt zum Beispiel zu aggressivem Verhalten.

Personen, die zum Borderline-Typ zählen, leiden ebenfalls unter heftigen Gefühlschwankungen und können ihre Impulse nicht gut kontrollieren. Zusätzlich kommt es bei diesen Menschen zu emotionalen Krisen. Sie fühlen sich rasch zurückgewiesen und gekränkt. Ihr Selbstwertgefühl ist meist sehr gering. Darüber hinaus neigen sie zu selbstschädigendem Verhalten (z. B. Schnittverletzungen), Depressionen, Süchten und Suizid(-drohungen). Sie haben kein klares Selbstbild und berichten häufig, sich selbst fremd vorzukommen (Depersonalisation). Oft führen sie intensive, aber rasch wechselnde Beziehungen. Etwa zwei bis drei von 100 Menschen sind von der Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen.

Selbstunsichere (ängstlich-vermeidende) Persönlichkeitsstörung

Schätzungsweise eine bis drei von 100 Personen sind von einer selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung betroffen. Diese Form wird auch ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung genannt, da sie sich durch Angst und Zurückhaltung auszeichnet. Betroffene Personen sind permanent angespannt und besorgt. Sie fühlen sich minderwertig und befürchten, von anderen abgelehnt oder kritisiert zu werden. Daher reagieren sie sehr empfindlich, sobald sie mit Kritik konfrontiert werden. Soziale Kontakte scheuen sie. Damit weisen Betroffene ähnliche Merkmale auf wie bei einer sozialen Phobie.

Selbstunsichere Persönlichkeiten gelten als sensibel und rücksichtsvoll und werden für diese Eigenschaften von anderen geschätzt. Nicht selten leiden die Betroffenen unter anderen psychischen Erkrankungen wie einer Angststörung und/oder regelmäßigen Panikattacken.

Abhängige (dependente) Persönlichkeitsstörung

Menschen mit abhängiger (dependenter) Persönlichkeitsstörung gelten als sehr anhänglich, hilfsbereit und zuverlässig. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Unterstützung und fühlen sich oft hilflos und kaum in der Lage, ein eigenständiges Leben zu führen.

Eigenständige Entscheidungen zu treffen fällt ihnen schwer. Vielmehr hoffen sie, dass ihnen jemand Entscheidungen abnimmt. Daher suchen sie eine Bezugsperson, an die sie sich "klammern" und die ihnen eine gewisse Sicherheit gibt. Dies kann etwa der*die Partner*in sein. Aus Angst, diese Person zu verlieren, stellen abhängige Persönlichkeiten ihre Bedürfnisse in den Hintergrund, sind nachgiebig und lassen sich weitgehend von den Ansichten ihres Gegenübers leiten. Ein Verlust der Bezugsperson kann bei Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstörung eine psychische Krise auslösen.

Schätzungsweise leiden ungefähr drei von 100 Personen unter einer dependenten Persönlichkeitsstörung.

Zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung

Starre Regeln, Korrektheit und feste Abläufe – danach haben Menschen mit einer zwanghaften (anankastischen) Persönlichkeit ein ausgeprägtes Bedürfnis. Sie

  • stellen an sich und andere hohe Ansprüche,
  • möchten möglichst alles perfekt machen
  • und geraten so oft an den Rand der Erschöpfung.

Zwanghafte Persönlichkeiten sind pedantisch, aber auch zuverlässig. Entsprechend verunsichert sind sie, wenn ihre Ordnung gestört wird. Sie sind nur wenig spontan und wirken auf andere steif und ernst. Auf Kritik reagieren sie sehr empfindlich.

Wichtig zu wissen: Eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung ist nicht dasselbe wie eine Zwangsstörung. Als Faustregel gilt: Eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung ist permanent vorhanden und bereits in der Kindheit oder Jugend zu beobachten, die Symptome einer Zwangsstörung kommen nur phasenweise zum Vorschein.

Überschneidungen möglich

Die einzelnen Persönlichkeitsstörungen sind nicht immer exakt voneinander abgrenzbar. Vielmehr sind Überschneidungen zwischen "benachbarten" Störungen möglich. So kann es zum Beispiel sein, dass eine Person sowohl Merkmale einer selbstunsicheren als auch einer abhängigen Persönlichkeitsstörung aufweist. Überschneidungen zwischen der schizoiden und der paranoiden Persönlichkeitsstörungen kommen ebenfalls häufiger vor.

Wie entstehen Persönlichkeitsstörungen?

Fachleute gehen davon aus, dass viele verschiedene Einflüsse im Zusammenspiel eine Persönlichkeitsstörung begünstigen.

Welche Persönlichkeitsmerkmale sich in den ersten Lebensjahren stärker ausbilden und welche schwächer – und ob sich daraus eine Persönlichkeitsstörung entwickelt –, hängt von diversen Faktoren ab. Dabei unterscheidet man

  • Veranlagung: Die erblich bedingte Veranlagung bestimmt, ob ein Mensch von Natur aus eher kontaktfreudig oder ungesellig, eher ängstlich oder mutig, eher von sich überzeugt oder selbstunsicher ist.
  • äußere Faktoren: Hierzu zählt unter anderem der Erziehungsstil der Eltern oder das soziale Umfeld, in dem die Person aufgewachsen ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Persönlichkeitsstörung ausbildet, steigt, wenn die Beziehung zu den Eltern gestört ist. Traumatische Ereignisse in der Kindheit können das Risiko ebenfalls erhöhen – etwa Gewalt im Elternhaus. Psychische Störungen der Eltern, negative Vorbilder und ein ungünstiges soziales Milieu können ebenfalls eine Persönlichkeitsstörung begünstigen.

Viele Menschen mit Persönlichkeitsstörungen weisen zudem neurobiologische Auffälligkeiten auf. Dazu zählen unter anderem Fehlregulationen der Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn oder geringe Abweichungen der Hirnstruktur.

Unterschiedliche Entstehungsmodelle

Wichtig zu wissen: Faktoren wie Veranlagung und bestimmte Umwelteinflüsse führen nicht automatisch zu einer Persönlichkeitsstörung. Vielmehr spielt eine entscheidende Rolle, wie ein Mensch ganz individuell mit diesen Einflüssen umzugehen in der Lage ist.

Aus verhaltenstherapeutischer Sicht entstehen Persönlichkeitsstörungen größtenteils durch ungünstige Lernprozesse. Demnach entwickelt jede Person – auf Basis ihrer individuellen Veranlagung – eigene Strategien, um mit Umwelteinflüssen umzugehen. Dabei orientiert sie sich am Verhalten anderer Menschen wie den Eltern: Bestimmte Verhaltensweisen werden verstärkt, andere unterdrückt. So entwickeln sich relativ starre, tief verwurzelte Überzeugungen und Strategien, mit einer Situation umzugehen. Bei einer Person mit einer abhängigen Persönlichkeitsstörung könnte eine Überzeugung lauten: "Ich bin hilflos und schwach." Eine Strategie wäre dann etwa, sich eine Person zu suchen, die Sicherheit vermittelt.

Aus psychodynamischer Sicht entstehen Persönlichkeitsstörungen, wenn die Entwicklung in der frühen Kindheit massiv beeinträchtigt wurde. Je nachdem, in welcher Entwicklungsphase eine solche Störung erfolgt ist, ergeben sich unterschiedliche Ausprägungen einer Persönlichkeitsstörung.

Wie wird eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert?

Eine Persönlichkeitsstörung kann lange unentdeckt bleiben. Ob Betroffene eine psychotherapeutische Praxis aufsuchen, hängt unter anderem von der jeweiligen Form der Störung ab. Einige Beispiele:

Menschen mit einer selbstunsicheren oder abhängigen Persönlichkeitsstörung begeben sich relativ häufig in Psychotherapie, da ihr Leidensdruck sehr hoch ist.

Eine dissoziale Persönlichkeit wird man vergleichsweise selten in therapeutischer Behandlung finden. Der Grund: Sie erkennt nicht, dass ihre stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale in sozialen Beziehungen problematisch sind.

Auch histrionische Persönlichkeiten sind normalerweise nicht der Meinung, dass ihr Verhalten ungünstig ist. Dennoch begeben sie sich nicht selten in Therapie – etwa, weil sie Probleme in der Partnerschaft haben oder unter Depressionen leiden. Erfahrenen Psychotherapeut*innen gelingt es jedoch anhand der Schilderungen und Verhaltensweisen des*der Betroffenen, eine Persönlichkeitsstörung zu erkennen – selbst wenn vermeintlich andere Probleme im Vordergrund stehen.

Um die Diagnose zu stellen, ist insbesondere relevant,

  • welche Beschwerden im Vordergrund stehen und wie stark sie sind,
  • seit wann die Probleme bestehen,
  • ob weitere psychische Erkrankungen vorliegen oder
  • Suchtmittel oder bestimmte Medikamente eingenommen werden.

In manchen Fällen sind nicht nur die Schilderungen der Betroffenen, sondern auch Berichte von nahestehenden Menschen für die Diagnosestellung hilfreich.

Wichtig: Die Grundzüge der Persönlichkeit entwickeln sich bis in das junge Erwachsenenalter. Daher sollte eine Persönlichkeitsstörung erst ab dem späten Jugendalter diagnostiziert werden.

Standardisierte Tests erleichtern die Diagnose

Mithilfe standardisierter Testverfahren können sich Psychotherapeut*innen gezielt ein genaueres Bild machen. Sie greifen dabei auf spezielle Checklisten (z. B. Internationale Diagnosen Checkliste für DSM-IV) oder Fragebögen (z. B. Personality Disorder Questionnaire) zurück, mit denen sich die Persönlichkeitsmerkmale einer Person erfassen lassen.

Hilfreich können strukturierte Interviews sein, zum Beispiel

  • das International Personality Disorder Examination (IPDE) oder das
  • strukturier­te Klinische In­ter­view für DSM-IV (SKID-II).

Während des Interviews werden gezielt Fragen zu unterschiedlichen Themen gestellt. Die Antworten der Patient*innen können Hinweise darauf geben, ob es sich um eine Persönlichkeitsstörung handelt. Für eine genaue Diagnose werden anschließend einzelne Themenbereiche vertieft.

Oft erweist es sich als schwierig, eine Persönlichkeitsstörung von einer anderen psychischen Erkrankung abzugrenzen – auch, weil viele Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung unter weiteren psychischen Krankheiten leiden. Darüber hinaus können verschiedene Persönlichkeitsstörungen kombiniert auftreten, was die Diagnose erschweren kann.

Körperliche Erkrankungen ausschließen

Psychische Auffälligkeiten können körperliche Ursachen haben, so etwa eine Hirnschädigung oder die Einnahme bestimmter Medikamente. Bevor eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wird, muss daher eine körperliche Ursache ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund erfolgt in der Regel zunächst eine körperliche Untersuchung in der hausärztlichen Praxis.

Wie wird eine Persönlichkeitsstörung behandelt?

Nicht jede Persönlichkeitsstörung wird behandelt, etwa weil Betroffene häufig keine Krankheitseinsicht zeigen. Zudem ist eine Therapie auch nicht in jedem Fall notwendig. Eine Behandlung kommt vor allem dann infrage, wenn die Person oder ihr Umfeld leidet – etwa, weil sie sehr selbstunsicher ist und dadurch Probleme in Beziehungen oder im Berufsleben hat.

Da die Persönlichkeitszüge Erwachsener relativ stabil sind, ging man lange davon aus, dass eine Persönlichkeitsstörung kaum therapierbar ist. Mittlerweile sind sich Fachleute einig, dass sich Persönlichkeitsmerkmale in gewissen Grenzen durchaus verändern lassen. Damit dies gelingen kann, erstreckt sich die Therapie in der Regel über einen längeren Zeitraum, der mehrere Jahre umfassen kann.

Psychotherapie zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen

Zur Behandlung einer Persönlichkeitsstörung hat sich bislang vor allem die Psychotherapie als wirksam erwiesen. Hier geht es nicht darum, die stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale zu "heilen". Vielmehr lernen Betroffene, im Alltag besser damit zu leben. Dies kann gelingen, indem sie

  • ungünstige Verhaltensweisen und Denkmuster verändern und so
  • einen besseren Umgang mit sich und anderen Menschen erlernen.

Die "richtige" Behandlungsmethode gibt es bei Persönlichkeitsstörungen nicht. Vielmehr richtet sich die Wahl der Therapie auch nach den individuellen Bedürfnissen des*der Betroffenen. Bei einigen Formen von Persönlichkeitsstörungen haben sich allerdings bestimmte Therapieansätze bewährt. So kann bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung eine Sonderform der Verhaltenstherapie helfen: die dialektisch-behaviorale Verhaltenstherapie. Für andere Persönlichkeitsstörungen gibt es hingegen keine klaren Empfehlungen, welche Therapie am besten wirkt.

Viele Menschen mit Persönlichkeitsstörungen leiden gleichzeitig unter anderen psychischen Erkrankungen. Diese werden in der Psychotherapie entsprechend mitbehandelt.

Medikamentöse Behandlung

Eine spezielle medikamentöse Behandlung bei Persönlichkeitsstörungen gibt es nicht. Je nach Beschwerdebild können jedoch zusätzlich zur Psychotherapie unterschiedliche Medikamente zum Einsatz kommen. Bei depressiven Symptomen können etwa Antidepressiva verschrieben werden.

Persönlichkeitsstörungen: Verlauf und Prognose

In der Regel bleiben die stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale über Jahrzehnte größtenteils bestehen. Das ist nicht zwangsläufig ein Problem: Oft spüren Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung lange Zeit keinen hohen Leidensdruck und kommen in ihrem Alltag gut zurecht. Belastende Situationen können ihren Zustand jedoch verändern und zu einer Krise führen. Dies kommt beispielsweise bei selbstunsicheren Persönlichkeiten vor, die den*die Partner*in verlieren.

Eine Persönlichkeitsstörung kann mit zunehmendem Alter schwächer werden. Eine Psychotherapie kann den Verlauf zudem günstig beeinflussen.

Dennoch haben Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung im Laufe ihres Lebens meist Probleme in Beziehungen zu anderen Menschen. Dazu kommen häufig weitere psychische Erkrankungen wie

  • Depressionen,
  • Angsterkrankungen,
  • Suchterkrankungen (z. B. Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch) oder
  • Psychosen.

Menschen mit anhängiger Persönlichkeitsstörung leiden zum Beispiel oft unter einer Angststörung. Borderline und die histrionische Persönlichkeitsstörung gehen nicht selten mit Depressionen einher.

Suizidversuche und Suizide kommen bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufiger vor.