Bild einer Frau, die an einer histrionischen Persönlichkeitsstörung leidet.
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Histrionische Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung heischen permanent nach Aufmerksamkeit. Sie haben einen starken Geltungsdrang und wollen immer im Mittelpunkt stehen. Ihre Beziehung zu anderen gestaltet sich oft als schwierig – insbesondere zum Partner oder zur Partnerin. Hier erfahren Sie, wie die Diagnose der histrionischen Persönlichkeitsstörung gestellt wird und welche Therapie-Ansätze es gibt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Hinweis: In diesem Artikel wird aus Gründen der Lesbarkeit der Begriff "Histrioniker" stellvertretend für alle Geschlechter verwendet.

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Histrioniker wollen in einem übersteigertem Ausmaß für andere Menschen wichtig sein. Sie wollen permanent Gehör finden, gesehen und verstanden werden, sich jederzeit gebraucht und anerkannt fühlen.

Um diese Ziele zu erreichen, führen sie sich manchmal wie regelrechte "Drama-Queens" auf: Unbedeutende Ereignisse bauschen sie in theatralischer Weise auf. Ein harmloser Schnupfen wird so plötzlich zur ernstzunehmenden Grippe. Ein kleines To-Do im Job wird zu einem riesigen Berg an Arbeit aufgebauscht. Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung stellen Gefühle wie Angst, Wut oder Freude völlig übertrieben zur Schau. Einige kleiden sich besonders aufreizend. Oder sie fallen ihrem Gegenüber einfach ins Wort. Hauptsache, für Aufmerksamkeit ist gesorgt.

Nicht umsonst bedeutet "Histrio" übersetzt so viel wie "Schauspieler, Gaukler". Früher sprach man auch von einer hysterischen Persönlichkeitsstörung oder kurz von Hysterie.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: Symptome auf einen Blick

Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung

  • verhalten sich übertrieben emotional.
  • stellen sich gerne in den Mittelpunkt und neigen zur dramatischen Selbstdarstellung.
  • treten häufig verführerisch, aufreizend oder besonders auffällig auf, zum Beispiel durch entsprechende Kleidung.
  • langweilen sich schnell und suchen immer wieder nach aufregenden Situationen.
  • sind sehr kontaktfreudig und aufgeschlossen, bisweilen distanzlos. Sie können nur schwer allein sein.
  • sind sehr sprunghaft und leicht zu beeinflussen.
  • haben eher oberflächliche und weniger tiefe Gefühle. Ihre Stimmung kann rasch wechseln (sog. Affektlabilität).
  • haben Probleme, innige und dauerhafte Beziehungen einzugehen.
  • denken vor allem an sich und wenig an andere.
  • fühlen sich schnell gekränkt.

Je nachdem, wie geschickt sie vorgehen, gelingt es vielen Histrioniker tatsächlich, die gewünschte Beachtung zu finden. Andererseits können sie mit ihrem Verhalten aber auch anecken.

Histrioniker sind leicht verletzbar

Histrioniker wirken für Außenstehende oft sehr selbstbewusst. Insgeheim sind sie jedoch meist sehr sensibel und leicht verletzbar. Manche Betroffene neigen zu Depressionen. Eine histrionische Persönlichkeitsstörung tritt häufiger zusammen mit Abhängigkeitserkrankungen auf: Betroffene greifen etwa zu Alkohol oder anderen Drogen, um ihr starkes Verlangen nach Spannung und Aufregung zu befriedigen.

Was ist eine Persönlichkeitsstörung?

Ob ängstlich, kontaktfreudig oder pedantisch: Die individuellen Eigenschaften eines Menschen samt Wahrnehmungen, seinen Gefühlen, seinen Gedanken und seinen Verhaltensweisen machen seine Persönlichkeit aus. Von einer Persönlichkeitsstörung sprechen Fachleute, wenn bestimmte Persönlichkeitszüge ungewöhnlich stark ausgeprägt sind – so stark, dass der Betroffene und/oder seine Umwelt darunter leiden. Die histrionische Persönlichkeitsstörung ist eine von verschiedenen Formen von Persönlichkeitsstörungen.

Wie häufig ist die histrionische Persönlichkeitsstörung?

Schätzungen zufolge haben circa 1 bis 3 von 100 Personen in der Bevölkerung eine histrionische Persönlichkeitsstörung. Bei Frauen wird die Erkrankung etwas häufiger festgestellt als bei Männern.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: Ursachen

Eine histrionische Persönlichkeitsstörung ist nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen. Vielmehr entwickelt sich die individuelle Persönlichkeit eines Menschen aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Dabei spielt zum einen die genetische Veranlagung eine Rolle. Die Gene bestimmen in hohem Maße das Grund-Temperament einer Person – zum Beispiel, ob sie eher gesellig oder zurückhaltend, sehr lebhaft oder eher passiv, gefühlsbetont oder eher nüchtern ist.

Zum anderen tragen zahlreiche äußere Einflüsse zur Ausprägung der Persönlichkeit bei, etwa die Bindung zu den Eltern, positive oder negative Vorbilder innerhalb der Familie sowie das soziale Umfeld.

Kinder, deren Beziehung zu Bezugspersonen gestört ist, haben ein höheres Risiko, später eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Auch traumatische Erlebnisse (z.B. Gewalterfahrungen durch die Eltern in der frühen Kindheit) begünstigen eine histrionische Persönlichkeitsstörung. Menschen mit histrionischer Persönlichkeit haben unter Umständen schon in früher Kindheit gelernt, dass sie von den Eltern besondere Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie sich in Szene setzen.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: Tests & Diagnose

In der Regel bemerken Histrioniker nicht, dass einige ihrer Persönlichkeitsmerkmale problematisch sind. Dennoch begeben sie sich häufiger in Behandlung – aber aus anderen Gründen. Sie suchen etwa Hilfe, weil sie unter Ängsten, Depressionen, psychosomatischen Beschwerden, Problemen am Arbeitsplatz oder Beziehungskonflikten leiden. Daher kann die histrionische Persönlichkeitsstörung zunächst im Verborgenen bleiben.

Einer erfahrenen psychotherapeutischen Fachkraft gelingt es jedoch meist, die Störung zu erkennen. Nicht jeder Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht und Aufmerksamkeit braucht, hat eine histrionische Persönlichkeitsstörung. Nur wenn diese Eigenschaften dauerhaft, sehr ausgeprägt und tief verwurzelt sind, stellt der*die Psychotherapeut*Psychotherapeutin diese Diagnose.

Dazu muss die psychologische Fachkraft unter anderem wissen,

  • welche Symptome genau auftreten,
  • wie ausgeprägt die Symptome sind (und ob sie z.B. negative Konsequenzen haben, z.B. Ablehnung von anderen),
  • seit wann die Symptome bemerkt wurden, z.B. erst seit kurzem oder seit der frühen Jugend,
  • ob andere psychische Störungen bei dem*der Patient*in bekannt sind oder
  • ob regelmäßig Suchtmittel wie Alkohol oder andere Drogen konsumiert werden.

Bereits anhand der Schilderungen und Verhaltensweisen von Betroffenen können Fachleute einschätzen, ob eine psychische Störung vorliegt, und wenn ja welche. Gegebenenfalls kann auch ein Gespräch mit einer nahestehenden Person die Diagnose erhärten, um weitere hilfreiche Informationen über das Verhalten und Wesen des Betroffenen zu erhalten.

Test: Histrionische Persönlichkeitsstörung oder nicht?

Fachleute nehmen häufig standardisierte Testverfahren zur Hand, um die Diagnose zu sichern. Diese Verfahren helfen dabei, die grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale einer Person zu erfassen. Dazu zählen

  • strukturierte Interviews, bei dem im psychotherapeutischen Gespräch zunächst durch Fragen ermittelt wird, ob und welche Persönlichkeitsstörung vorliegen könnte. Für eine genaue Diagnose werden im Gespräch anschließend bestimmte Themen vertieft (z.B. International Personality Disorder Examination (IPDE) oder Strukturier­tes Klinisches In­ter­view für DSM-IV (SKID-II))
  • Checklisten, anhand derer verschiedene Persönlichkeitseigenschaften abgefragt werden (z.B. Internationale Diagnosen Checkliste für DSM-IV)
  • Fragebögen zur Selbstbeurteilung, die Patient*innen selbst beantworten (z.B. Personality Disorder Questionnaire)

Allerdings ist es auch für Expertenteams nicht immer einfach, die histrionische Persönlichkeitsstörung ohne Zweifel zu diagnostizieren. Zum einen hat die Persönlichkeit eines Menschen viele Facetten, sodass es Überschneidungen mit anderen Störungen wie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung geben kann. Zum anderen sind die Grenzen zwischen "Normalität" und einem Krankheitsbild fließend. Nicht zuletzt haben viele Betroffene psychische Begleiterkrankungen wie eine Depression.

Andere Ursachen ausschließen

Bevor sich der*die Psychologe*Psychologin auf eine Diagnose festlegt, müssen andere mögliche Ursachen ausgeschlossen werden.

Bestimmte psychische Erkrankungen können mit Symptomen einhergehen, die der histrionischen Persönlichkeitsstörung ähneln, zum Beispiel:

Ob körperliche Ursachen hinter den psychischen Beschwerden stecken, kann der*die Arzt*Ärztin in der Regel durch bestimmte Untersuchungen feststellen. Welche das sind, hängt von der vermuteten Ursache ab. Infrage kommen zum Beispiel

Was ist der Unterschied zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung?
Auf den ersten Blick erinnert die Beschreibung von Histrioniker an eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, denn auch Narzissten wollen stets im Mittelpunkt stehen. Dennoch gibt es Unterschiede:

  • Narzissten wollen vor allem Bestätigung und Bewunderung. Sie sind überzeugt davon, dass sie besser sind als andere – und wollen immer wieder von anderen "gebauchpinselt" werden. Kritik möchten sie nicht hören.
  • Histrioniker geht es dagegen eher darum, für andere Menschen wichtig zu sein. Sie brauchen Aufmerksamkeit jeglicher Art. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gelobt oder bemitleidet werden.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: Beziehung & Partnerschaft

Für das Umfeld wie Angehörige kann der Umgang mit Histrionikern sehr anstrengend und belastend sein. Menschen mit histrionischer Persönlichkeit wollen immer wieder aufs Neue im Mittelpunkt stehen. In Partnerschaften sind sie entsprechend oft unzufrieden: Sie erwarten von ihrem Gegenüber die uneingeschränkte Aufmerksamkeit – und das möglichst permanent.

Kann der*die Partner*Partnerin diese Forderung nicht erfüllen, reagieren Histrioniker rasch gekränkt oder eifersüchtig. So kommt es häufig zu Konflikten innerhalb der Partnerschaft.

Für Histrioniker ist es in einer Beziehung wichtig, mit einem großen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit akzeptiert zu werden. Partner*innen können auch versuchen, viel Aufmerksamkeit zu schenken – solange eigene Grenzen beachtet werden. Gegebenenfalls kann es hilfreich sein, sich von psychotherapeutisch beraten zu lassen.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: Therapie

Nicht alle Histrioniker müssen zwangsläufig eine Therapie machen. Eine Behandlung ist jedoch ratsam, wenn

  • Betroffene oder das Umfeld sehr darunter leiden.
  • die Person aufgrund der Störung Probleme im Beruf oder in Beziehungen hat.

Welche Therapie hilft?

Welche Therapie bei einer histrionischen Persönlichkeitsstörung hilft, lässt sich bisher nicht sicher sagen. Bislang gibt es dazu keine aussagekräftigen Studien. In den meisten Fällen raten Fachleute zu einer Psychotherapie, zum Beispiel zu:

  • einer kognitiven Verhaltenstherapie: in der Therapie wird zum Beispiel an ungünstigen Denk- und Verhaltensmuster und dem Verlangen nach Aufmerksamkeit gearbeitet. Dabei kann der*die Patient*Patientin unter anderem lernen, die eigene Selbstwahrnehmung zu verbessern und Beziehungskonflikte anders zu lösen.
  • psychodynamischen Therapieformen: Diese eignen sich etwa, wenn Traumata oder Reifungskrisen die Störung begünstigt haben.

Medikamente können in bestimmten Fällen zusätzlich sinnvoll sein – etwa, wenn die Person unter Depressionen leidet.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: schwer behandelbar
Häufig fehlt Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung die Einsicht, dass ihr Verhalten ungünstig ist. Zudem neigen sie dazu, Therapeut*innen zu manipulieren. Für diese bedeutet das eine besondere Herausforderung. Histrioniker gelten daher als schwer behandelbar.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: Verlauf

Lange Zeit galten Persönlichkeitsstörungen als kaum therapierbar, denn die Persönlichkeitszüge eines erwachsenen Menschen sind relativ stabil. Heute weiß man: Die einzelnen Facetten einer Persönlichkeit sind – in einem gewissen Rahmen – veränderbar. Das gilt auch für die Merkmale einer histrionischen Persönlichkeitsstörung.

Die Symptome einer histrionischen Persönlichkeitsstörung bleiben in der Regel zwar grundsätzlich bestehen, jedoch kann man sie im Laufe der Behandlung mildern. Mit höherem Alter werden die histrionischen Persönlichkeitszüge meist schwächer.