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Atypische Pneumonie

Letzte Änderung:
Autor*in: Onmeda-Redaktion | Till von Bracht, Medizinredakteur

Die atypischen Pneumonie ist auch für Ärzte manchmal schwer zu erkennen. Nächtliche Hustenanfälle können auf die versteckte Erkrankung hindeuten.

Verkannte Gefahr: Atypische Pneumonie

Dieser lästige Husten. Seit Wochen ist er ein treuer Begleiter des Kindes. Morgens, mittags, abends, nachts. Immer mal wieder. Nicht schlimm, aber so richtig gesund ist das Kind auch nicht. Irgendwann fragen sich die Eltern: "Sollten wir besser zum Kinderarzt damit, oder ist es nur ein bisschen Husten?" Gerade im Winter sind die Wartezimmer voll mit hustenden Kindern. Bei den meisten ist es tatsächlich nur ein harmloser Infekt, bei manchen aber überrascht die Diagnose: Lungenentzündung.

Lungenentzündung? Das Kind hat doch keinen Schüttelfrost, kein Fieber und wirkt auch nicht sonderlich beeinträchtigt. So wie die drei von Christina H. aus Hamburg. Der acht Jahre alte Paul und seine Schwestern, die Zwillinge Lilly und Lotta (5) sind im vergangenen Herbst wie gewohnt unterwegs. Vielleicht ein bisschen quengeliger und anhänglicher als sonst, dazu der Husten und ab und zu mal etwas Temperatur. Aber richtige Alarmsignale gibt es nicht. "Es begann mit dem neuen Schuljahr und dauerte bis zu den Herbstferien", sagt Christina H., dann endlich wird mit Hilfe von Röntgenbildern gefunden, was die Kinder mit sich herumschleppen. Es ist eine atypische Lungenentzündung, ausgelöst durch ein Bakterium namens chlamydia pneumoniae, aus der Familie der Chlamydien. Mit einem Antibiotikum ist der Infektion gut beizukommen.

Pneumokokken lassen Fieberwerte schnell ansteigen

Eine typische durch Pneumokokken ausgelöste Lungenentzündung (Pneumonie) dagegen wäre wohl nicht zu übersehen: Das Fieber steigt in Rekordgeschwindigkeit über 39 Grad, die Atmung geht immer schneller und schmerzt, die Kinder sind kraftlos, und im Blutbild finden sich hohe Entzündungswerte. Anders ist es bei einer atypischen Lungenentzündung: Bis auf wochenlangen Husten sind keine Symptome zu sehen. "Manchmal ist es wirklich abenteuerlich, weil diese Lungenentzündungen absolut nicht zu hören sind", sagt der Hamburger Kinderarzt Hans-Ulrich Neumann. In solchen Fällen hilft meist das Röntgenbild, manchmal auch ein tiefer Nasen-Rachenabstrich oder eine Blutuntersuchung.

Wenn der Husten länger als drei Wochen dauert

Oft geht einer Lungenentzündung ein Infekt im Hals- oder Rachenbereich voraus. Dann geht der Husten los. "Husten ist ja an sich nichts Schlechtes", sagt Neumann, schließlich sei er nur eine körpereigene Reaktion darauf, dass sich etwas Störendes in den Atemwegen befindet. Er rät bei normalem Husten dazu, viel zu trinken, am besten Tee mit Honig. Natursubstanzen wie Thymian, Spitzwegerich, Efeu, Cineol und Lavendelessenz seien meist hilfreicher als künstlich hergestellter Hustensaft. Außerdem sei Geduld nötig: "Bei einem normalen Infekt dauert der Husten zwei bis drei Wochen und ist meist morgens und abends zu hören."

Auch andere Erreger können dahinter stecken

Aufmerksam müssen Eltern jedoch werden, wenn das Kind beeinträchtigt scheint und in der Nacht Hustenanfälle bekommt. Spätestens nach vier bis fünf Tagen mit leichter Temperatur und Schlappheitsgefühl sollte das Kind zum Arzt. Neben einer atypischen Lungenentzündung könnten schließlich auch andere Erkrankungen dahinter stecken.

Im Fall der Familie H. steckte sich Josefine (5) bei ihren Freundinnen im Kindergarten an und schleppte die Infektion in ihre Familie ein. Wochen später saß Josefine hustend bei der Kinderärztin und erzählt nebenbei von ihren Freundinnen namens Lilly und Lotta. "Ach, die kennst du? Dann weiß ich jetzt, was du hast", sagte die Ärztin, ein Röntgenbild brachte den letzten Beweis. Auch bei Josefine war beim Abhören der Lungen nichts zu hören gewesen.

Verschiedene Erreger können die Erkrankung hervorrufen

Die atypische Pneumonie wird nicht nur durch Chlamydien, sondern auch durch andere Erreger wie Mykoplasmen hervorgerufen. Das sind sehr kleine Bakterien, die parasitär leben. Sie übertragen sich schnell per Tröpfcheninfektion, haben aber eine eher lange Inkubationszeit und oft nur wenig klinische Symptome. Das bedeutet: Sind Mykoplasmen unterwegs, können sich in einem Kindergarten, einer Schule, einer Familie in kurzer Zeit viele Menschen anstecken, ohne dass es – zunächst – jemand merkt.

Die klassische Lungenentzündung dagegen ist die häufigste lebensgefährliche Infektionskrankheit in den Industrieländern. Sie trifft meist Ältere und Kranke. Weil seit 2006 Kinder bis 24 Monate gegen Pneumokokken-Erreger geimpft werden, geht die Zahl dieser Erkrankungen bei Kindern spürbar zurück. Sie sind eher die Patienten mit atypischen Lungenentzündungen, die laut Dr. Neumann nicht unterschätzt werden sollen. Sind in einer Familie über Monate und ohne Behandlung beispielsweise Mykoplasmen unterwegs, "dann kann aus einer eigentlich harmlosen Bronchitis plötzlich eine schwerwiegende Lungenerkrankung werden".

Quellen

Gespräch mit Dr. Hans-Ulrich Neumann, Kinderarzt, Hamburg, März 2013

Letzte inhaltliche Prüfung: 07.03.2013
Letzte Änderung: 12.10.2021