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Hodenentzündung (Orchitis)

Letzte Änderung:
Nächste Aktualisierung von Till von Bracht • Medizinredakteur

Die Hodenentzündung (Orchitis) ist eine vor allem durch Viren oder Bakterien ausgelöste Entzündung der Hoden. Die Entzündung entwickelt sich ein- oder beidseitig und verläuft in akuter oder auch in chronischer Form. Meist tritt die Hodenentzündung zusammen mit einer Nebenhodenentzündung (Epididymitis) auf – Experten sprechen dann von einer sogenannten Epididymoorchitis.

Überblick

Auslöser einer akuten Hodenentzündung sind häufig Mumpsviren: Bei etwa jedem dritten bis sechsten erwachsenen Mann mit Mumps (im Volksmund auch Ziegenpeter genannt) tritt als Komplikation eine Hodenentzündung auf.

Neben den Mumpsviren können auch andere Viren oder auch Bakterien eine Orchitis auslösen. In seltenen Fällen entsteht die Hodenentzündung durch schwere Gewalteinwirkungen, zum Beispiel durch eine Verletzung des Hodens. Vereinzelt können auch autoimmune, das heißt durch das Abwehrsystem verursachte Vorgänge, für eine Hodenentzündung verantwortlich sein.

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Bei der Hodenentzündung ist der Hoden angeschwollen und die Haut über dem Hodensack gerötet.

Eine Hodenentzündung kann verschiedene Beschwerden hervorrufen. Die typischen Symptome einer akuten Orchitis sind:

Die Symptome einer Hodenentzündung kommen allerdings auch bei anderen Erkrankungen der Hoden vor – etwa bei einer Drehung des Hodens um die Längsachse (Hodentorsion), bei einer akute Nebenhodenentzündung (Epididymitis) oder bei Hodentumoren. Um bei der Diagnose festzustellen, ob wirklich eine Hodenentzündung vorliegt, sind folgende Untersuchungen geeignet:

In seltenen Fällen ist es zusätzlich erforderlich, den Hoden operativ freizulegen, um die Diagnose zu sichern.

Die gegen eine Hodenentzündung eingesetzte Behandlung hängt von der Entzündungsursache ab: Haben Viren die Orchitis verursacht, besteht die Therapie hauptsächlich aus unterstützenden sowie schmerzlindernden Maßnahmen wie Bettruhe, Hochlagerung und Kühlung des Hodensacks. Außerdem wirken sich entzündungshemmende, schmerzstillende Medikamente positiv auf den Verlauf der Hodenentzündung aus. Gegen eine Hodenentzündung durch Mumpsviren kommt bei Erwachsenen das Medikament α-Interferon manchmal zum Einsatz. Stecken Bakterien hinter der Hodenentzündung, helfen hingegen Antibiotika.

Da Mumps zu den häufigen Ursachen der Hodenentzündung zählt, ist es ratsam, sich vorbeugend durch eine Impfung zu schützen. Dies geschieht am besten schon während der Kindheit.

In der Regel klingt eine Hodenentzündung nach etwa einwöchiger Dauer wieder ab – in seltenen Fällen kann die Orchitis allerdings auch zu verschiedenen Komplikationen führen.

Als schwerwiegendste Komplikation der Orchitis kann das Hodengewebe so stark geschädigt sein, dass dies die Zeugungsfähigkeit eingeschränkt, beziehungsweise zur Sterilität (Zeugungsunfähigkeit) führt.

Definition

Die Hodenentzündung, auch Orchitis oder Didymitis genannt, ist eine akute oder chronische Entzündung der Hoden. In der Mehrzahl der Fälle sind Viren, seltener auch Bakterien Auslöser der Hodenentzündung. Bei einer Orchitis kann sich die Entzündung auch auf umliegendes Gewebe ausweiten: Meistens entwickelt sich eine Orchitis zusammen mit einer Nebenhodenentzündung (Epididymitis) als sogenannte Epididymoorchitis.

Wissenswertes
Das Wort Hoden stammt vom indogermanischen skeu (= bedecken, einhüllen) ab. Der Hoden ist demnach "das Bedeckte". Der Begriff Didymitis als Synonym für die Hodenentzündung leitet sich vom griechischen didymos (= zweifach) ab.

Häufigkeit

Die Hodenentzündung (Orchitis) tritt im Kindesalter eher selten auf. Hauptsächlich sind junge und erwachsene Männer betroffen: Etwa zwischen 15 und 30 Prozent aller Männer, die nach der Pubertät an Mumps erkranken, entwickeln auch eine Hodenentzündung. Dabei betrifft die Entzündung bei etwa jedem dritten Mann beide Hoden.

Ursachen

Eine akute Hodenentzündung (Orchitis) hat ihre Ursachen in der Regel in einer Infektion: Meist lösen Viren die Entzündung der Hoden aus, seltener stecken Bakterien dahinter.

Die Erreger gelangen entweder über den Blutweg oder von benachbarten Strukturen – beispielsweise bei einer Nebenhodenentzündung – in den Hoden. In Einzelfällen ist eine akute Hodenentzündung nicht die Folge einer Infektion, sondern entsteht durch schwere Gewalteinwirkungen, zum Beispiel durch eine Verletzung des Hodens.

Die häufigste Ursache für eine Orchitis ist eine Mumps-Infektion: Bei den Erregern handelt es sich um sogenannten Paramyxoviren. Daneben kann eine Hodenentzündung auch durch andere Viren verursacht werden. Diese wiederum rufen auch folgende Erkrankungen hervor:

Die seltenere durch Bakterien verursachte Orchitis zeigt sich meistens durch ein eitrig entzündetes Hodengewebe. Die Bakterien, die die Hodenentzündung auslösen, stammen entweder von einer Harnröhrenentzündung (Urethritis) oder Prostataentzündung (Prostatitis), von der sie über die Harnröhre zu den Hoden gelangt sind, oder sie haben sich bei einem Befall der Nebenhoden oder Hodenhüllen auf den benachbarten Hoden ausgebreitet. Oft geht die bakterielle Hodenentzündung auf sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis oder Tripper (Gonorrhoe) zurück.

Außerdem können bakterielle Infektionen über den Blutweg zu einer Orchitis führen: So kann zum Beispiel durch A-Streptokokken bei Scharlach eine Hodenentzündung entstehen. Bei Kindern kommen für eine bakterielle Hodenentzündung als Ursachen auch Pneumokokken und Salmonellen infrage.

Chronische Hodenentzündung

Eine chronische Hodenentzündung, die ihre Ursache in einer Infektionen hat, kommt in Mitteleuropa seltener vor. Eine solche chronische Orchitis (auch spezifische chronisch-granulomatöse Orchitis genannt) entsteht durch Erkrankungen wie Syphilis, Tuberkulose oder Lepra.

Es ist auch eine nicht-infektiöse chronische Form der Hodenentzündung bekannt, deren Ursachen sogenannte autoimmune Vorgänge sind: Dabei bildet das Abwehrsystem Antikörper und Blutzellen, die körpereigenes Gewebe angreifen und über einen längeren Zeitraum hinweg das Hodengewebe zerstören. Diese sogenannte unspezifische chronisch-granulomatöse Orchitis tritt einseitig und meist bei Männern mit Blasenentleerungsstörungen im Alter zwischen 60 und 70 Jahren auf.

Symptome

Die für eine akute Hodenentzündung (Orchitis) typischen Symptome sind:

Meist sind die Symptome auf einen Hoden begrenzt; in etwa 10 bis 15 Prozent sind jedoch beide Hoden von der Entzündung betroffen.

Da eine Hodenentzündung häufig als Begleitinfektion – zum Beispiel bei Mumps – auftritt, entstehen die ersten Symptome der Orchitis meist einige Tage nach Beginn der Grundkrankheit. Wenn sich die Hodenentzündung ausbreitet, können weitere Symptome hinzukommen – je nachdem, welche umliegenden Strukturen beziehungsweise Organe betroffen sind.

Besonders häufig tritt die Orchitis zusammen mit der Nebenhodenentzündung (Epididymitis) auf: In diesem als Epididymoorchitis bezeichneten Fall sind auch die Nebenhoden schmerzhaft geschwollen und im weiteren Verlauf nicht mehr vom Hoden abzugrenzen.

Diagnose

Bei einer Hodenentzündung (Orchitis) erfolgt die Diagnose in der Regel anhand des Erscheinungsbilds der Hoden und mithilfe einiger Untersuchungen: Sind die Hoden entzündet, fällt bei der körperlichen Untersuchung auf, dass sie schmerzen, geschwollen und hart sind. Hebt der Arzt den Hoden an, lassen die Hodenschmerzen typischerweise nach (positives Prehn-Zeichen).

Die Blutuntersuchung ergibt erhöhte Entzündungswerte (wie erhöhte Anzahl an Leukozyten, erhöhter CRP-Wert, beschleunigte Blutsenkungsgeschwindigkeit) – außerdem lassen sich, je nach Ursache der Orchitis, Antikörper gegen bestimmte Erreger oder körpereigenes Gewebe im Blut nachweisen.

Manchmal ist es schwierig, eine Hodenentzündung bei der Diagnose von anderen Erkrankungen abzugrenzen: So können zum Beispiel

ähnliche Beschwerden wie eine Hodenentzündung hervorrufen.

In solchen Fällen hilft eine Ultraschalluntersuchung, die Orchitis nachzuweisen. Kann der Arzt eine Hodentorsion trotz Ultraschalluntersuchung nicht sicher ausschließen, ist es unter Umständen erforderlich, den Hoden operativ freizulegen, um die Ursache der Beschwerden abzuklären.

Therapie

Bei einer Hodenentzündung (Orchitis) richtet sich die Therapie nach der auslösenden Ursache. Bei einer durch Viren bedingten Hodenentzündung genügen zur Behandlung unterstützende Maßnahmen – das bedeutet zum Beispiel Bettruhe sowie die Hoden hochlagern und kühlen. Zusätzlich können entzündungshemmende Medikamente – wie zum Beispiel Glukokortikoide – zum Einsatz kommen, um die Beschwerden weiter zu lindern.

Bei einer durch Mumps verursachten Hodenentzündung fördert eine medikamentöse Therapie mit Interferonen (α-Interferon) die Heilung.

Haben Bakterien die Hodenentzündung verursacht, verschreibt der Arzt in der Regel Antibiotika. Sind die Hoden durch die Entzündung sehr stark geschwollen oder haben sich im Hodengewebe eitrige Abszesse gebildet, ist in seltenen Fällen eine Operation notwendig: Diese operative Orchitis-Therapie besteht darin, die infektiösen Herde zu beseitigen, um den Hoden zu entlasten.

Verlauf

In der Regel handelt es sich bei einer Hodenentzündung (Orchitis) um eine akute Erkrankung, die nach etwa einwöchiger Dauer wieder abklingt. Die Prognose der Hodenentzündung ist bei Kindern besser als nach Abschluss der Pubertät. Bei ungefähr der Hälfte der Betroffenen heilt die Entzündung der Hoden ohne Folgen für das Hodengewebe aus.

Komplikationen

In seltenen Fällen kann eine Hodenentzündung (Orchitis) zu verschiedenen Komplikationen führen. Dies gilt besonders dann, wenn sich der Hoden wiederholt entzündet oder keine ausreichende Behandlung erfolgt.

Eine häufige Komplikation der Hodenentzündung besteht darin, dass sich die Entzündung im weiteren Verlauf vom Hoden auf den Nebenhoden und die Hodenhüllen ausbreitet. Bei der bakteriellen, meist eitrig verlaufenden Hodenentzündung kann sich Eiter in den Hodenhüllen ansammeln (Pyocele testis) und dadurch das Hodengewebe zusätzlich zusammendrücken. Außerdem können sich nachfolgend eitrige Herde abkapseln, die sich zu Abszessen entwickeln.

Eine Hodenentzündung ist außerdem mit dem Risiko verbunden, dass in ihrem Verlauf die entzündlichen Prozesse und der – durch die Schwellung erhöhte – Druck das Hodengewebe zerstören. Die Folge davon ist ein Schwund des Keimgewebes im Hoden (Hodenatrophie), der bei etwa jedem sechsten Mann zu einer verminderten Hodenfunktion führt. Sind beide Hoden betroffen, können die Betroffenen dadurch vermindert zeugungsfähig sein. Eine verminderte Zeugungsfähigkeit infolge einer Hodenentzündung besteht auf Dauer: Eine Behandlung kann die Spermienproduktion dann nicht mehr verbessern.

Die gute Nachricht: Eine vollkommene Zeugungsunfähigkeit (Sterilität) infolge einer Hodenentzündung ist selten. Für betroffene Paare mit Kinderwunsch besteht dann unter Umständen die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung.

Vorbeugen

Einer Hodenentzündung (Orchitis) können Sie in vielen Fällen weitgehend vorbeugen: Da ein entzündeter Hoden häufig als Folge von Mumps auftritt, ist es ratsam, sich entsprechend gegen Mumps impfen zu lassen. Die Impfung gegen Mumps kann bereits bei Kleinkindern zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat erfolgen. Um einen guten Schutz zu erreichen, ist eine Wiederholungsimpfung, wenn möglich spätestens bis zum 2. Geburtstag, wichtig. 

Aber auch Jugendliche und Erwachsene ohne ausreichenden Impfschutz sollten sich gegen Mumps impfen lassen. Eine durch Gonorrhoe (sogenannter Tripper) oder andere sexuell übertragbare Infektionen ausgelöste, bakterielle Orchitis können Sie verhindern, indem Sie konsequent beim Geschlechtsverkehr Kondome verwenden.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Hodenentzündung (Orchitis)":


Onmeda-Lesetipps:

Quellen:

Deeg, K.-H., Hofmann, V., Hoyer, P. F.: Ultraschalldiagnostik in der Pädiatrie und Kinderchirurgie. Thieme, Stuttgart 2015

Haag, P., Hanhart, N. Müller, M. (Hrsg.): Gynäkologie und Urologie. Für Studium und Praxis 2014/15. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2014

Gortner, L., Meyer, S., Sitzmann, F.C. (Hrsg.): Duale Reihe Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2012

Hautmann, R.: Urologie. Springer, Berlin 2010

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie: Akutes Skrotum. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 006/023 (Stand: Dezember 2010)

Nieschlag, E., Behre, H.M., Nieschlag, S. (Hrsg.): Andrologie. Springer, Berlin 2009

Albrecht, M.A.: Epidemiology, clinical manifestations, diagnosis and management of mumps. Up-to-Date, Online-Publikation (23.05.2008)

Letzte inhaltliche Prüfung: 13.04.2015
Letzte Änderung: 21.09.2020