Ein lachendes Baby schaut unter einer Decke hervor.
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Hodenhochstand (Maldescensus testis)

Ob ein Hodenhochstand vorliegt, wird nach der Geburt festgestellt. Hat sich dieser nicht innerhalb von sechs Monaten von selbst behoben, muss er behandelt werden.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Was ist ein Hodenhochstand?

Als Hodenhochstand (Maldescensus testis) bezeichnet man eine Entwicklungsstörung, bei welcher ein oder beide Hoden nach der Geburt nicht im Hodensack ertastet werden können. Die Hoden liegen dabei meist entweder im Leistenkanal oder in der Bauchhöhle.

Normalerweise wandert der Hoden beim ungeborenen Jungen während der Entwicklungsphase im Mutterleib aus der Bauchhöhle bis in den Hodensack (Descensus testis) hinab. In der Regel treten die Hoden im siebten Schwangerschaftsmonat in den Hodensack ein. Bei einem männlichen Säugling sollten also die Hoden im Hodensack tastbar sein. Ist dies nicht der Fall, senkt sich der Hoden oft noch spontan im ersten Lebenshalbjahr. Bei Frühgeborenen tritt ein Hodenhochstand entsprechend der noch unreifen Entwicklung häufiger auf, verschwindet jedoch in vielen Fällen wieder.

Je nach Lokalisation des Hodens unterscheidet man verschiedene Varianten des Hodenhochstands, die jeweils ein- oder beidseitig auftreten können:

  • Bauchhoden: Beim Bauchhoden (Retentio testis abdominalis) liegt der Hoden noch in der Bauchhöhle und ist daher nicht tastbar.
  • Leistenhoden: Beim Leistenhoden (Retentio testis inguinalis) liegt der Hoden im Leistenkanal und kann von dort aus nicht verschoben werden. In der Regel kann der Leistenhoden ertastet werden.
  • Gleithoden: Der Gleithoden (Retentio testis präscrotalis) liegt im Eingangsbereich zum Hodensack. Er ist dort weit oben zu ertasten und kann auch in den Hodensack herabgezogen werden. Anschließend gleitet er aber sofort in die Ausgangslage zurück.
  • Pendelhoden: Der Pendelhoden ist eine Variante des Hodenhochstands und nicht als krankhaft anzusehen. Der Hoden liegt normalerweise im Hodensack, er wird jedoch häufig reflexartig, beispielsweise bei Kälte oder Stress, durch den Hodenhebermuskel (Musculus cremaster) nach oben gezogen.

Häufigkeit

Etwa 0,7 bis 3 Prozent aller zum normalen Zeitpunkt geborenen Jungen haben einen ein- oder beidseitigen Hodenhochstand. Bei Frühgeburten kommt ein Hodenhochstand häufiger vor. Hier liegt die Häufigkeit bei bis zu 30 Prozent. Bei den meisten betroffenen Jungen steigen die Hoden innerhalb des ersten Lebenshalbjahres in den Hodensack ab. Dann ist normalerweise keine Behandlung notwendig. Bleibt der Hodenhochstand jedoch weiterhin bestehen, ist eine Therapie erforderlich.

Hodenhochstand: Ursachen

Ein Hodenhochstand (Maldescensus testis) kann verschiedene Ursachen haben. So kann diese Entwicklungsstörung beispielsweise entstehen, wenn anatomische Besonderheiten oder Fehlbildungen einem oder beiden Hoden den Weg in Richtung Hodensack versperren. Die Hoden können dann nicht an ihre normale Position herabwandern.

Hormonelle Störungen kommen bei einem Hodenhochstand ebenfalls als Ursachen infrage, wenn sie die natürliche Entwicklung des Ungeborenen verzögern oder verhindern. Bei einer Frühgeburt (d.h. einer Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche) ist die Entwicklung häufig nicht vollständig abgeschlossen, sodass ein Hodenhochstand hier häufiger vorkommt.

Hodenhochstand: Symptome

Ein Hodenhochstand (Maldescensus testis) ruft in der Regel keine Symptome wie Schmerzen oder Fieber hervor. Auffällig ist allein, dass ein oder beide Hoden nach der Geburt nicht im Hodensack ertastet werden können. Entweder ist der Hoden gar nicht zu ertasten oder er befindet sich in der Leiste beziehungsweise im Eingangsbereich zum Hodensack. Bleibt ein Hodenhochstand bestehen, kann es zu Spätfolgen kommen – vor allem Unfruchtbarkeit. Da das Risiko für Hodenkrebs ist, sind Symptome wie Schmerzen, die sich zum Beispiel als einseitiges Ziehen im Hoden oder im Samenstrang bemerkbar machen, ein Schweregefühl im Hoden oder eine Ansammlung wässriger Flüssigkeit um den Hoden (Hydrozele) ernstzunehmende Beschwerden.

Hodenhochstand: Diagnose

Bei einem Hodenhochstand (Maldescensus testis) erfolgt die Diagnose durch einen Kinderarzt, Kinderchirurgen oder (Kinder-)Urologen. Grundsätzlich sollte die Untersuchung in einer warmen Umgebung und entspannten Situation stattfinden. Durch genaues Abtasten kann der Kinderarzt die Lage der Hoden feststellen.

Wenn er keinen Hoden ertasten kann, führt er weitere Untersuchungen wie eine Ultraschalluntersuchung und einen Hormonstimulationstest durch. Mithilfe dieses Tests stellt der Arzt fest, ob Hodengewebe vorhanden ist, es sich um einen Bauchhoden handelt oder ob der Hoden gänzlich fehlt (Anorchie). Manchmal muss auch eine Bauchspiegelung in Vollnarkose (Laparoskopie) durchgeführt werden, um den Hoden zu lokalisieren.

In manchen Fällen kann zusätzlich eine Magnetresonanztomographie (MRT) durchgeführt werden, um bei einem Hodenhochstand die Diagnose zu sichern.

Hodenhochstand: Therapie

Bei einem Hodenhochstand (Maldescensus testis) ist eine Therapie ratsam, wenn sich der Hoden nicht innerhalb der ersten sechs Lebensmonate selbstständig in den Hodensack absenkt. Danach ist die Wahrscheinlichkeit einer spontanen Senkung gering, sodass der Hodenhochstand wahrscheinlich bleibt. Als Therapie kommen dann entweder eine Hormontherapie und/oder eine Operation infrage.

Um Spätfolgen wie Unfruchtbarkeit und Hodenkrebs zu vermeiden, sollte die Behandlung mit dem ersten Lebensjahr abgeschlossen sein.

Hormontherapie

Bestimmte Hormone wie GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon) und HCG (Human chorionic gonadotropin) regen die Freisetzung von Testosteron an. Dieses sorgt dafür, dass sich der Hoden senkt. Während GnRH als Nasenspray zur Verfügung steht, muss der Arzt HCG in den Muskel spritzen. Bei der Therapie können beide Hormone miteinander kombiniert werden.

Die Hormontherapie ist in etwa 20 Prozent der Fälle erfolgreich. Das Risiko eines Rückfalls (Rezidiv) liegt bei etwa 25 Prozent. Daher sollten Eltern dafür sorgen, dass betroffene Kinder regelmäßig nach einem Monat, nach sechs Monaten und danach jährlich bis zur Pubertät untersucht werden.

Operation

Unter bestimmten Bedingungen kann der Hodenhochstand nur mithilfe einer Operation behoben werden:

  • bei ausbleibendem Erfolg der Hormontherapie
  • bei gleichzeitig vorhandenem Leistenbruch
  • bei abnormer Lage der Hoden
  • bei vorangegangener Operation im Leistenbereich
  • in der Pubertät

Bei diesem Eingriff macht der Arzt einen kleinen Hautschnitt in der Leiste. Er legt zuerst den Samenstrang frei und zieht diesen dann nach unten. Anschließend näht er den Hoden an der tiefsten Stelle des Hodensacks fest (sogenannte Orchidofunikulolyse mit Orchidopexie).

Hodenhochstand: Verlauf

Wenn sich der Hodenhochstand (Maldescensus testis) im Verlauf der ersten sechs Lebensmonate nicht von selbst zurückbildet, muss er behandelt werden. Die Therapie sollte bis zum ersten Geburtstag des Kindes abgeschlossen sein. Ein späterer Hodenhochstand kann schwerwiegende Folgen (z.B. ein erhöhtes Risiko für Unfruchtbarkeit oder Hodenkrebs) nach sich ziehen, da das Hodengewebe bei abnormer Lage auf Dauer im weiteren Verlauf geschädigt wird.

Unfruchtbarkeit

Ist das Hodengewebe bereits geschädigt, produziert es zu wenige Spermien, was zur Unfruchtbarkeit führen kann. Erfolgt die Behandlung nicht rechtzeitig, liegt das Risiko einer späteren Unfruchtbarkeit bei einem betroffenen Hoden bei 30 Prozent und bei beiden Hoden bei 70 Prozent.

Hodenkrebs

Das Risiko, im Erwachsenenalter an Hodenkrebs zu erkranken, erhöht sich um das Drei- bis Achtfache bei einem nicht oder zu spät behandelten Hodenhochstand. Am höchsten ist das Risiko, wenn einer oder beide Hoden im Bauchraum lagen. Auch wenn nur ein Hoden betroffen war, besteht für beide Hoden eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, Hodenkrebs zu entwickeln.

Hodentorsion

Wenn sich Samenstrang und Hoden aufgrund des Hodenhochstands drehen, liegt eine sogenannte Hodentorsion vor. Diese führt zu einer akuten Durchblutungsstörung des Hodens, die eine sofortige Behandlung – in der Regel eine Operation – erforderlich macht.

Leistenbruch

Bei einem Hodenhochstand erhöht sich das Risiko für einen Leistenbruch. Dieser ist häufig, ebenso wie der Hodenhochstand, bereits bei der Geburt vorhanden.

Hodenhochstand: Vorbeugen

Einem Hodenhochstand (Maldescensus testis) kann man nicht vorbeugen, denn es handelt sich hierbei um eine Entwicklungsunregelmäßigkeit, welche sich nicht beeinflussen lässt.

Hodenhochstand kann jedoch Spätfolgen wie Unfruchtbarkeit und Hodenkrebs auslösen. Das Risiko sinkt, wenn der Hodenhochstand frühzeitig (innerhalb des ersten halben Lebensjahres) behandelt wird.