Mann mit Kurzdarmsyndrom sitzt auf Sofa und hält sich vor Schmerzen den Bauch.
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Kurzdarmsyndrom: Was passiert, wenn der Darm versagt?

Bei gesunden Menschen erstreckt sich der Dünndarm über etwa drei bis fünf Meter. Diese Länge nutzt das Organ, um seine Aufgaben optimal zu erfüllen. Entsteht das sogenannte Kurzdarmsyndrom, ist der Darm deutlich kürzer – und die Verdauung eingeschränkt. Was bedeutet das genau?

Was ist das Kurzdarmsyndrom?

Vom Kurzdarmsyndrom sprechen Fachleute, wenn der Dünndarm deutlich verkürzt ist. Weil die Verdauung deswegen unvollständig abläuft, entstehen bei den Betroffenen typische Beschwerden und Nährstoffmängel. In den meisten Fällen meint der Begriff konkret ein Darmversagen, das sich aus einer operativen Verkürzung (Resektion) des Dünndarms ergibt.

Gut zu wissen: Nicht jede Verkürzung des Dünndarms führt automatisch zu Symptomen. Ob sich körperliche Einschränkungen zeigen, hängt maßgeblich davon ab, wie viel und welcher Abschnitt genau fehlt.

Bislang ist es noch nicht möglich, eindeutig zu definieren, ab welchem Grad der Verkürzung die Beschwerden beginnen. Das liegt unter anderem an einigen individuellen Faktoren: Kann sich der übrige Dünndarm an die neuen Gegebenheiten anpassen? Wie gut arbeitet der Teil des Verdauungsapparats, der vor dem fehlenden Stück liegt? Klar ist lediglich: Die Symptome eines Kurzdarmsyndroms entwickeln sich spätestens, wenn mindestens 75 Prozent des Dünndarms fehlen.

Typische Symptome beim Kurzdarmsyndrom

Ist der Körper nicht dazu in der Lage, die Funktionen des fehlenden Dünndarmteils auszugleichen, macht sich das Kurzdarmsyndrom durch einige charakteristische Symptome bemerkbar. Mitunter wirken sich die Beschwerden sehr negativ auf die Lebensqualität Betroffener aus. Mögliche Symptome sind zum Beispiel:

Welche Beschwerden in welchem Umfang auftreten, hängt zum einen vom betroffenen Dünndarmabschnitt ab – zum anderen aber auch von der Phase der Anpassung, in der sich der*die Betroffene gerade befindet. Erst im sogenannten stabilen Stadium haben sich die auftretenden Symptome eingependelt. Bis dahin sind immer wieder Änderungen möglich.

Kurzdarmsyndrom: Medizinische Einteilung

Um den Verlauf und Schweregrad eines Kurzdarmsyndroms zu kontrollieren, erfolgt eine Unterteilung in verschiedene Phasen und Typen. Sie erlauben es, die notwendige Behandlung exakt an die äußerst komplexe Erkrankung anzupassen.

Phasen nach der OP

Muss der Darm bei einer Operation verkürzt werden, durchläuft der Körper im Anschluss mehrere Stadien, in denen er die Verdauung neu ausrichtet. Das gilt insbesondere, wenn direkt ein großer Teil des Dünndarms fehlt.

  • Akute Phase: Für bis zu sechs Wochen nach der Operation geraten die Verdauungsprozesse stark aus dem Gleichgewicht. Flüssigkeit und Nährstoffe werden kaum aufgenommen; es kommt zu starken Durchfällen.

  • Adaption: Die zweite Phase dauert bis zu zwei Jahre. In dieser Zeit regeneriert sich die Verdauung entsprechend der neuen Umstände; der verbliebene Teil des Dünndarms kann schrittweise wieder Flüssigkeit und Nährstoffe aufnehmen.

  • Stabilisation: Nach der akuten und adaptiven Phase sind die körpereigenen Anpassungsprozesse abgeschlossen. Die im Dünndarm noch mögliche Verdauung stabilisiert sich ebenso wie auftretende Beschwerden – erst jetzt lässt sich zuverlässig einschätzen, welche Therapie auf Dauer notwendig sein wird.

Schweregrade des Kurzdarmsyndroms

Die Schweregrade lassen sich abhängig von der (verbliebenen) Anatomie oder der wiedererlangten Funktion des Dünndarms festlegen. Einteilung nach anatomischen Gegebenheiten:

  • Typ 1: Musste neben einem hinten liegenden Abschnitt des Dünndarms auch ein großer Teil oder der gesamte Dickdarm entfernt werden, kann ein endständiges Ileostoma nötig sein. Dabei durchläuft der Nahrungsbrei nur bis zu diesem Punkt die Verdauungsprozesse und wird dann – vorübergehend oder dauerhaft – über einen künstlichen Dünndarmausgang nach außen geleitet.

  • Typ 2: In diesem Fall betrifft die Verkürzung den letzten Teil des Dünndarms inklusive der Klappe am Übergang zum Dickdarm. Dadurch können unter anderem Bakterien aus dem Dickdarm leichter in den Dünndarm gelangen und zusätzliche Beschwerden auslösen.

  • Typ 3: Dieser Typ umfasst die Entfernung eines weiter vorne gelegenen Teils des Dünndarms. Die Klappe am Übergang zum Dickdarm bleibt hier erhalten.

Schweregrade anhand der Funktionsfähigkeit nach der OP:

  • Typ 1: Kommt es nach der Operation zu akuten und lediglich vorübergehenden Beschwerden eines Kurzdarmsyndroms, ist vom Typ 1 die Rede. Meist legen sich die Symptome ohne eine spezielle Therapie von selbst.

  • Typ 2: Treten starke, anhaltende Beschwerden auf und wird eine komplexe Therapie nötig (gegebenenfalls mit einer Ernährung über Infusionen), fällt das Kurzdarmsyndrom in die Kategorie 2.

  • Typ 3: Beim Typ 3 geht das akute Darmversagen in einen chronischen Verlauf über. Therapiemaßnahmen sind hier über mehrere Jahre oder sogar dauerhaft erforderlich.

Langfristige Folgen und Komplikationen des Kurzdarmsyndroms

Eine individuell angepasste Behandlung ist beim Kurzdarmsyndrom entscheidend. Andernfalls kann insbesondere der Mangel an Wasser und Nährstoffen schwerwiegende Komplikationen nach sich ziehen.

Ein Flüssigkeitsmangel zeigt sich unter anderem durch:

Er entwickelt sich meist aus einer Kombination zweier Ursachen: Im Darm wird zu wenig Wasser resorbiert, während der Körper durch die starken Durchfälle gleichzeitig zu viel Flüssigkeit verliert. Rechtzeitig erkannt, lässt sich in der Regel aber gut gegen den Mangel vorgehen. Behandelnde Ärzt*innen empfehlen zum Beispiel isotonische Getränke oder ordnen Infusionen an, die den Flüssigkeitshaushalt wieder ausgleichen.

Gerade zu Beginn oder bei schwer ausgeprägten Typen des Kurzdarmsyndroms geht die Erkrankung fast zwangsläufig mit einer Mangelernährung (Malabsorption) einher. Die unzureichende Versorgung mit Nährstoffen schreitet ohne Therapie in einem schleichenden Prozess weiter fort. Ebenso wie beim Thema Wasser ist daher auch hier eine engmaschige ärztliche Überwachung wichtig. Warnzeichen wie

werden unter medizinischer Kontrolle rechtzeitig als solche erkannt. Entsprechend dosierte Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente, die die Regeneration der verbliebenen Darmschleimhaut anregen, wirken ihnen entgegen. Je nach Bedarf kann auch eine künstliche Ernährung notwendig sein. Oberstes Ziel ist es, die Versorgung mit Nährstoffen auf ein möglichst normales Maß zu bringen und langfristige Folgen wie Osteoporose, Leberschäden oder auch Stoffwechsel-Komplikationen zu vermeiden.

Ursachen: Warum entsteht das Kurzdarmsyndrom?

Ein Kurzdarmsyndrom kann sich immer dann entwickeln, wenn größere Teile des Verdauungsorgans bei einer sogenannten Resektion entfernt werden. Ärzt*innen treffen diese Entscheidung niemals leichtfertig, sondern wägen sorgfältig den Nutzen der Operation gegen die möglichen Gefahren ab. Findet sie statt, werden dabei ausschließlich die Darmbereiche herausgenommen, die zuvor etwa durch eine Grunderkrankung irreversiblen Schaden genommen haben oder anderweitig ein gesundheitliches Risiko darstellen.

Ursachen sind zum Beispiel:

  • die Behandlung/Eindämmung bösartiger Tumoren im Bereich des Dünndarms
  • eine chronische Entzündung des Darms aufgrund einer Strahlenbehandlung
  • eine Unterbrechung der Blutversorgung im Dünndarm beziehungsweise ein Darminfarkt
  • Darmverschlingungen
  • chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn
  • Verletzungen, die den Dünndarm stark in Mitleidenschaft ziehen (zum Beispiel bei Verkehrsunfällen)
  • Bauchspalte bei Neugeborenen (eine Fehlbildung der Bauchwand, die dazu führt, dass Darmschlingen außerhalb des Körpers liegen)

Seltener ist vom Kurzdarmsyndrom die Rede, wenn Menschen bereits mit einem verkürzten Darm auf die Welt kommen. Als angeborene Auslöser eines zu kurzen Dünndarms kommen insbesondere Fehlbildungen des Verdauungsapparats infrage.

Kurzdarmsyndrom erkennen und behandeln

Die Diagnose Kurzdarmsyndrom ergibt sich nur selten als Zufallsbefund. Üblicherweise folgt auf einen Eingriff, bei dem Teile des Dünndarms entfernt werden, ein engmaschiges System aus ärztlichen Kontrolluntersuchungen. So gelingt es, das Ausmaß der OP-Folgen frühzeitig einzuschätzen und den weiteren Verlauf eines Darmversagens nachzuverfolgen.

Eine Rolle spielen bei diesen Check-ups beispielsweise:

  • die Genesung von Betroffenen und die Heilung der OP-Wunde
  • Veränderungen im Gewicht
  • der Zustand von Verdauungsorganen, Herz und Haut
  • Blutuntersuchungen (unter anderem mit Blick auf Nährstoffe, Hormone sowie Gerinnungs-, Leber- und Nierenwerte)
  • Überprüfung auf neurologische Auffälligkeiten
  • Menge und Beschaffenheit von Ausscheidungen
  • Kontrolle auf neu entwickelte Unverträglichkeiten

Später gehen die Kontrollen in einen regelmäßigen Rhythmus mit größeren zeitlichen Abständen über. Nieren- und Leberwerte werden dann in Verbindung mit Blutzucker und Elektrolyten alle drei Monate überprüft, die Versorgung mit Spurenelementen und Vitaminen einmal pro Halbjahr. Hinzu kommt eine jährliche Knochendichtemessung, die wichtige Hinweise auf die Entstehung einer Osteoporose liefern kann.

Patient*innen können selbst einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie ein Ernährungstagebuch führen und ihr Gewicht einmal pro Woche notieren.

Medikamentöse Therapie

Die Gabe von Arzneimitteln kann das Kurzdarmsyndrom nicht heilen, wohl aber die damit einhergehenden Beschwerden lindern. Zur Verfügung stehen Medikamente, die die Produktion von Magensäure drosseln, Verdauungsenzyme ergänzen oder Durchfälle abmildern. Gegebenenfalls werden außerdem Präparate verordnet, um die Regeneration der Darmschleimhaut zu unterstützen und so die "Gewöhnung” des Verdauungsapparats zu fördern.

Ernährungstherapie

Ob eine Ernährungstherapie notwendig ist, kann individuell verschieden sein. Liegt ein leichterer Schweregrad vor oder hat sich die Verdauung gut erholt, können regelmäßige Kontrolluntersuchungen bereits ausreichen. Bei einer auf das Kurzdarmsyndrom maßgeschneiderten Ernährungsberatung lernen Betroffene, ihre Ernährung ballaststoff- und fettarm zu gestalten. In anderen Fällen ist zusätzlich die Einnahme passend dosierter Nahrungsergänzungsmittel notwendig, um die Nährstoffaufnahme anzuheben.

Wer schwer am Kurzdarmsyndrom erkrankt ist, muss unter Umständen künstlich ernährt werden. Hier gibt es unterschiedliche Optionen:

  • Trinknahrung, die der Körper leichter verwerten kann (meist zusätzlich zu anderen Formen der künstlichen Ernährung)
  • die Ernährung über eine Sonde (enterale Ernährung)
  • die Gabe einer Ernährungslösung über Infusionen (parenterale Ernährung)

Welche Variante am besten geeignet ist, hängt immer vom individuellen Zustand ab. Kurz nach der OP und bei ausgeprägtem Kurzdarmsyndrom empfiehlt sich in der Regel die parenterale Ernährung. Sie versorgt den Körper mit allen wichtigen Nährstoffen und umgeht gleichzeitig den empfindlichen Verdauungstrakt. Im Anschluss kann nach und nach zur gewohnten (oralen) Ernährung übergegangen werden. Zusätzlich haben Mediziner*innen die Möglichkeit, über Infusionen genügend Flüssigkeit zu verabreichen.

Transplantation

Gelingt es nicht, das Kurzdarmsyndrom über die Ernährungstherapie auszugleichen – oder entstehen daraus schwerwiegende Nebenwirkungen wie Thrombosen –, kann es sinnvoll sein, über eine Dünndarmtransplantation nachzudenken. Bei einer Operation wird dann ein gespendeter Dünndarm eingesetzt. Er soll künftig die Verdauungsaufgaben übernehmen und eine weitere künstliche Ernährung überflüssig machen. 

Bislang wird der Eingriff noch nicht flächendeckend vorgenommen: Gegen den verpflanzten Dünndarm kommt es in vielen Fällen zu Abstoßungsreaktionen. Die Forschung arbeitet derzeit intensiv daran, die körpereigene Abwehr gegen einen neuen Darm auszuhebeln und die Verträglichkeit zu erhöhen. Jahr für Jahr werden hier weitere Fortschritte erzielt.