Frau gestikuliert und drückt sich über Körpersprache aus.
© Getty Images/Westend61

Körpersprache: Spiel mit Nähe und Distanz

Durch oft unbewusste Körpersprache zeigen wir anderen Menschen, ob wir Kontakt herstellen wollen oder nicht. Gezielt werden Signale beim Flirt eingesetzt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Körpersprache: Spiel mit Nähe und Distanz

Jeden Tag treffen wir – zumeist unbewusst – unzählige Male die Entscheidung, wie nah wir einen anderen Menschen an uns heranlassen wollen. Und mit kleinen Signalen unseres Körpers vermitteln wir unserer Umwelt die jeweilige Entscheidung.

"Körpersprache ist wie gesprochene Sprache, aber sie kann nicht lügen", sagt Samy Molcho, gefeierter Pantomime und Spezialist für Körpersprache. Und so verständigen wir uns über unsere Wünsche nach Nähe und Distanz auch ohne Worte.

Eine Armlänge ist die Grenze zum persönlichen Bereich

Eine offene, zugewandte Körperhaltung, nach vorn gerichtete Bewegungen, ein Blick, der für eine Weile haften bleibt, signalisieren, dass uns eine Person oder ein Gegenstand gefällt.

Umgekehrt zeigen eine geschlossene Körperhaltung, das Zusammenziehen der Muskeln und ein fliehender Blick eindeutig Missfallen, erläutert Samy Molcho in seinem neuen Buch "Umarme mich, aber rühr mich nicht an".

In der Körpersprache, im Spiel zwischen Nähe und Distanz gibt es ungeschriebene Gesetze, so gilt z. B. in Westeuropa eine Armlänge sozusagen als Schutzzone: Der Punkt, den ich mit meinem ausgestreckten Arm berühren könnte, ist die Grenze zu meinem persönlichen Bereich. Drängt sich jemand näher heran, empfinden wir es als Angriff. Daher sollte man besonders darauf achten, welche Signale über die Körpersprache kommen, wenn man diese Grenze überschreitet. Werden die Bewegungen gehemmt, wendet der andere seinen Blick ab, weicht zurück oder errichtet gar mit der Hand oder dem Arm eine Schranke, ist man ihm eindeutig zu nahe gekommen. Auch wer vom Stuhl aufsteht, wenn ein Kollege oder Vorgesetzter nahe an ihn herangetreten ist, sendet ein deutliches Signal. Und dass die telefonierende Kollegin zeigt, dass sie nicht gestört werden möchte, wenn sie sich abwendet, wird wohl jeder richtig interpretieren.

Enge erzeugt Stress, betont Samy Molcho. So suchen wir uns im Kino, im Wartezimmer beim Arzt oder im Bus meist einen Platz, der an einen unbesetzten angrenzt. Dadurch halten wir unsere Schutzzone aufrecht und vermeiden, in die eines anderen einzudringen. So ziehen wir mit Hilfe der Körpersprache unbewusst eine Grenze. Eine Art Pseudodistanz schafft, wer in solchen Situationen Blickkontakte vermeidet oder sich hinter einer Zeitung oder einem Buch verschanzt. In Konferenzen erleichtert es die offene Diskussion, wenn man nicht zu dicht beieinander sitzt. Wer zum Beispiel mit den Armen auf dem Tisch deutliche Grenzen setzt, schafft sich selbst den nötigen Freiraum.

Vorsichtige Annäherung beim Flirt

Bewusst eingesetzt wird Körpersprache beim Flirt. Zunächst zeigen Blicke das Interesse. Es folgt ein Lächeln, man wendet sich dem anderen zu. Lösen sich die Oberarme etwas weiter als vorher vom Körper, sei das ein Zeichen von Wohlbefinden, erläutert Samy Molcho. Wir können näher rücken, sollten aber die Distanz einer Armlänge noch nicht überschreiten. Nähert man sich auch im Gespräch an, können kleine flüchtige Berührungen folgen, vielleicht ein leichtes Tippen mit dem Finger auf die Hand oder den Arm. "Vermeiden wir die direkte Konfrontation und wählen eine seitliche Stellung zum Partner, können wir ein größeres Maß an Nähe riskieren, ohne eine Abwehrreaktion herauszufordern", rät Samy Molcho. Je mehr man sich der Mitte zuwendet, bis man sich schließlich direkt gegenübersteht, desto mehr nähert man sich an. Kommt man sich so nahe, dass die Lippen sich treffen könnten, ist die Grenze zur Intimität überschritten.

Konfrontation

Diese beiden sind zwar im Gespräch, die Gesichter sind einander zugewandt. Doch die Körperhaltung spricht für sich. Beide haben mit ihren Armen eine Barriere gegenüber dem anderen errichtet: Annäherung ist nicht erwünscht.

Annäherung

Beide sind durch ihre Beinstellung einander zugewandt (li.). Sie neigt sich ein wenig mehr zu ihm. Beide überschreiten mit ihren Armen die konventionelle Distanz einer Armlänge, aber sie berühren sich nicht. Dann wagt sie mit ihrem Griff an seinen Oberschenkel eine schon ziemlich intime Annäherung (re.). Er aber sitzt wie auf dem Sprung. Seine breite Sitzposition demonstriert Potenz, er verteidigt sich mit beiden Ellenbogen. Seine Körpersprache drückt aus, dass er sich offenbar nicht richtig entscheiden kann.

Rückzug

Von Zeit zu Zeit hat jeder das Bedürfnis, sich in sich selbst zurückzuziehen. Ein Schal oder eine Decke, in die man sich hüllt, dient als Abschirmung von der Außenwelt. Das Tuch ist wie ein Kokon, in dem man sich geborgen fühlt. Das weiche Material vermittelt Wohlbefinden. So umhüllt kann man ausruhen, aber trotzdem Interesse am Geschehen oder Gespräch bewahren.

Arbeitswelt

Auch Kollegen müssen erst herausfinden, wie viel Nähe erwünscht ist. Auf dem linken Foto signalisiert sie durch ihre Körpersprache deutlich, dass seine Berührung unerwünscht ist. Sie weicht mit dem Oberkörper zurück, und der vor die Brust gepresste Aktenordner dient als zusätzlicher Schutz. Auf dem rechten Foto dagegen wird seine Annäherung positiv aufgenommen. Sie zieht die Hand nicht zurück, an der er sie berührt, und hält auch den Augenkontakt mit ihm aufrecht.

Flirt

Beim Flirt geht es darum, dem Gegenüber mit kleinen Gesten Interessen zu signalisieren. Wenn sie ihre Achsel sehen lässt und über ihr Haar streicht, sind dies erotische Signale, die sie durch ihre Körpersprache aussendet. Doch weil sie den direkten Augenkontakt vermeidet, sehen ihre Bewegungen wie zufällig aus.

Begrüßung, Kindheit, Distanz

Begrüßung

Eine freundliche Begrüßung (li.), wie sie im angelsächsischen Raum üblich ist. Die Körperhaltung der beiden bildet einen offenen Winkel. Man kann dem anderen jederzeit ausweichen. Im deutschsprachigen Raum steht man sich meist frontal gegenüber, Körpermitte zeigt zu Körpermitte, und so kommt man dem anderen vielleicht näher, als dieser es eigentlich möchte. Bei der Begrüßung mit Wangenkuss (re.) reguliert ihre Hand die Distanz.

Kindheit

Die Mutter hält ihren kleinen Sohn an ihrem Körper (li.). Hautkontakt vermittelt ihm Nähe und Wärme. Der Wunsch nach Nähe begleitet uns das ganze Leben. Wenn das Kind etwas größer ist, wird die Neugier auf die Außenwelt stärker. Deshalb will es sich vielleicht aus der Umarmung der Mutter lösen, wenn irgendetwas anderes interessanter erscheint, und zeigt dies auch deutlich. Wird es von der Mutter – wenn auch spielerisch – daran gehindert, wird es sich vielleicht gefangen fühlen.

Distanz

Diese beiden haben sich im Moment offensichtlich nicht viel zu sagen. Durch ihr übergeschlagenes linkes Bein ist sie von ihm abgewandt. Sie konzentriert sich auf ihr Buch und zeigt so Desinteresse. Sein Blick zu ihr signalisiert einen Wunsch nach Kontakt. Mit gespreizten Beinen demonstriert er Selbstsicherheit. Doch die verschränkten Arme und seine ruhige Haltung lassen nicht erwarten, dass er die Initiative ergreift.