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Lesch-Nyhan-Syndrom

Das Lesch-Nyhan-Syndrom ist eine seltene angeborene Stoffwechselerkrankung, die praktisch nur bei Jungen auftritt. Sie führt dazu, dass die Werte für Harnsäure im Blut erhöht sind: Eine solche Hyperurikämie kann unter anderem Gicht verursachen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Überblick

Die Ursache für die beim Lesch-Nyhan-Syndrom typische Hyperurikämie ist ein Mangel an dem Enzym namens HGPRT (= Hypoxanthin-Guanin-Phosphoribosyltransferase). Dieser Enzymmangel entsteht durch einen Schaden an einem Träger der Erbanlage (sog. Gendefekt).

Demnach ist das Lesch-Nyhan-Syndrom eine Erbkrankheit.

Die Funktion von Enzymen besteht darin, den Stoffwechsel zu regulieren. Das Enzym HGPRT ist am Purinstoffwechsel beteiligt. Wenn es – wie beim Lesch-Nyhan-Syndrom – fehlt oder teils beziehungsweise völlig funktionsuntüchtig ist, sammelt sich im Körper Harnsäure an. Dadurch sind nicht nur die Blutwerte für Harnsäure zu hoch, sondern die Betroffenen scheiden auch vermehrt Harnsäure mit dem Urin aus.

Je stärker der für das Lesch-Nyhan-Syndrom verantwortliche HGPRT-Mangel ist, desto schwerwiegender sind die Folgen:

  • Ein leicht ausgeprägtes Lesch-Nyhan-Syndrom äußert sich nur durch erhöhte Harnsäurewerte, was im weiteren Verlauf zu Gicht führen kann.
  • Ist das Lesch-Nyhan-Syndrom stark ausgeprägt, verzögert sich dadurch die Entwicklung der Betroffenen. Außerdem kommt es zu Bewegungsstörungen und zu autoaggressivem Verhalten bis hin zur Selbstverstümmelung. Im weiteren Verlauf kann der erhöhte Gehalt an Harnsäure im Körper Folgendes verursachen:

Oft ist das Lesch-Nyhan-Syndrom schon anhand dieser Symptome zu erkennen. Hilfreich zur Diagnose ist es, in einer Blutuntersuchung oder Urinuntersuchung die Harnsäure-Werte zu prüfen und die Aktivität des Enzyms HGPRT messen. Um die Stoffwechselkrankheit sicher zu diagnostizieren, bietet sich ein Gentest an, mit dem sich der ursächliche Gendefekt direkt nachweisen lässt.

Die Therapie besteht beim Lesch-Nyhan-Syndrom in erster Linie darin, die Hyperurikämie durch Medikamente, eine purinarme Ernährung und hohe Flüssigkeitszufuhr zu behandeln. Außerdem sind häufig Maßnahmen zum Schutz vor Selbstverstümmelung notwendig.

Definition

Das Lesch-Nyhan-Syndrom ist eine angeborene Stoffwechselerkrankung, die durch einen Mangel an einem bestimmten Enzym gekennzeichnet ist: der sogenannten Hypoxanthin-Guanin-Phosphoribosyltransferase (HGPRT).

Da dieser Enzymmangel erblich bedingt ist, zählt das Lesch-Nyhan-Syndrom zu den Erbkrankheiten.

Enzyme sind verantwortlich für die Regulierung des Stoffwechsels. Das Enzym HGPRT ist am Purinstoffwechsel beteiligt. Purine sind Bausteine bestimmter Verbindungen (Nukleinsäuren), die im Körper viele wichtige Aufgaben erfüllen (wie z.B. die Desoxyribonukleinsäure bzw. DNA als Speicher der Erbinformationen). Wenn – wie beim Lesch-Nyhan-Syndrom – das Enzym HGPRT fehlt oder funktionsuntüchtig ist, baut der Körper die Purine zu Harnsäure ab, sodass deren Gehalt im Körper massiv ansteigt:

  1. Im Blut sind die Werte für Harnsäure erhöht (sog. Hyperurikämie). Daher ist das Lesch-Nyhan-Syndrom auch als Hyperurikämiesyndrom bekannt.
  2. Gleichzeitig scheidet der Körper vermehrt Harnsäure über die Nieren aus, sodass auch im Urin der Gehalt an Harnsäure zu hoch ist.

Die für das Lesch-Nyhan-Syndrom typische Hyperurikämie kann schwerwiegende Folgen haben:

  • Wenn sich Harnsäurekristalle in den Blutgefäßen ablagern, kann dies zu Gicht führen (weshalb man das Lesch-Nyhan-Syndrom auch als primäre kindliche Gicht bezeichnet).
  • Außerdem kommt es durch den erhöhten Harnsäurespiegel und die Ablagerungen zu Störungen im zentralen Nervensystem (ZNS = Gehirn und Rückenmark).

Häufigkeit

Das Lesch-Nyhan-Syndrom ist selten. Die Häufigkeit der jährlichen Neuerkrankungen beträgt etwa 1:400.000 – das bedeutet: Pro 400.000 Einwohnern kommt jedes Jahr nur 1 Kind mit dieser Erbkrankheit zur Welt. Dabei sind praktisch nur Männer beziehungsweise Jungen betroffen.

Ursachen

Das Lesch-Nyhan-Syndrom ist auf folgende Ursachen zurückzuführen:

  • Stoffwechselstörung:
    Für das Lesch-Nyhan-Syndrom ist ein gestörter Stoffwechsel verantwortlich, der unter anderem einen Anstieg der Harnsäurewerte im Blut bewirkt. Diese sogenannte Hyperurikämie hat ihre Ursachen in einem Enzymmangel (Enzyme sind Verbindungen, die den Stoffwechsel regulieren):
    • Beim Lesch-Nyhan-Syndrom fehlt das Enzym namens Hypoxanthin-Guanin-Phosphoribosyltransferase (HGPRT) oder ist funktionsuntüchtig.
    • Weil HGPRT am Purinstoffwechsel beteiligt ist, ist beim Lesch-Nyhan-Syndrom der Purinstoffwechsel gestört.
    • Das bedeutet: Der Körper baut die Purine zu Harnsäure ab.
  • Gendefekt:
    Hinter dem beim Lesch-Nyhan-Syndrom herrschenden Enzymmangel steckt ein angeborener Schaden an der Erbanlage: Das betroffene Gen (ein Träger der Erbanlage) enthält normalerweise die Informationen für die Bildung des Enzyms HGPRT. Ist es defekt, kann der Körper kein funktionstüchtiges HGPRT bilden.

Erbgang

Das Lesch-Nyhan-Syndrom zählt wegen seiner erblichen Ursachen zu den Erbkrankheiten. Wer das für die Erbkrankheit verantwortliche Erbmerkmal in sich trägt, kann es über einen x-chromosomal rezessiven Erbgang an seine Kinder weitergeben. Dies bedeutet Folgendes:

  • X-chromosomal: Die Träger der Erbanlage (Gene) sitzen auf fadenförmigen Gebilden (sog. Chromosomen) im Zellkern. Alle Chromosomen sind paarweise vorhanden. Der Mensch gibt je ein Chromosom jedes Paares durch Vererbung an seine Kinder weiter. Das beim Lesch-Nyhan-Syndrom defekte Gen sitzt auf dem X-Chromosom (das ist eins der beiden Geschlechtschromosomen). Der Erbkrankheit liegt also ein x-chromosomaler Erbgang zugrunde.
  • Rezessiv: Wenn ein Chromosomenpaar ein gesundes und ein defektes Gen enthält, kann das gesunde Gen die Wirkung des defekten Gens übernehmen, sodass der Defekt bei den Betroffenen nicht in Erscheinung tritt (bzw. rezessiv ist). Das bedeutet: Ein Mensch, der von einem Elternteil den Gendefekt und von dem anderen Elternteil ein gesundes Gen geerbt hat, ist gesund. Er ist jedoch Träger des Erbmerkmals für das Lesch-Nyhan-Syndrom und kann es über einen rezessiven Erbgang an die eigenen Kinder vererben.

Dass das Lesch-Nyhan-Syndrom fast nur Männer betrifft, hat seine Ursachen darin, dass Frauen zwei X-Chromosomen besitzen: Für sie bleibt ein defektes Gen durch den x-chromosomal rezessiven Erbgang folgenlos. Bei Männern hingegen besteht das Geschlechtschromosomenpaar aus einem X-Chromosom und einem Y-Chromosom. Wenn ihr X-Chromosom den Gendefekt aufweist, erkranken sie also in jedem Fall, weil kein zweites X-Chromosom da ist, das den Defekt ausgleichen kann.

Symptome

Das Lesch-Nyhan-Syndrom ist zwar angeboren, die Symptome der Stoffwechselkrankheit zeigen sich aber nicht direkt nach der Geburt. Bei den betroffenen Babys sind allenfalls gelbliche Urinrückstände in den Windeln zu finden (infolge der erhöhten Harnsäureausscheidung).

Sechs bis acht Wochen nach der Geburt zeigen sich die ersten deutlicheren Anzeichen für das Lesch-Nyhan-Syndrom: Die betroffenen Säuglinge neigen vermehrt dazu, zu erbrechen.

Nach etwa zehn Monaten ruft das Lesch-Nyhan-Syndrom weitere typische Symptome hervor: Die Kinder haben auffällige Beinstellungen und ihr Bewegungsdrang ist stark eingeschränkt. Außerdem treten Entwicklungsrückstände deutlich in Erscheinung: Die Kinder sind nicht in der Lage, das Gehen zu lernen.

Mediziner teilen das Lesch-Nyhan-Syndrom anhand der Gesamtheit aller Symptome in verschiedene Schweregrade ein:

  • Bei der leichtesten Form von Lesch-Nyhan-Syndrom ist nur die Ausschüttung von Harnsäure erhöht, was erhöhte Harnsäure-Werte im Blut und im Urin verursacht. Dass die Blutwerte für Harnsäure zu hoch sind (sog. Hyperurikämie), kann in späteren Jahren anfällig für Gicht machen.
  • Bei der nächstschwereren Form sind neben der Hyperurikämie bereits äußerlich leichte Symptome (Beinstellung) zu beobachten.
  • Ist das Lesch-Nyhan-Syndrom stärker ausgeprägt, treten erste Anzeichen von selbstverletzendem Verhalten – besonders an Lippen und Fingern – in Erscheinung.
  • Menschen mit der schwersten Form des Lesch-Nyhan-Syndroms neigen dazu, sich selbst zu verstümmeln (Selbstkannibalismus), und sind geistig stark beeinträchtigt (Retardierung).

Kinder mit deutlich ausgeprägtem Lesch-Nyhan-Syndrom sind aggressiv und beißen sich stark in die Unterlippe und in die Fingerspitzen. Ihre Aggressionen richten sich aber nicht nur gegen sich selbst, sondern oft auch gegen sie betreuende Menschen. Auffällig und bisher nicht erklärbar ist die Tatsache, dass sich die Kinder nur in eine Hand beißen.

Im weiteren Verlauf kann der beim Lesch-Nyhan-Syndrom erhöhte Gehalt an Harnsäure im Körper zusätzlich folgende körperliche Symptome hervorrufen:

Diagnose

Beim Lesch-Nyhan-Syndrom gelingt die Diagnose häufig schon anhand der Symptome (häufiges Erbrechen, auffällige Beinstellungen, eingeschränkter Bewegungsdrang, Entwicklungsrückstände). Daneben sind bei den betroffenen Kindern die Werte für Harnsäure im Blut (sog. Hyperurikämie) und im Urin stark erhöht, was der Arzt durch eine entsprechende Blutuntersuchung beziehungsweise Urinuntersuchung leicht feststellen kann.

Außerdem ist beim Lesch-Nyhan-Syndrom die Aktivität des stoffwechselregulierenden Enzyms namens Hypoxanthin-Guanin-Phosphoribosyltransferase (HGPRT) mangelhaft. Daher ist es bei Verdacht auf die Stoffwechselstörung für die Diagnose hilfreich, die HGPRT-Aktivität zu messen – dies ist im Blut oder Bindegewebe möglich. Um die Erbkrankheit sicher zu diagnostizieren, kann man die zugrunde liegende Schädigung der Erbanlage (sog. Gendefekt) direkt nachweisen.

Therapie

Beim Lesch-Nyhan-Syndrom zielt die Therapie darauf ab, die typischerweise erhöhte Konzentration von Harnsäure im Blut (sog. Hyperurikämie) zu senken. Für diese symptomatische Therapie eignen sich:

Bei einem stark ausgeprägten Lesch-Nyhan-Syndrom trägt diese Therapie dazu bei, das sich entwickelnde Nierenversagen zu verzögern.

Daneben ist es beim Lesch-Nyhan-Syndrom vor allem wichtig, die typische Selbstverstümmelung zu unterbinden: Dies kann zum Beispiel bedeuten, das Sie Ihr betroffenes Kind festbinden müssen (auch nachts), ihm einen Helm als Kopfschutz aufsetzen oder seine Schneidezähne entfernen lassen.

Menschen mit einem schweren Lesch-Nyhan-Syndrom brauchen eine intensive – auch psychotherapeutische – Betreuung. Je nachdem, welches Ausmaß die Selbstbeschädigungen annehmen, kommen auch Medikamente zur Therapie des selbstbeschädigenden Verhaltens infrage.

Gegen die Ursachen für das Lesch-Nyhan-Syndrom steht hingegen keine wirksame Therapie zur Verfügung: Den für die Stoffwechselstörung verantwortlichen Schaden am Erbgut (Gendefekt) und den daraus entstehenden Enzymmangel kann man nicht beheben.

Verlauf

Beim Lesch-Nyhan-Syndrom setzt der Verlauf bereits im Säuglingsalter ein, da es sich um eine angeborene Stoffwechselerkrankung handelt. Wie die Erbkrankheit weiterentwickelt, hängt vom Ausmaß der zugrunde liegenden Störung ab:

Wenn das Lesch-Nyhan-Syndrom leicht ausgeprägt ist, kann die erhöhte Ausschüttung von Harnsäure im weiteren Verlauf zwar zu Gicht und Bewegungsstörungen führen. Verhaltensstörungen oder verminderte Intelligenz fehlen jedoch.

Allerdings ist das Lesch-Nyhan-Syndrom typischerweise schwerer ausgeprägt und dann mit Entwicklungs- und Verhaltensstörungen verbunden. Sind die Werte für Harnsäure dauerhaft zu hoch, kommt es darüber hinaus ohne Behandlung zu einem langsam fortschreitenden Nierenversagen.

Sterblichkeit

Beim Lesch-Nyhan-Syndrom bestimmen vor allem die in seinem Verlauf möglichen Komplikationen – wie Nierenversagen – die Sterblichkeit. Eine leicht ausgeprägte Stoffwechselstörung hat eine günstige Prognose, doch Kinder mit der schweren Form überleben im Allgemeinen das Teenageralter nicht.

Vorbeugen

Dem Lesch-Nyhan-Syndrom können Sie nicht vorbeugen, da es eine Erbkrankheit ist: Männliche Babys, die mit den entsprechenden Erbmerkmalen zur Welt kommen, entwickeln die Stoffwechselstörung praktisch immer.

Wenn es allerdings gelingt, das Lesch-Nyhan-Syndrom frühzeitig zu erkennen, können Sie durch geeignete Gegenmaßnahmen möglichen Folgen der Stoffwechselkrankheit entgegenwirken: Eine früh einsetzende und angemessene Behandlung kann den weiteren Krankheitsverlauf günstig beeinflussen.

Wichtig ist dabei vor allem, die beim Lesch-Nyhan-Syndrom zu hohen Harnsäurewerte im Blut (Hyperurikämie) zu senken: So lässt sich beispielsweise ein fortschreitendes Nierenversagen stoppen. Zu den gegen die Hyperurikämie empfehlenswerten Maßnahmen gehören:

Wenn Sie schwanger sind und Ihr Arzt bei Ihrem ungeborenen Kind im Rahmen der Pränataldiagnostik ein Lesch-Nyhan-Syndrom feststellt, haben Sie außerdem die Möglichkeit, die Schwangerschaft abzubrechen.