Eine Ärztin nimmt einem Mann Blut ab.
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Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenunterfunktion)

Ein Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenunterfunktion) ist gekennzeichnet durch niedrige Calciumwerte und erhöhte Phosphatwerte im Blut. Diese veränderten Blutwerte können weitreichende Folgen haben. Was kann man dagegen tun?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsen­unterfunktion)

Was ist Hypoparathyreoidismus?

Hypoparathyreoidismus steht für Nebenschilddrüsenunterfunktion (griech. hypo = unter, Parathyroidea = Nebenschilddrüse). Unterfunktion bedeutet, dass die Nebenschilddrüse ihre Funktion – das Nebenschilddrüsenhormon namens Parathormon herzustellen – nicht oder nur unzureichend erfüllt: Es kommt zum Parathormonmangel.

Die Nebenschilddrüse liegt innerhalb der Schilddrüsenkapsel direkt hinter der Schilddrüse im vorderen Halsbereich unterhalb des Kehlkopfs. Sie besteht aus vier einzelnen kleinen Drüsen (Epithelkörperchen). Diese arbeiten unabhängig von der Schilddrüse. Normalerweise regeln sie mithilfe von Parathormon den Calcium- und Phosphathaushalt des Körpers. Der beim Hypoparathyreoidismus herrschende Parathormonmangel führt dazu,

  • dass die Calciumwerte im Blut sinken,
  • während die Phosphatwerte ansteigen.

Typische Merkmale des Hypoparathyreoidismus sind also:

  • ein Mangel am Nebenschilddrüsenhormon (Parathormon),
  • ein niedriger Calciumspiegel (Hypokalzämie) und
  • ein erhöhter Phosphatspiegel (Hyperphosphatämie).

Wie wirkt sich der Mangel an Parathormon aus?

Die Hauptwirkung von Parathormon besteht darin, den Calciumspiegel im Blut zu regulieren. Calcium ist entscheidend für viele Prozesse im menschlichen Organismus. Abweichungen vom normalen Calciumspiegel im Blut führen zu schwerwiegenden Veränderungen.

Parathormon reguliert den Calciumspiegel zusammen mit Calcitonin, das in der Schilddrüse gebildet wird:

  • Parathormon sorgt dafür, dass sich der Calciumspiegel im Blut erhöht.
  • Calcitonin hat die Aufgabe, den Calciumspiegel im Blut zu senken.

Im Normalfall ist das Zusammenspiel von Parathormon und Calcitonin so ausgeglichen, dass der Calciumspiegel im Blut den jeweiligen Anforderungen entsprechend normal eingestellt ist. Beim Hypoparathyreoidismus ist dieses Zusammenspiel aber durch den Parathormonmangel gestört. Das macht sich auf mehreren Ebenen bemerkbar.

Niere

Calcium wird über Darm und Niere vom Körper aufgenommen, transportiert und ausgeschieden. In der Niere steigert Parathormon die Wiederaufnahme (Rückresorption) von Calcium in den Körper und verhindert damit einen Calciumverlust. Bei einem Parathormonmangel verliert der Körper also mehr Calcium über die Nieren. Gleichzeitig wirkt sich der Hypoparathyreoidismus auf den Phosphathaushalt und Vitamin-D-Stoffwechsel aus:

  • Parathormon fördert die Ausscheidung von Phosphat in der Niere – es entsteht ein niedriger Phosphatspiegel.
  • Ein niedriger Phosphatspiegel regt die Niere dazu an, aktives Vitamin D zu bilden.
  • Bei einer Nebenschilddrüsenunterfunktion erhöht sich also der Phosphatspiegel, wodurch die Niere weniger Vitamin D bildet.

Darm

Der bei einer Unterfunktion der Nebenschilddrüse herrschende Vitamin-D-Mangel wirkt sich wiederum im Darm auf den Calciumhaushalt aus: Normalerweise sorgt Vitamin D in der Darmschleimhaut für die Aufnahme von Calcium aus der Nahrung. Bei Hypoparathyreoidismus nimmt der Körper also weniger Calcium aus der Nahrung auf.

Knochen

Die Knochen stellen den Calciumspeicher dar. Ist im Blut wenig Calcium vorhanden, sorgt Parathormon für die Freisetzung von Calcium aus den Knochen – und der Calciumspiegel steigt wieder. Doch bei einem Parathormonmangel wird ein niedriger Calciumspiegel nicht ausgeglichen.

Auch das beim Hypoparathyreoidismus fehlende Vitamin D wirkt sich auf den Knochenstoffwechsel aus: Normalerweise sorgt Vitamin D dafür, dass die Knochen wieder Calcium aufnehmen. Bei einem Mangel an Parathormon kann sich der Calciumspeicher also nicht wieder auffüllen.

Hypoparathyreoidismus: Ursachen

Meistens ist eine Schädigung der Nebenschilddrüse für einen Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenunterfunktion) verantwortlich. Ursache ist dann fast immer eine Operation am Hals.

Dabei muss der Operateur die Nebenschilddrüse nicht unbedingt versehentlich entfernen, damit ein solcher postoperativer Hypoparathyreoidismus entsteht: Schon geringe Störungen in der Gefäßversorgung der Nebenschilddrüse reichen aus, um eine Nebenschilddrüsenunterfunktion zu verursachen.

Ein postoperativer Hypoparathyreoidismus tritt vor allem nach Schilddrüsenoperationen auf: Das liegt an der engen räumlichen Lage zwischen Nebenschilddrüse und Schilddrüse. Dabei ist das Risiko, die Nebenschilddrüse versehentlich zu entfernen, bei einer OP wegen einer Vergrößerung oder Überfunktion der Schilddrüse wesentlich geringer als bei einer OP wegen Schilddrüsenkrebs.

Mehrfache operative Eingriffe am Hals bei verschiedenen Krebserkrankungen können ebenfalls einen postoperativen Hypoparathyreoidismus nach sich ziehen. Zudem kann die operative Behandlung einer Nebenschilddrüsenüberfunktion zu einer Nebenschilddrüsenunterfunktion führen.

Deutlich seltener ist ein Hypoparathyreoidismus infolge einer geschädigten Nebenschilddrüse zurückzuführen auf

In seltenen Fällen hat Hypoparathyreoidismus erbliche Ursachen: Dann ist die Nebenschilddrüse schon bei der Geburt unterentwickelt oder fehlt ganz. Eine solche primäre Nebenschilddrüsenunterfunktion kommt auch im Rahmen von verschiedenen erblich bedingten Syndromen vor.

Vereinzelt entsteht eine Nebenschilddrüsenunterfunktion auch ohne erkennbare Ursachen – Mediziner bezeichnen das als idiopathischen Hypoparathyreoidismus. Dann könnten Autoimmunreaktionen dahinterstecken.

Hypoparathyreoidismus: Symptome

Die für Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenunterfunktion) typischen Symptome sind Krämpfe der Muskulatur: Diese Tetanie entsteht durch den Calciummangel. Vorwiegend handelt es sich um:

  • Krämpfe der Gesichtsmuskeln sowie
  • Krämpfe in den Armen und Beinen.

Ein typischer tetanischer Anfall läuft beim Hypoparathyreoidismus wie folgt ab:

  • Erste Symptome sind meist Empfindungsstörungen – wie etwa ein Kribbeln in Unterarmen, Händen und in der Mundregion.
  • Im weiteren Verlauf entwickeln sich Krämpfe in den Händen und Füßen, die typischerweise zur Pfötchenstellung der Hände und zur Spitzfußstellung führen.
  • Durch eine Verkrampfung der Gesichtsmuskulatur entsteht zudem die typische Fischmaulstellung.

Je nachdem, welche Muskeln noch krampfen, können beim Hypoparathyreoidismus weitere krampfbedingte Symptome auftreten:

  • Wenn die Muskulatur der inneren Organe (wie Darm oder Harnblase) krampft, kann es zum Beispiel zu Durchfall und vermehrtem Harndrang kommen.
  • Krämpfe der Atemmuskulatur führen zu Atemnot.

Tetanische Anfälle im Rahmen eines Hypoparathyreoidismus können wenige Minuten dauern, die Symptome können aber auch viele Stunden anhalten. Die einzige Möglichkeit, die Krampfanfälle zu beenden, besteht darin, Calcium langsam in eine Vene zu spritzen.

Oft verursacht ein Hypoparathyreoidismus kaum weitere Beschwerden. Bei einer länger bestehenden Unterfunktion der Nebenschilddrüse können als zusätzliche Symptome jedoch epileptische Anfälle sowie Veränderungen der Haut, Haare, Fingernägel und Augenlinsen (grauer Star) entwickeln. Zudem kann eine Nebenschilddrüsenunterfunktion mit psychischen Veränderungen verbunden sein – wie:

Hypoparathyreoidismus: Diagnose

Der Verdacht auf Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenunterfunktion) kann sich durch Krämpfe der Muskulatur ergeben: Denn diese entstehen leicht durch Calciummangel, der typisch für die Unterfunktion der Nebenschilddrüse ist. Ob eine Bereitschaft für Krampfanfälle vorliegt, können beispielsweise folgende Untersuchungsmethoden zeigen:

  • Chvostek-Zeichen
    Kann man durch Beklopfen des Gesichtsnervs vor dem Ohr Zuckungen der Gesichtsmuskulatur auslösen, ist das ein Anzeichen für eine Unterfunktion der Nebenschilddrüse.
  • Trousseau-Zeichen
    Wenn die Hand nach einer Stauung am Oberarm – etwa mit einer Blutdruckmanschette – eine Pfötchenstellung einnimmt, weist dies ebenfalls auf Hypoparathyreoidismus hin.

Um Hypoparathyreoidismus zu diagnostizieren, reichen eine Blut- und Urinuntersuchung aus: Die Diagnose der Nebenschilddrüsen­unterfunktion gilt als gesichert, wenn

  • das Blut wenig Calcium (Hypocalcämie), viel Phosphat (Hyperphosphatämie) und wenig oder kein Parathormon enthält und
  • im Urin sehr wenig Calcium (Hypocalcurie) nachweisbar ist.

Hypoparathyreoidismus: Therapie

Die Auswirkungen des Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenunterfunktion) kann eine sorgfältige Therapie beheben. Ziel der Behandlung ist es,

  • den Calciummangel auszugleichen und
  • den erhöhten Phosphatspiegel auf normale Werte zu senken.

In der Regel lässt sich beides erreichen, indem man dauerhaft jeden Tag Vitamin D (bzw. Colecalciferol oder Calcitriol) und Calcium in einer sorgfältig eingestellten Menge einnimmt. Durch diese Behandlung normalisiert sich gleichzeitig der Phosphatspiegel, weil Calcium- und Phosphathaushalt des Körpers eng miteinander zusammenhängen. Nur in Einzelfällen ist es nötig, bei Hypoparathyreoidismus zusätzlich phosphatbindende Mittel einzunehmen.

Sollte diese Langzeitbehandlung der Nebenschilddrüsenunterfunktion nicht ausreichend wirken, kann eine Therapie mit Parathormon weiterhelfen.

Als Akuttherapie gegen Muskelkrämpfe, die beim Hypoparathyreoidismus auftreten können, ist Calciumgluconat hilfreich: Als 10-Prozent-Lösung in eine Vene gespritzt kann das Mittel die Krämpfe schnell stoppen.

Achtung: Unter einer Behandlung mit Herzglykosiden darf Calciumgluconat nicht gespritzt werden, da sich beide Mittel in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken.

Hypoparathyreoidismus: Verlauf

Eine sorgfältige Behandlung des Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenunterfunktion) kann mögliche negative Auswirkungen der veränderten Elektrolytspiegel erfolgreich verhindern. Komplikationen sind überwiegend die Folge einer nicht optimalen Behandlung:

  • Wer seine Medikamente nur unregelmäßig oder in zu geringer Dosierung einnimmt, riskiert, dass der Hypoparathyreoidismus im weiteren Verlauf zu epileptischen Anfällen und grauem Star führt.
  • Andererseits kann eine Überdosierung der Medikamente den Calciumspiegel zu sehr anheben, wodurch das Risiko für ein Hypercalcämie-Syndrom bis hin zu einem hypercalcämischen Koma steigt.

Darum ist es wichtig, dass Menschen mit einer Nebenschilddrüsenunterfunktion immer einen Notfallausweis bei sich tragen und über die Anzeichen des Hyperkalzämie-Syndroms aufgeklärt sind.

Hypoparathyreoidismus: Vorbeugen

Einem Hypoparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenunterfunktion) können nur Ärzte vorbeugen, indem sie bei jeder Operation an der Schilddrüse äußerst vorsichtig arbeiten. Wenn schon eine Unterfunktion der Nebenschilddrüse besteht, ist es wichtig, die verordnete Behandlung genau einzuhalten: Wer die Medikamente, die den Calcium- und Phosphatspiegel im Blut normalisieren sollen, regelmäßig dauerhaft einnimmt, kann so Krampfanfälle mit hoher Wahrscheinlichkeit wirksam verhindern.