Eine ältere Frau fasst sich an die schmerzende Schulter.
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Polymyalgia rheumatica

Polymyalgia rheumatica zählt zu den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Sie tritt meist im fortgeschrittenen Lebensalter auf. Leitsymptome sind akute Schmerzen im Schulter- und Beckengürtel, die sich durch eine frühzeitige Kortisontherapie aber rasch lindern lassen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Überblick

Bei der Polymyalgia rheumatica (PMR) handelt es sich um eine entzündlich-rheumatische Autoimmunerkrankung, die insbesondere Frauen ab 55 Jahren betrifft. In Europa – häufiger in nördlichen als in südlichen Regionen – sind etwa 0,06 Prozent der Bevölkerung von der Erkrankung betroffen.

Polymyalgia rheumatica zeichnet sich durch Symptome wie Schmerzen und Steifheit in Nacken-, Rücken-, Hüft- und Schultermuskeln aus. Im Vordergrund stehen die Schulterschmerzen – 95 Prozent der Erkrankten berichten davon.

In manchen Fällen kann die Erkrankung einige Jahre andauern, meist ist die Krankheitsdauer jedoch kürzer, denn durch eine Kortisontherapie verbessert sich die Symptomatik in der Regel schnell.

Ursachen

Die Ursachen der Polymyalgia rheumatica sind derzeit nicht bekannt. Forschenden fielen allerdings zahlreiche Parallelen zu einer anderen Erkrankung auf – der Riesenzellarteriitis. Dabei handelt es sich um eine chronische Entzündung der Arterien in Kopf, Nacken und Oberkörper.

Nach heutigem Kenntnisstand haben beide Erkrankungen eine Gefäßentzündung der großen Arterien mit Riesenzellbildung gemeinsam. Häufiger scheint die Polymyalgia rheumatica vorzukommen – ein gemeinsames Auftreten ist ebenfalls möglich.

Da das Leitsymptom der Polymyalgia rheumatica symmetrische Schulterschmerzen sind, ist sie symptomatisch von der Riesenzellarteriitis abzugrenzen. Letztere ist unter anderem durch Sehstörungen mit vorübergehender Erblindung eines Auges und Schläfenschmerzen gekennzeichnet.

Es gibt Hinweise auf familiäre Häufungen, um eine klassische Erbkrankheit handelt es sich jedoch nicht. Auch wird vermutet, dass Infektionen, Alterungsprozesse des Immun- und Gefäßsystems sowie Störungen des endokrinen Systems an der Entstehung beziehungsweise am Ausmaß der Erkrankung beteiligt sein können.

Symptome

Die Polymyalgia rheumatica zeichnet sich durch ausgeprägte und symmetrische Muskelschmerzen im Schultergürtel und den Oberarmen sowie im Beckengürtel und im Oberschenkel aus. Betroffene klagen außerdem häufig über Kopfschmerzen, und insbesondere zum Krankheitsbeginn kann es zu depressiven Verstimmungen kommen.

Die Symptome verändern sich tageszeitlich: Oft beginnen die Schmerzen nachts und werden bis zum Morgen stärker. Dies führt zu Morgensteifigkeit und damit zu einer erheblichen Mobilitätseinschränkung, etwa einem kleinschrittigen Gang. Teilweise ist die Mobilität so stark eingeschränkt, dass Betroffene das Bett nicht verlassen oder einfachste Tätigkeiten gar nicht oder nur mit Unterstützung ausführen können.

Einige Erkrankte haben außerdem eine erhöhte Temperatur und sind appetitlos, wodurch sie stetig an Gewicht verlieren. Im Laufe des Tages und besonders zum Abend hin bessern sich die Beschwerden, symptomfrei sind Erkrankte jedoch nicht.

Weitere unspezifische Symptome können sein:

  • allgemeines Krankheitsgefühl
  • Müdigkeit
  • Entzündung des Handgelenkes
  • Kniegelenkserguss
  • Symptomatik eines Karpaltunnelsyndroms (Empfindungsstörungen wie Kribbeln in der Hand)

Diagnose

Im Rahmen eines ärztlichen Erstgesprächs (Anamnese) werden Fragen zum Allgemeinbefinden und den typischen Symptomen geklärt. In einer körperlichen Untersuchung überprüft der*die Behandelnde vor allem Funktionsfähigkeit und Schmerzempfindlichkeit von Muskeln und Gelenken. Eine Blutuntersuchung gibt möglicherweise weiteren Aufschluss. Bei Polymyalgia rheumatica können folgende Laborwerte verändert sein: 

  • Die Entzündungswerte können erhöht sein, etwa das C-reaktive Protein (CRP)
  • Erhöhte Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit (BSG)
  • Erhöhte Leberenzyme: insbesondere Gamma-GT 

Durch Blutuntersuchungen lassen sich außerdem Krankheiten ausschließen, die ähnliche Symptome verursachen können:

Da die Polymyalgia rheumatica mit anderen Erkrankungen, insbesondere der Riesenzellarteriitis, assoziiert wird, ist es wichtig, diese auszuschließen. Folgende Symptome dienen als Hinweise auf Polymyalgia rheumatica:

  • Morgensteifigkeit, die länger als 45 Minuten andauert
  • Eingeschränkte Beweglichkeit durch Hüftschmerzen
  • Blutuntersuchung: negativer Befund für Rheumafaktor und Antikörper Anti-CCP2
  • Kleine Gelenke schmerzen nicht
  • Mögliche Entzündungen: Schleimbeutelentzündung (Bursitis), Entzündung der Bizepssehne und Gelenkinnenhautentzündung (Synovitis) des Schulter- sowie Hüftgelenks und Oberschenkelknochen

Weitere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen (Differentialdiagnosen) sind beispielsweise die Polymyositis, eine chronische Erkrankung der Bewegungsmuskulatur, und die Dermatomyositis, eine Erkrankung, welche die Bewegungsmuskulatur, die Haut sowie innere Organe wie Herz, Lunge und Nieren betrifft. Auch die rheumatoide Arthritis des höheren Lebensalters, Infektionen, die Neoplasie, bei der sich Körpergewebe neu bildet, sowie eine durch Medikamente verursachte Muskelerkrankung (Myopathie), können ähnliche Symptome hervorrufen.

Eine bildgebende Diagnostik durch Ultraschall (Sonographie) oder Magnetresonanztomographie (MRT) bietet zusätzlich die Möglichkeit, entzündete Regionen darzustellen und genau zu lokalisieren.

Da Patient*innen mit Polymyalgia rheumatica in der Regel gut auf eine Behandlung mit Glukokortikoiden wie Kortison reagieren und sich meist unmittelbar nach Einnahme der Medikamente besser fühlen, wird die Diagnose durch eine entsprechende Behandlung gestützt.

Therapie

Grundlage für die Therapie der Polymyalgia rheumatica bilden kortisonhaltige Medikamente. Diese unterdrücken das körpereigene Immunsystem und dämmen so die schmerzhaften Symptome ein. Ihre entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung machen sie zum Mittel der Wahl: Wenn sie zu Beginn der Behandlung hochdosiert über die Vene verabreicht werden (Stoßtherapie), zeigen sie schnell Wirkung. Diese Behandlung bewährt sich auch, wenn zusätzlich eine Riesenzellarteriitis mit Augenbeteiligung vorliegt. Andernfalls ist es möglich, das Medikament oral beispielsweise in Form von Tabletten einzunehmen.

Kortison darf nur schrittweise reduziert – also ausgeschlichen – werden. Sobald sich Beschwerdefreiheit einstellt und sich die Laborwerte (vor allem: CRP, BSG) verbessern, kann der*die Arzt*Ärztin die Dosierung entsprechend anpassen.

Bei der Polymyalgia rheumatica ist zumeist eine jahrelange Kortisontherapie angeraten. Das kann mit Risiken einhergehen: Da die Medikamente das Immunsystem unterdrücken, sind Betroffene besonders gefährdet, sich mit anderen Erkrankungen zu infizieren. Begleitend zu einer Kortisontherapie ist zudem eine Osteoporoseprophylaxe wichtig. Dies bedeutet

  • eine calciumreiche Ernährung einzuhalten,
  • regelmäßig Sport zu treiben,
  • möglichst auf Nikotin, Alkohol und Softdrinks wie Cola zu verzichten sowie
  • regelmäßig Sonne zu tanken und auf eine ausreichende Vitamin-D-Zufuhr zu achten.

Bei einer Langzeittherapie sollte zudem der Blutzucker regelmäßig kontrolliert werden.

Zwar zählt die Physiotherapie nicht zum Standardtherapieverfahren, jedoch ist der Erhalt von Muskelmasse und -funktionsfähigkeit äußerst wichtig, auch um das Sturzrisiko bei Menschen im fortgeschrittenen Alter zu verringern. Eine individuelle, begleitende Physiotherapie kann daher unterstützend wirken.

Ernährung bei Polymyalgia rheumatica

Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sollten auf eine gesunde Ernährung achten. Empfehlenswert ist die sogenannte mediterrane Ernährung mit wenig Fleisch, viel Obst und Gemüse sowie Nahrungsmitteln, die viele Omega-3-Fettsäuren (zum Beispiel Fisch) enthalten, da diese entzündungshemmend wirken. 

  • Eine rechtzeitige und angemessene Kortisontherapie begünstigt den Verlauf der Polymyalgia rheumatica und beugt so möglichen Komplikationen vor.
  • Mögliche Auswirkungen der Kortisonbehandlung auf Ihre Knochen (d.h. Osteoporose) können Sie weitgehend vermeiden, wenn Sie während der Behandlung der Polymyalgia rheumatica Ihre Ernährung durch Calcium- und Vitamin-D-Präparate ergänzen: Dies gilt vor allem, wenn Sie über Ihre Nahrung allein womöglich nicht genug Calcium und Vitamin D aufnehmen (z.B. weil Sie streng vegetarisch leben oder eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder -allergie haben).

Verlauf

In der Regel wird eine vollständige Wiederherstellung der normalen Körperfunktionen nach mindestens einjähriger konsequenter Therapie erreicht. Es sind aber auch mehrjährige Krankheitsverläufe möglich.

Da die Riesenzellarteriitis nicht nur zu Beginn, sondern auch erst viel später als begleitende Erkrankung auftreten kann, sollten sich Betroffene mit Polymyalgia rheumatica – auch nach einer scheinbaren Heilung – bei Symptomen wie Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Krämpfen oder Schwäche in den Armen und Beinen sowie Sehproblemen unverzüglich ärztlich vorstellen.

Vorbeugen

Da die Ursachen der Polymyalgia rheumatica nicht gänzlich bekannt sind, gibt es keine speziellen vorbeugenden Maßnahmen. Es ist jedoch empfehlenswert, auf folgende Punkte zu achten (auch als Genesene):

  • Vermeidung von Übergewicht oder Fettleibigkeit (Adipositas)
  • Mediterrane Ernährung
  • Ausreichende Zufuhr von Calcium und Vitamin D
  • Verzicht auf Nikotin und Alkohol
  • Regelmäßige Bewegung
  • Hausärztliche Check-ups wahrnehmen