Eine alte Frau sitzt in einem Rollstuhl
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Frailty-Syndrom (Gebrechlichkeit)

Frailty ist der englische Ausdruck für Gebrechlichkeit und bezeichnet das zeitgleiche Auftreten verschiedener krankheitsbedingter Einschränkungen im Alter. Ist jemand gebrechlich, fehlt es ihm an körperlichen Reserven. Er ist anfälliger für Krankheiten, Stürze und Behinderungen und hat eine verminderte Lebenserwartung. Ärztinnen und Ärzte verwenden bestimmte Kriterien, um zu beurteilen, wie gebrechlich eine Person ist. Das ist wichtig, um beispielsweise abzuschätzen, wie hoch das Risiko im Falle einer Operation ist.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Frailty-Syndrom

Wer in jungen Jahren körperlich abbaut, bereitet seinem Umfeld Sorgen. Wer dagegen im Alter schwächer wird und an Gewicht verliert, gilt als gebrechlich. Das ist nicht falsch, aber problematisch. Denn der Begriff Gebrechlichkeit suggeriert einen Zustand, der mit hohem Alter zwangsläufig irgendwann eintritt und den man hinnehmen muss. Dabei verbirgt sich dahinter eigentlich eine Vielzahl von ernstzunehmenden Beschwerden, denen man bis zu einem gewissen Grad vorbeugen kann und die Ärzte vor allem rechtzeitig erkennen müssen. Deshalb hat sich in der Wissenschaft seit 1992 der neutralere Begriff "Frailty" durchgesetzt, für den Wissenschaftler eigene Diagnosekriterien formuliert haben.

Wie gebrechlich ein Patient ist, ist für Mediziner ein wichtiges Kriterium, wenn sie über therapeutische Maßnahmen entscheiden müssen. Der Anteil alter Menschen in der Bevölkerung nimmt immer weiter zu. Während einige Menschen noch bis ins hohe Alter fit sind, verlieren andere bereits früh an Widerstandskraft und sind weniger belastbar. Das Alter allein reicht deshalb nicht aus, um das Risiko beispielsweise für eine bevorstehende Operation abzuschätzen.

Das Frailty-Syndrom ist keine Krankheit, sondern vielmehr ein krankhafter Zustand mit mehreren Symptomen. Eine einheitliche Definition von Frailty gibt es bislang nicht. Am häufigsten verwenden Mediziner zur Diagnose den "Phänotyp nach Fried". Sind mindestens drei der folgenden fünf Kriterien erfüllt, gilt ein Patient nach Fried als gebrechlich. Treffen nur zwei Kriterien zu, spricht man vom "Prefrailty-Syndrom".

1. Ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 4,5 Kilogramm innerhalb des vergangenen Jahres

2. Erschöpfung

3. Muskelschwäche

4. Langsames Gehen (weniger als 0,8 Meter pro Sekunde)

5. Geringe körperliche Aktivität

Andere Modelle beziehen auch psychische und kognitive Aspekte mit in die Diagnosekriterien ein.

"Frail" ist das Gegenteil von fit. Wer frail ist, hat ein um 84 Prozent gesteigertes Risiko, zu stürzen und ein doppelt so hohes Sterblichkeitsrisiko. Das ergab eine US-amerikanische Studie mit rund 600 Personen im Alter von 65 Jahren und älter. Gebrechliche Menschen nehmen mehr Medikamente, müssen häufiger ins Krankenhaus und bleiben länger dort. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen nach einer Operation, sind häufiger pflegebedürftig und haben eine geringere Lebensqualität. Auch sind sie körperlich und kognitiv weniger leistungsfähig und können nicht mehr so gut für sich selbst sorgen.

Insgesamt sind 14 Prozent der Menschen, die älter sind als 65 Jahre, betroffen. In der Altersgruppe der 70-79-Jährigen gelten etwa 4 Prozent der Frauen und 3 Prozent der Männer als frail. Rund 40 Prozent der Personen in dieser Altersgruppe haben eine Vorstufe von Frailty.

Frailty-Syndrom: Symptome & Ursachen

Frailty bezeichnet gleich eine Reihe von Symptomen mit unterschiedlichen Ursachen, die mehr oder weniger zusammenhängen und sich gegenseitig verstärken können.

1. Ungewollter Gewichtsverlust

Nimmt eine Person im Alter stark ab, kann das viele Gründe haben. Vielleicht sitzt das Gebiss nicht richtig und sie hat Schmerzen beim Kauen. Oder sie hat einen Tumor, der zum Gewichtsverlust führt. Vielleicht mangelt es ihr auch an Appetit oder sie ist so schlecht zu Fuß, dass sie das Haus nicht mehr zum Einkaufen verlassen kann.

2. Erschöpfung

Beispielsweise eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, eine Herzschwäche oder eine chronische Lungenerkrankung können der Grund dafür sein, dass ein alter Mensch schnell erschöpft ist. Deshalb ist es wichtig, das Symptom ernstzunehmen und der Ursache auf den Grund zu gehen.

3. Muskelschwäche (Sarkopenie)

Im Alter nimmt die Muskelmasse ab. Das liegt unter anderem an Umstellungen im Hormonhaushalt. Mangelernährung und fehlende Bewegung können dazu führen, dass sich Muskeln über das normale Maß hinaus abbauen. Das Risiko für Unsicherheiten und Stürze nimmt zu, die betroffenen Personen bewegen sich noch weniger, ein Teufelskreis beginnt.

4. Langsames Gehen

Wenn sich ein alter Mensch auffällig langsam fortbewegt, kann das an seiner abnehmenden Muskelmasse liegen. Andere mögliche Gründe sind: schlechtes Sehen, Schwierigkeiten, sich zu koordinieren oder schmerzende Gelenke.

5. Geringe körperliche Aktivität

Wenn alte Menschen sich nicht mehr viel bewegen und selten das Haus verlassen, kann das eine Folge davon sein, dass sie erschöpft sind oder an Muskelschwäche leiden. Möglicherweise sind sie aber auch depressiv und/oder einsam. Bewegen sich alte Menschen zu wenig, baut sich wiederum ihre Muskulatur noch schneller ab.

Frailty-Syndrom: Diagnose

Es ist wichtig zu erkennen, ob ein alternder Mensch gebrechlich zu werden droht. So können Arzt und der Patient beziehungsweise seine Familie dafür sorgen, dass er noch möglichst lange selbstständig und widerstandsfähig bleibt. Außerdem können sie gemeinsam dafür sorgen, dass der Patient so gut wie möglich vor zusätzlichen Belastungen geschützt ist.

Erkennt ein Arzt, dass ein Patient gebrechlich ist, kann ihm das helfen, die richtigen medizinische Entscheidungen zu treffen. Falls er etwa eine Operation oder eine Chemotherapie in Erwägung zieht, muss er in seine Entscheidung mit einbeziehen, dass der gebrechliche Patient nur noch über wenige körperliche Reserven verfügt und Komplikationen nach einer Operation wahrscheinlicher sind. Wissenschaftler fordern, dass gebrechliche Patienten vor einer Operation zum Beispiel in einer Tagesklinik mithilfe körperlichen Trainings und der richtigen Ernährung fitter gemacht werden sollten. Ein standardisiertes Verfahren dazu existiert jedoch noch nicht.

In einer Studie mit knapp 400 Patienten, die wegen einer Hüftfraktur im Krankenhaus behandelt wurden, zeigte sich: Patienten, die in einer speziell auf alte Menschen abgestimmten orthopädischen Abteilung untergebracht waren, erzielten nach zwölf Monaten bessere Ergebnisse hinsichtlich der Mobilität, Aktivitäten des täglichen Lebens und Lebensqualität als in der üblichen stationären Versorgung.

Frailty gilt außerdem als ein Risikofaktor für ein sogenanntes postoperativen Delir (POD). Dieser Verwirrtheitszustand ist mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden.

Auch die Nebenwirkungen einer Chemotherapie und vieler Medikamente können einen gebrechlichen Menschen stärker belasten. Unter Umständen wirkt sich der Grad der Gebrechlichkeit deshalb auch darauf aus, welche Medikamente und welche Dosis ein alter Mensch bekommt.

Einheitliche Diagnosekriterien für Frailty existieren noch nicht. Es existieren verschiedene Fragebögen, Tests und Skalen, mit denen der Arzt herausfinden kann, ob ein Patient gebrechlich ist. Entsprechend der wichtigsten Methode "Phänotyp nach Fried" kann der Arzt...

  • ...den Patienten wiegen und ihn fragen, ob er an Gewicht verloren hat
  • zum Beispiel mithilfe des "Mini Nutritional Assessment"-Fragebogens erfassen, ob es ihm womöglich an Nährstoffen mangelt
  • ...mithilfe eines Greifstärkemessers die Kraft seines Händedrucks erfassen
  • ...überprüfen, wie schnell der Patient geht (schafft er weniger als 0,8 Meter pro Sekunde über mindestens vier Meter, ist das ein Hinweis auf eine verminderte Leistungsfähigkeit)
  • ...sich erkundigen, wie aktiv und selbstständig der Patient im Alltag ist

Ein einfacher Fragebogen, um festzustellen, wie gebrechlich ein Patient ist, ist auch der "Frail-Scale":

Fatigue (Müdigkeit): Sind Sie meistens müde?

Resistance (Muskelkraft): Haben Sie Schwierigkeiten, ohne Hilfe zehn Treppen hochzusteigen, ohne zwischendurch eine Pause zu machen?

Ambulation (Gehfähigkeit): Haben Sie Schwierigkeiten, mehrere hundert Meter ohne Hilfe zu gehen?

Illness (Krankheiten): Haben Sie mehr als fünf Erkrankungen?

Loss of weight (Gewichtsverlust): Haben Sie im vergangenen Jahr 5 Prozent oder mehr an Gewicht verloren?

Wird eine Frage mit "Nein" beantwortet, gibt es 0 Punkte. Wird sie mit "Ja" beantwortet, gibt es einen Punkt. Hat der Patient insgesamt 0 Punkte, gilt er als fit, also nicht gebrechlich. Pre-frail ist er mit 1-2 Punkten, frail mit 3-5 Punkten.

Es gibt allerdings viele weitere Skalen mit bis zu 70 Diagnosekriterien, nach denen Ärzte sich richten können.

Auch eine Blutuntersuchung kann dem Arzt helfen, den Gesundheitszustand einer Person zu beurteilen. Beispielsweise kann er anhand bestimmter Blutwerte erkennen, ob die Person Erkrankungen hat, die zu ihrer Gebrechlichkeit beitragen. So können Biomarker wie Interleukin-6 auf Entzündungsreaktionen hindeuten.

Frailty: Therapie

Natürlich sind jedem Körper irgendwann im Alter Grenzen gesetzt und die Ressourcen einmal aufgebraucht. Grundsätzlich ist Gebrechlichkeit aber keine normale Alterserscheinung, die man hinnehmen muss. Viele der Beschwerden, die im Alter auftreten können, lassen sich vermeiden – oder zumindest lässt sich ihr Auftreten hinauszögern. Bis zu einem gewissen Grad kann man in Zusammenarbeit mit seinem Arzt daran arbeiten, den Prozess aufzuhalten und seinen Zustand zu verbessern.

Eine wichtige Rolle spielt dabei zum Beispiel eine gesunde Ernährung mit einer ausreichenden Zufuhr von Calcium und Eiweiß für den Erhalt von Knochen und Muskelnmasse. Einer Studie zufolge sind 35–56 Prozent der stationär aufgenommenen älteren Patienten mangelernährt.

Gegen den Muskelabbau können Senioren auch im hohen Alter noch Krafttraining machen. Der Arzt kann zum Beispiel Ergotherapie und/oder Physiotherapie verordnen. Auch Ausdauer- und Koordinationstraining können dem Patienten helfen. Ebenfalls wichtig ist, dass Denkvermögen und Gedächtnis der Betroffenen gefordert werden, um ihre geistigen Fähigkeit zu erhalten.