Frau mit Räusperzwang fasst sich an den Hals.
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Räusperzwang: Wenn Räuspern krankhaft wird

Wer heiser klingt, räuspert sich. Der oft fast automatische Vorgang soll den Schleim im Hals lösen und die Stimme befreien. Doch Vorsicht: Entwickelt sich ein Räusperzwang, kann das der Stimme nachhaltig schaden. Wie genau ein Räusperzwang entsteht, welche Symptome möglich sind und Tipps zur Behandlung.

Räusperzwang: Was ist das?

Den Grundstein für einen Räusperzwang legt oftmals eine Phase, in der vermehrt Schleim im Rachenraum gebildet wird. Diese verstärkte Schleimproduktion macht sich zum einen durch ein Fremdkörpergefühl im Hals bemerkbar – zum anderen aber auch durch die Stimme: Betroffene klingen heiser, verschleimt oder belegt. Um die Stimmstörung wieder unter Kontrolle zu bringen und den Hals vom Schleim zu befreien, beginnen sie sich zu räuspern.

Geht diese (scheinbare) Notwendigkeit in eine Gewohnheit über, ist vom sogenannten Räusperzwang die Rede. Betroffene räuspern sich häufig auch dann noch, wenn sich die Schleimbildung bereits wieder normalisiert hat. In einigen Fällen haben sie permanent das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben. Aus medizinischer Sicht zählt der Räusperzwang zu den Tics, also unwillkürlichen Bewegungen und Lauten, die automatisiert erfolgen.

Symptome: Wie sich Räusperzwang äußert

Hauptsymptom bei Räusperzwang ist ein wiederholtes Räuspern, das Betroffenen für kurze Zeit eine Art psychische Erleichterung verschafft. Ähnlich wie beim Husten wird dabei Luft durch die geschlossenen Stimmlippen gepresst. Der entstehende Druck löst vorhandenen Schleim, den Betroffene in der Folge schlucken können. Häufig geht das zwanghafte Räuspern zusätzlich mit einem (realen oder empfundenen) Kloßgefühl im Hals und Schluckzwang einher.

Wichtig: Sich ab und an zu räuspern, ist völlig normal und in der Regel kein Grund zur Sorge. Dennoch ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Stimmlippen und ihre Schleimhäute nicht auf eine solche Belastung ausgelegt sind. Sie nehmen beim Räuspern mehr Schaden als beim Husten.

Langfristige Folgen von Räusperzwang

Menschen, die einen Räusperzwang entwickeln, geraten schnell in einen Teufelskreis: Aufgrund ihrer Heiserkeit räuspern sie sich immer häufiger. Statt die Stimme dabei aufzuklaren, schaden sie ihr allerdings zunehmend. 

Durch den immensen Druck bei wiederholtem Räuspern entstehen kleine Verletzungen entlang der Stimmlippen. Ihr Heilungsprozess hinterlässt vergleichsweise starre Narben aus Bindegewebe, die die Elastizität der Stimmlippen einschränken. Sie können weniger schwingen, wodurch sich die Stimme verändert. Sie klingt bei Belastung schneller heiser oder bleibt es sogar auf Dauer.

Darüber hinaus versucht der Körper unter Umständen, die Stimmlippen und Stimmbänder vor der ungewohnten Krafteinwirkung zu schützen. Er veranlasst einen Umbau hin zu einer widerstandsfähigeren Struktur: Genau wie die Narben reduziert das ihre Elastizität.

Räusperzwang: Was tun?

Wichtig ist, dass sich Betroffene den schädlichen Auswirkungen von Räuspern bewusst sind und versuchen, ihrem inneren Drang zu widerstehen. Dabei sollten sie aber keinen Druck auf sich selbst ausüben: Allein für den Räusperzwang sensibilisiert zu sein, hilft, die entsprechenden Momente abzupassen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Wichtige Mittel – für Erwachsene ebenso wie für Kinder – sind dabei:

  • viel trinken: Die Flüssigkeit kann den Hals zum einen freispülen und befeuchten und zum anderen dazu beitragen, zähen Schleim zu verflüssigen.

  • Halsbonbons: Gegen Trockenheit im Mund und Hals können Betroffene regelmäßig Bonbons lutschen. Der gebildete Speichel hält die Schleimhäute feucht und reduziert das Verlangen, sich zu räuspern.

  • schleimhautberuhigende Wirkstoffe: Inhalationen, Spülungen oder Gurgeln mit Panthenol oder etwa Salbei entfalten einen ausgleichenden Effekt auf den Schleimhäuten.

  • Therapie der Grunderkrankung: Magensäurehemmer im Fall von Reflux, Antibiotika gegen bakterielle Infektionen, L-Thyroxin bei Schilddrüsenunterfunktion – Die Behandlung einer bestehenden Grunderkrankung trägt maßgeblich zum Kampf gegen den Räusperzwang bei.

  • logopädische Behandlung: Eine individuelle Sprachtherapie schafft die Grundlage für den richtigen Gebrauch der Stimme und unterstützt mit Techniken, um das Räuspern zu vermeiden.

  • Stress und Verspannungen abbauen: Geht der Räusperzwang auf Stress und muskuläre Verspannungen zurück, gilt es, körperliche und psychische Belastungen abzubauen. Dabei erweisen sich zum Beispiel Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training und Veränderungen im Zeitmanagement als hilfreich. Viele Betroffene berichten darüber hinaus von sehr guten Erfahrungen mit verhaltenstherapeutischen Angeboten.

Ursachen: Wann entsteht der Zwang, sich zu räuspern?

Für Räusperzwang gibt es zahlreiche mögliche Ursachen – unter anderem, weil auch eine verstärkte Schleimbildung oder ein Fremdkörpergefühl im Hals unterschiedliche Gründe haben kann. Zu den häufigsten Auslösern zählen diese Faktoren:

Stress

Bei Menschen, die psychisch stark belastet sind und unter Stress leiden, verspannen sich die Muskeln im ganzen Körper – auch im Bereich von Kehlkopf und Stimmlippen. Diese Spannung wiederum steigert die Tätigkeit der Schleimdrüsen in Rachen und Hals. Durch häufiges Räuspern versuchen Betroffene, sich von diesem Schleim zu befreien. 

Überlastung der Stimme

Zur Risikogruppe für Räusperzwang gehören insbesondere Sänger*innen, Lehrer*innen und alle Personen, die häufig Reden halten. Da sie sehr viel oder sehr laut sprechen müssen, neigen sie dazu, ihre Stimme übermäßig zu beanspruchen. Häufig führt das dazu, dass sich im Mund- und Rachenraum ein Gefühl der Trockenheit ausbreitet. Der Hals kratzt, die Stimme wird heiser. Durch Räuspern bemühen sie sich, die Stimmstörung wieder auszugleichen.

Räusperzwang durch Mundatmung

Wer häufig oder sogar chronisch durch den Mund atmet, erhöht ebenfalls das Risiko für einen Räusperzwang. Genau wie bei einer Überlastung der Stimme entsteht Trockenheit in Mund und Hals, die den Drang weckt, sich zu räuspern. Ursache kann beispielsweise eine verkrümmte Nasenscheidewand sein.

Infektionskrankheiten

Infekte wie Erkältungen, Corona oder die Grippe können eine verstärkte Schleimbildung in den Atemwegen anstoßen. Krankheitsbedingtes Räuspern geht hier schnell in eine Gewohnheit über, die auch nach der Genesung bestehen bleibt. 

Zusätzlich kann sich das sogenannte Postnasal-Drip-Syndrom (PNDS) entwickeln. Beim PNDS bilden die Schleimhäute in Nase und Nasennebenhöhlen sehr viel zähen Schleim. Er tropft von dort spürbar in den Rachen und kann Räusperzwang sowie chronischen Husten auslösen – aber auch bis zu den Bronchien gelangen und eine Bronchitis verursachen.

Funktionsstörung der Schilddrüse

Räusperzwang kann auf Jodmangel oder eine Schilddrüsenunterfunktion hinweisen. In beiden Fällen wird die Schilddrüse größer und verengt den Raum im Hals. Häufig haben Betroffene daher das Gefühl, permanent einen Fremdkörper oder Kloß wegräuspern zu müssen. 

Räusperwang bei Refluxkrankheit

Bei der Refluxkrankheit kommt es zu häufigem Sodbrennen, speziell in der Nacht. Dabei kann Magensäure über die Speiseröhre bis in den Rachen aufsteigen. Durch Räuspern und Husten versucht der Hals, sich vor der ätzenden Flüssigkeit zu schützen – Sie soll entweder heruntergeschluckt oder über den Mund abgegeben werden. 

Allergie

Der Räusperzwang bei Allergien basiert auf einem ähnlichen Schutzmechanismus wie im Fall von Sodbrennen. Gerade bei Allergenen, die eingeatmet werden (zum Beispiel Pollen), reagieren die gesamten Atemwege. Im Hals sollen Räuspern und eine verstärkte Schleimbildung die körpereigene Abwehr verstärken.

Mundbodenzyste

Eine Mundbodenzyste (auch: Ranula) kann entstehen, wenn eine Entzündung der Unterzungenspeicheldrüse vorliegt oder ihr Ausführungsgang verstopft. Große Zysten bedingen manchmal Schluckstörungen und einen Räusperzwang. 

Diagnose: Untersuchungen bei Räusperzwang

Um die Stimme langfristig zu erhalten und eine chronische Heiserkeit zu verhindern, ist es wichtig, den Auslöser für den Räusperzwang zu finden. Steht die Diagnose, sollte sich eine passende Behandlung daran anschließen.

Spätestens wenn der Räusperzwang einen Monat oder noch länger anhält, empfiehlt sich ein Arztbesuch. Erste Unterstützung finden Betroffene dabei in ihrer hausärztlichen Praxis. Das Gespräch, eine Blutuntersuchung und ein Ultraschall des Halses lassen häufig bereits eine Aussage über die Ursache zu.

Bei Bedarf kann die Überweisung an eine*einen Hals-Nasen-Ohren-Ärztn*Arzt (HNO) notwendig sein. Mithilfe eines Endoskops (sehr dünner Schlauch mit einer winzigen Kamera) werden der Zustand von Rachen, Hals und Kehlkopf genau in Augenschein genommen. Mediziner*innen, die sich auf die Verdauung spezialisiert haben, führen bei Verdacht auf Reflux eine Magenspiegelung durch.

Einem Räusperzwang vorbeugen – geht das?

Die Frage, ob man die Entstehung eines Räusperzwangs verhindern kann, lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Nicht in jedem Fall kann der Mensch auf die Entstehung von Erkrankungen Einfluss nehmen. 

Bis zu einem gewissen Grad ist es allerdings sinnvoll, diese Tipps zu beachten:

  • richtig auf eine starke Beanspruchung der Stimme vorbereiten (zum Beispiel mit Stimmtrainings oder logopädischer Unterstützung)
  • vor Reden oder Auftritten Präparate einnehmen, die einen schonenden Schutzfilm über die Schleimhäute in Hals und Rachen legen
  • Erkrankungen richtig auskurieren
  • Stress reduzieren und einen guten Umgang mit belastenden Lebensphasen finden
  • den Konsum von Zigaretten und Alkohol so stark wie möglich einschränken, um unnötige Reizungen zu vermeiden

Diese Hilfestellungen eignen sich insbesondere für Menschen, die beruflich auf ihre Stimme angewiesen sind und dadurch einem höheren Risiko für Räusperzwang ausgesetzt sind.