Gleichgewichtsstörungen: Wenn plötzlich alles schwankt

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion (07. Dezember 2017)

© Jupiterimages/Stockbyte

Der Gleichgewichtssinn ermöglicht es Menschen, ihre Haltung und ihre Bewegungen zu kontrollieren. Das Gleichgewichtsorgan ist sensibel: Bestimmte Erkrankungen können es durcheinanderbringen und Gleichgewichtsstörungen wie Schwindelgefühle hervorrufen. Was sind typische Ursachen? Und wie lassen sie sich behandeln?

Was sind Gleichgewichtsstörungen?
Von Gleichgewichtsstörungen spricht man, wenn jemand die Kontrolle über seine Körperhaltung und seine Bewegungen verliert. 

Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen, Unwohlsein: Gleichgewichtsstörungen können sich in unterschiedlichen Symptomen äußern. Manchmal haben Betroffene auch das Gefühl, in einem Aufzug nach oben zu fahren oder, dass sich der Boden unter ihren Füßen bewegt. Es gelingt ihnen nicht, auf einem Bein zu stehen oder mit geschlossenen Augen auf einer geraden Linie zu laufen. Was verbirgt sich hinter diesen Beschwerden?

Oft ist eine Störung des Gleichgewichtsorgans die Ursache. Gewisse äußere Bedingungen können es durcheinanderbringen. Manche Menschen reagieren zum Beispiel empfindlich, wenn sie sich auf Schiffen befinden und der Boden unter ihnen schwankt. Es gibt aber auch verschiedene Erkrankungen, Störungen und Verletzungen, die das Gleichgewichtsorgan oder die Kommunikation zwischen ihm und dem Gehirn beeinträchtigen können.

So funktioniert der Gleichgewichtssinn

Das Gleichgewichtsorgan (auch Vestibularorgan oder Vestibularapparat) befindet sich in den Ohren, genauer gesagt: jeweils im Innenohr. Zum Gleichgewichtsorgan gehören drei ringförmige, mit Flüssigkeit gefüllte Kanäle, die sogenannten Bogengänge, und zwei weitere Hohlräume, die Vorhofsäckchen.

Auf der Haut, welche die Bodengänge und Vorhofsäckchen von innen auskleidet, sitzen Sinneszellen. Diese tragen haarähnliche Strukturen auf ihrer Oberfläche, die mit einer Gelschicht bedeckt sind. Verändert der Kopf seine Position, verlagern sich die Flüssigkeit und das Gel. Dadurch neigen sich die Härchen – und diese Bewegung wird von den Sinneszellen registriert.

Die Sinneszellen sind über einen Nerv mit dem Gehirn verbunden. Dieser Nerv meldet dem Gehirn, mit welcher Geschwindigkeit sich der Kopf wohin bewegt hat. Auch die Sinneszellen der Haut, der Muskeln und der Gelenke schicken dem Gehirn ständig Informationen über die exakte räumliche Ausrichtung des Körpers. All diese Informationen kann das Gehirn miteinander kombinieren. So entsteht im Kopf eine exakte Vorstellung von der Position und Haltung, in der sich der Körper befindet.

Gleichgewichtsstörungen: Was sind mögliche Ursachen?

Gleichgewichtsstörungen können vielerlei Ursachen haben. Manchmal sind die Auslöser vollkommen harmlos. So kann etwa der schwankende Boden bei Schifffahrten – vor allem bei starkem Wellengang – den Gleichgewichtssinn durcheinander bringen (sog. Reisekrankheit).

Doch auch einige Krankheiten kommen als Ursachen infrage. Es gibt sowohl

  1. Erkrankungen, die das Gleichgewichtsorgans direkt betreffen, als auch
  2. Erkrankungen oder Verletzungen, die zunächst andere Organe betreffen, sich jedoch in Gleichgewichtsstörungen äußern.

Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans

Folgende Krankheiten und Einflüsse beeinträchtigen den Gleichgewichtssinn direkt:

  • Morbus Menière (Erkrankung des Innenohrs)
  • Innenohrentzündung
  • Bodengangsdehiszenz (Erkrankung der knöchernen Abdeckung des oberen und/oder hinteren Bogengangs)
  • Entzündung der Gleichgewichtsnerven (Neuritis vestibularis)
  • Tumoren zwischen Gehörgang und Kleinhirn (z.B. Akustikusneurinom)
  • benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (gutartiger Lagerungsschwindel)
  • Schädigungen durch Medikamente wie z.B. dem Chemotherapeutikum Cisplatin und bestimmten Antibiotika (z.B. Gentamicin)

Erkrankungen und Störungen anderer Organe

Gleichgewichtsstörungen können jedoch auch als Folge von Erkrankungen oder Störungen anderer Organe auftreten. Dazu zählen

Bei lang anhaltenden oder immer wiederkehrenden Gleichgewichtsstörungen ist es ratsam, einen Arzt aufzusuchen, um die genauen Ursachen feststellen zu lassen. Dies gilt vor allem, wenn die Gleichgewichtsstörungen mit weiteren Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen einhergehen.

Gleichgewichtsstörungen: Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Um die Ursache der Gleichgewichtsstörungen zu ermitteln, benötigt der Arzt zunächst eine möglichst genaue Beschreibung der Beschwerden. Außerdem muss er sich ein Bild vom allgemeinen Gesundheitszustand des Betroffenen machen. Dazu kann er dem Patienten folgende Fragen stellen:

  • Wann und wie haben die Gleichgewichtsstörungen eingesetzt (z.B. plötzlich oder schleichend)?
  • Bestehen die Beschwerden dauerhaft oder gelegentlich? Wenn gelegentlich: Wie lange halten die Schwindelattacken an?
  • Treten die Gleichgewichtsstörungen nach oder in bestimmten Situationen verstärkt auf?
  • Verschlimmern sie sich durch bestimmte Körperbewegungen?
  • Haben Sie Unfälle oder Operationen hinter sich?
  • Leiden Sie an chronischen Erkrankungen? 
  • Hatten Sie einen Schlaganfall oder einen Infekt?
  • Haben Sie eine psychische Krankheit wie Depressionen oder Angststörungen?
  • Nehmen Sie Medikamente oder haben Sie Medikamente abgesetzt?
  • Können Sie die Gleichgewichtsstörungen genauer beschreiben? Handelt es sich etwa eher um ein "Betrunkenheitsgefühl"? Haben Sie Probleme beim Gehen? Verspüren Sie "Leere im Kopf"?
  • Haben Sie weitere Beschwerden wie etwa Herzrhythmusstörungen, Hör- oder Sehstörungen, Kopfschmerzen oder Übelkeit?
  • Haben Sie schon einmal das Bewusstsein verloren?

Mitunter nehmen Ärzte zur Anamnese einen standardisierten Fragebogen zur Hand, zum Beispiel das Dizziness Handicap Inventory (DHI-G) oder das Vertigo Symptom Scale (VSS-G).

In der Regel hat Arzt nach der Anamnese bereits eine Vermutung, was die Ursache der Gleichgewichtsstörungen sein könnte. An dieser Verdachtsdiagnose orientiert sich der Arzt bei der körperlichen Untersuchung: Deuten die Angaben des Patienten auf eine Störung des Blutdrucks hin, misst der Arzt den Blutdruck im Liegen und Stehen. Vermutet er eine Herzerkrankung als Auslöser, hört er das Herz mit einem Stethoskop ab.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe von zusätzlichen Untersuchungsverfahren, mit deren Hilfe der Arzt den Gleichgewichtssinn des Patienten beurteilen kann. Gängig sind etwa folgende Methoden:

  • Untersuchung mithilfe der Frenzel-Brille
  • Lagerungsprüfung
  • Koordinationstests
  • Untersuchung der für die Körperhaltung wichtigen Muskeln und Nerven (sog. Posturografie)
  • Untersuchung der Gleichgewichtsorgane

Nystagmus-Test mit der Frenzel-Brille

Wenn das Gleichgewichtsorgan beschädigt ist, kann sich das in unwillkürlichem Augenzittern (sog. Nystagmus) äußern. Das ist eine Reaktion des Gehirns auf die vom Gleichgewichtsorgan irrtümlich gemeldeten Schwankungen. Wenn der Patient seinen Blick aktiv steuert und auf bestimmte Punkte fixiert, kann der Arzt das Augenzittern allerdings nicht feststellen. Deshalb setzt er dem Patienten die sogenannte Frenzel-Brille auf: Durch ihre sehr starken Vergrößerungsgläser kann der Patient nur sehr verschwommen sehen. Die Brille hindert ihn somit daran, seinen Blick auf etwas zu fixieren.

Die starke Vergrößerung erleichtert es dem Arzt zudem, feinere Nystagmen festzustellen, die nicht mit bloßem Auge zu erkennen sind.

Lagerungsprüfung

Der Arzt bittet den Patienten, sich zunächst aufrecht mit ausgestreckten Beinen auf die Untersuchungsliege zu setzen. Dann dreht der Arzt den Kopf des Patienten zur Seite und führt dessen Oberkörper zügig nach hinten, bis er auf der Liege ruht. Der Kopf hängt über der oberen Kante der Liege herunter (sog. Kopfhängelage).

Mit dieser Methode kann der Arzt unter anderem die häufigste Ursache für Schwindel erkennen, den sogenannten gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel: Bei Patienten mit dieser Form von Schwindel löst der Bewegungsablauf ein Augenzittern aus.

Achtung: Dieser Test kann starke Schwindelempfindungen hervorrufen, die auch Stunden später noch auftreten können.

Koordinationstests

Es gibt verschiedene Testverfahren, um die Koordinationsfähigkeit eines Menschen zu prüfen. Die bekanntesten sind:

  • der Romberg-Stehversuch sowie
  • der Unterberger-Test.

Beim Romberg-Stehversuch soll der Betroffene mit eng zusammengestellten Füßen einige Minuten lang stehen, zuerst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen. Wenn der Patient stark zu einer Seite schwankt, kann das ein Hinweis auf eine Störung des Gleichgewichtsorgans sein.

Beim Unterberger-Tretversuch tritt der Patient mit geschlossenen Augen und vorgestreckten Armen etwa 50 bis 80-mal auf der Stelle. Wenn der Patient sich dabei stark um die eigene Achse dreht oder sich weiter als etwa einen Meter nach vorne bewegt, kann auch eine Störung des Gleichgewichtsorgans dahinterstecken.

Hinweis: Die Tests stammen von Medizinern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Heute zweifeln Ärzte an der Aussagekraft der Ergebnisse, weil sie nicht sensitiv genug sind: Menschen mit Gleichgewichtsstörungen können die Tests manchmal ähnlich gut bewältigen wie Gesunde.

Posturografie

Auch Störungen der Muskulatur und/oder Nerven können dazu führen, dass ein Mensch aus dem Gleichgewicht gerät, denn sie beeinträchtigen die Stabilität der Körperhaltung. Diese lässt sich mithilfe der sogenannten Posturografie (engl.: posture = Haltung) analysieren.

Es gibt viele verschiedene Posturografie-Verfahren. Ihr Prinzip lässt sich vereinfacht so beschreiben: Der Patient stellt sich auf eine Platte, die mit Sensoren ausgestattet ist. Diese erfassen, wie der Patient die Last seines Körpers auf den Füßen verteilt und wie stark er schwankt.

Untersuchung des Gleichgewichtsorgans

Eine Störung des Gleichgewichtsorgans kann sich auch darin äußern, dass es nicht so leicht erregbar ist. Um die Erregbarkeit zu testen, kann der Arzt das Organ leicht reizen. Dazu eignet sich etwa die sogenannte kalorische Prüfung: Der Arzt führt warmes (44°C) und anschließend kaltes (30°C) Wasser ins Ohr des Patienten ein. Ist das Gleichgewichtsorgan intakt, löst dieser Reiz ein Augenzittern (Nystagmus) aus.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Tests, mit denen der Arzt die Funktion der einzelnen Bestandteile des Gleichgewichtsorgans prüfen kann. Je nach vermuteter Ursache können zudem folgende Untersuchungen zum Einsatz kommen:

Gleichgewichtsstörungen: Therapie

Die Therapie richtet sich nach der Ursache. Treten die Gleichgewichtsstörungen bei Reisen und Schifffahrten oder Autofahrten auf und sind von starkem Unwohlsein und Übelkeit begleitet, kommen sogenannte Antivertigenosa (Mittel gegen Schwindel) und Antiemetika (Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen) in Betracht.

Physiotherapeutische Maßnahmen können die Therapie ergänzen. Spezielle Übungen können etwa die Koordination und Muskulatur verbessern. Bei einigen Erkrankungen, die zu Gleichgewichtsstörungen führen (z.B. ein Akustikusneurinom oder ein Schlaganfall), sind unter Umständen operative Eingriffe nötig.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Gleichgewichts­störungen":


Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2017)

Wie funktioniert der Gleichgewichtssinn? Online-Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): www.gesundheitsinformation.de (Stand: 23.8.2017)

Behrends, J. C., et al.: Duale Reihe Physiologie. Thieme, Stuttgart 2016

Ernst, A., et al.: Gleichgewichtsstörungen. Thieme, Stuttgart 2016

Aktualisiert am: 7. Dezember 2017

Wie steht es um Ihre Gesundheit?




Symptom-Check