Eine Frau sitzt auf dem Sofa und denkt nach.
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Generalisierte Angststörung

Menschen, die eine generalisierte Angststörung haben, machen sich nahezu permanent Sorgen. Ob Angst vor Krankheit, Jobverlust oder finanziellem Ruin: Die Befürchtungen betreffen immer wieder andere Themen – und wirken auf Außenstehende übertrieben und unangemessen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Generalisierte Angststörung

Wird meinem Partner auf dem Nachhauseweg auch nichts passieren?
Was ist, wenn ich im Urlaub krank werde?
Was passiert, wenn ich bei der Arbeit einen Fehler mache und meinen Job verliere?

Solche oder ähnliche Befürchtungen sind typisch für eine generalisierte Angststörung. Eigentlich belanglose "Lappalien" werden dabei in Gedanken zu ausgeprägten Katastrophen.

Angst ist ein Gefühl, das jeder Mensch kennt. Sie bewahrt davor, zu unvorsichtig zu sein. Mit normalem "Sich-Sorgen" hat eine generalisierte Angststörung jedoch nichts zu tun. Die Betroffenen befinden sich in einem permanenten Alarmzustand. Ihre Ängste sind unangemessen, deutlich intensiver und treten häufiger auf als bei gesunden Menschen.

Was ist eine generalisierte Angststörung?

Eine generalisierte Angststörung (kurz: GAS) ist eine psychische Erkrankung. Betroffene machen sich über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder Sorgen über unterschiedliche Dinge. Menschen mit generalisierter Angststörung sind übertrieben ängstlich, nervös und angespannt.

Video: 5 Symptome, die auf eine Angststörung hinweisen

Im Gegensatz zu anderen Angststörungen wie etwa einer Phobie bezieht sich die Angst bei einer generalisierten Angststörung nicht auf bestimmte Situationen oder Objekte. Vielmehr handelt es sich um eine generalisierte, unbestimmte Angst, die verschiedenste Lebens- und Alltagssituationen betreffen kann. Ärzte sprechen von einer frei flottierenden Angst.

Ein Beispiel: Die Person befürchtet, das eigene Kind könne sich beim Schulsport ernsthaft verletzen. Objektiv gesehen gibt es aber keinen Grund für diese Annahme. Schon bald breitet sich die nächste Sorge aus: Der Betroffene grübelt darüber, dass sein Job in Gefahr sein könnte. Er hat Angst, dass ihm gekündigt wird und er dann all sein Geld verliert. Einen objektiven Anlass für solche Befürchtungen gibt es allerdings nicht. Immer wieder entwickelt der Erkrankte neue Ängste. Schließlich macht er sich sogar Sorgen darüber, dass er sich so viel sorgt. Es gelingt ihm meist nur kurz, sich von seinen Ängsten abzulenken.

Wie häufig ist eine generalisierte Angststörung?

Es gibt keine verlässlichen Statistiken darüber, wie häufig die generalisierte Angststörung ist. Schätzungen zufolge entwickeln 7 bis 8 von 100 Menschen irgendwann im Laufe ihres Lebens eine generalisierte Angststörung. Frauen bekommen die Diagnose häufiger als Männer.

Die generalisierte Angststörung ist nur eine von verschiedenen Formen einer krankhaften Angst. Zu weiteren Angststörungen zählen:

Generalisierte Angststörung: Symptome

Charakteristische Symptome für eine generalisierte Angststörung sind über einen längeren Zeitraum anhaltende, übertriebene Ängste, Sorgen und Grübeleien. Sie beziehen sich nicht auf einzelne Situationen oder Objekte, sondern können immer wieder andere Themen betreffen.

So befürchtet der Erkrankte zum Beispiel grundlos, dass

  • einem nahestehenden Menschen etwas zustoßen könnte,
  • seine berufliche Zukunft nicht gesichert ist,
  • er krank werden könnte oder
  • er in finanzielle Schwierigkeiten geraten könnte.

Der Betroffene weiß, dass seine Ängste übertrieben oder unangemessen sind, kann sie aber nur schwer oder nicht kontrollieren.

Weitere psychische Symptome der generalisierten Angststörungen sind

Eine generalisierte Angststörung macht sich oft nicht nur psychisch, sondern auch körperlich bemerkbar. Mögliche körperliche Symptome sind:

Der Erkrankte hat in der Regel nicht alle Symptome gleichzeitig. Vielmehr können einzelne Beschwerden immer wieder in unterschiedlichen Kombinationen auftreten. Die Symptome können sich abwechseln, sodass der Betroffene fast permanent darunter leidet.

Generalisierte Angststörung: Ursachen

Bislang sind die Ursachen einer generalisierten Angststörung nicht abschließend erforscht. Vermutlich sind mehrere Faktoren im Zusammenspiel an der Entstehung einer Angststörung beteiligt. Welche das genau sind, darüber wird unter Wissenschaftlern noch diskutiert.

Zu möglichen Auslösern zählen:

  • vergangene oder aktuell belastende Ereignisse, z.B. traumatische Erlebnisse, Verlust eines geliebten Menschen
  • hohe psychische Belastung, z.B. im Beruf oder innerhalb der Familie
  • ungünstiger Erziehungsstil, etwa Überbehütung
  • erbliche Faktoren: Eine generalisierte Angststörung tritt in manchen Familien häufiger auf als in anderen.
  • neurobiologische Faktoren: Dazu zählen u.a. Fehlfunktionen/Veränderungen in Hirnbereichen, die durch die Botenstoffe Serotonin (Serotoninsystem), Adrenalin bzw. Noradrenalin (adrenerges System) oder Gamma-Amino-Buttersäure (GABA-Bindung) aktiviert werden.

Manchmal tritt die generalisierte Angststörung auf, obwohl sich keine dieser möglichen Ursachen Auslöser finden lassen.

Die generalisierte Angsterkrankung kann als Folge einer anderen psychischen Erkrankung entstehen. Zum Beispiel kann sie sich aus einer Panikstörung entwickeln. Bei einer Panikstörung treten immer wieder wie aus heiterem Himmel Panikattacken auf.

Generalisierte Angststörung: Diagnose

Bis die Diagnose gestellt wird, kann viel Zeit vergehen. Der Grund: Oft spüren die Betroffenen hauptsächlich die körperlichen Symptome. Möglicherweise ahnt der Arzt zunächst gar nicht, dass es sich um eine psychische Erkrankung handeln könnte.

Darüber hinaus ist es nicht immer leicht, eine generalisierte Angststörungen von anderen Formen der Angststörungen oder einer Depression zu unterscheiden. Auch tritt die generalisierte Angststörung häufig in Kombination mit solchen Erkrankungen auf.

Erster Ansprechpartner bei möglichen Symptomen einer generalisierten Angststörung kann der Hausarzt oder ein Psychotherapeut sein.

Gibt wichtige Hinweise: Die Anamnese

Im Mittelpunkt des Arztbesuchs steht ein ausführliches Gespräch, die sogenannte Anamnese. Um herauszufinden, ob möglicherweise eine generalisierte Angststörung vorliegt, wird der Arzt/Therapeut einige Fragen stellen. Dabei kann er auf spezielle Fragebogen zurückgreifen, die ihm die Diagnose erleichtern.

Zum Beispiel wird er wissen wollen,

  • ob sich der Patient häufig angespannt und nervös fühlt,
  • ob der Patient das Gefühl hat, seine Ängste nicht unter Kontrolle zu haben,
  • ob der Patient ständig in Sorge ist,
  • wann der Patient die Beschwerden erstmals bemerkt hat,
  • wie häufig die Beschwerden auftreten,
  • wie sehr sich der Patient durch die Beschwerden beeinträchtigt fühlt,
  • in welchen Situationen die Beschwerden auftreten,
  • ob die Angst eher in Form einer Panikattacke auftritt oder mehr oder weniger permanent da ist,
  • wovor genau der Patient Angst hat,
  • welche körperlichen Symptome im Vordergrund stehen und
  • ob der Patient Medikamente einnimmt und wenn ja, welche.

Auch wird er nach weiteren möglichen Beschwerden oder Erkrankungen fragen, die häufig gemeinsam mit der generalisierten Angststörung auftreten. Dazu zählen etwa Depressionen, andere Formen von Angststörungen oder eine Sucht.

Weitere Untersuchungen

Viele Symptome, die bei einer generalisierten Angststörung auftreten, können auch im Rahmen anderer Krankheiten vorkommen. So können beispielsweise Nervosität, innere Unruhe oder Schwitzen Zeichen einer Angststörung sein – sie können aber genauso auf eine Schilddrüsenüberfunktion hinweisen. Bestimmte Medikamente können solche Symptome ebenfalls auslösen.

Bevor der Arzt die Diagnose stellt, ist es daher wichtig, dass er körperliche Ursachen ausschließt. Neben den Informationen aus dem Gespräch helfen ihm dabei vor allem

  • eine gründliche körperliche Untersuchung,
  • Laborwerte und
  • ein EKG.

Generalisierte Angststörung: Therapie

Bei der Behandlung der generalisierten Angststörung haben sich im Wesentlichen zwei Verfahren bewährt:

Beide Methoden werden häufig miteinander kombiniert. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Behandlungsmöglichkeiten und unterstützende Angebote. Manchen Menschen hilft es etwa, mit Gleichgesinnten über ihre Probleme zu sprechen. Eine Selbsthilfegruppe bietet eine solche Möglichkeit.

Bei der Wahl der Therapie spielen zum einen die persönlichen Vorlieben des Erkrankten eine Rolle. Zum anderen kann es sein, dass aus ärztlicher Sicht eine bestimmte Behandlung (nicht) empfehlenswert ist – zum Beispiel, weil Medikamente aus medizinischen Gründen nicht infrage kommen.

Welche Behandlungsmöglichkeit am besten geeignet sind, wird der Arzt/Therapeut im Vorfeld mit seinem Patienten besprechen.

Psychotherapie

Zur psychotherapeutischen Behandlung der generalisierten Angststörung hat sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Alternativ kommen psychodynamische Therapieverfahren infrage.

Was passiert in der Verhaltenstherapie?

Vertreter der kognitiven Verhaltenstherapie gehen davon aus, dass sich Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen gegenseitig beeinflussen. Das bedeutet zum Beispiel: Wer eine Situation im Vorhinein als gefährlich bewertet, wird auch eher Angst verspüren – und die Situation unter Umständen sogar meiden. Eine andere Person bewertet dieselbe Situation möglicherweise ganz anders und freut sich sogar darauf. Andersherum kann sich Verhaltensänderung auf Gedanken und Gefühle auswirken, etwa, wenn jemand durch sein Verhalten eine positive Erfahrung macht.

In der Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen, negative Gedanken, Überzeugungen und Verhaltensweisen zu erkennen und zu hinterfragen – denn oft sind sie sich dieser Muster gar nicht bewusst. Anschließend arbeiten sie daran, diese Muster schrittweise zu verändern, indem sie sie gezielt unterbrechen und durch positive Strukturen ersetzen. Meist finden die Sitzungen einmal pro Woche statt. Die Behandlung kann sich je nach Einzelfall auf wenige Termine beschränken, aber auch einige Monate andauern. Die Kosten für die Verhaltenstherapie übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen.

Was passiert in der psychodynamischen Psychotherapie?

Zu den psychodynamischen Therapieverfahren gehören die analytische und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Beide basieren auf der Annahme, dass sich unbewusste psychische Vorgänge unmittelbar auf das Denken, Fühlen und Handeln auswirken. Dazu gehören zum Beispiel einschneidende Erfahrungen und innere Konflikte in der Kindheit oder erfahrene Gewalt.

Gemeinsam mit dem Therapeuten versucht der Betroffene in Gesprächen herauszufinden, aus welchen unbewussten psychischen Konflikte zur die unangemessenen Angst entstanden sein könnte. So lernt er zu erkennen, dass seine Angst aus psychodynamischer Sicht eigentlich nicht die aktuelle Situation betrifft, sondern vielmehr den inneren Konflikt zum Ausdruck bringt, dessen Ursprung in der Vergangenheit liegt. In der Therapie lernt er, diesen Konflikt zu bewältigen beziehungsweise besser mit ihm umzugehen. Sowohl die analytische als auch die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sind von den Krankenkassen anerkannte Verfahren. In der Regel dauert die Behandlung länger als eine kognitive Verhaltenstherapie, je nach Erkrankung und Therapiemethode können mehrere Monate bis zu zwei Jahre vergehen.

Behandlung mit Medikamenten

Bei einer generalisierten Angststörung kann eine Behandlung mit Antidepressiva hilfreich sein. Zum Einsatz kommen vor allem

  • selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Escitalopram oder Paroxetin und
  • Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) wie Duloxetin oder Venlafaxin.

Wenn diese Antidepressiva nicht erfolgreich sind oder nicht infrage kommen, kann der Arzt den Wirkstoff Pregabalin verschreiben, ein Antiepileptikum, das unter anderem angstlösend wirkt. Hat Pregabalin nicht den gewünschten Effekt, kann der Wirkstoff Opipramol eine Alternative sein. Opipramol zählt zu den trizyklischen Antidepressiva.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Die Medikamente, die bei generalisierter Angststörung zum Einsatz kommen, können mit unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sein. Die meisten von ihnen treten nur zu Beginn der Therapie auf und klingen innerhalb weniger Tage wieder ab.

Mögliche Nebenwirkungen von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) sind unter anderem:

Bei längerer Einnahme kommt es in manchen Fällen zu sexuellen Störungen. Manche Patienten haben beispielsweise weniger Lust auf Sex oder bekommen keinen Orgasmus. Einige Männer bekommen keinen oder einen schwächeren Samenerguss.

Der Wirkstoff Pregabalin kann unter anderem zu Beschwerden wie Schläfrigkeit, Schlaflosigkeit und Benommenheit führen. Trizyklische Antidepressiva können mit Nebenwirkungen wie Schwindel, niedrigem Blutdruck, Müdigkeit, einem schnellen Puls oder trockenem Mund einhergehen.

Wenn Sie solche oder andere Nebenwirkungen bei sich bemerken: Sprechen Sie darüber mit dem behandelnden Arzt.

So wirken Antidepressiva

Ob ein Bild, ein Geräusch oder eine Berührung: Jede Information, die der Mensch über seine Sinnesorgane wahrnimmt, wird im Gehirn entlang von Nervenbahnen von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergeleitet, um schließlich verarbeitet zu werden.

Damit eine Information von einer Nervenzelle zur nächsten gelangen kann, sind spezielle Botenstoffe nötig: die Neurotransmitter. Neurotransmitter werden immer dann freigesetzt, wenn eine Nervenzelle durch einen Impuls gereizt wird. Haben die Botenstoffe ihre Aufgabe erfüllt und die Information an die nächste Nervenzelle weitergegeben, werden sie wieder in die ausschüttende Nervenzelle aufgenommen.

Bei einer generalisierten Angststörung kann die Informationsübertragung zwischen zwei Nervenzellen gestört sein. Antidepressiva setzen hier an, indem sie auf die Konzentration bestimmter Botenstoffe einwirken. Serotonin-Wiederaufnahmehemme/Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer verhindern, dass die Neurotransmitterstoffe Serotonin und/oder Noradrenalin in die Zellen wiederaufgenommen werden. So können die Botenstoffe länger wirken.

Antidepressiva – ja oder nein?

Die Entscheidung pro oder contra Antidepressiva fällt unter Umständen nicht leicht. Viele Menschen scheuen sich, solche Medikamente einzunehmen. Sie befürchten, dass Antidepressiva die Persönlichkeit verändern oder süchtig machen. Diese Ängste sind allerdings unbegründet.

Tatsächlich können manche Psychopharmaka abhängig machen, etwa die Benzodiazepine aus der Gruppe der Beruhigungsmittel. Nimmt man sie über längere Zeit ein, besteht die Gefahr, dass immer höhere Dosen benötigt werden, um noch einen Effekt zu erzielen – eine Sucht ist entstanden. Bei Antidepressiva hingegen ist dies nicht der Fall. Auch verändern sie die Persönlichkeit nicht.

Beendet der Patient eine längerfristige mit Antidepressiva abrupt, kann es zu unerwünschten Absetzerscheinungen kommen. Um dies zu verhindern, empfiehlt es sich, die Dosis schrittweise zu reduzieren.

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Wirkungen und Nebenwirkungen!

Generalisierte Angststörung: Verlauf & Vorbeugen

Die generalisierte Angststörung verläuft häufig in Phasen: Zeiten, in denen es der Person relativ gut geht, wechseln sich mit Abschnitten ab, in denen die Beschwerden stärker ausgeprägt sind.

Ohne Therapie bilden sich die Symptome nur selten zurück. Je länger die Erkrankung unbehandelt bleibt, desto höher ist das Risiko, dass sie einen chronischen Verlauf nimmt.

Personen mit generalisierter Angststörung leiden häufig zugleich an anderen psychischen Erkrankungen wie einer Depression. Wenn die Ängste den Alltag stark einschränken, kann dies die Depression verstärken – bis hin zu Suizidgedanken. Daher ist es wichtig, sich frühzeitig um professionelle Hilfe zu kümmern.

Kann man einer generalisierten Angststörung vorbeugen?

Einer generalisierten Angststörung können Sie nicht vorbeugen – möglicherweise aber einem chronischen Verlauf. Daher gilt: Zögern Sie nicht, bei Beschwerden einen Arzt oder Psychotherapeuten aufzusuchen. In einem Gespräch lässt sich herausfinden, ob die Beschwerden psychisch bedingt sind und ob eine generalisierte Angststörung dahintersteckt.