Ein gespiegelter Wald
© GettyImages/Oliver Henze/EyeEm

Depersonalisation und Derealisation: Ursachen, Symptome & Therapie

Menschen, die an Depersonalisation leiden, empfinden ihre Person oder ihren Körper als fremd, nicht mehr vertraut, unwirklich und fern. Häufig geht Depersonalisation mit der Derealisation Hand in Hand. Bei einer Derealisation erscheint nicht die eigene Person, sondern die Umgebung fremdartig verändert. Welche Ursachen stecken hinter den psychischen Phänomenen, wie fühlen sie sich an und welche Behandlung kann helfen?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Depersonalisation und Derealisation: Was ist das?

Das Gefühl, für einen kurzen Moment neben sich zu stehen oder die Umwelt distanziert wahrzunehmen, kennen viele Menschen. Solche Unwirklichkeitsgefühle können zum Beispiel nach starker Erschöpfung auftreten. Auch als Begleitsymptom einer psychischen Erkrankung zeigen sich mitunter entsprechende Symptome.

Wenn Depersonalisation und Derealisation so im Vordergrund stehen, dass es sich um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt, sprechen Fachleute von einer Depersonalisations-Derealisationsstörung beziehungsweise einem Depersonalisations-­Derealisationssyndrom.

Dabei handelt es sich um eine Form der dissoziativen Störung. Depersonalisation und/oder Derealisation sind dann permanent vorhanden oder kehren immer wieder zurück. Die Beschwerden sind so ausgeprägt, dass die betroffene Person stark darunter leidet. Die psychischen Phänomene können kombiniert vorliegen, aber auch einzeln auftreten.

Was ist Depersonalisation?

"Es ist, als ob ich neben mir stehen würde."

"Wenn ich spreche, fühlt es sich an, als spräche jemand anderes."

"Ich fühle mich wie ein Schauspieler in einem Film."

So oder ähnlich beschreiben Betroffene das Phänomen, das sich vor allem durch das Gefühl der Selbstentfremdung auszeichnet: Depersonalisation (lat. de = herab, weg; persona = Charakter, Person). Die Depersonalisation ist also eine Störung des "Ich-Erlebens". Sie ist mit dem Gefühl verbunden, von der eigenen Psyche beziehungsweise vom Körper losgelöst zu sein. Die betroffene Person kann sogar den Eindruck haben, es gäbe sie gar nicht.

Die Depersonalisationsstörung kann auch einzelne Aspekte betreffen, die das Selbst ausmachen – zum Beispiel Gedanken, Gefühle oder Handlungen. So wirken die Gedanken nicht wie die eigenen, Körperteile erscheinen als nicht zugehörig oder Handlungen werden als "wie von einem Automaten" ausgeführt erlebt.

Was ist Derealisation?

Im Gegensatz zur Depersonalisation nimmt man bei der Derealisation (lat. de = herab, weg, realis = sachlich, wesentlich) nicht sich selbst wie einen Fremdkörper wahr, sondern die Außenwelt. Andere Menschen, Gegenstände oder die gesamte Umgebung erscheinen wie im Traum, künstlich, farblos, leblos oder unwirklich.

Störung tritt meist in der Pubertät auf

Depersonalisation und Derealisation im Rahmen eines eigenständigen Krankheitsbilds zeigen sich manchmal bereits in der Kindheit. Im Durchschnitt macht sich die Erkrankung jedoch im Alter von 16 Jahren bemerkbar. Ein Beginn nach dem 25. Lebensjahr ist selten.

Depersonalisations-Derealisationsstörung im Rahmen einer Schizophrenie

Symptome von Depersonalisation und Derealisation können sich auch im Rahmen einer Psychose wie der Schizophrenie zeigen, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Im Gegensatz zum Depersonalisations-Derealisationssyndrom geht eine Psychose mit einem Realitätsverlust einher.

Ein Beispiel: Bei Schizophrenie kann es vorkommen, dass eine Person glaubt, ihre Hand gehöre nicht zu ihr und werde von einer fremden Macht gesteuert. Bei einem Depersonalisations-Derealisationssyndrom hingegen wissen Betroffene, dass es sich nur so anfühlt, als ob die eigene Person oder die Umwelt fremd oder verändert sind. Ihnen ist klar: Nicht etwa der Körper oder die Umwelt haben sich verändert – sondern die eigene Wahrnehmung.

Häufigkeit: Wie viele Menschen sind betroffen?

Fachleute gehen davon aus, dass circa einer von hundert Menschen in der westlichen Bevölkerung an einer Depersonalisations-Derealisationsstörung erkrankt ist. Männer und Frauen sind etwa gleichermaßen betroffen.

Wie kommt es zu Depersonalisation und Derealisation?

Als vorübergehende psychische Reaktionen sind Depersonalisation oder Derealisation häufige Phänomene, die auch bei gesunden Menschen in Erscheinung treten. So kann eine Depersonalisation für wenige Augenblicke bei

  • starker Erschöpfung,
  • psychischer Belastung,
  • Übermüdung
  • oder in einer Schrecksituation, zum Beispiel nach einem Autounfall

vorkommen. Schätzungen zufolge erlebt jeder zweite Mensch mindestens einmal in seinem Leben Gefühle von Depersonalisation oder Derealisation.

Die Ursachen von Depersonalisation und Derealisation als eigenständiges Krankheitsbild sind noch nicht hinreichend erforscht. Fachleute vermuten aber, dass Entfremdungserlebnisse als eine Art Schutzmechanismus verstanden werden können: Die betroffene Person leistet unbewusst Widerstand, indem sie vor dem vollen Erleben der Realität flüchtet.

Mögliche Risikofaktoren

Studien weisen darauf hin, dass bestimmte Faktoren die Entstehung von Depersonalisation und Derealisation begünstigen. Demnach könnte eine ängstliche Persönlichkeit in Verbindung mit mangelnder emotionaler Unterstützung während der kindlichen Entwicklung die Wahrscheinlichkeit für ein Depersonalisations-Derealisationssyndrom erhöhen. Darüber hinaus gibt es Anzeichen dafür, dass Personen mit Depersonalisations-Derealisationssyndrom im Vergleich zu anderen Menschen mehr Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl haben und häufiger soziale Ängste und Schamängste verspüren.

Als mögliche Auslöser für das Depersonalisations-Derealisationssyndrom gelten insbesondere 

Oft ist jedoch kein Auslöser zu finden. Entfremdungserlebnisse können darüber hinaus ein Begleitsymptom von anderen Erkrankungen sein, so etwa von

Auch kann es passieren, dass sich die ursächliche Störung zurückbildet, die Depersonalisation oder Derealisation jedoch bestehen bleiben.

Welche Symptome sind bei Depersonalisation und Derealisation typisch?

In ihrer Intensität und Dauer können Depersonalisation und Derealisation ganz unterschiedlich ausgeprägt sein. Meist treten die Symptome episodisch auf, in einigen Fällen sind sie aber auch permanent vorhanden.

Anzeichen einer Depersonalisationsstörung

Bei einer Depersonalisation erscheint die eigene Person fremd, unwirklich oder verändert. Die Entfremdungserlebnisse, die bei diesem Phänomen auftreten, können verschieden ausgeprägt sein. Menschen, die eine Depersonalisation erleben, berichten beispielsweise:

"Mein Körper fühlt sich an, als gehöre er nicht zu mir."

  • "Ich fühle mich wie im Traum, als sei ich nicht richtig da, oder als würde ich unter einer Glasglocke leben."
  • "Ich komme mir vor, als wäre ich ein Roboter, oder als bewege ich mich wie ein Automat."
  • "Mein Spiegelbild wirkt fremd auf mich."
  • "Meine eigenen Handlungen erscheinen mir mechanisch und fremd."
  • "Ich fühle mich wie ein Schauspieler, der in einem Film mitspielt."
  • "Ich fühle mich, als sei ich gar nicht da."

Viele Betroffene berichten auch von einer Leere im Kopf.

Anzeichen einer Derealisationsstörung

Bei einer Derealisation erscheinen Dinge, andere Menschen oder die Umwelt allgemein fremd, unwirklich oder verändert. Personen mit Derealisation berichten zum Beispiel:

  • "Die Umgebung erscheint wie eine Bühne, auf der die anderen Menschen spielen."
  • "Objekte erscheinen fremd, verzerrt oder farblos."
  • "Ich sehe die Umgebung wie durch einen Nebelschleier."
  • "Zwischen mir und der Umwelt befindet sich eine Glaswand."

Nicht selten geht ein Derealisationserleben mit der Empfindung einher, dass das Gesehene verzerrt ist. Objekte erscheinen dann

  • verschwommen oder schärfer,
  • zweidimensional oder stärker dreidimensional als gewohnt oder
  • größer oder kleiner als vorher.

Zudem können Geräusche oder Stimmen lauter oder leiser wahrgenommen werden.

Begleitende Symptome

Das Depersonalisations-Derealisationssyndrom kann von weiteren Symptomen begleitet sein. Manche betroffenen Personen berichten etwa von körperlichen Beschwerden – beispielsweise Benommenheit, Kribbeln oder Kopfdruck. Das Zeitgefühl kann verändert sein, außerdem haben Betroffene oft Probleme, sich Erinnerungen lebhaft vorzustellen und diese persönlich wahrzunehmen. Auch können einige Erkrankte keine oder kaum Emotionen empfinden. Durch die Entfremdungserlebnisse grübeln sie viel darüber nach, ob sie oder die Welt um sie herum tatsächlich existieren.

Die Erkrankten verhalten sich in sozialen Situationen meist eher zurückhaltend und ängstlich. Viele ziehen sich immer mehr aus ihrem sozialen Umfeld zurück, da sie sich für ihre Erkrankung schämen und befürchten, die Kontrolle zu verlieren. Der Leidensdruck ist mitunter so hoch, dass sich Suizidgedanken entwickeln.

Wie wird die Depersonalisations-Derealisationsstörung diagnostiziert?

Fachleute gehen davon aus, dass zahlreiche Krankheitsfälle bislang nicht diagnostiziert wurden. So scheuen sich viele Betroffene möglicherweise, ärztlichen Rat einzuholen und jemandem von den Symptomen zu berichten. Und selbst dann vergeht bis zur richtigen Diagnose oft viel Zeit, denn das Depersonalisations-Derealisationssyndrom ist bislang nur wenig erforscht – und selbst einigen Mediziner*innen unbekannt.

Viele Menschen, die immer wieder oder permanent Depersonalisation oder Derealisation wahrnehmen, glauben mitunter, dass eine körperliche Erkrankung hinter den Beschwerden steckt. Da ihnen alles zweidimensional „wie im Film“ erscheint, denken sie etwa, mit ihrer Sehfähigkeit sei etwas nicht in Ordnung, sodass sie eine augenärztliche Praxis aufsuchen. Andere befürchten, einen Hirntumor oder einen Hirnschaden zu haben – oder an einer Psychose erkrankt zu sein und "verrückt" zu werden.

Lautet die Diagnose Depersonalisations-Derealisationssyndrom, kann das für Betroffene eine große Erleichterung darstellen. Häufig beruhigt schon das Wissen, dass es noch andere Personen gibt, die unter dem Phänomen leiden und dass die Angst, "verrückt" zu werden, unbegründet ist.

Um herauszufinden, ob es sich tatsächlich um ein Depersonalisations-Derealisationssyndrom handelt, können für Psychiater*innen oder Psycholog*innen strukturierte Interviews und Fragebögen hilfreich sein. Darüber hinaus muss eine körperliche Ursache der Symptome ausgeschlossen werden.

Die beiden Phänomene müssen nicht zwangsläufig gemeinsam auftreten, um die Diagnose Depersonalisations-Derealisationsstörung zu stellen. Vielmehr gibt es auch Personen, die zwar Depersonalisation, nicht aber Derealisation erleben und umgekehrt.

Wichtig für die Diagnose: Menschen mit Depersonalisations-Derealisationsstörung leiden nicht unter Realitätsverlust. Sie sind sich darüber im Klaren, dass ihre Wahrnehmung verändert ist – und nicht die Realität.

Behandlung von Depersonalisation und Derealisation

Depersonalisation und Derealisation sind zwar keine neuen Phänomene. Dennoch steckt die Forschung dazu noch in den Kinderschuhen. Entsprechend bedarf es weiterer klinischer Studien, um effektive Therapieansätze zu entwickeln.

Psychotherapeutische Ansätze

Bislang hat sich zur Behandlung eines Depersonalisations-Derealisationssyndrom vor allem die Psychotherapie als effektiv erwiesen. Welches psychotherapeutische Verfahren bei Depersonalisation und Derealisation besonders wirksam ist, wird allerdings noch erforscht.

Zu Beginn der Psychotherapie versuchen Patient*in und Therapeut*in, die Auslöser für die Depersonalisation/Derealisation zu finden und die Faktoren aufzudecken, die die Störung aufrechterhalten. In der Behandlung geht es insbesondere darum, die Selbstwahrnehmung bei Betroffenen zu verbessern. So lernen sie unter anderem, Veränderungen in der Intensität des Entfremdungserlebens bewusst wahrzunehmen.

Hilfreich kann hierbei ein Tagebuch sein, in dem Patient*innen Symptome und deren Intensität festhalten. So können sie bewusster erleben, dass es Schwankungen geben kann – was wiederum bedeutet, dass das Symptom veränderbar ist. Die erkrankten Personen lernen wahrzunehmen, wann die Unwirklichkeitsgefühle besonders schlimm und wann weniger schlimm sind und welche Faktoren die Beschwerden beeinflussen, so zum Beispiel Schlafmangel. Darüber hinaus kann die Selbstwahrnehmung durch gezielte Achtsamkeitsübungen gefördert werden.

Medikamentöse Behandlung

Zusätzlich zur Psychotherapie werden auch Medikamente eingesetzt. Allerdings gibt es kein Medikament, das speziell zur Therapie von Depersonalisation und Derealisation als eigenständiges Krankheitsbild zugelassen ist. Daher müssen behandelnde Ärzt*innen entsprechend vorsichtig sein, wenn sie ein Medikament verschreiben und dies ausführlich mit Patient*innen besprechen. Mögliche Wirkstoffe sind zum Beispiel Naltrexon oder Lamotrigin. Es bedarf jedoch weiterer Studien, um herauszufinden, in welchem Umfang diese Medikamente wirklich helfen können.

Depersonalisation und Derealisation: Verlauf und Prognose

Das Entfremdungserleben kann plötzlich oder schleichend einsetzen. Es kann phasenweise auftreten oder aber ununterbrochen vorhanden sein. Wie lange die Phänomene anhalten, variiert stark – von wenigen Stunden oder Tagen bis hin zu Jahren. In manchen Fällen bleibt die Symptomatik über Jahrzehnte hinweg bestehen.

  • Ein Drittel der Betroffenen leidet an einzelnen Episoden von Depersonalisation und/oder Derealisation, die immer wiederkehren.
  • Ein weiteres Drittel erlebt Depersonalisation und/oder Derealisation von Beginn an ohne Unterbrechung.
  • Beim letzten Drittel gehen einzelne Episoden mit der Zeit in einen permanenten Zustand der Entfremdung über.

Faktoren wie Stress, Schlafmangel oder erhöhte Ängstlichkeit können das Beschwerdebild vorübergehend verschlimmern. Wichtigste Voraussetzung, um den Beschwerden entgegenzuwirken, ist eine korrekte Diagnose der Störung und eine daran anschließende Therapie.

Leben mit Depersonalisations-Derealisationssyndrom

Depersonalisation und Derealisation können sehr beängstigend sein und dem Leben in einem Albtraum gleichkommen. Viele Menschen mit dauerhaften Entfremdungsgefühle sind davon überzeugt, verrückt zu werden. Sie befürchten, die Kontrolle über ihren Verstand und ihr Verhalten zu verlieren.

Wie sich Personen fühlen müssen, die permanent Entfremdungs- und Unwirklichkeitserlebnisse haben, können Außenstehende meist kaum nachvollziehen. Zudem sieht man es einem Menschen mit Depersonalisations-­Derealisationssyndrom nicht an, dass sie sich selbst und/oder die Umwelt als fremdartig empfinden – und möglicherweise unter einem hohen Leidensdruck stehen.

Aus Angst, bei anderen Menschen auf Unverständnis zu stoßen oder für verrückt gehalten zu werden, verschweigen viele Betroffene ihre Beschwerden und ziehen sich sozial zurück, was den enormen Leidensdruck noch verstärkt.

Die Symptome sind für die meisten Personen, die ausgeprägte Depersonalisation oder Derealisation erleben, erheblich belastend und sehr quälend. Sie haben das Gefühl, das "eigentliche Leben" zu verpassen.

Umso wichtiger sind eine zügige Diagnosestellung sowie eine Therapie. Betroffene sollten sich also nicht scheuen, ärztlichen Rat einzuholen. Sie können mithilfe einer Psychotherapie positiven Einfluss auf die Entfremdungserlebnisse nehmen. Fachleute arbeiten zudem kontinuierlich daran, das Krankheitsbild bekannter zu machen und die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern.