Nitrolingual

Von: Andrea Lubliner (Pharmazeutin und Fachtexterin für medizinische Fachtexte)
Letzte Aktualisierung: 05.02.2019
Hersteller: Pohl-Boskamp
Wirkstoff: Glyceroltrinitrat
Rezeptpflichtig

Hinweis

Der Artikel wurde vom Anbieter vom Markt genommen. Sollte dies aus wirtschaftlichen Gründen geschehen sein, ist das Präparat meist noch eine Weile aus Restbeständen erhältlich.

Wirkung

Nitrolingual enthält den Wirkstoff Glyceroltrinitrat. Zu beachten ist außerdem die besondere Wirkung von Nitrolingual.

Glyceroltrinitrat ist der wichtigste Wirkstoff aus der Gruppe der gefäßerweiternden Mittel auf Nitro-Basis. Bei der Behandlung der akuten Herzenge (Angina pectoris) kann es intravenös (Spritze), als Spray oder in Tablettenform eingesetzt werden. Die dabei eingesetzten Sublingual-Tabletten werden unter die Zunge gelegt.

Zur Vorbeugung (Prophylaxe) oder zur Dauerbehandlung einer Herzenge wird der Wirkstoff in Kapseln und Sublingual-Tabletten oder über die Haut (perkutan) durch Pflaster verabreicht.

Bei akutem Herzinfarkt (Myokardinfarkt) sowie akuter Herzmuskelschwäche (Linksherzinsuffizienz), Herzversagen bei Wasseransammlung in den Lungen (Lungenödem) oder Bluthochdruckkrise wird Glyceroltrinitrat zur Entlastung des Herzens gespitzt.

Außerdem kann Glyceroltrinitrat auch bei Lungenhochdruck (pulmonale Hypertonie) sowie zur kontrollierten Blutdrucksenkung eingesetzt werden.

Zu folgenden Anwendungsgebieten von Glyceroltrinitrat sind vertiefende Informationen verfügbar:

Lesen Sie dazu auch die Informationen zu den Wirkstoffgruppen gefäßerweiternde Mittel auf Nitro-Basis, durchblutungsfördernde Mittel, zu welcher der Wirkstoff Glyceroltrinitrat gehört.

Anwendungsgebiete laut Herstellerangaben

  • akuter Angina-Pectoris-Anfall
  • Vorbeugung der Angina Pectoris
  • akuter Herzinfarkt
  • akute Muskelschwäche der linken Herzkammer
  • Krämpfe der Herzkranzgefäße, die durch einen Katheter ausgelöst wurden
  • Gallenkolik

Dosierung

Zu Beginn eines Anfalls von Brustenge (Angina Pectoris) oder vor einer Belastung, die einen solchen Anfall auslösen kann, werden eine bis mehrere Zerbeißkapseln eingenommen. Von Nitrolingual forte darf wegen der starken Dosierung nicht mehr als eine Zerbeißkapsel genommen werden.

Dasselbe gilt im Falle einer akuten Herzmuskelschwäche (Linksherzinsuffizienz) oder eines akuten Herzinfarkts, allerdings sollte die Behandlung unter ärztlicher Aufsicht und unter Kontrolle der Kreislaufverhältnisse stattfinden. Gegebenenfalls kann nach zehn Minuten eine Gabe der gleichen Dosis wiederholt werden.

Die Patienten sollen die Kapseln zerbeißen und den Kapselinhalt möglichst lange im Mundraum behalten. Die Kapselhülle kann geschluckt oder ausgespuckt werden.

Die Dauer der Behandlung wird vom behandelnden Arzt bestimmt.

Sonstige Bestandteile

Folgende arzneilich nicht wirksame Bestandteile sind in dem Medikament enthalten:

  • dickflüssiges Paraffin
  • Ether zur Narkose
  • Farbstoff Ponceau 4R (E 124)
  • Gelatine
  • Glycerol 85%ig

Nebenwirkungen

Sehr häufige Nebenwirkungen:
Kopfschmerzen ("Nitratkopfschmerz", besonders zu Behandlungsbeginn).

Häufige Nebenwirkungen:
Erstanwendung/Dosiserhöhung: Störungen der Kreislaufregulations wie Blutdruckabfall, Pulsanstieg, Schwindel, Schwächegefühl.

Gelegentliche Nebenwirkungen:
Übelkeit, Erbrechen, flüchtige Hautrötungen (Flush), allergische Hautreaktionen, starker Blutdruckabfall mit Verstärkung der Symptomatik der Brustenge, Kollaps, Ohnmacht, Herzrhythmusstörungen.

Sehr seltene oder vereinzelte Nebenwirkungen:
Hautentzündung mit Bläschenbildung und Hautablösung.

In Einzelfällen ist es zu einer Schälrötelsucht (exfoliative Dermatitis) gekommen. Das ist eine schwere Hautreaktion, bei der es zu einer großflächigen Hautschuppung kommen kann. Manchmal geht diese Reaktion mit dem Verlust von Haaren und Nägeln einher.

Besonderheiten:
Gerade im Falle einer Erstbehandlung oder nach einer Dosiserhöhung kann es bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit, die noch keine Brustenge haben, zu Symptomen der Brustenge kommen. Dies ist erstaunlich, da Glyceroltrinitrat zur Behandlung der Brustenge zugelassen ist. Der manchmal auftretende, paradoxe Effekt hängt mit einer Umverteilung des Bluts innerhalb der Körpers zusammen.

Der Körper gewöhnt sich an die Wirkung des Glyceroltrinitrats. Deshalb kann es sein, dass die Wirkung im Verlauf der Behandlung abnimmt (Toleranzentwicklung). Dies muss bei der Einnahme berücksichtigt werden.

Wechselwirkungen

Der Wirkstoff reagiert ungünstig mit allen Medikamenten, die ebenfalls eine blutdrucksenkende Wirkung besitzen. Dazu zählen Vasodilatatoren, Calciumkanalblocker, Betablocker, ACE-Hemmer und entwässernde Mittel (Diuretika). Bei gleichzeitiger Gabe kann es zu ungewollt starkem Blutdruckabfall kommen.

Aber auch andere Substanzen wie Alkohol, Phosphodiesterasehemmer (z.B. Sildenafil zur Behandlung von Erektionsstörungen) oder Arzneimittel, die auf die Psyche wirken, wie Neuroleptika und tri- und tetrazyklische Antidepressiva, verstärken die blutdrucksenkende Wirkung.

Dagegen wird die blutdrucksteigernde Wirkung von Dihydroergotamin aus der Gruppe der Mutterkornalkaloide verstärkt.

Die eigentlich gewünschte Wirkung des Wirkstoffes Heparin kann durch die gleichzeitige Gabe von Glyceroltrinitrat abgeschwächt werden.

Patienten, die bereits mit anderen gefäßerweiternden Mitteln auf Nitro-Basis (z.B. Isosorbidmononitrat, Isosorbiddinitrat) behandelt worden sind, brauchen eventuell eine höhere Dosierung von Glyceroltrinitrat, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Gegenanzeigen

  • Glyceroltrinitrat darf nicht angewendet werden, wenn eine Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder andere Nitratverbindungen besteht.
  • Bei akutem Kreislaufversagen wie Schock oder Kreislaufkollaps ist eine Anwendung des Wirkstoffes untersagt. Auch ein Herzversagen aufgrund eines herzbedingten Schocks oder ein sehr niedriger Blutdruck lassen die Verwendung von Glyceroltrinitrat nicht zu.
  • Wird der Patient mit Phosphodiesterasehemmern (z.B. Sildenafil) beispielsweise gegen Erektionsstörungen (erektile Dysfunktion) behandelt, darf Glyceroltrinitrat ebenfalls nicht eingesetzt werden, vor allem dann nicht, wenn der Patient bereits über eine Herzenge klagt.
  • Das Arzneimittel sollte nur eingeschränkt und unter strenger ärztlicher Kontrolle zum Einsatz kommen, wenn das Herz in seiner Leistung stark beeinträchtigt ist. Hierzu zählen Entzündungen der Herzmuskeln, ein akuter Infarkt oder eine schwere Herzschwäche bei gleichzeitig niedrigem Füllungsdruck im Herzen, eine Verstopfung der Blutwege, eine Enge der Herzklappen (Aorten- oder Mitralstenose) oder allgemein Kreislaufregulationsschwierigkeiten.
  • Bei Patienten, die aufgrund einer Verletzung oder einer Krankheit einen erhöhten Schädelinnendruck (beispielsweise nach einer Gehirnerschütterung) aufweisen, ist der Einsatz von Glyceroltrinitrat ebenfalls nur unter Einschränkungen möglich.
  • Der Wirkstoff darf zudem bei einem bestehenden toxischen Lungenödem (Wassereinlagerung in den Lungen aufgrund einer Vergiftung) oder Erkrankungen mit einem gesteigerten Schädelinnendruck nicht per Infusion oder Injektion verabreicht werden. Dasselbe gilt für Patienten mit schweren Leber- und Nierenfunktionsstörungen.

Was müssen Sie bei Schwangerschaft und Stillzeit beachten?

Beim Menschen liegen noch keine ausreichenden Erfahrungen für den Einsatz des Wirkstoffs in der Schwangerschaft oder der Stillzeit vor. Deswegen sollte Glyceroltrinitrat aus Gründen besonderer Vorsicht in der Schwangerschaft und der Stillzeit nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung unter ärztlicher Überwachung angewendet werden.


Was ist bei Kindern zu berücksichtigen?

Glyceroltrinitrat ist nur für die Anwendung bei Erwachsenen vorgesehen.

Warnhinweise

  • Die Reaktionsfähigkeit kann eingeschränkt werden!
  • Die Fähigkeit zur Teilnahme am Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen kann beeinträchtigt werden.
  • Alkohol verstärkt die Wirkung des Arzneimittels.
  • Das Arzneimittel soll nicht zusammen mit Sildenafil, Vardenafil und Tadalafil (Mittel zur Potenzsteigerung) eingenommen werden.
  • Bei gleichzeitiger Gabe des Arzneimittels mit Heparin sind regelmäßige Kontrollen der Blutgerinnungsparameter nötig.

Arzneimittel können allergische Reaktionen auslösen. Anzeichen hierfür können sein: Hautrötung, Schnupfen, Juckreiz, Schleimhautschwellung, Jucken und Rötung der Augen, Verengung der Atemwege (Asthma). In seltenen Fällen kann es zum allergischen Schock mit Bewusstlosigkeit kommen.

Sollten Sie Anzeichen einer allergischen Reaktion wahrnehmen, so informieren Sie umgehend einen Arzt.


Vergleichbare Medikamente

Folgende Tabelle gibt einen Überblick über Nitrolingual sowie weitere Medikamente mit dem Wirkstoff Glyceroltrinitrat (ggf. auch Generika).

Medikament
Darreichungsform
Dosieraerosol
Zerbeißkapseln
Zerbeißkapseln
Zerbeißkapseln

Disclaimer:
Bitte beachten: Die Angaben zu Wirkung, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen sowie zu Gegenanzeigen und Warnhinweisen beziehen sich allgemein auf den Wirkstoff des Medikaments und können daher von den Herstellerangaben zu Ihrem Medikament abweichen. Bitte fragen Sie im Zweifel Ihren Arzt*Ärztin oder Apotheker*in oder ziehen Sie den Beipackzettel Ihres Medikaments zurate.