Das Bild zeigt ein Baby, das auf einem Bett liegt.
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Muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis)

Ein muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis) ist eine bei Neugeborenen und Säuglingen auftretende Kopffehlstellung. Bei dieser Fehlhaltung ist der sogenannte Kopfnickermuskel verkürzt – als Folge kippt der Kopf zur betroffenen Seite und ist außerdem zur gesunden Seite gedreht. Durch die Schiefstellung ist außerdem die Beweglichkeit der Halswirbelsäule vermindert.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Muskulärer Schiefhals: Wenn der Halsmuskel verkürzt ist

In den meisten Fällen liegt eine Verkürzung der rechten Halsmuskulatur vor. Insgesamt ist der muskuläre Schiefhals aber eher selten. Etwa eines von 200 Neugeborenen kommt mit einem Schiefhals zur Welt – oft zusammen mit einem Klumpfuß und einer Hüftdysplasie.

Weshalb ein muskulärer Schiefhals genau auftritt, ist allerdings noch nicht geklärt. Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren ein Rolle – zum Beispiel eine ungünstige Lage des Ungeborenen in der Gebärmutter (Steißlage) sowie möglicherweise genetische Einflüsse.

Schiefhals ist nicht gleich Schiefhals

Es gibt eine Reihe von Krankheiten, die mit einer Schiefhaltung des Kopfes einhergehen. Der Begriff Schiefhals – oder fachsprachlich "Torticollis" – beschreibt also zunächst einmal nur das Erscheinungsbild, das diese Krankheiten gemeinsam haben. Je nach Ursache unterscheidet man verschiedene Formen – zum Beispiel den

  • spastischen Schiefhals,
  • rheumatischen Schiefhals,
  • okkulären Schiefhals
  • oder den muskulären Schiefhals.

Ein Arzt erkennt einen muskulären Schiefhals im Allgemeinen an der charakteristischen Kopffehlstellung des Kindes. Bei Neugeborenen mit muskulärem Schiefhals lässt sich häufig ab der zweiten Lebenswoche außerdem eine weiche Schwellung im unteren Drittel des Halsmuskels feststellen. Diese Schwellung vergrößert sich über die nächsten Wochen und löst sich im Verlauf von etwa sechs Monaten langsam wieder auf.

Um den muskulären Schiefhals von anderen Formen zu unterscheiden, führt der Arzt verschiedene Untersuchungen durch. So schließt er ähnlich erscheinende Erkrankungen, wie Fehlbildungen der Halswirbelsäule oder auch Schwerhörigkeit auf einem Ohr als Ursachen der Schiefstellung aus.

Generell gilt bei einem muskulären Schiefhals: Eine Behandlung ist unbedingt nötig, da es sonst bei einer Fehlstellung bleibt!

In den meisten Fällen lässt sich ein muskulärer Schiefhals durch

behandeln.

In seltenen Fällen kann eine Operation notwendig sein. Hierbei trennt der Chirurg zum Beispiel Muskelgewebe durch oder unterbindet die Nervenversorgung des Muskels. Nach dem Eingriff ist es notwendig, dass der Kopf des Kindes für drei bis vier Wochen ruhiggestellt ist.

Die rechtzeitige Behandlung korrigiert die Kopffehlstellung und beugt ihren Folgeschäden vor. Bleibt die Fehlhaltung unbehandelt, kann ein muskulärer Schiefhals zu dauerhaften Fehlbildungen von Wirbelsäule und Gesichtsschädel führen.

Definition & Häufigkeit eines muskulären Schiefhalses

Mediziner bezeichnen mit dem Begriff muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis) eine teils angeborene, teils erworbene, fixierte Schiefstellung des Kopfs, die bei Neugeborenen oder jungen Säuglingen auftritt und ohne Behandlung weiter bestehen bleibt. Dabei ist der Kopf zur erkrankten Seite geneigt sowie zur gesunden Seite gedreht (rotiert). Der seitlich vorne am Hals liegende "Kopfnickermuskel" (Musculus sternocleidomastoideus) ist hierbei verkürzt.

Häufigkeit

Obwohl genetische Ursachen für einen muskulären Schiefhals vermutet werden, lässt sich eine familiäre Häufung nicht sicher nachweisen. Eine Verkürzung der rechten Halsmuskulatur ist dreimal häufiger Ursache der Schiefstellung als die der linken. Der muskuläre Schiefhals tritt eher selten auf – etwa 0,5 Prozent der Neugeborenen und Säuglinge sind betroffen.

Ursachen des muskulären Schiefhalses

Ein muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis) entsteht durch bisher nicht eindeutig geklärte Ursachen. Der Schiefhals tritt auf, weil ein bindegewebiger Umbau (Fibrose) innerhalb des sogenannten Kopfnickermuskels den Muskel verkürzt – weshalb es zu dieser Muskelveränderung kommt, ist jedoch unklar. In der betroffenen Muskulatur vermehren sich Bindegewebszellen und ersetzen funktionsfähige Muskelzellen. Diese narbige Veränderung bilden sich nicht von allein zurück.

Eine gestörte Blutversorgung aufgrund von Muskeleinblutungen kann eine solche Veränderung hervorrufen: Blutungen in den Muskel erhöhen den Druck im Gewebe, was wiederum die Blutgefäße abdrückt und die Blutversorgung einschränkt (Kompartmentsyndrom). Tritt ein diesem Zusammenhang ein muskulärer Schiefhals auf, könnten also Blutungen und muskuläre Verletzungen die Ursachen sein.

Nimmt das Ungeborene in der Gebärmutter (intrauterin) eine ungünstige Lage ein, ist ein sogenanntes "Kopfnickerhämatom" möglich, welche zum muskulären Schiefhals führen kann. Außerdem tritt ein Torticollis muscularis häufig mit anderen Fehlbildungen wie Klumpfüßen oder Hüftdysplasien gemeinsam auf. Unklar ist, inwieweit ein muskulärer Schiefhals vererbbar ist.

Typische Symptome bei Schiefhals

Ein muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis) fällt durch die typische Fehlstellung des Kopfs auf. Hierbei zieht ein verkürzter Halsmuskel (Musculus sternocleidomastoideus) den Kopf zur Schulter der betroffen Körperhälfte hin und dreht das Kinn auf die gegenüberliegende Seite (Rotationsstellung). Dadurch ist die Beweglichkeit des Kopfs eingeschränkt. Der Muskel ist im Vergleich zur Gegenseite messbar verkürzt.

Durch die Schiefstellung ist außerdem die Beweglichkeit der Halswirbelsäule vermindert.

Bei vielen Neugeborenen mit einem muskulären Schiefhals lässt sich außerdem ab der zweiten Lebenswoche eine weiche Schwellung im unteren Drittel des Halsmuskels feststellen. Diese Schwellung vergrößert sich über die nächsten Wochen und löst sich im Verlauf von etwa sechs Monaten langsam wieder auf.

Häufig tritt ein muskulärer Schiefhals zusammen mit einer Fehlbildung (Dysplasie) der Hüfte oder Klumpfüßen auf.

Diagnose

Ein muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis) ist an der charakteristischen Kopffehlstellung gut zu erkennen. Die Diagnose stellt der Arzt mithilfe des Untersuchungsbefunds.

Der Arzt schließt ähnlich erscheinende Erkrankungen, wie Fehlbildungen der Halswirbelsäule oder auch Schwerhörigkeit auf einem Ohr, als Ursachen der Schiefstellung aus. Außerdem ordnet er Röntgenaufnahmen der Halswirbelsäule an. Damit kann er knöcherne Ursachen (z.B. das Klippel-Feil-Syndrom, knöcherne Fehlbildung der Halswirbelsäule) ausschließen. Wichtig ist auch das Ergebnis des in den ersten Lebenstagen durchgeführten Hörtests.

Konservative und operative Therapie bei muskulärem Schiefhals

Ein muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis) muss behandelt werden – am besten so früh wie möglich. Hierbei steht die konservative Therapie mit bestimmten Lagerungstechniken, Krankengymnastik und Dehnungsübungen im Vordergrund. Spricht die konservative Behandlung nicht an oder wurde die Therapie zu spät begonnen, kann ein chirurgischer Eingriff notwendig werden.

Konservative Therapie

Für die konservative (nicht-operative) Therapie der Torticollis muscularis ist kein Klinikaufenthalt nötig:

  • Der Säugling wird gegensinnig gelagert. Das heißt, man versucht die Aufmerksamkeit des Kindes von der Seite der Fehlhaltung durch uninteressante Reize (z.B. weiße Wand) abzulenken und in der entgegengesetzten Richtung interessante, akustische oder visuelle Signale zu bieten. Dadurch muss sich das Kind aktiv in Richtung der betroffenen Seite drehen.
  • Säuglinge mit einem muskulären Schiefhals sollten möglichst auf dem Rücken oder auf der Seite und nicht auf dem Bauch liegen.
  • Krankengymnastik: Die Eltern drücken den Kopf des Säuglings vorsichtig und langsam in Richtung Schulter der gesunden Seite herüber und drehen den Kopf auf die betroffene Seite. Dadurch dehnen sie den beteiligten Muskel. Diese Übung müssen die Eltern mehrmals täglich sehr vorsichtig und nach Anleitung eines Physiotherapeuten wiederholen, wobei auf ausreichend lange Dehnungsstellung (zehn Sekunden) der jeweils erreichten Position zu achten ist.

Mithilfe der konservativen Therapie des muskulären Schiefhalses lässt sich in den meisten Fällen ein gutes Resultat erzielen, sodass nur wenige der früh behandelten Kinder operiert werden müssen. Es gilt: Je später ein muskulärer Schiefhals diagnostiziert wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Kind operiert werden muss.

Operative Therapie

Kommt es zu keiner deutlichen Verbesserung des muskulären Schiefhalses, kann im Alter von einem halben bis spätestens zum sechsten Lebensjahr eine Operation hilfreich sein. Prinzip der Operation ist, den Ansatz des Halsmuskels zu durchtrennen (sog. biterminale Tenotomie des Musculus sternocleidomastoideus) und damit die Kopffehlstellung zu korrigieren.

Der Chirurg durchtrennt hierbei den Halsmuskel komplett am Brustbeinansatz. Nach der Operation ist es wichtig, den Hals mithilfe einer Halskrawatte oder eines Gipsverbands zu fixieren und den Kopf des Kindes für drei bis vier Wochen ruhig zu stellen.

Schiefhals: Komplikationen, Prognose, Vorbeugen

Komplikationen

Bleibt ein muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis) unbehandelt oder setzt eine Therapie zu spät ein, können Komplikationen auftreten. Hier ist unter Umständen eine funktionelle Einschränkung der Halswirbelsäule möglich. Durch die ungleichmäßige Belastung des Halses kann es nicht nur zu frühzeitiger schwerer Gelenkarthrose der Halswirbel, sondern auch zu anhaltenden Schmerzen kommen. Außerdem entwickelt sich im weiteren Verlauf eine knöcherne Fehlstellung der Hals- und Brustwirbelsäule (Skoliose).

Unbehandelt können der Gesichtsschädel auf der betroffenen Seite und der Hinterkopf auf der gegenüberliegenden Seite abflachen, da die Druckauflageflächen verschoben sind. Die Gesichtsasymmetrie verstärkt sich im Wachstum durch die Größenzunahme des Skeletts. Das Gesicht der betroffenen Seite ist relativ verkürzt, die Augen und Ohren stehen auf unterschiedlicher Höhe. Bestehende Gesichtsasymmetrien lassen sich im späteren Stadium eines Schiefhalses nicht immer korrigieren.

Prognose

Ein muskulärer Schiefhals (Torticollis muscularis) hat eine gute Prognose, wenn mit einer konservativen Therapie des Schiefhalses früh genug begonnen und diese konsequent durchgeführt wird. Bei etwa 90 Prozent der betroffenen Kinder gelingt es, den muskulären Schiefhals mit Krankengymnastik Physiotherapie (Krankengymnastik)und ohne Operation zu korrigieren.

Auch bei einer rechtzeitigen Operation hat ein muskulärer Schiefhals in der Regel eine sehr gute Prognose. In den meisten Fällen lässt sich der muskuläre Schiefhals so dauerhaft ohne Bewegungseinschränkung korrigieren. Anschließend sind regelmäßige Folgeuntersuchungen wichtig, um ein Wiederauftreten möglichst frühzeitig zu erkennen. Ohne rechtzeitige Behandlung lassen sich die Fehlbildungen oft nicht mehr vollständig ausgleichen.

Vorbeugen

Es gibt keine aktive Maßnahme, mit der Sie einem muskulären Schiefhals (Torticollis muscularis) vorbeugen können. Verletzungen während der Geburt und eine ungünstige Lage in der Gebärmutter lassen sich zwar nicht immer vermeiden, jedoch teilweise beeinflussen. Der Arzt kann versuchen eine Fehllage zu korrigieren und somit möglicherweise einem muskulären Schiefhals durch die Zwangslage vorbeugen.

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

  • Bundesverband Torticollis e.V.
    Eckernkamp 39
    59077 Hamm
    (02389) 53 69 88
    (02389) 53 62 89
    [email protected]