Kreidestücke, vor einer Tafel aufgereiht
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Rau, zerfurcht, gelb verfärbt: Was Sie über "Kreidezähne" wissen sollten

Zahnärzte sind besorgt: Immer mehr Kinder haben offenbar Probleme mit dem Zahnschmelz. Dieser ist nicht ausreichend mineralisiert und daher brüchig und rau – wie Kreide. Wie entstehen Kreidezähne? Welche Folgen hat die Krankheit? Und warum gab es sie früher nicht? Ein Zahnarzt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Rau, zerfurcht, gelb verfärbt: Was Sie über "Kreidezähne" wissen sollten

Unser Gesprächspartner Professor Stefan Zimmer ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin und hat an der Universität Witten/Herdecke den Lehrstuhl für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin inne.

Onmeda.de: Herr Professor Zimmer, eine neue Krankheit macht Ihnen und vielen anderen Zahnärzten Sorge: Kreidezähne. Was genau hat es damit auf sich?

Prof. Stefan Zimmer: Kreidezähne ist der umgangssprachliche Begriff für eine Krankheit, die Zahnärzte als "Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH)" bezeichnen. Das heißt so viel wie schlecht mineralisierte Backen- und Schneidezähne. Von Kreidezähnen spricht man, weil die Oberfläche der betroffenen Zähne tatsächlich Kreide ähnelt: Anders als gesunde Zähne sind Kreidezähne nicht glatt und glänzend, sondern matt, rau und zerfurcht. Manchmal sind auch gelbe bis bräunliche Flecken zu sehen.

Ist das nur ein kosmetisches Problem oder haben die Kinder Beschwerden?

Zimmer: Die Zähne sind besonders schmerzempfindlich. Vielen betroffenen Kindern bereitet das Zähneputzen, Essen und Trinken Schmerzen. Außerdem sind Kreidezähne weicher und dadurch anfälliger für Karies. Doch auch ohne Kariesbefall können sich darin Löcher bilden – allein, weil der Schmelz so brüchig ist.

Früher kam die Krankheit so gut wie nie vor, heute sieht man sie immer häufiger.

Prof. Stefan Zimmer

Ist die Krankheit tatsächlich neu oder wird das Problem jetzt erst bekannt?

Zimmer: Beides. Ich praktiziere bereits seit 30 Jahren als Zahnarzt. Bis Mitte der 1990er sind mir Kreidezähne noch nie untergekommen. Ähnliches habe ich auch von Kollegen gehört. Früher kam die Krankheit so gut wie nie vor, heute sieht man sie immer häufiger. Ob die Krankheit tatsächlich auf dem Vormarsch ist, die Zahl der Erkrankten also gestiegen ist und steigt, lässt sich aber nicht sicher sagen. Möglicherweise wurde sie früher teilweise auch durch Karies überlagert. Heute, wo wir bei Kindern im bleibenden Gebiss kaum noch Karies sehen, sind die Schäden durch MIH möglicherweise einfach nur sichtbarer. Die erste repräsentative Studie zur Verbreitung in der Bevölkerung ist erst 2016 erschienen.

Kreidezähne: Woran man sie erkennt

  • anfangs Flecken auf der Oberfläche der Zähne (weißlich-gelbliche bis bräunliche Verfärbungen)
  • Furchen auf der Zahnoberfläche
  • Hitze- und Berührungsempflindlichkeit der Zähne
  • im Endstadium poröse Zähne, die leicht brechen

Wie viele Kinder sind denn laut dieser Studie aktuell betroffen?

Zimmer: Als Referenz werden üblicherweise Zwölfjährige untersucht. Laut der Studie weisen 29 Prozent der Zwölfjährigen mindestens einen Zahn mit Kreidezähnen auf. Fünf Porzent haben so schlecht entwickelten Zahnschmelz, dass sich bereits Löcher gebildet haben.

Weiß man schon, wie es zu dieser Fehlentwicklung kommt?

Zimmer: Die Ursachen sind noch nicht geklärt. Man weiß aber, dass die Entwicklung der ersten bleibenden Backenzähne sowie der bleibenden Schneidezähne bereits im Mutterleib beginnt und etwa im vierten Lebensjahr abgeschlossen ist. Das heißt: Die Erkrankung muss bereits im Baby- oder Kleinkindalter beginnen. Die betroffenen Kinder müssen in dieser Zeit irgendeinem äußeren Einfluss ausgesetzt gewesen sein, der die Mineralisierung ihrer Zähne gestört hat.

Was für ein Einfluss könnte das sein?

Zimmer: Dazu gibt es verschiedene Vermutungen. Manche Kollegen glauben, dass Infektionen, Atemwegserkrankungen oder Antibiotika zu Kreidezähnen führen könnten. Auch Windpocken werden als mögliche Ursache diskutiert. Aber all das gab es ja schon lange, bevor die Kreidezähne zum Problem wurden.

Deshalb habe ich eher den Verdacht, dass der Auslöser etwas ist, das es früher noch nicht oder noch nicht in dem Ausmaß gab wie heute. Vielleicht Umweltgifte oder schädliche Substanzen wie der Weichmacher Bisphenol A. BPA ist zum Beispiel in Getränkeflaschen aus Plastik enthalten. Bis 2011 wurde der Weichmacher auch in Babyflaschen und Schnullern verwendet. Die meisten Kinder haben also im Säuglings- und Kleinkindalter gewisse Mengen BPA zu sich genommen.

Wie genau könnte BPA die Entwicklung der Zähne beeinflussen?

Zimmer: Wenn ein neuer Zahn heranwächst, besteht er zunächst nur aus Proteinen, also Eiweiß. Diese sogenannte Protein-Matrix ist zwar schon geformt wie ein Zahn, enthält aber noch keine Mineralien und ist daher ganz weich. Erst im ersten Lebensjahr verkalken die betroffenen Zähne, lagern also immer mehr Mineralien ein. Zugleich wird ihnen das Eiweiß entzogen, sodass sie immer härter und stabiler werden. Für das Entfernen des Eiweißes aus dem Zahnschmelz sorgt ein bestimmtes Enzym. Und dieses Enzym kann durch BPA geschädigt werden. So bleibt zu viel Eiweiß im Zahn und dieser wird nicht richtig hart.

Ist nachgewiesen, dass BPA diese Wirkung hat?

Zimmer: Bisher weiß man nur aus Tierversuchen an Ratten, dass BPA solche Schäden verursachen kann.

Ergebnisse aus Tierversuchen lassen sich ja oft nicht auf den Menschen übertragen.

Zimmer: Das ist richtig. Aber in diesem Fall halte ich die Erkenntnisse aus den Rattenversuchen durchaus für aussagekräftig. Den Versuchsratten wurden keine unrealistisch hohen BPA-Mengen verabreicht. Die Forscher haben sich bei der Dosierung an Konzentrationen orientiert, wie sie auch in unserer alltäglichen Ernährung realistisch sind. Dennoch sind natürlich noch weitere Untersuchungen notwendig, um die Rolle von Weichmachern bei der Zahngesundheit zu klären.

Was tun?

Würden Sie bis dahin grundsätzlich davon abraten, Nahrungsmittel und Getränke aus BPA-haltigen Verpackungen zu konsumieren?

Zimmer: Ab dem sechsten Geburtstag ist die Mineralisierung fast aller bleibenden Zähne abgeschlossen. Das heißt: Erwachsene müssen nicht befürchten, Kreidezähne zu bekommen, nur weil sie aus Plastikflaschen trinken oder gelegentlich eine Dosensuppe essen. Es ist aber sicher sinnvoll, Säuglinge und Kleinkinder so gut es geht von Weichmachern fernzuhalten. Auch Schwangeren und stillenden Müttern würde ich raten, wenn möglich lieber Mineralwasser aus Glasflaschen zu trinken.

Was ist denn zu tun, wenn ein Kind bereits Kreidezähne hat?

Zimmer: Behandeln im Sinne einer Heilung lässt sich die Krankheit leider nicht. Wichtig ist, den brüchigen Schmelz, so gut es geht, vor Kariesbefall zu schützen. Das geht mit fluoridhaltiger Zahnpasta und der zusätzlichen wöchentlichen Verwendung von Fluorid-Gelee. Der Zahnarzt trägt im Rahmen der Prophylaxe in der Regel auch hochdosierten Fluoridlack auf die betroffenen Zähne auf. Fluorid stärkt die Zähne und schützt sie gegen Karies. Leider muss man es dazu regelmäßig auftragen.

Gibt es eine Möglichkeit, die Zähne nachträglich zu mineralisieren?

Zimmer: Nein, leider nicht. Wenn die bleibenden Zähne in Erscheinung treten, ist es schon zu spät. Die Mineralisierung ist abgeschlossen. Das Enzym, das dafür zuständig ist, das Eiweiß aus dem Zahn zu entfernen, um diesen härter zu machen, ist dann schon lange nicht mehr aktiv.

Vielen Dank für dieses Gespräch!