Ein Mann liegt deprimiert im Bett.
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Hikikomori: Jahrelange Isolation im eigenen Zimmer

Jahrelang das eigene Zimmer nicht verlassen, Sozialkontakte meiden und sich von der Gesellschaft abschotten: Für viele Menschen ist der Gedanke unerträglich. Menschen mit Hikikomori wählen diesen Zustand selbst. Was sind die Ursachen des japanischen Phänomens?  

Was ist Hikikomori?

Hikikomori oder auch das Hikikomori-Syndrom beschreibt ein soziales Phänomen, das nach jetzigem Kenntnisstand vor allem in Japan auftritt. Junge Menschen, insbesondere Männer, die noch bei ihren Eltern wohnen, ziehen sich in ihr Zimmer zurück und schotten sich von ihrer Umwelt ab. Die Interaktion mit anderen Menschen wird stark eingeschränkt oder komplett vermieden – mitunter auch mit Familienmitgliedern, die im selben Haus wohnen.

1990 wurden Fachleute erstmals auf das Phänomen aufmerksam. Hikikomori bedeutet übersetzt "Rückzug". Der Begriff bezeichnet sowohl das Verhalten als auch die Betroffenen selbst. Als Hikikomori gelten Menschen, wenn ihre Isolation mindestens sechs Monate anhält. In extremen Fällen kann der Rückzug über mehrere Jahre andauern. Dabei werden nahestehende Personen – etwa die Mutter – oft unbeabsichtigt integraler Bestandteil des Phänomens. Denn sie ermöglichen die langfristige Abschottung erst, indem sie ihren Sohn etwa mit regelmäßigen Mahlzeiten versorgt und so ihre, wenn auch passive, Zustimmung gibt.

Kommt Hikikomori nur in Japan vor?

Ob es sich bei Hikikomori um eine rein auf Japan beschränkte kulturspezifische Erkrankung handelt, ist umstritten. Klar ist, dass Hikikomori in Japan ein weit verbreitetes Phänomen ist. Mitunter wird sogar von einer nationalen Pandemie gesprochen. Der Begriff hat sich jedoch über Japans Grenzen hinaus verbreitet und ist international in den Medien präsent.

Forschungen zu der Störung gab es auch in anderen Ländern, etwa in Spanien, Australien und den USA. Das Ergebnis: Hikikomori-Tendenzen scheint es auch woanders zu geben.

Keine offizielle Erkrankung

Das Hikikomori-Syndrom gilt nicht als offizielle Erkrankung und ist nicht im anerkannten Diagnosesystems ICD aufgeführt. Eine allgemeingültige Definition gibt es bislang nicht. Noch immer ist umstritten, ob es sich bei dem Phänomen um eine psychische Störung oder um ein soziales, kulturspezifisches Problem handelt. Zwar treten bei Hikikomori in den meisten Fällen diverse psychische Beschwerden auf. Fachleute der Psychologie und Japanologie vermuten jedoch, dass sich diese erst im Zuge der Isolation entwickeln.

Häufigkeit: Wie viele Menschen sind betroffen?

Eine genaue Zahl der Betroffenen zu ermitteln, ist schwierig. Zum einen gibt es vermutlich eine hohe Dunkelziffer. Zum anderen vermuten Fachleute, dass hinter einigen Hikikomori-Fällen eine psychische Erkrankung, etwa eine Depression steckt. Diese Störung ist in Japan gesellschaftlich jedoch weniger akzeptiert, sodass es häufig gar nicht erst zu einer entsprechenden Diagnose kommt. Untersuchungen zufolge hat die Zahl Betroffener seit der Coronakrise jedoch deutlich zugenommen. Schätzungsweise eine Million Jugendliche erfüllen in Japan aktuell die Kriterien für das Hikikomori-Syndrom.

Das Phänomen tritt vor allem in städtischen Gebieten auf. Betroffen sind insbesondere junge Menschen im Alter zwischen 15 und 39 Jahren. Dabei handelt es sich zum Großteil (53 bis 80 Prozent) um Männer, meist älteste Söhne einer Familie.

Hikikomori: Mögliche Ursachen

Die Ursachen des Hikikomori-Syndroms sind Japanologen*Japanologinnen zufolge zu vielschichtig, als dass man sie klar identifizieren könnte. Vermutlich ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren für die totale Isolation der Betroffenen verantwortlich.

Einer internationalen Jugendstudie zufolge sind in Japan lebende Jugendliche im internationalen Vergleich gerne in Gesellschaft. In Kontakt mit Mitmenschen fühlen sie sich im Durchschnitt glücklicher als allein. Warum ist Hikikomori in Japan dennoch weit verbreitet? Diverse Studien liefern mögliche Antworten.

Hikikomori als Ausdruck der Versagensangst?

Soziale Akzeptanz hat in Japan einen hohen Stellenwert. Die gewünschten Erwartungen zu erfüllen, wird für junge Generationen jedoch zunehmend schwer. Die Wirtschaftskrise, die das Land seit 1990 betrifft, wirkt sich negativ auf den Arbeitsmarkt aus. Gute schulische Abschlüsse sind anders als zuvor keine Garantie mehr für einen gut bezahlten Job. Trotz dieser Veränderungen hält der Großteil der Gesellschaft an traditionellen Werten und Normen fest. Schlagen Jugendliche einen alternativen Lebensweg ein, wird dies öffentlich problematisiert.

Viele junge Menschen in Japan haben also mit der stetigen Unsicherheit des Arbeitsmarktes sowie mit gesellschaftlich hohen Ansprüchen zu kämpfen. Das führt zu einem hohen Druck und der Angst, zu versagen. Sie entziehen sich dem Konkurrenzkampf und geraten so an den Rand der Gesellschaft.

Begünstigt das japanische Familiensystem Hikikomori?

Die Familie gilt in Japan als besonders wichtige Sozialisationsinstanz. So ist in vielen Familien Japans eine enge Eltern-Kind-Bindung üblich. Auch wohnen Kinder oft bis ins höhere Erwachsenenalter zu Hause. Die Erziehung zur Selbstständigkeit steht meist nicht im Vordergrund. Eltern ermöglichen daher oft erst den Hikikomori-Zustand, in den ihre Kinder geraten – denn ohne ihre Unterstützung wäre die monate- oder jahrelange Isolation nicht möglich.

Bestimmte Grundeigenschaften können eine Rolle spielen

Zusätzlich gehen Fachleute davon aus, dass eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur die Entstehung der Störung begünstigt. So neigen vor allem Menschen mit

  • einer introvertierten Persönlichkeit,
  • einem geringen Selbstbewusstsein,
  • Versagensängsten,
  • und einem Hang zu Perfektionismus

dazu, das Hikikomori-Syndrom zu entwickeln. Folgende Gründe gaben Befragte in einer Studie selbst an:

  • Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen
  • Schwierigkeiten in der Schule oder im Job
  • erfolglose Arbeitssuche

Fachleute leiten daraus ab, dass der soziale Rückzug als Vermeidungsstrategie dient: Betroffenen fehlt es an Strategien zur Konfliktbewältigung, weshalb sie die Isolation als passiven Lösungsweg wählen. Denn durch die Abschottung wird zumindest öffentliches Scheitern vermieden. Hikikomori sehnen sich nach einem Ort, an dem sie für sich sein können und die vermeintliche Kontrolle haben. Diese Bedürfnisse erfüllt das eigene Zimmer.

Welche Symptome sind bei Hikikomori typisch?

Die meisten Fälle von Hikikomori beginnen damit, dass Betroffene immer seltener in der Schule oder auf der Arbeit erscheinen – und irgendwann gar nicht mehr dort auftauchen. Einige ziehen sich hingegen erst später zurück, wenn sie etwa nach Studium oder Ausbildung keine Arbeit finden und ihnen eine Zukunftsperspektive fehlt.  

Ab wann vom Hikikomori-Syndrom gesprochen wird, ist nicht einheitlich definiert. Das japanische Gesundheitsministerium schlägt folgende Kriterien vor, die beim Hikikomori-Syndrom erfüllt sein müssen:

  • die betroffene Person schottet sich für mindestens sechs Monate ab
  • persönliche Kontakte außerhalb der Familie werden vermieden
  • keine Teilnahme an sozialen Aktivitäten, inklusive Schule, Ausbildung und Job
  • der Rückzug ist psychisch – nicht körperlich verursacht

Viele Forschende widersprechen diesen Kriterien jedoch. Sie sind der Meinung, dass die Störung schon bei einer weitaus geringeren Symptomatik als solche definiert werden sollte.

Grundsätzlich kann das Hikikomori-Syndrom sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. In vielen Fällen verlassen Betroffene ihr Zimmer überhaupt nicht, außer in unvermeidbaren Situationen (z. B. im Krankheitsfall, wenn medizinische Versorgung notwendig ist). In anderen Fällen wird die Wohnung etwa nachts verlassen, wenn weniger Menschen unterwegs sind. Einige Betroffene sprechen noch ab und zu mit Familienmitgliedern, die im selben Haushalt wohnen. Bei anderen ist die Störung so stark ausgeprägt, dass Mahlzeiten vor die Tür gestellt werden und Betroffene nicht einmal das Zimmer verlassen, um das Badezimmer aufzusuchen. In diesem Fall erleichtern sie sich etwa in einen Eimer.

Was die Betroffenen während der Isolation tun, ist kaum bekannt. Einige Hikikomori geben etwa an, sich in Tagträumen zu verlieren, Computerspiele zu spielen und sich in eine virtuelle Welt zu flüchten.

Ein weiteres wichtiges Merkmal: Betroffene sind unglücklich mit ihrer Situation. Meist sehnen sie sich sogar nach Sozialkontakten. Sie sehen die soziale Isolation jedoch als einzige Möglichkeit, sich dem hohen gesellschaftlichen Erwartungsdruck zu entziehen.

Hikikomori: Symptom einer psychischen Erkrankung?

Nicht in jedem Fall ist der soziale Rückzug Symptom einer psychischen Störung. Fachleute sind sich aber einig, dass gewisse psychische Vorerkrankungen das Hikikomori-Syndrom begünstigen können, etwa Schizophrenie und Depressionen.

Welche Folgen kann Hikikomori haben?

Die soziale Isolation kann schwerwiegende Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit sowie den weiteren Lebensweg Betroffener haben. Der eigentliche Auslöser, der für den Rückzug verantwortlich ist, wiegt dabei meist weniger schwer als das Isolationserlebnis selbst.

Die Hikikomori bauen etwa Hemmschwellen auf, sodass soziale Interaktion zunehmend schwerfällt. Sie nehmen sich zudem die Möglichkeit, positive sowie negative Erfahrungen zu sammeln und sich dadurch entsprechend weiterzuentwickeln. Sie erleben sich selbst als inkompetent in sämtlichen Lebensbereichen, was zu einem schlechten Selbstwert und Unsicherheiten führt.

Auch entstehen durch die Isolation mit der Zeit diverse psychische Beschwerden, etwa

Zudem kann eine langfristige Isolation zu einer Rückentwicklung und kindlichen Verhaltensweisen führen. Neben möglichen psychischen Erkrankungen entwickeln sich weitere Beschwerden, die bei Betroffenen einen hohen Leidensdruck auslösen:

  • Scham und Angst, von anderen gesehen zu werden
  • extreme Antriebslosigkeit und Apathie
  • Langeweile, ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit
  • Einsamkeit
  • Unfähigkeit, Freude zu empfinden (Anhedonie)
  • starke Abhängigkeit von den Eltern
  • Konflikte innerhalb der Familie; viele Hikikomori geben ihren Eltern die Schuld an ihrer Situation, mitunter kommt es zu gewalttätigen Ausbrüchen und aggressivem Verhalten

Auch körperliche Folgen sind kaum zu vermeiden. Viele Betroffene leiden etwa unter

Hikikomori: Welche Therapie kommt zum Einsatz?

Hikikomori wird in Japan als weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen hingenommen. Aus diesem Grund gab es lange Zeit kaum Hilfsangebote. Inzwischen hat sich das verändert. Mögliche Behandlungsansätze finden bislang jedoch fast ausschließlich ambulant statt. So gibt es etwa…

  • Beratungszentren für Angehörige
  • Tagespflegeeinrichtungen für Hikikomori, um eine Tagesstruktur außerhalb des Rückzugsortes aufzubauen und Schritt für Schritt ins Leben zurückzufinden
  • Verhaltenstherapien, mit dem Ziel, Ängste abzubauen sowie Kommunikations- und Konfliktkompetenzen zu erlernen
  • Familientherapien, die die Kommunikation innerhalb der Familie anregen soll, um tieferliegende Konflikte aufzudecken

Dennoch sucht sich ein Großteil der Betroffenen erst spät Hilfe. Durchschnittlich vier Jahre vergehen, bis ein Hikikomori-Fall in Japan therapeutisch bekannt wird.

Hikikomori: Internet als Chance

Oft wird die "Flucht in virtuelle Welten" als zusätzlicher Risikofaktor für Hikikomori gesehen. Viele Fachleute sehen die Digitalisierung jedoch als eine Chance, um nicht komplett den Bezug zur Außenwelt zu verlieren. Zudem schien etwa die App "Pokémon Go" dazu beigetragen zu haben, dass Jugendliche ihre Schattenwelt zumindest kurzzeitig verlassen.