Ein Glas Cranberrysaft und Schalen mit den Beeren stehen auf einem Tisch
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Hilft Cranberrysaft bei Blasenentzündung?

Nie wieder Blasenentzündung – dafür würden viele Frauen gern einmal am Tag ein Glas Cranberrysaft trinken. Die Inhaltsstoffe der Beere verhindern angeblich, dass sich Bakterien an der Schleimhaut in Harnwegen und Blase anheften. Aber stimmt das?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Viele Frauen kennen immer wiederkehrende Blasenentzündungen. Es brennt beim Wasserlassen, die Toilette darf nie fern sein und möglicherweise ist auch Blut im Urin. Manchmal klingen die Symptome von selbst ab. Häufig helfen jedoch nur noch Antibiotika. Besser wäre es natürlich, wenn eine Blasenentzündung erst gar keine Chance hat. Viele Frauen kennen den Rat: Täglich etwas Cranberrysaft, dann haben Erreger keine Chance, sich zu vermehren. Bewiesen ist die schützende Wirkung der Beeren jedoch nicht. Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Wie soll Cranberry gegen Blasenentzündungen helfen?

Rund 80 Prozent aller Blasenentzündungen verursacht das Darmbakterium Escherichia coli. Es gehört zur normalen menschlichen Darmflora und ist harmlos – solange es im Darm bleibt. Gerät es aber beim Geschlechtsverkehr oder beim falschen Abwischen nach dem Stuhlgang in die Harnröhre, kann es sich dort festsetzen, vermehren und Entzündungen hervorrufen.

Für den positiven Effekt der Cranberrys machen Forscher vor allem den darin enthaltenen roten Pflanzenfarbstoff Proanthocyanidin (PAC) verantwortlich. Er wirkt zwar nicht antibakteriell und kann E.coli weder abtöten noch verhindern, dass es sich vermehrt. Man vermutet jedoch, dass er verhindern kann, dass sich die Erreger an Zellen in Harnwegen und Blase festsetzen, indem er die Flimmerhärchen der Bakterien lähmt. Können sich die Bakterien nicht in Harnwegen und Blase festsetzen, gibt es auch keine Entzündung. Die Bakterien werden dann mit dem Harn hinausgeschwemmt. So die Theorie. Aber was ist dran?

Die Studienlage

Cranberrys gelten schon seit Jahrhunderten als Hausmittel gegen Blasenentzündungen. Seit den 80er Jahren versuchen Wissenschaftler, die positive Wirkung der Beeren auch wissenschaftlich zu belegen. In einer Studie aus dem Jahr 1994 konnte die tägliche Gabe von Cranberrysaft die im Urin enthaltenen E.coli-Bakterien bei älteren Frauen gegenüber einem Placebosaft beinahe halbieren. Die Studienleiter folgerten aus ihren Ergebnissen, dass Cranberry das Risiko, an einem Harnwegsinfekt zu erkranken, um 42 Prozent senken kann. Auch andere Studien gaben Hinweise darauf, dass die amerikanische Beere einen positiven Einfluss auf die Blasengesundheit hat.

Im Jahr 2012 untersuchte die Cochrane Collaboration 24 Studien, die die Wirkung von Cranberrys auf Blasenentzündungen zum Thema hatten. Das Ergebnis: Tendenziell hatten die Studienteilnehmer, die regelmäßig Cranberry in Form von Saft, Tabletten oder ähnlichem einnahmen, tatsächlich weniger Harnwegsinfekte. Jedoch waren die Unterschiede nicht signifikant. Außerdem bemängelten die Studienleiter Ungereimtheiten in den Studien. So war zum Beispiel teilweise nicht angegeben, wie viel welcher Cranberry-Inhalts­stoffe in den Produkten enthalten war.

Welcher Stoff und welcher Mechanismus genau hinter der positiven Wirkung steckt, ist unklar. Ein Gutachten der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat ergeben, dass wahrscheinlicher Stoffwechselprodukte von PAC und/oder ein ganz anderer Inhaltsstoff der Beeren dafür verantwortlich sind.

Werbeaussagen unzulässig

Trotz der dürftigen Beweislage werben zahlreiche Hersteller von Säften, Pulvern und Tabletten mit Cranberry-Extrakt, die in Drogerien und Apotheken zu finden sind, mit Sätzen wie "zum Erhalt einer gesunden Blase“ und "kann das Anhaften von Erregern in der Blase verringern". Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat derartige Werbeaussagen aufgrund fehlender wissenschaftlicher Belege für unzulässig erklärt. Doch die Hersteller bedienen sich eines Tricks: Sie setzen ihren Produkten Vitamine oder Mineralstoffe zu, für die solche Aussagen erlaubt sind. Häufig ist den Cranberry-Produkten auch der Zucker Mannose zugesetzt, der Bakterien binden und so ebenfalls Blasenentzündungen vorbeugen soll. Auch hier fehlen jedoch eindeutige Beweise.

Fazit: Haben Cranberrys ihren guten Ruf zurecht?

Eine klare Empfehlung für Cranberry als Prophylaxe gegen Harnwegsinfekte gibt es nicht. Studien zeigen keinen klaren Vorteil von Cranberrysaft gegenüber Placebogetränken zur Vorbeugung von Blasenentzündungen. Die Wirkung ist also nicht bewiesen. Möglicherweise ist sie sie aber auch dosisabhängig. Es ist schließlich nicht bekannt, welche Inhaltsstoffe in welcher Dosierung einen positiven Effekt haben könnten.

Bei vielen Studien war ein Problem, dass zahlreiche Teilnehmer die Studie vorzeitig abbrachen. Der Grund: Der saure Geschmack des Cranberrysaftes. Davon große Mengen zu trinken, scheint also nicht sehr lustig, sondern eine echte Herausforderung zu sein.

Höher dosierte Kapseln und Pulver könnten die Lösung sein. Allerdings fehlen auch dazu noch aussagekräftige Studien. Die Verbraucherzentrale rät dazu, statt auf Tabletten lieber auf die Beeren an sich oder den Cranberrysaft zurückzugreifen.

Achtung: Cranberrys sind die amerikanischen Verwandten der Preiselbeeren und eignen sich nicht zum Rohverzehr.

Da Hinweise auf eine positive Wirkung jedoch immer wieder auftauchen und langwierige Antibiotika-Therapien bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten die Gefahr von Resistenzen und Nebenwirkungen bergen, kann man es auf einen Versuch mit der Beere dennoch ankommen lassen.

Was Sie beachten sollten

In Nahrungsergänzungsmitteln mit Cranberry muss kein Beipackzettel enthalten sein. Die Inhaltsstoffe der Cranberrys sind jedoch nicht für jeden gleich gut geeignet. Zum Beispiel sind Wechselwirkungen bekannt, etwa mit Blutgerinnungshemmern. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte sich darüber informieren. Außerdem enthalten Cranberrys und Cranberrysaft Oxalate. Menschen, die anfällig für Nierensteine sind, sollten diese möglichst selten verzehren. Nicht zuletzt kann der hohe Säuregehalt des Saftes die Zähne auf Dauer schädigen.

Cranberrys enthalten jedoch auch große Mengen an Vitamin C, Vitamin A und Antioxidantien. Ob die Beeren gegen Blasenentzündungen helfen, wissen wir nicht sicher. Dass sie – in Maßen genossen – für die meisten Menschen gesund sind, steht jedoch fest.