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Histrionische Persönlichkeitsstörung

Letzte Änderung:
Verfasst von Wiebke Posmyk • Medizinredakteurin
Geprüft von Dr. med. Bernhard Riecke • Psychiater und Psychotherapeut

Menschen mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung heischen permanent nach Aufmerksamkeit. Sie haben einen starken Geltungsdrang und wollen immer im Mittelpunkt stehen. Ihre Beziehung zu anderen gestaltet sich oft als schwierig – insbesondere zum Partner oder zur Partnerin. Hier erfahren Sie, wie die Diagnose der histrionischen Persönlichkeitsstörung gestellt wird und welche Therapie-Ansätze es gibt.

Symptome

Histrioniker wollen in einem übersteigertem Ausmaß für andere Menschen wichtig sein. Sie wollen permanent Gehör finden, gesehen und verstanden werden, sich jederzeit gebraucht und anerkannt fühlen.

Um diese Ziele zu erreichen, führen sie sich manchmal wie regelrechte Drama-Queens auf: Unbedeutende Ereignisse bauschen sie in theatralischer Weise auf. Ein harmloser Schnupfen wird so plötzlich zur ernstzunehmenden Grippe. Ein kleines To-Do im Job wird zu einem riesigen Berg an Arbeit aufgebauscht. Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung stellen Gefühle wie Angst, Wut oder Freude völlig übertrieben zur Schau. Einige kleiden sich besonders aufreizend. Oder sie fallen ihrem Gegenüber einfach ins Wort. Hauptsache, für Aufmerksamkeit ist gesorgt.

Nicht umsonst bedeutet "Histrio" übersetzt so viel wie "Schauspieler, Gaukler". Früher sprach man auch von einer hysterischen Persönlichkeitsstörung oder kurz von Hysterie.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: Symptome auf einen Blick

Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung

  • verhalten sich übertrieben emotional. 
  • stellen sich gerne in den Mittelpunkt und neigen zur dramatischen Selbstdarstellung.
  • treten häufig verführerisch, aufreizend oder besonders auffällig auf, z.B. durch entsprechende Kleidung.
  • langweilen sich schnell und suchen immer wieder nach aufregenden Situationen.
  • sind sehr kontaktfreudig und aufgeschlossen, bisweilen distanzlos. Sie können nur schwer allein sein.
  • sind sehr sprunghaft und leicht zu beeinflussen.
  • haben eher oberflächliche und weniger tiefe Gefühle. Ihre Stimmung kann rasch wechseln (sog. Affektlabilität).
  • haben Probleme, innige und dauerhafte Beziehungen einzugehen.
  • denken vor allem an sich und wenig an andere.
  • fühlen sich schnell gekränkt.

Je nachdem, wie geschickt sie vorgehen, gelingt es vielen Histrionikern tatsächlich, die gewünschte Beachtung zu finden. Andererseits können sie mit ihrem Verhalten aber auch anecken.

Histrioniker sind leicht verletzbar

Histrioniker wirken für Außenstehende oft sehr selbstbewusst. Insgeheim sind sie jedoch meist sehr sensibel und leicht verletzbar. Manche Betroffene neigen zu Depressionen. Eine histrionische Persönlichkeitsstörung tritt häufiger zusammen mit Abhängigkeitserkrankungen auf: Betroffene greifen etwa zu Alkohol oder anderen Drogen, um ihr starkes Verlangen nach Spannung und Aufregung zu befriedigen.

Was ist eine Persönlichkeitsstörung?

Ob ängstlich, kontaktfreudig oder pedantisch: Die individuellen Eigenschaften eines Menschen samt Wahrnehmungen, seinen Gefühlen, seinen Gedanken und seinen Verhaltensweisen machen seine Persönlichkeit aus. Von einer Persönlichkeitsstörung sprechen Ärzte und Psychologen, wenn bestimmte Persönlichkeitszüge ungewöhnlich stark ausgeprägt sind – so stark, dass der Betroffene und/oder seine Umwelt darunter leiden. Die histrionische Persönlichkeitsstörung ist eine von verschiedenen Formen von Persönlichkeitsstörungen. 

Lesen Sie mehr zum Thema: Persönlichkeitsstörungen

Wie häufig ist die histrionische Persönlichkeitsstörung?

Schätzungen zufolge haben circa 1 bis 3 von 100 Personen in der Bevölkerung eine histrionische Persönlichkeitsstörung. Bei Frauen wird die Erkrankung etwas häufiger festgestellt als bei Männern.

Ursachen

Eine histrionische Persönlichkeitsstörung ist nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen. Vielmehr entwickelt sich die individuelle Persönlichkeit eines Menschen aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Dabei spielt zum einen die genetische Veranlagung eine Rolle. Die Gene bestimmen in hohem Maße das Grund-Temperament einer Person – zum Beispiel, ob sie eher gesellig oder zurückhaltend, sehr lebhaft oder eher passiv, gefühlsbetont oder eher nüchtern ist.

Zum anderen tragen zahlreiche äußere Einflüsse zur Ausprägung der Persönlichkeit bei, etwa die Bindung zu den Eltern, positive oder negative Vorbilder innerhalb der Familie sowie das soziale Umfeld.

Kinder, deren Beziehung zu Bezugspersonen gestört ist, haben ein höheres Risiko, später eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Auch traumatische Erlebnisse (z.B. Gewalterfahrungen durch die Eltern in der frühen Kindheit) begünstigen eine histrionische Persönlichkeitsstörung. Menschen mit histrionischer Persönlichkeit haben unter Umständen schon in früher Kindheit gelernt, dass sie von den Eltern besondere Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie sich in Szene setzen.

Tests & Diagnose

In der Regel bemerken Histrioniker nicht, dass einige ihrer Persönlichkeitsmerkmale problematisch sind. Dennoch begeben sie sich häufiger in Behandlung – aber aus anderen Gründen. Sie suchen etwa Hilfe, weil sie unter Ängsten, Depressionen, psychosomatischen Beschwerden, Problemen am Arbeitsplatz oder Beziehungskonflikten leiden. Daher kann die histrionische Persönlichkeitsstörung zunächst im Verborgenen bleiben.

Einem erfahrenen Psychotherapeuten (Psychologen oder Psychiater) gelingt es jedoch meist, die Störung zu erkennen. Nicht jeder, der gerne im Mittelpunkt steht und Aufmerksamkeit braucht, hat eine histrionische Persönlichkeitsstörung. Nur wenn diese Eigenschaften dauerhaft, sehr ausgeprägt und tief verwurzelt sind, stellt der Psychotherapeut diese Diagnose.

Dazu muss er unter anderem wissen,

Bereits anhand der Schilderungen und Verhaltensweisen des Patienten kann der Psychotherapeut einschätzen, ob dieser eine psychische Störung hat, und wenn ja welche. Gegebenenfalls kann er auch um ein Gespräch mit einer nahestehenden Person bitten, um weitere hilfreiche Informationen über das Verhalten und Wesen des Betroffenen zu erhalten. 

Test: Histrionische Persönlichkeitsstörung oder nicht?

Ärzte und Psychologen nehmen häufig standardisierte Testverfahren zur Hand, um die Diagnose zu sichern. Diese Verfahren helfen dabei, die grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale einer Person zu erfassen. Dazu zählen

Allerdings ist es auch für die Experten nicht immer einfach, die histrionische Persönlichkeitsstörung ohne Zweifel zu diagnostizieren. Zum einen hat die Persönlichkeit eines Menschen viele Facetten, sodass es Überschneidungen mit anderen Störungen wie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung geben kann. Zum anderen sind die Grenzen zwischen "Normalität" und einem Krankheitsbild fließend. Nicht zuletzt haben viele Betroffene psychische Begleiterkrankungen wie eine Depression. 

Andere Ursachen ausschließen

Bevor sich der Psychologe auf eine Diagnose festlegt, muss er andere mögliche Ursachen ausschließen.

Bestimmte psychische Erkrankungen können mit Symptomen einhergehen, die der histrionischen Persönlichkeitsstörung ähneln, zum Beispiel:

Ob körperliche Ursachen hinter den psychischen Beschwerden stecken, kann der Arzt in der Regel durch bestimmte Untersuchungen feststellen. Welche das sind, hängt von der vermuteten Ursache ab. Infrage kommen zum Beispiel

Was ist der Unterschied zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung?
Auf den ersten Blick erinnert die Beschreibung eines Histrionikers an eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, denn auch Narzissten wollen stets im Mittelpunkt stehen. Dennoch gibt es Unterschiede:

  • Narzissten wollen vor allem Bestätigung und Bewunderung. Sie sind überzeugt davon, dass sie besser sind als andere – und wollen immer wieder von anderen "gebauchpinselt" werden. Kritik möchten sie nicht hören.
  • Histrioniker geht es dagegen eher darum, für andere Menschen wichtig zu sein. Sie brauchen Aufmerksamkeit jeglicher Art. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gelobt oder bemitleidet werden.

Beziehung & Partnerschaft

Für Partner, Angehörige, Freunde oder Kollegen kann der Umgang mit einem Histrioniker sehr anstrengend und belastend sein. Menschen mit histrionischer Persönlichkeit wollen immer wieder aufs Neue im Mittelpunkt stehen. In Partnerschaften sind sie entsprechend oft unzufrieden: Sie erwarten von ihrem Gegenüber die uneingeschränkte Aufmerksamkeit – und das möglichst permanent.

Kann der Partner diese Forderung nicht erfüllen, reagieren Histrioniker rasch gekränkt oder eifersüchtig. So kommt es häufig zu Konflikten innerhalb der Partnerschaft.  

Für den Histrioniker ist es in einer Beziehung wichtig, mit seinem großen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit akzeptiert zu werden. Der Partner kann auch versuchen, ihm viel Aufmerksamkeit zu schenken – solange er dabei auch seine eigenen Grenzen achtet. Gegebenenfalls kann es hilfreich sein, sich von einem Psychotherapeuten beraten zu lassen.

Therapie

Nicht jeder Histrioniker muss zwangsläufig eine Therapie machen. Eine Behandlung ist jedoch ratsam, wenn

Welche Therapie hilft?

Welche Therapie bei einer histrionischen Persönlichkeitsstörung hilft, lässt sich bisher nicht sicher sagen. Bislang gibt es dazu keine aussagekräftigen Studien. In den meisten Fällen rät der Psychologe oder Psychiater zu einer Psychotherapie, zum Beispiel zu:

Medikamente können in bestimmten Fällen zusätzlich sinnvoll sein – etwa, wenn die Person unter Depressionen leidet.

Histrionische Persönlichkeitsstörung: schwer behandelbar
Häufig fehlt Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung die Einsicht, dass ihr Verhalten ungünstig ist. Zudem neigen sie dazu, den Therapeuten zu manipulieren. Für Therapeuten bedeutet dies eine besondere Herausforderung. Histrioniker gelten daher als schwer behandelbar.

Verlauf

Lange Zeit galten Persönlichkeitsstörungen als kaum therapierbar, denn die Persönlichkeitszüge eines erwachsenen Menschen sind relativ stabil. Heute weiß man: Die einzelnen Facetten einer Persönlichkeit sind – in einem gewissen Rahmen – veränderbar. Das gilt auch für die Merkmale einer histrionischen Persönlichkeitsstörung.

Die Symptome einer histrionischen Persönlichkeitsstörung bleiben in der Regel zwar grundsätzlich bestehen, jedoch kann man sie im Laufe der Behandlung mildern. Mit höherem Alter werden die histrionischen Persönlichkeitszüge meist schwächer.

Quellen

Sachse, R: Narzisstische und histrionische Persönlichkeitsstörungen. Institut für Psychologische Psychotherapie, Online-Publikation (Abrufdatum: 23.1.2020)

Persönlichkeitsstörungen. Online-Informationen der Neurologen und Psychiater im Netz (Abrufdatum: 10.1.2020)

Histrionische Persönlichkeitsstörung. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: August 2019)

Berberich, G., et al.: Persönlichkeitsstörungen. Update zu Theorie und Therapie. Schattauer, Stuttgart 2018

Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2017

Möller, H., et al.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Bergmann-Warnecke, K., Lutz, W.: Diagnostik bei Persönlichkeitsstörungen. Psychotherapie im Dialog, Aug. 3/2014, S. 32 -35 (2014)

Kasper, S., Volz, H.: Psychiatrie und Psychotherapie compact. Thieme, Stuttgart 2014

Sachse, R., et al.: Klärungsorientierte Psychotherapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung. Hogrefe, Göttingen 2012

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Histrionische Persönlichkeitsstörung":

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Letzte inhaltliche Prüfung: 12.02.2020
Letzte Änderung: 27.05.2020