Ritonavir

Allgemeines

Ritonavir wird in Kombination mit anderen virenhemmenden Mitteln zur Behandlung von Erwachsenen und Kindern ab zwei Jahren eingesetzt, um den AIDS-Erreger, das HI-Virus zu bekämpfen.

Welchen Zwecken dient dieser Wirkstoff?

  • Entwicklung der HI-Viren stören
  • Fähigkeit zur weiteren Infektion blockieren
  • das Enzym Aspartylprotease hemmen

Gegenanzeigen

Im Folgenden erhalten Sie Informationen über Gegenanzeigen bei der Anwendung von Ritonavir im Allgemeinen, bei Schwangerschaft & Stillzeit sowie bei Kindern. Bitte beachten Sie, dass die Gegenanzeigen je nach Arzneiform eines Medikaments (beispielsweise Tablette, Spritze, Salbe) unterschiedlich sein können.

Wann darf Ritonavir nicht verwendet werden?

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einer schlecht behandelbaren Lebererkrankung darf Ritonavir nicht angenwendet werden.

Nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt und unter seiner Kontrolle darf Ritonavir eingesetzt werden bei
  • Patienten mit Störungen der Blutgerinnung ("Bluter"), da vermehrt Blutungen auftreten können
  • Fettstoffwechselstörungen, da sie sich durch die Therapie verschlechtern können
  • Bei HIV-infizierten Patienten mit schwerer Störung der körpereigenen Abwehr, weil es bei ihnen besonders zu Behandlungsbeginn zu schweren Entzündungen und Infektionen kommen kann
  • Patienten mit vorbestehenden Leberfunktionsstörungen und besonders chronischer Leberentzündung (Hepatitis B oder C), weil sie besonders anfällig für schwere, möglicherweise lebensbedrohliche Nebenwirkungen sind
  • Herzkranken und Patienten mit einer Störung der Reizleitung am Herzen, weil es bei diesen zu einer gefährlichen Pulsverlangsamung kommen kann.

Was müssen Sie bei Schwangerschaft und Stillzeit beachten?

Bisher wurden nur etwa 800 Frauen während der Schwangerschaft mit Ritonavir behandelt; eine sehr begrenzte Zahl (unter 300) während des ersten Schwangerschaftsdrittels. Diese wenigen Fälle weisen auf keine Erhöhung der Missbildungen hin. Allerdings traten solche in Tierexperimenten auf. Daher wird der Arzt die Anwendung von Ritonavir in der Schwangerschaft nur in Betracht ziehen, wenn der Nutzen das Risiko für das Kind überwiegt.

Ritonavir vermindert die Wirkung der "Pille". Deshalb sollte während der Behandlung eine andere, sichere und effektive Empfängnisverhütung (Kondom, Pessar) angewandt werden.

Es ist nicht bekannt, ob der Wirkstoff in die Muttermilch ausgeschieden wird, wie es Tierexperimente an Ratten vermuten lassen. HIV-infizierte Mütter sollten sowieso nicht stillen, um unter allen Umständen eine Übertragung der Infektion auf ihre Kinder zu vermeiden.

Was ist bei Kindern zu berücksichtigen?

Eine Behandlung mit Ritonavir ist für Kinder bereits ab zwei Jahren möglich.

Welche Nebenwirkungen kann Ritonavir haben?

Im Folgenden erfahren Sie das Wichtigste zu möglichen, bekannten Nebenwirkungen von Ritonavir. Diese Nebenwirkungen müssen nicht auftreten, können aber. Denn jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Medikamente. Bitte beachten Sie außerdem, dass die Nebenwirkungen in Art und Häufigkeit je nach Arzneiform eines Medikaments (beispielsweise Tablette, Spritze, Salbe) unterschiedlich sein können.

Sehr häufige Nebenwirkungen:
Schmeckstörung, Missempfindungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Nervenstörungen, Rachenentzündung, Schmerzen im Mund-Rachen-Bereich, Husten, Bauchschmerzen (Ober- und Unterbauch), Übelkeit und Erbrechen, Durchfall (einschließlich schweren Durchfalls mit Störungen des Minderalhaushalts), Verdauungsstörungen, Juckreiz, Hautausschlag (auch gerötet oder fleckig-blasig), Gelenkschmerzen, Rückenschmerzen, Erschöpfung, Erröten (Flushing), Hitzegefühl.

Häufige Nebenwirkungen:
veränderte Blutwerte (weniger weiße Blutkörperchen, weniger Blutfarbstoff, weniger neutrophile Blutzellen, weniger Blutplättchen, vermehrt unreife Blutzellen), Überempfindlichkeit (einschließlich Nesselsucht und Gesichtsschwellungen), Cholesterin-Überschuss im Blut, Triglycerid-Überschuss im Blut, Gicht, Wassereinlagerung im Gewebe (Ödeme), Wassereinlagerungen in Armen und Beinen, Austrocknung (meist im Zusammenhang mit Erbrechen oder Durchfall), Schlaflosigkeit, Angstzustände, Verwirrung, Aufmerksamkeitsstörung, Ohnmacht, Krampfanfall, verschwommenes Sehen, Bluthochdruck, niedriger Blutdruck (auch bei Körperlageveränderung), kalte Hände und Füße, Appetitlosigkeit, Blähungen, Geschwürbildung im Mund, Magen-Darm-Blutung, Sodbrennen, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Leberentzündung (mit erhöhten Werten wie ASAT, ALAT, Gamma-GT), Bilirubin im Blut erhöht (einschließlich Gelbsucht), Akne, Muskelentzündung, Muskelauflösung, Muskelschmerz, Muskelerkrankung, erhöhter CPK-Wert, zu starke und zu lange andauernde Regelblutung, Fieber, Gewichtsverlust, erhöhter Amylase-Wert im Blut, weniger Schilddrüsenhormon (Thyroxin) im Blut.

Gelegentliche Nebenwirkungen:
erhöhte Zahl neutrophiler Blutzellen, erhöhter Blutzucker, Zuckerkrankheit, Herzinfarkt, akutes Nierenversagen, erhöhter Magnesium-Wert im Blut, erhöhter Wert der alkalischen Phosphatase im Blut.

Seltene Nebenwirkungen:
allergischer Schock, Blutzuckerüberschuss, schwere Hautreaktionen (Stevens-Johnson-Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse).

Besonderheiten:
Während der Ritonavir-Behandlung auftretendes starkes, anhaltendes Erbrechen und / oder starker, anhaltender Durchfall können auch die Nierenfunktion beeinträchtigen. Sie wird daher bei Patienten mit bestehender Nierenfunktionsstörung sorgfältig vom Arzt kontrolliert.

Ritonavir verstärkt bestehende Blutgerinnungsstörungen. So kann es bei sogenannten "Blutern" vermehrt zu Blutergüssen in die Haut oder die Gelenke kommen.

Kommt es während der Therapie zu Anzeichen einer Bauchspeicheldrüsenentzündung (Übelkeit und Erbrechen, Oberbauchbeschwerden), ist sofort ein Arzt zu befragen. Wird die Erkrankung dann tatsächlich festgestellt, muss die Behandlung mit Ritonavir unterbrochen werden.

Es kann bei der Therapie insbesondere bei Patienten mit fortgeschrittener HIV-Erkrankung und / oder Langzeitbehandlung zu einem Knochenabbau kommen. Man weiß nicht genau, ob Ritonavir dafür die Ursache ist. Bei Auftreten von Gelenkbeschwerden und -schmerzen, Gelenksteife oder Schwierigkeiten bei Bewegungen ist sofort ein Arzt aufzusuchen.

Welche Wechselwirkungen zeigt Ritonavir?

Bitte beachten Sie, dass die Wechselwirkungen je nach Arzneiform eines Medikaments (beispielsweise Tablette, Spritze, Salbe) unterschiedlich sein können.

Ritonavir hemmt ein Enzymsystem, das bei dem Abbau anderer Substanzen im Körper eine wichtige Rolle spielt. Bei gleichzeitiger Anwendung kann es zu höheren Blutkonzentrationen dieser Wirkstoffe und gefährlichen Nebenwirkungen kommen.

Verboten sind aus diesem Grunde Kombinationen mit
  • dem Alpha-Sympatholytikum Alfuzosin
  • den Schmerzmitteln Pethidin, Piroxicam und Propoxyphen
  • den Antiarrhythmika Amiodaron, Bepridil, Dronedaron, Encainid, Flecainid, Propafenon, Chinidin
  • dem Antibiotikum Fusidinsäure
  • dem Gichtmittel Colchicin
  • H1-Antihistaminika wie Astemizol, Terfenadin
  • dem Tuberkulose-Mittel Rifabutin
  • Neuroleptika wie Clozapin, Pimozid und Quetiapin
  • Mutterkorn-Akaloiden wie Dihydroergotamin, Ergonovin, Ergotamin und Methylergonovin
  • dem Magenmittel Cisaprid
  • Beruhigungs- und Schlafmitteln wie Clorazepat, Diazepam, Estazolam, Flurazepam, Midazolam zum Einnehmen und Triazolam
  • dem Pilzmittel Voriconazol (hier allerdings wegen dessen möglichem Wirkungsverlust).
Das pflanzliche Antidepressivum Johanniskraut darf nicht zusammen mit Ritonavir eingenommen werden, da es dessen Wirkung vermindert.

Besondere Vorsicht wird der Arzt walten lassen bei der Verschreibung von Sildenafil oder Tadalafil zur Behandlung von Erektionsstörungen bei Patienten, die Ritonavir erhalten. Die gleichzeitige Einnahme lässt einen wesentlichen Anstieg der Konzentration der Erektionsverbesserer erwarten und könnte zu Nebenwirkungen wie niedrigem Blutdruck und verlängerter Erektion führen. Die gleichzeitige Anwendung von Avanafil und Vardenafil (anderen Erektionsverbesserern) mit Ritonavir ist sogar verboten. Gleiches gilt für die mit Ritonavir gleichzeitige Anwendung von Sildenafil als Behandlung gegen Lungenhochdruck.

Die Wirkstoffgruppe der Statine (gegen Fettstoffwechselstörungen) ist ebenfalls im Zusammenwirken mit Ritonavir problematisch. Simvastatin und Lovastatin sollten wegen des Risikos von Muskelschäden bis zur Muskelauflösung gar nicht gleichzeitig gegeben werden. Bei Atorvastatin und Rosuvastatin wird der Arzt möglicherweise geringere Dosierungen als üblich verschreiben. Ungefährliche Alternativen sind Pravastatin und Fluvastatin, da deren Abbau nicht über das betroffene Enzymsystem erfolgt.

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn Patienten, die das Herzglykosid Digoxin gegen Herzmuskelschwäche erhalten, Ritonavir verschrieben bekommen. Möglicherweise treten mehr Nebenwirkungen des Herzmittels auf.
Nehmen Patienten bereits Digoxin ein, wenn Ritonavir verordnet wird, wird der Arzt die Digoxin-Dosis auf die Hälfte der üblichen verringern und die Herzfunktion der Patienten noch häufiger kontrollieren. Soll ein Ritonavir-Patient Digoxin erhalten, wird der Arzt die Behandlung besonders vorsichtig einschleichend bei intensiver Überwachung beginnen.

Das weibliche Hormon Ethinylestradiol in "Pille"-Präparaten wird durch Ritonavir in seiner Wirkung abgeschwächt. Da sowieso eine Schwangerschaft wegen der Krankheit und dem Wirkstoff verhindert werden muss, sollten zusätzliche hormonfreie Verhütungsmethoden wie Kondome oder Pessare zur Anwendung kommen.

Die gleichzeitige Anwendung von Ritonavir mit Fluticason und einigen anderen Glukokortikoiden wird nicht empfohlen. Der Arzt muss abwägen, ob der mögliche Nutzen einer Behandlung das Risiko einer Überdosierung (einschließlich Morbus Cushing und einer Störung der Nebennierenfunktion) überwiegt.

Das Antidepressivum Trazodon wird der Arzt nur mit besonderer Vorsicht an Ritonavir-Patienten verordnen. Bei gleichzeitiger Anwendung ist mit einer Zunahme der Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schwindel, niedrigem Blutdruck und Ohnmacht zu rechnen.

Die gleichzeitige Anwendung von Ritonavir und dem Blutverdünner Rivaroxaban wird aufgrund des erhöhten Blutungsrisikos nicht empfohlen.

Die beiden Tuberkulose-Mittel Bedaquilin und Delamanid werden vom Arzt nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung zusammen mit Ritonavir verordnet, da dies beispielsweise zu mehr Nebenwirkungen am Herzen führen kann.

Wird Ritonavir zur Wirkungsverstärkung anderer virenhemmender Mittel wie beispielsweise Saquinavir, Tipranavir, Fosamprenavir oder Atazanavir eingesetzt, wird der Arzt die Dosierungen sehr sorgfältig neu bemessen, damit es nicht zu mehr Nebenwirkungen kommt.

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen

  • Bei sogenannten "Blutern" kann es vermehrt zu Blutergüssen in die Haut oder die Gelenke kommen.
  • Kommt es zu Übelkeit und Erbrechen und Oberbauchbeschwerden, ist sofort ein Arzt zu befragen. Bei Feststellung einer Bauchspeicheldrüsenentzündung muss die Behandlung mit dem Medikament unterbrochen werden.
  • Bei Auftreten von Gelenkbeschwerden und -schmerzen, Gelenksteife oder Schwierigkeiten bei Bewegungen ist sofort ein Arzt aufzusuchen, da es sich um einen behandlungsbedingten Knochenabbau handeln kann.
  • Das Medikament darf nur von Ärzten verschrieben werden, die Erfahrung in der Behandlung von HIV-Infektionen haben.

Manchmal lösen arzneiliche Wirkstoffe allergische Reaktionen aus. Sollten Sie Anzeichen einer allergischen Reaktion wahrnehmen, so informieren Sie umgehend Ihren Arzt oder Apotheker.

Welche Medikamente beinhalten Ritonavir?

Folgende Tabelle zeigt alle erfassten Medikamente, in welchen Ritonavir enthalten ist.In der letzten Spalte finden Sie die Links zu den verfügbaren Anwendungsgebieten, bei denen das jeweilige Medikamente eingesetzt werden kann.

So wirkt Ritonavir

Im Folgenden erfahren Sie mehr zu den Anwendungsgebieten und der Wirkungsweise von Ritonavir. Lesen Sie dazu auch die Informationen zur Wirkstoffgruppe virenhemmende Mittel, zu welcher der Wirkstoff Ritonavir gehört.

Anwendungsgebiet des Wirkstoffs Ritonavir

Ritonavir wird in Kombination mit anderen virenhemmenden Mitteln zur Behandlung von Erwachsenen und Kindern ab zwei Jahren eingesetzt, um den AIDS-Erreger, das HI-Virus zu bekämpfen.

Zu folgenden Anwendungsgebieten von Ritonavir sind vertiefende Informationen verfügbar:

Wirkungsweise von Ritonavir

Ritonavir gehört zur Wirkstoffgruppe der virenhemmenden Mittel. Genau genommen handelt es sich um einen Hemmstoff für das Enzym Aspartylprotease. Bei HIV1- wie auch HIV2-Viren ist das Enzym durch die Hemmung nicht mehr zur Herstellung eines für die Viren notwendigen Eiweißes in der Lage. So entstehen unreife HI-Viren, die keinen neuen Infektionskreislauf in Gang setzen können.

Zwar kommt das Enzym Aspartylprotease auch beim Menschen vor, doch wirkt Ritonavir sehr gezielt nur auf dasjenige der HI-Viren.

Ritonavir war der erste sogenannte Proteaseinhibitor (Zulassung erfolgte 1996), für den in klinischen Studien eine Wirksamkeit gegen HI-Viren nachgewiesen werden konnte. Heute wichtiger erscheint aber seine Eigenschaft, den Abbau anderer Wirkstoffe durch die Leber zu hemmen und dadurch ihre Effektivität zu steigern. So wird Ritonavir vor allem zur Verbesserung der Wirkung anderer HIV-Medikamente (Proteaseinhibitoren) eingesetzt.

Disclaimer:
Bitte beachten: Die Angaben zu Wirkung, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen sowie zu Gegenanzeigen und Warnhinweisen beziehen sich allgemein auf den Wirkstoff des Medikaments und können daher von den Herstellerangaben zu Ihrem Medikament abweichen. Bitte fragen Sie im Zweifel Ihren Arzt oder Apotheker oder ziehen Sie den Beipackzettel Ihres Medikaments zurate.