Man sieht die schielenden Augen einer Frau.
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Schielen (Strabismus)

Schielen (Strabismus) kann je nach Ausprägung eine starke Sehbehinderung bedeuten: Normalerweise verschmelzen die Seheindrücke beider Augen zu einem einzigen Bild (sog. Fusion) und ermöglichen so ein räumliches Sehen. Bei einem leichten Silberblick mag dies noch gelingen, bei ausgeprägtem Schielen jedoch nicht – es entstehen Doppelbilder.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Überblick

Schielende Augen können auf unterschiedliche Weise von der Parallelstellung abweichen. Meistens sind beide Augen beim Schielen einwärts (Strabismus convergens) oder auswärts (Strabismus divergens) gerichtet. Je nach Ursache für die Augenfehlstellung unterscheidet man folgende Formen von Schielen:

  • Die Heterophorie (auch verstecktes bzw. latentes Schielen genannt) ist die häufigste Form. Eine Behandlung ist hier in der Regel nicht nötig, da sich die Augenfehlstellung nur bei Belastung (z.B. bei Müdigkeit oder unter Alkoholeinfluss) bemerkbar macht.
  • Hingegen ist beim Begleitschielen (Strabismus concomitans), das meist in den ersten Lebensjahren auftritt, eine Therapie dringend zu empfehlen.
  • Gleiches gilt für das Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus), das durch gelähmte Augenmuskeln (infolge von Entzündungen oder Verletzungen) bedingt ist.

Das Gehirn von Kindern reagiert auf das Schielen, indem es die Seheindrücke eines Auges unterdrückt – darum kann ein unbehandeltes Schielen bei Kindern schwerwiegende Folgen haben: Das nicht genutzte Auge entwickelt eine Sehschwäche (sog. Amblyopie), die ohne rechtzeitige Gegenmaßnahmen dauerhaft bestehen bleibt. Um dies zu verhindern, ist es wichtig, einen Strabismus bei Kleinkindern rechtzeitig zu behandeln (am besten schon beim Baby im sechsten Lebensmonat).

Auffällig schielende Kinder haben zwar gute Chancen, früh genug Hilfe zu bekommen – unauffälliges Schielen (sog. Mikrostrabismus) kommt jedoch deutlich häufiger vor. Da grundsätzlich jeder Strabismus im Kindesalter zur Sehschwäche führen kann, gilt:
Eltern sollten auch Kinder ohne sichtbare Augenfehlstellung oder sonstige Augenprobleme unbedingt im Alter von 30 bis 42 Monaten von einem Augenarzt untersuchen lassen.

In der Regel behandelt man ein Schielen bei Kindern über mehrere Jahre konservativ (d.h. ohne Operation). Im Einzelnen besteht die Behandlung des Strabismus aus:

  • einer Brille, um eine eventuelle Fehlsichtigkeit zu korrigieren,
  • einem Augentraining zum Zusammenführen von Doppelbildern (sog. Fusionsschulung) und
  • der Bekämpfung der durchs Schielen entstandenen Sehschwäche.

Unter Umständen kann es ratsam sein, das Schielen in einer Schieloperation zu korrigieren, sodass die Augen wieder parallel zueinander stehen. Beim Lähmungsschielen kommt eine auf die Ursache ausgerichtete Therapie zum Einsatz. Bleibt der Strabismus dennoch bestehen, helfen sogenannte Prismengläser gegen die Doppelbilder.

Definition

Der Begriff Schielen oder Strabismus bezeichnet eine Fehlstellung der Augen, bei der eine der beiden Augenachsen von der Parallelstellung abweicht, sodass die Augen in unterschiedliche Richtungen blicken.

Grundsätzlich kann die Augenachse beim Schielen in alle Richtungen abweichen. Am häufigsten sind jedoch Abweichungen in der horizontalen Achse: Dies führt zum Einwärtsschielen (Strabismus convergens) oder Auswärtsschielen (Strabismus divergens).

In Deutschland schielen etwa fünf Prozent der Menschen so, dass die Augenfehlstellung nicht nur ein äußerlicher Makel ist, sondern je nach Ausprägung auch eine starke Sehbehinderung bedeuten kann. Unbehandelt kann ein Strabismus bei Kindern eine dauerhafte Sehschwäche (sog. Amblyopie) des eigentlich gesunden Auges zur Folge haben.

Deshalb ist es wichtig, ein Schielen bei jedem Baby oder Kleinkind frühzeitig zu behandeln!

Per Definition unterscheidet man die folgenden Formen von Schielen:

  • latentes Schielen (Heterophorie)
  • Begleitschielen (Strabismus concomitans, Heterotropie)
  • Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus)

Latentes Schielen (Heterophorie)

Normalerweise befinden sich die Augenmuskeln im Gleichgewicht zueinander, sodass die Seheindrücke beider Augen zu einem einzigen Bild verschmelzen (sog. Fusion). Ein verstecktes Schielen (bzw. latentes Schielen oder Heterophorie) liegt vor, wenn das Gleichgewicht gestört ist, aber die Fusionskraft diese Störung meist ausgleichen kann. In diesem Fall schielen die Betroffenen nur unter bestimmten Bedingungen – zum Beispiel bei starker Müdigkeit.

Latentes Schielen kommt bei über 70 Prozent aller Menschen vor. Trotz einiger Abweichungen ist das Gehirn meist in der Lage, eine solche geringe Störung des Augenmuskelgleichgewichts ohne Beschwerden zu tolerieren. Nur bei etwa 10 Prozent der Betroffenen führt die Heterophorie zu Beschwerden.

Begleitschielen (Strabismus concomitans)

Anders als beim latenten Schielen ist es beim Begleitschielen (Strabismus concomitans, Heterotropie) nicht möglich, ein bestehendes Ungleichgewicht der Augenmuskeln zu überwinden. Infolgedessen sind die Sehachsen beider Augen nicht auf dasselbe Objekt gerichtet. Der Winkel der Sehachsen bleibt beim Begleitschielen aber immer praktisch gleich – auch wenn sich die Augen bewegen.

Diese Form von Schielen tritt meistens bei Kindern in den ersten beiden Lebensjahren auf. Die Kinder können auch mit einem bereits vorhandenen Strabismus concomitans zur Welt kommen. Ungefähr 4 Prozent aller Kinder sind vom Begleitschielen betroffen. Die häufigste Form von Begleitschielen ist das frühkindliche Einwärtsschielen, das bei Babys innerhalb der ersten sechs Lebensmonate auftritt.

Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus)

Wenn einer oder mehrere äußere Augenmuskeln ausfallen, ist ein plötzliches Schielen die Folge – ein sogenanntes Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus). Diese Form von Schielen tritt sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen auf. Der Schielwinkel ist beim Lähmungsschielen je nach Blickrichtung unterschiedlich.

Ursachen

Schielen (Strabismus) kann verschiedene Ursachen haben – entsprechend unterscheidet man mehrere Formen der Augenfehlstellung. Dabei ist für das Begleitschielen ebenso wie für die Heterophorie ein gestörtes Gleichgewicht der Augenmuskeln verantwortlich.

Beim Begleitschielen (Strabismus concomitans) gelingt es den Betroffenen auf Dauer nicht, dieses Ungleichgewicht der Augenmuskeln durch Verschmelzung (Fusion) der Seheindrücke beider Augen zu einem einzigen Bild auszugleichen. Die Gründe hierfür sind meist unbekannt. Unumstritten ist jedoch, dass bei dieser Form von Schielen erbliche Ursachen eine Rolle spielen: Die meisten Menschen mit einem Strabismus concomitans haben Eltern oder andere Verwandte, die ebenfalls schielen (oder geschielt haben). Häufig liegt gleichzeitig eine Kurzsichtigkeit oder Weitsichtigkeit vor.

Die Heterophorie (= verstecktes bzw. latentes Schielen) hat ihre Ursache darin, dass die Fähigkeit zur Verschmelzung der Seheindrücke beider Augen unterentwickelt ist und daher unter bestimmten Umständen – zum Beispiel durch Ermüdung, Alkoholkonsum oder Stress – nachlässt: Die Betroffenen schielen also nicht dauerhaft.

Das Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus) entsteht – wie der Name schon sagt – durch Lähmungen der äußeren Augenmuskeln. Die Folge ist ein plötzliches Schielen. Mögliche Ursachen für das Lähmungsschielen sind:

Symptome

Die für Schielen (Strabismus) kennzeichnenden Symptome sind durch die Fehlstellung der Augen bedingt: Beim Schielen blicken die Augen in unterschiedliche Richtungen, weil eine der beiden Augenachsen von der Parallelstellung abweicht. Grundsätzlich ist diese Abweichung zwar in alle Richtungen möglich – meistens kommt es jedoch ...

  • zum Einwärtsschielen (Strabismus convergens)
  • oder Auswärtsschielen (Strabismus divergens).

Schielen ist aber nicht auf äußerliche Symptome beschränkt, sondern kann auch eine starke Sehbehinderung bedeuten. Mögliche erste Anzeichen beziehungsweise Begleiterscheinungen eines Strabismus sind:

Die mit dem Schielen einhergehenden Symptome hängen auch von der Form des Strabismus ab: So tritt ein verstecktes oder latentes Schielen nur unter dem Einfluss ungünstiger Faktoren (wie Stress, Alkoholkonsum, Ermüdung, psychische Belastung, allgemeine Erkrankungen) in Erscheinung. Etwa zehn Prozent der Menschen, die latent schielen, entwickeln Beschwerden – sie können beispielsweise:

  • Kopfschmerzen bekommen,
  • verschwommen sehen,
  • schnell ermüden und/oder
  • Doppelbilder wahrnehmen.

Ein häufiges Anzeichen für Begleitschielen (Strabismus concomitans) ist eine leichte Weitsichtigkeit, bei einseitigem Schielen zeigt sich oft eine Schwachsichtigkeit (Amblyopie) des betroffenen Auges. Bei einigen Formen von Begleitschielen halten die Betroffenen ihren Kopf schief; außerdem können ihre Augen zittern. Weicht das Auge nur gering von der Parallelstellung ab, ist das Schielen oft nicht sichtbar. Wegen fehlender äußerlicher Symptome stellt man ein Begleitschielen gelegentlich nicht oder erst sehr spät fest.

Das durch ausgefallene Augenmuskeln bedingte Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus) ist ein plötzliches Schielen – entsprechend zeigt es sich typischerweise durch schlagartig auftretende Doppelbilder, die zuweilen mit Schwindel und Übelkeit verbunden sind. Die Doppelbilder sind beim Lähmungsschielen in der Richtung, in die der ausgefallene Muskel das Auge bewegen müsste, am stärksten ausgeprägt. Daher halten die Betroffenen den Kopf so, dass der gelähmte Muskel entlastet ist und Einfachsehen gerade noch möglich ist: Es entsteht eine kompensatorische Kopfschiefhaltung.

Diagnose

Beim Schielen (Strabismus) ergeben sich die ersten Hinweise zur Diagnose aus der typischen Augenstellung und den Begleiterscheinungen der damit teilweise verbundenen Sehbehinderung. In vielen Fällen gelingt es schon bei den Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U9, ein Schielen bei Kindern zu diagnostizieren.

Beim Schielen können verschiedene Sehtests und sogenannte orthoptische Tests (zur Untersuchung des beidäugigen Sehens) zum Einsatz kommen. Besonders wichtig für die Diagnose eines Strabismus sind der Ab- und Aufdecktest:

  • Beim Abdecktest ist ein Auge abgedeckt. Der Augenarzt beobachtet dann, ob sich das nicht abgedeckte Auge neu einstellt (ist dies der Fall, liegt womöglich ein Begleitschielen vor).
  • Der Aufdecktest zeigt, ob das aufgedeckte Auge eine langsame Verschmelzungsbewegung durchführt (dies ist ein Hinweis auf ein verstecktes bzw. latentes Schielen).

Mithilfe der verschiedenen Tests kann der Augenarzt nicht nur das Schielen feststellen, sondern auch andere Augenerkrankungen ausschließen. Außerdem ermöglichen es die Untersuchungen, die Form des Strabismus einzugrenzen, um die erforderliche Therapie festzulegen.

Therapie

Die gegen das Schielen (Strabismus) eingesetzte Therapie hängt davon ab, um welche Form der Augenfehlstellung es sich handelt:

Beim Begleitschielen (Strabismus concomitans) zielt die Behandlung darauf ab, Stereosehen (d.h. räumliches Sehen durch die zu einem Bild zusammengefügten Seheindrücke beider Augen), die volle Sehschärfe und eine kosmetisch befriedigende Stellung beider Augen zu erreichen. Beim Schielen bei Kindern versucht man dies zunächst mit folgenden konservativen Maßnahmen (d.h. ohne zu operieren):

  • durch eine Brille (um eine Fehlsichtigkeit zu korrigieren),
  • durch Fusionsschulung (d.h. Augentraining zum Zusammenführen von Doppelbildern) und
  • mit der sogenannten Okklusionsterapie (um die durch das Schielen bedingte Sehschwäche zu behandeln).

Die Okklusionsterapie besteht darin, abwechselnd jeweils ein Auge nach einem festgelegten Zeitplan mit einem Pflaster abzudecken: Dadurch ist auch das sehschwache Auge zum Sehen gezwungen. Mit diesem Augentraining können die Kinder ein gutes Sehen erlernen. Das Schielen bei Erwachsenen kann man mit einer auf ein Brillenglas aufgeklebten Mattfolie (zum sog. Prismenausgleich) behandeln: Der so veränderte Strahlengang verhindert Doppelbilder. Daneben kann auch schielenden Erwachsenen eine Fusionsschulung helfen.

Unter Umständen ist beim Schielen auch eine Operation der Augenmuskeln ratsam: Dies ist der Fall, wenn der Schielwinkel beim Begleitschielen so stark ausgeprägt ist, dass ein beidäugiges Sehen durch nicht-operative Maßnahmen nicht zu erreichen ist, oder wenn der Strabismus seelisch belastet und die Augen aus kosmetischen Gründen wieder parallel stehen sollen. Bei Kindern findet diese Schieloperation in der Regel unter Vollnarkose statt; bei Erwachsenen ist eine örtliche Betäubung möglich.

Beim Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus) richtet sich die Behandlung nach der zugrunde liegenden Ursache. Gelegentlich kann sich das durch gelähmte Augenmuskeln verursachte Schielen auch innerhalb der ersten Wochen oder Monate ohne Therapie zurückbilden. Nicht immer ist ein eindeutiger Auslöser für das Lähmungsschielen zu finden. Wenn das Schielen trotz ursächlicher Therapie nicht verschwindet, besteht – wie beim Begleitschielen – die Möglichkeit, es durch eine Prismenbrille (oder durch eine auf die vorhandene Brille aufgeklebte Prismenfolie) auszugleichen. Bleibt das Schielen über mindestens sechs Monate bestehen, ist es auch möglich, die betroffenen Augenmuskeln zu operieren.

Verlauf

Schielen (Strabismus) kann den Verlauf der Entwicklung des Sehvermögens in den ersten Lebensjahren stören: Ein kindliches Begleitschielen (Strabismus concomitans) kann ohne Gegenmaßnahmen zu einer Schwachsichtigkeit führen, die unbehandelt bereits im Schulalter meist nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Darum ist es gerade bei Kleinkindern wichtig, Schielen rechtzeitig zu behandeln!

Entsprechend gilt es, das Schielen schon im Vorschulalter zu erkennen: Die Prognose für gutes Stereosehen (d.h. für räumliches Sehen durch die zu einem Bild zusammengefügten Seheindrücke beider Augen) und für eine gute Sehschärfe ist umso besser, je früher die Behandlung des Strabismus beginnt. Ideal ist es, schon ein Schielen beim Baby im sechsten Lebensmonat zu behandeln. Die Behandlung einer schielbedingten Sehschwäche erstreckt sich bei Kindern bis etwa zum zwölften Lebensjahr.

Wenn Ärzte ein Schielen durch eine Operation beheben, kann sich danach die Augenstellung erneut ändern. Darum ist es beim Strabismus gelegentlich erforderlich, die Augenmuskeln im weiteren Verlauf mehrfach zu operieren.

Vorbeugen

Einem Schielen (Strabismus) können Sie nicht vorbeugen. Die Gegenmaßnahmen beschränken sich darauf, mögliche Folgen des Schielens zu verhindern: Ein Schielen bei Kleinkindern kann unbehandelt eine dauerhafte Sehschwäche (sog. Amblyopie) des ansonsten eigentlich gesunden Auges hervorrufen. Um einer Schielschwachsichtigkeit vorzubeugen, ist es also wichtig, ein Schielen beim Baby frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu behandeln.

Die Schwierigkeit hierbei ist: Der Strabismus ist meist so schwach ausgeprägt, dass die Kinder kaum oder gar nicht sichtbar schielen. Aber: Jeder Stellungsfehler der Augen kann unbehandelt eine Sehschwäche nach sich ziehen. Darum ist es äußerst wichtig, auch ein Kind ohne erkennbare Augenprobleme im Alter von 30 bis 42 Monaten unbedingt beim Augenarzt untersuchen zu lassen – unabhängig von den üblichen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder.