Das Bild zeigt eine Frau, die sich im Spiegel anschaut.
© Jupiterimages/PhotoDisc

Androgenisierung (Vermännlichung)

Unter dem Begriff Androgenisierung (Vermännlichung) versteht man alle Veränderungen bei einer Frau, die sich als Folge einer vermehrten Wirkung männlicher Hormone (den Androgenen) ausbilden.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Androgenisierung: Überblick

Eine Androgenisierung kann sich durch verschiedene Symptome bei einer Frau bemerkbar machen, wie zum Beispiel:

  • Die Körper- und Gesichtsbehaarung nimmt zu (Hirsutismus) – im Gesicht in Form eines mehr oder weniger stark ausgeprägten Bartes oder Oberlippenbartes.
  • Die Stimme wird tiefer.
  • Es kommt verstärkt zu "männlichem" Haarausfall, also z.B. Geheimratsecken oder kahler werdende Stellen am Hinterkopf.
  • Die Haut produziert mehr Talg. Dadurch glänzt die Gesichtshaut schneller und es bilden sich häufig Pickel.

Eine Androgenisierung kann verschiedene Ursachen haben:

  • funktionelle Störungen
  • hormonproduzierende Tumoren
  • Einnahme androgenhaltiger Präparate (wie Anabolika)

Um bei einer Androgenisierung die Diagnose zu stellen, befragt der Arzt die Betroffene als Erstes und untersucht sie dann körperlich. Außerdem bestimmt er die Hormonwerte im Blut. Auch bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) können zum Einsatz kommen.

Bei einer Androgenisierung gibt es verschiedene Therapie-Möglichkeiten. Welche Behandlung infrage kommt, hängt davon ab,

  • welche Ursache der Vermännlichung zugrunde liegt.
  • wie stark die Veränderungen bei der Frau ausgeprägt sind.
  • wie groß der persönliche Leidensdruck durch die Beschwerden ist.

Liegt zum Beispiel ein hormonproduzierender Tumor vor, wird dieser in der Regel operativ entfernt. Führen funktionelle Störungen zu den hormonellen Veränderungen, können bestimmte Wirkstoffe die Bildung oder die Wirkung der Androgene hemmen.

Meist handelt es sich bei einer Androgenisierung um länger andauernde Krankheitsverläufe – eine Therapie ist deshalb in der Regel über mehrere Jahre erforderlich.

Was ist Androgenisierung?

Der Begriff Androgenisierung (Vermännlichung) beschreibt Veränderungen bei der Frau, die durch eine verstärkte Wirkung von männlichen Hormonen (Androgenen) entstehen. Vermännlichende Effekte hingegen, die speziell die Geschlechtsorgane betreffen, bezeichnet man als Virilisierung (lat. virilis = männlich).

Androgene

Androgene sind männliche Geschlechtshormone. Zu ihnen zählen zum Beispiel die Hormone

Beide Hormone werden beim Mann von bestimmten Zellen im Hoden gebildet werden. Androgene sind beim Mann für die Ausbildung und Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verantwortlich. Zu den primären Geschlechtsmerkmalen gehören der Penis, die Hoden und der Hodensack, zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen unter anderem die tiefe Stimme und die typisch männliche Körperbehaarung. Neben der geschlechtsspezifischen Wirkung haben Androgene zudem einen eiweißaufbauenden Effekt (anabolischer Effekt), der sich auf das Muskelwachstum auswirkt. Sie beeinflussen außerdem das Knochenwachstum.

Androgene werden jedoch nicht nur beim Mann gebildet, auch die Frau produziert männliche Hormone – wenn auch in geringerem Maß. Der normale Testosterongehalt im Blut einer geschlechtsreifen Frau beträgt jedoch normalerweise nur etwa ein Zehntel des männlichen Testosterongehalts. Die Androgenproduktion erfolgt bei der Frau vor allem in der Nebennierenrinde und in geringerem Maße auch in den Eierstöcken. Liegt bei einer Frau eine Androgenisierung vor, bedeutet das,

  • dass der Testosterongehalt im Blut erhöht ist
  • oder die Zellen mancher Organe empfindlicher auf männliche Hormone reagieren.

Ursachen der Vermännlichung

Eine Androgenisierung (Vermännlichung) kann verschiedene Ursachen haben:

Funktionelle Störungen

Ist der Stoffwechsel der Androgene bei einer Frau gestört, kann dies die Konzentration der männlichen Hormone im Blut erhöhen beziehungsweise die Wirkung der Androgene verstärken, so etwa durch:

  • eine erhöhte Produktion von Androgenen oder von Hormonen, die in Androgene umgewandelt werden. Eine häufige Ursache für einen erhöhten Androgenspiegel ist das PCO-Syndrom.
  • eine Umwandlung von schwächer wirksamen Androgenen in stärker wirksame Androgene.
  • Bindungsprobleme bzw. einen Mangel an Trägereiweißen: Wichtigster Vertreter der Androgene ist bei der Frau das Testosteron. Im Blut liegt es meist an ein spezielles Trägereiweiß gebunden vor und ist deshalb inaktiv. Gibt es jedoch zu wenig Trägereiweiß oder kann das Trägereiweiß das Testosteron nicht richtig binden, ist das Angebot an freiem und damit aktivem Testosteron gesteigert.
  • Enzymstörungen: Am Androgenstoffwechsel sind viele Enzyme beteiligt. Ein Mangel oder Defekt bestimmter Enzyme kann dazu führen, dass die männlichen Hormone nicht richtig abgebaut werden oder stärker wirken und es dadurch zu einer Androgenisierung kommt. Diese Enzymstörungen können angeboren oder erworben sein und können sich vor der Geburt, nach der Geburt oder auch erst nach der Pubertät auswirken. Die wichtigsten Enzymstörungen treten beim adrenogenitalen Syndrom auf.
  • höhere Empfindlichkeit für Androgene: In manchen Fällen tritt eine Vermännlichung auf, obwohl die Androgenkonzentration im Blut normal ist. Hier liegt die Ursache in einer gesteigerten Empfindlichkeit der Zielorgane gegenüber den Androgenen.

Funktionelle Störungen zählen zu den häufigsten Ursachen einer Androgenisierung.

Tumoren als Ursache

Androgenproduzierende Tumoren sind eher selten die Ursache für eine Vermännlichung.

Tumoren an Eierstöcken oder Nebennieren

Bei der Frau erfolgt die Freisetzung von männlichen Hormonen (Androgenen) aus Zellen der Eierstöcke und der Nebennieren. Sitzen hier Tumoren produzieren diese unter Umständen selber Androgene. Auf diese Weise erhöht sich die Androgenproduktion insgesamt und kann so zu mehr männlichen Hormonen im Blut führen.

Tumoren der Hypophyse

Eine spezielle Region des Gehirns steuert bei der Frau die Androgenproduktion: die sogenannte Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Diese Gehirnregion setzt bestimmte Hormone frei – wie zum Beispiel das adrenokortikotrope Hormon (ACTH) –, die den androgenproduzierenden Organen signalisieren, mehr männliche Hormone zu produzieren. Tumoren an der Hypophyse können zum Beispiel eine verstärkte ACTH-Ausschüttung zur Folge haben (etwa im Rahmen eines Cushing-Syndroms) und so die Nebennieren oder die Eierstöcke dazu anregen, vermehrt Androgene zu bilden.

Anabolika

Ein erhöhtes Angebot an Androgenen kann auch entstehen, wenn androgenhaltige Hormonpräparate (Anabolika) eingenommen werden.

Wie macht sich eine Androgenisierung bemerkbar?

Eine Androgenisierung (Vermännlichung) wirkt sich vorwiegend auf die körperlichen Merkmale der Frau aus.

Durch den verstärkten Einfluss männlicher Hormone (Androgene) können bei Frauen verschiedene, unterschiedlich starke Symptome auftreten, wie zum Beispiel:

Verstärkte Behaarung (Hirsutismus)

Durch die männlichen Hormone nimmt bei der Frau die Körper- und Gesichtsbehaarung zu und verändert sich zu einem männlichen Behaarungstyp (Hirsutismus). Im Gesicht erscheinen dann möglicherweise vermehrt Barthaare oder ein Oberlippenbart, während es am Körper zum Beispiel zu mehr Brustbehaarung kommen kann. Dabei wachsen nicht vorrangig neue Haare, sondern das normalerweise unauffällige, feine Flaumhaar wandelt sich in das dickere und längere Terminalhaar um, das häufig auch dunkler ist.

Sichtbarer Haarausfall (Alopezie)

Bei einer Vermännlichung kann bei Frauen verstärkt Haarausfall auftreten – aber in einem für Männer typischen Haarausfallmuster (androgenetische Alopezie ), wie Geheimratsecken und lichteren Stellen am Hinterkopf.

Akne / Pickel

Durch die Einflüsse der männlichen Hormone sondern die Talgdrüsen der Haut mehr Talg ab. Häufig kommt es dabei auch zu einer Akne. Akne ist eine hormonabhängige Erkrankung der Haut, bei der sich Pickel, Knötchen oder Abszesse bilden. Sie kann vielfältige Ursachen haben. Sowohl die Menge als auch die Qualität des Talgdrüsensekrets werden von verschiedenen Hormonen gesteuert – darunter auch die Androgene.

Virilisierung

Auch eine sogenannte Virilisierung ist möglich – darunter versteht man eine hormonell verursachte Veränderung in Richtung männlicher Geschlechtsmerkmale, wie:

  • vergrößerte Klitoris: Die Klitoris ist das erektile Sexualorgan der Frau. Liegt eine Androgenisierung vor, kann sich die Klitoris unter dem verstärkten Einfluss von Androgenen vergrößern (Klitorishypertrophie).
  • tiefere Stimme: Wenn Androgene bei der Frau verstärkt auf Kehlkopf und Stimmbänder einwirken, kann die Stimme tiefer werden.
  • mehr Muskelmasse: Als Folge einer Androgenisierung kann bei Frauen die Muskelmasse zunehmen.

Aggressionen / sexuelles Verlangen

Als weitere Symptome einer Vermännlichung treten bei Frauen möglicherweise stärkere Aggressionen und ein ausgeprägteres sexuelles Verlangen (gesteigerte Libido) auf.

Defeminisierung

Bei einer Vermännlichung können sich infolge der verstärkten Androgenwirkung außerdem weibliche Geschlechtsmerkmale zurückbilden (sog. Defeminisierung), wie etwa:

Psychische Belastung:
Auch wenn die Veränderungen durch die Androgenisierung oft nur mild ausfallen – z.B. in Form eines leichten Oberlippenbartes oder leicht verstärktem Haarausfall – ist der dadurch hervorgerufene Leidensdruck für die Betroffenen oft sehr groß. Eine Vermännlichung wirkt sich auf das (weibliche) Erscheinungsbild der Frau aus und ruft kosmetische Probleme hervor, die auch bei nur leichten Symptomen das persönliche Wohlbefinden stark beeinträchtigen können.

Diagnose der Androgenisierung

Um bei einer Androgenisierung (Vermännlichung) die Diagnose zu stellen, befragt der Arzt die Betroffene und untersucht sie körperlich. Dabei erfasst und dokumentiert er die Veränderungen, die durch die Androgenisierung auftreten und erhält erste Hinweise auf die mögliche Ursache.

Um die genaue Ursache der Vermännlichung zu finden, sind Laborwerte nötig. Mithilfe von Blutuntersuchungen bestimmt man die Konzentration verschiedener Hormone, wie zum Beispiel:

  • Testosteron
  • DHEAS (Dehydroepiandrosteronsulfat)
  • Hypophysen- oder Nebennierenrindenhormone

Außerdem gibt es verschiedene Funktionstests, die dabei helfen können, die Ursache der Androgenisierung aufzuspüren. Die Tests geben Hinweise darauf, wie die Zielorgane der Androgene und die hormonellen Steuerungskreise funktionieren. Zu diesen Funktionstests gehören:

  • der Metopiron-Test,
  • der Dexamethason-Test oder
  • der ACTH-Test (ACTH = adrenokortikotropes Hormon).

Je nach vermuteter Ursache können auch bildgebende Verfahren zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel:

Lässt sich mithilfe dieser Methoden nicht eindeutig klären, ob ein androgenproduzierender Tumor die Ursache der Vermännlichung ist, kann die gezielte Bestimmung der Androgenkonzentration aus dem Venenblut der Nebennieren oder Eierstöcke weiterhelfen (sog. Venenkatheterisierung).

Nur in seltenen Fällen kann erst eine Szintigraphie mit speziellen Markern oder eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) den Verdacht auf einen Tumor bestätigen beziehungsweise ausschließen.

Behandlung der Androgenisierung

Ursächliche Therapie

Um bei einer Androgenisierung (Vermännlichung) eine geeignete Therapie durchzuführen, ist es wichtig, die genaue Ursache zu kennen. Ist die Ursache beispielsweise ein hormonproduzierender Tumor, sollte dieser operativ entfernt werden. Beruht die Vermännlichung auf androgen beziehungsweise anabol wirkenden Aufbaupräparaten (Anabolika), sind diese abzusetzen.

Behandlung der Symptome

Hormontherapie

Eine ursächliche Therapie der Vermännlichung ist nicht immer möglich, zum Beispiel wenn die Ursache ein Enzymdefekt oder eine verstärkte Empfindlichkeit der Organe gegenüber männlichen Hormonen (Androgenen) ist. In diesen Fällen behandelt man die Symptome der Vermännlichung meist mit einer Hormontherapie. Dabei kommen Wirkstoffe zum Einsatz, welche die Bildung und die Wirkung der Androgene unterdrückt (sog. Antiandrogene).

Antiandrogene beeinflussen die Bildung der männlichen Hormone, indem sie zum Beispiel die Steuerungshormone in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) hemmen oder die Bildung von Androgenen direkt in den Eierstöcken unterdrücken. Einige Wirkstoffe (z.B. Cyproteron) verringern dagegen die Wirkung der Androgene am Zielorgan. Der Wirkstoff Spironolacton wiederum kann die Androgenbildung in der Nebenniere unterdrücken.

Oft setzt man auch Wirkstoffe ein, die vor allem in hormonellen Verhütungsmitteln (wie der Antibabypille) eingesetzt werden – sie sollen das Angebot an weiblichen Sexualhormonen erhöhen und so die vermännlichende Wirkung der Androgene verringern.

Ohne Hormonpräparate

Je nach Schweregrad der Vermännlichung kann man versuchen, die Beschwerden ohne Hormonpräparate zu lindern. Dies gelingt unter Umständen bei Vermännlichungserscheinungen an Haut und Haaren. Bei einer verstärkten Behaarung (Hirsutismus) im Zuge der Androgenisierung gibt es unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten, die Haare zu entfernen oder unauffälliger zu machen, wie zum Beispiel:

  • Bleichen (z.B. bei nur leichtem Oberlippenbart)
  • Rasur (der sichtbare Teil des Haars wird kurz über der Haut abgeschnitten)
  • Epilation ("Auszupfen" des Haars mit Wurzel)
  • chemische Depilation (der sichtbare Teil des Haar wird kurz über der Haut mithilfe chemischer Substanzen abgetrennt, z.B. mit Enthaarungscreme)

Diese Methoden wirken jedoch nur kurzfristig und müssen alle paar Tage oder Wochen wiederholt werden.

Daneben gibt es auch die Möglichkeit, die Behaarung vorübergehend zu verringern beziehungsweise das Haarwachstum zu hemmen:

  • Dermatologika (wie z.B. der Wirkstoff Eflornithin) werden auf die behaarte Haut aufgetragen, wirken lokal auf die dortigen Haarfollikel ein und verlangsamen den Haarwuchs. Diese Methode eignet sich jedoch hauptsächlich für Flaumhaar.
  • Tiefenenergie-Blitzlampen gibt es für den Heimgebrauch und können ebenfalls das Haarwachstum hemmen.

Eine dauerhafte bis permanente Möglichkeit der Haarentfernung bieten Methoden, welche die Haarwurzel zerstören, wie:

  • Elektrolyse
  • Hochenergie-Blitzlampen
  • Laser

Haarausfall

Bei hormonell bedingtem Haarausfall (androgenetische Alopezie) können Haarwässer mit dem Wirkstoff Minoxidil oder Alfatradiol zum Einsatz kommen. Beide Wirkstoffe hemmen den Haarausfall.

Akne

Bei der Therapie von Akne lassen sich verschiedene Präparate einsetzen, welche die Talgproduktion verringern und entzündungshemmend wirken, wie zum Beispiel:

Androgenisierung: Verlauf

Ist es möglich, die Ursache der Androgenisierung (Vermännlichung) zu behandeln, bilden sich die körperlichen Veränderungen in der Regel zurück beziehungsweise bessern sich.

Falls die eigentliche Ursache der Vermännlichungen nicht behandelbar ist (z.B. im Rahmen funktioneller Störungen), erfordert dies oft eine dauerhafte Behandlung mit Medikamenten. Sofern die Medikamente regelmäßig beziehungsweise nach Vorschrift eingenommen werden, nehmen die Beschwerden in der Regel ab. Bei Therapieabbruch oder Einnahmefehlern können die Symptome jedoch erneut auftreten.

Vermännlichung vorbeugen

Einer Androgenisierung lässt sich nicht im eigentlichen Sinne vorbeugen. Als Frau sollte man auf die Einnahme von androgen wirkenden Präparaten verzichten, da diese zu einer Vermännlichung führen können. Das gilt insbesondere für Präparate zum Aufbau von Muskelmasse (Anabolika, Dopingmittel).