Das Bild zeigt ein Mädchen im Bett, das sich erschreckt.
© iStock

Nachtschreck (Pavor nocturnus) bei Kindern

Der sogenannte Nachtschreck (Pavor nocturnus) bei Kindern sieht schlimmer aus, als er ist: Wenn ein Kind plötzlich voller Panik und mit einem lauten Schrei aus dem Tiefschlaf hochschreckt, sind die Eltern in der Regel sehr beunruhigt, was da mit ihrem Sprössling vor sich geht. Das Kind ist jedoch, obwohl seine verängstigten Augen weit aufgerissen sind, nicht richtig wach – und hat am nächsten Morgen meist alles vergessen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Allgemeines

Der Nachtschreck (lat. Pavor nocturnus = nächtliche Angst) ist eine Schlafstörung bei Kindern, die zu den sogenannten Parasomnien zählt. Als Parasomnie bezeichnet man Auffälligkeiten während des Schlafs, die den Schlaf und die Erholsamkeit nicht direkt beeinträchtigen. Neben dem Nachtschreck gehört beispielsweise auch das Schlafwandeln zu den Parasomnien.

Im Allgemeinen tritt der Nachtschreck bei Kleinkindern auf – besonders zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr. Seltener ist der Nachtschreck schon beim Baby zu beobachten. Insgesamt sind bis zu 20 Prozent aller Kinder schon einmal aus dem Schlaf aufgeschreckt. Allerdings kommt der Nachtschreck bei den meisten Kindern nur vereinzelt vor: Weniger als 1 Prozent der Kinder schreckt mehr als einmal pro Woche aus dem Schlaf hoch. In seltenen Fällen kann der Pavor nocturnus auch Erwachsene treffen.

Wie äußert sich ein Nachtschreck bei Kindern?

Oft beginnt der Nachtschreck mit einem angstvollen Schreien oder Weinen: Das Kind befindet sich im Tiefschlaf und schreckt ganz plötzlich in Panik hoch – oft verschwitzt und mit schneller schlagendem Herz. Es hat keine Orientierung und ist nicht ansprechbar, obwohl die Augen weit geöffnet sind. Es sitzt aufrecht im Bett, manchmal springt es aber auch auf oder schlägt um sich. Andere Personen erkennt das Kind in der Regel nicht. Nach 5 bis 15 Minuten ist der Spuk vorbei – und das Kind schläft normal weiter.

Meist tritt der Nachtschreck in der ersten Nachthälfte auf, oft schon eine Stunde nach dem Einschlafen. Nur selten zeigt sich ein Pavor nocturnus mehrmals pro Nacht.

Der Nachtschreck hat viele Namen. Manche Menschen kennen den Pavor nocturnus auch als:

  • Nachtangst,
  • nächtliches Aufschrecken,
  • Schlafangst oder
  • (auf Englisch) night terror oder sleep terror.

Dabei ist der Nachtschreck wohl vor allem ein Schreck für Außenstehende, die solche Schlafstörungen nicht kennen: Wenn jemand gerade scheinbar erwacht und ohne ersichtlichen Grund vor Angst außer sich ist, ist dieser Anblick zunächst bedrohlich. Die Betroffenen selbst können sich später hingegen nicht oder nur sehr vage an das nächtliche Vorkommnis erinnern. Nur gelegentlich bleiben einzelne Traumbilder im Gedächtnis – zum Beispiel eine herabstürzende Wand oder ein Angreifer. Wenn man eine Person während des Pavor nocturnus weckt, ist sie verwirrt und desorientiert.

Fast immer ist der Nachtschreck bei Kindern ein vorübergehendes, harmloses Phänomen. Nur wenn der Pavor nocturnus sehr ausgeprägt oder häufig vorkommt, ist eine Behandlung oder eine weiterführende Untersuchung notwendig. In bis zu 50 Prozent der Fälle kann es nach einem Anfall zum Schlafwandeln kommen – auch an das Schlafwandeln kann sich das Kind im Nachhinein nicht mehr erinnern.

Ein gelegentlicher Nachtschreck (seltener als 1 Mal pro Woche) bei Kleinkindern ist kein Grund zur Beunruhigung: Meist legen sich die Pavor-nocturnus-Anfälle im Laufe der Zeit von selbst.

Was sind die Ursachen?

Woher kommt der Nachtschreck (Pavor nocturnus)? Viele Eltern, deren Kinder nachts aus dem Schlaf aufschrecken, sind zunächst beunruhigt: Das Phänomen des Nachtschrecks kann durchaus ernste Ursachen vermuten lassen – obwohl das in der Regel nicht so ist.

Medizinisch gesehen wird der Nachtschreck zwar unter den psychischen Störungen klassifiziert, mit einer psychiatrischen Erkrankung hat der Nachtschreck jedoch nichts zu tun – ebenso wenig wie mit falscher Erziehung.

Worin genau der Nachtschreck seine Ursachen hat, ist allerdings noch unklar. Zum plötzlichen, angstvollen Aufschrecken kommt es, wenn der Wechsel vom Tiefschlaf in den Traumschlaf gestört und das Nervensystem quasi übererregt ist. Vermutlich spielen bei der Entstehung des Nachtschrecks bestimmte Reifungsprozesse im zentralen Nervensystem eine Rolle: Nachtschreck bei Kindern gilt als Phänomen, das aufgrund des noch nicht voll entwickelten Nervensystems auftreten kann. Beim Kind gibt sich der Pavor nocturnus entsprechend meistens von selbst.

Wenn der Pavor nocturnus Erwachsene betrifft, sind in deren Schlaf oft außergewöhnlich viele Tiefschlafphasen zu finden: Dies deutet möglicherweise auf eine familiäre Veranlagung für den Nachtschreck hin.

Es ist davon auszugehen, dass bestimmte Faktoren den Nachtschreck auslösen beziehungsweise begünstigen. Hierzu zählen neben der familiären Veranlagung auch körperlicher und psychischer Stress (sog. Stress-Veranlagungs-Modell). Mögliche Stressfaktoren, die den Pavor nocturnus begünstigen, sind etwa:

  • zu wenig Schlaf, Schlafentzug
  • extreme Belastungen
  • Fieber
  • Medikamente
  • Schlafen in einer fremden Umgebung
  • besondere Ereignisse (wie z.B. die Einschulung)

So kann eine Nacht ohne Schlaf dazu führen, dass das Kind in der darauf folgenden Nacht zu vermehrtem Tiefschlaf neigt. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit für den Nachtschreck, da dieser in der Tiefschlafphase stattfindet.

Wann zum Arzt?

Ein gelegentlicher Nachtschreck (Pavor nocturnus) bei Kindern ist zunächst kein Grund zur Beunruhigung.

Wenn es auch noch im sechsten oder siebten Lebensjahr häufig zum Nachtschreck kommt oder wenn Ihr Kind sehr oft (mehr als 1 Mal pro Woche) aus dem Tiefschlaf aufschreckt, sollten Sie jedoch sicherheitshalber den Arzt aufsuchen.

Es ist nicht immer leicht, einen Nachtschreck von anderen Schlafstörungen wie zum Beispiel Albträumen zu unterscheiden. Auch bestimmte Erkrankungen (z.B. Epilepsie) können sich ähnlich äußern wie der Pavor nocturnus. Daher ist es bei häufiger auftretenden Episoden wichtig, dass ein Arzt diese genauer untersucht – am besten in einem Schlaflabor.

Um festzustellen, ob es sich wirklich um Nachtschreck handelt, kann der Arzt beispielsweise Fragen stellen wie:

  • Wann genau in der Nacht zeigen sich die Symptome? (Typisch für den Nachtschreck ist das Aufschrecken aus dem Schlaf in der ersten Nachthälfte.)
  • Wie verhält sich das Kind?
  • Kann es sich nach dem Aufwachen an die Ereignisse oder an einen Traum erinnern? (Dies würde eher gegen Nachtschreck sprechen.)
  • Wie oft tritt das nächtliche Aufschrecken auf?
  • Liegen andere Erkrankungen vor, z.B. eine Epilepsie?

Da vom Nachtschreck bei den betroffenen Kindern keine oder nur wenig Erinnerungen zurückbleiben, können vor allem Außenstehende dem Arzt wichtige Hinweise auf die nächtlichen Phänomene geben – zum Beispiel die Eltern.

Nur in seltenen Fällen macht der Nachtschreck eine intensivere Therapie notwendig. Dabei bieten sich psychotherapeutische Maßnahmen an – etwa, um Stress zu verringern, der die Anfälle begünstigt. Besonders wenn der Pavor nocturnus Jugendliche oder Erwachsene heimsucht, kann eine Psychotherapie helfen.

Tipps bei Nachtschreck

Schreckt ein Kind regelmäßig aus dem Schlaf hoch, ist dies vor allem für die Eltern belastend. Zu wissen, was Nachtschreck (Pavor nocturnus) genau ist und dass es sich dabei meist um ein harmloses Phänomen handelt, bedeutet für die Erziehungsberechtigten darum eine große Erleichterung.

Wer nun noch ein paar einfache Tipps beherzigt, um auslösende Faktoren zu minimieren, kann den Nachtschreck oft verhindern oder zumindest die Anzahl der Anfälle verringern.

Tipps bei Nachtschreck:

  • Informieren Sie sich! Wenn Eltern über Nachtschreck Bescheid wissen, verliert das bizarre Verhalten des Kindes rasch seinen Schrecken.
  • Achten Sie auf eine gesunde Schlafhygiene! Zur Schlafhygiene gehören regelmäßige Bettzeiten und Einschlafrituale. Zudem sollte das Kind immer ausreichend Schlaf bekommen. Viel Bewegung an der frischen Luft fördert den Schlaf!
  • Helfen Sie Ihrem Kind, sich zu entspannen! Entspannung kann die Häufigkeit von Nachtschreck senken. Bereits für Kinder ab sechs Jahren sind spezielle Entspannungstechniken geeignet, die dem autogenen Training ähneln. Am besten ist es, diese Methoden regelmäßig vor dem Zubettgehen im Sitzen anzuwenden, damit das Kind nicht einschläft.
  • Sorgen Sie für eine sichere Schlafumgebung! Dies gilt auch, wenn Kinder sich nur selten während eines Nachtschreck-Anfalls verletzen.
  • Informieren Sie auch andere Personen! Wenn Ihr Kind beispielsweise woanders übernachten möchte, ist es wichtig, dass die jeweiligen Betreuungspersonen Bescheid wissen.
  • Beunruhigen Sie Ihr Kind nicht! In den meisten Fällen kann sich Ihr Sprössling nach dem Aufwachen an nichts mehr erinnern. Es ist nicht notwendig, ihm von den nächtlichen Ereignissen zu berichten – dies könnte dazu führen, dass das Kind Angst vor dem Einschlafen bekommt.

Nicht wecken!

Ein weiterer wichtiger Tipp zum Nachtschreck bei Kindern lautet: Starten Sie keine massiven Weckversuche – es sei denn, Ihr Sprössling gefährdet sich selbst! Plötzliches Wecken könnte dazu führen, dass das Kind verwirrt ist, aggressiv oder ängstlich reagiert und nur schwer wieder einschläft. Sorgen Sie nur dafür, dass sich Ihr Kind nicht verletzen kann, und warten Sie, bis es wieder normal weiterschläft. Sie können während des Pavor nocturnus leise und beruhigend auf Ihr Kind einreden und versuchen, es gegebenenfalls ins Bett zu führen.

Nachtschreck bei Erwachsenen

Der Nachtschreck (Pavor nocturnus) sucht Erwachsene nur selten heim: Nach Schätzungen kommt ein behandlungsbedürftiger Nachtschreck bei weniger als einem von hundert Erwachsenen vor. Wer im Erwachsenenalter öfter aus dem Schlaf hochschreckt, sollte sich aber sicherheitshalber im Schlaflabor untersuchen lassen, um andere Erkrankungen (wie etwa eine Epilepsie) auszuschließen.

Auch wenn der Nachtschreck harmlos ist, erleben Erwachsene ihn oft als sehr belastend – selbst, wenn die Anfälle nur ein- oder zweimal im Monat auftreten. Viele haben Angst, bei einer Übernachtung in fremder Umgebung unangenehm aufzufallen – etwa durch den lauten Schrei, mit dem der Pavor nocturnus häufig einhergeht.

Achten Sie auf …

  • … eine sichere Schlafumgebung: Während Kinder sich während des Schlafs nur selten verletzen, kann dies bei Erwachsenen eher vorkommen, wenn sie anschließend schlafwandeln. So neigen manche Erwachsene dazu, nach dem Aufwachen die Wohnung zu verlassen oder aus der Panik heraus zu handeln. Oft reicht es schon aus, den Wohnungsschlüssel an einem weiter entfernten Ort zu platzieren, um vorzubeugen.
  • … ausreichend Entspannung: Für Erwachsene mit Nachtschreck sind Techniken wie autogenes Training oder die progressive Muskelentspannung empfehlenswert.
  • … feste Schlafenszeiten: Regelmäßiger Schlaf kann dem Nachtschreck entgegenwirken. Durchwachte Nächte oder übermäßiger Alkoholkonsum hingegen können den Pavor nocturnus eher fördern.

Beim Nachtschreck kann für Erwachsene auch das sogenannte antizipatorische (= vorwegnehmende) Wecken hilfreich sein: Bitten Sie hierzu zunächst jemanden, zu notieren, zu welchen Uhrzeiten der Pavor nocturnus auftritt. In Zukunft lassen Sie sich dann etwa 15 bis 30 Minuten vor dem erwarteten Anfall wecken, nach einigen Minuten können Sie dann weiterschlafen.

Tritt der Nachtschreck trotz dieser Maßnahmen weiterhin auf, kann eine Psychotherapie für Sie sinnvoll sein – zum Beispiel eine Verhaltenstherapie: Dabei lernen Sie etwa, mit Stresssituationen und den damit verbundenen Verhaltensweisen und Gedanken gelassener umzugehen. Nur in Einzelfällen verschreibt der Arzt Medikamente, um den Pavor nocturnus bei Erwachsenen zu behandeln.