Ein Arzt untersucht eine Frau mit dem Stethoskop am Bauch.
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Münchhausen-Syndrom: Vorsätzlich krank

Menschen mit Münchhausen-Syndrom täuschen gezielt Krankheiten vor, um eine medizinische Behandlung zu erhalten – oder sie erzeugen Beschwerden selbst, indem sie ihrem Körper selbstständig Schaden zufügen. Vor unnötigen Untersuchungen, Therapien und sogar Operationen schrecken die Betroffenen nicht zurück. Lesen Sie mehr über die Ursachen der seelischen Störung.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zum Münchhausen-Syndrom

Beim Münchhausen-Syndrom täuschen Menschen absichtlich Erkrankungen vor oder fügen sich eigenständig Verletzungen zu, um eine medizinische Behandlung zu erhalten. Die sogenannte artifizielle Störung wirft bislang noch viele Fragen auf und gilt als schwer zu therapieren. 

Menschen mit Münchhausen-Syndrom begeben sich auffällig häufig in ärztliche Behandlung – typischerweise stellen sie sich bei zahlreichen Krankenhäusern und Arztpraxen mit jeweils verschiedenen Leiden vor. Betroffene neigen dazu, ihre Krankheitsgeschichte auszuschmücken und zu dramatisieren, sich selbst körperliche Schäden zuzufügen und keine beständigen Sozialkontakte zu pflegen.  

Beim Münchhausen-Syndrom werden Leiden bewusst vorgetäuscht. Die Betroffenen sind sich also darüber im Klaren, dass sie sich ihre Beschwerden entweder ausgedacht oder selbst ausgelöst haben. Entsprechend versuchen Erkrankte alles, um dies zu verschleiern. Mitunter können Betroffene sich aber so in ihre Geschichten hineinsteigern, dass sie nicht mehr zwischen Fantasie und Wirklichkeit unterscheiden können.  

Fachleute tappen bislang noch im Dunkeln. Sie vermuten aber, dass verschiedene Faktoren zur Entwicklung des Münchhausen-Syndroms beitragen können: Traumata in der Kindheit, Persönlichkeitsstörungen, fehlende Zuwendung und das Bedürfnis, innere Spannungen abzubauen. 

Das Münchhausen-Syndrom bedarf einer intensiven Therapie. Helfen kann etwa eine Psychotherapie oder Verhaltenstherapie. Betroffene hiervon zu überzeugen, ist erfahrungsgemäß jedoch schwierig: Erkrankte blocken in der Regel ab und wechseln die Arztpraxis, sobald die seelische Störung thematisiert wird. 

Was ist das Münchhausen-Syndrom?

Das Münchhausen-Syndrom ist eine seelische Störung, die auch als

  • artifizielle Störung,
  • vorgetäuschte
  • oder selbstmanipulierte Störung

bezeichnet wird. Personen, die am Münchhausen-Syndrom leiden, tun nahezu alles dafür, um in medizinische Behandlung zu kommen. Sie geben zum Beispiel vor, starke Bauchschmerzen zu haben und erzählen der*dem Ärztin*Arzt eine abenteuerliche Geschichte über den Verlauf ihrer vermeintlichen Erkrankung. Andere Betroffene schneiden sich absichtlich mit dem Messer, um danach die Ambulanz aufzusuchen. Wieder andere haben eine Erkältung mit leichtem Husten – behaupten jedoch in der Notaufnahme, an starker Atemnot zu leiden und gleich zu ersticken.

Selbst, wenn die Untersuchungsergebnisse ohne Befund geblieben sind, beharren Menschen mit dieser Erkrankung weiter darauf, dass sie einer Behandlung bedürfen. Mitunter wirken sie dabei so überzeugend, dass sie operiert werden – doch in Wahrheit sind sie körperlich gesund und der Eingriff ist aus medizinischer Sicht überflüssig.

Wie oft das Münchhausen-Syndrom vorkommt, ist nicht genau bekannt. Allerdings kann schon ein einzelner Fall weite Kreise ziehen: So kann ein*e Patient*in unter Umständen mehrere hundert Krankenhausbehandlungen beanspruchen, ohne körperlich krank zu sein.

Simulieren Betroffene des Münchhausen-Syndroms?

Häufig wird Personen mit Münchhausen-Syndrom nachgesagt, dass sie simulieren. Streng genommen stimmt das nicht. Wer simuliert, ist in der Regel psychisch gesund und verfolgt mit seiner Täuschung ein bestimmtes Ziel – etwa die Absicht, Rente zu erhalten. Dagegen liegt beim Menschen mit Münchhausen-Syndrom eine psychische Störung mit zwanghaftem Charakter vor – er verspürt einen starken Drang, sich in medizinische Obhut zu begeben und dadurch Aufmerksamkeit zu bekommen.

Das Münchhausen-Syndrom ist keine Hypochondrie

Auch von einer hypochondrischen Störung (Hypochondrie) ist das Münchhausen-Syndrom abzugrenzen. Denn Hypochonder*innen sind ernsthaft davon überzeugt, krank zu sein. Auch sie drängen zwar auf Untersuchungen – jedoch nicht, um durch die medizinische Obhut Zuwendung zu erfahren, sondern aus Angst, erkrankt zu sein und nicht rechtzeitig behandelt zu werden.

Woher kommt der Name Münchhausen-Syndrom?

Das Münchhausen-Syndrom ist nach einem deutschen Adeligen benannt – nach dem Baron Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720–1779), dem zahlreiche Lügengeschichten zugeschrieben werden und der als „Lügenbaron“ legendär wurde.

Eine Sonderform ist das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, auch Münchhausen-by-proxy-Snydrom genannt: Dabei fügt ein Elternteil – meist die Mutter – seinem Kind absichtlich Schaden zu oder täuscht bei ihm eine Erkrankung vor, um medizinische Untersuchungen und Behandlungen zu erzwingen.

Münchhausen-Syndrom: Ursachen

Die genauen Ursachen des Münchhausen-Syndroms sind unbekannt. Es gibt mehrere Theorien darüber, welche Faktoren die seelische Erkrankung begünstigen:

  • Viele der Betroffenen sind beispielsweise unter psychisch belastenden Bedingungen aufgewachsen oder sie haben in ihrer Vergangenheit ein Trauma erlitten, was sie manchmal durch ihre Handlungen neu in Szene setzen.
  • Auch leiden sie häufig an Persönlichkeitsstörungen (z. B. am Borderline-Syndrom, an einer narzisstischen oder dissozialen Persönlichkeitsstörung) oder weisen unreife Persönlichkeitszüge auf.
  • Möglicherweise streben die Betroffenen nach Zuwendung, die ihnen sonst fehlt, die durch die medizinische Betreuung aber plötzlich möglich ist.
  • Ein weiterer Grund: Betroffene versuchen durch ihr Handeln, innere Spannungen abzubauen.

Typische Symptome des Münchhausen-Syndroms

Das Münchhausen-Syndrom zählt zu den sogenannten artifiziellen Störungen (artifiziell = künstlich). Diese zeichnet sich dadurch aus, dass eine Person

  • vortäuscht, körperlich oder psychisch krank zu sein und/oder
  • bestehende Beschwerden beim Arztbesuch übertrieben darstellt und/oder
  • eine Krankheit bewusst künstlich herbeiführt.

Das Münchhausen-Syndrom ist eine ausgeprägte Form der artifiziellen Störung. Zusätzlich zu deren typischen Symptomen kommen beim Münchhausen-Syndrom weitere Merkmale hinzu:

Die Betroffenen neigen zu Lügengeschichten und vermischen Wahrheit und Lüge miteinander, oft schildern sie ihre Krankengeschichte übertrieben dramatisch und bizarr und können dabei nicht mehr zwischen Realität und Erfundenem unterscheiden (sog. Pseudologia phantastica).

  • Typischerweise wechseln die Patient*innen von Krankenhaus zu Krankenhaus, um nicht aufzufallen, oder sie suchen nach kurzer Zeit eine andere Arztpraxis auf. Insbesondere, wenn ein*e Mediziner*in die Möglichkeit einer psychischen Erkrankung anspricht, brechen die Betroffenen die Behandlung ab.
  • Beziehungen werden wiederholt abgebrochen, soziale Kontakte immer wieder aufgegeben, Krankenhäuser und Ärztinnen*Ärzte häufig gewechselt, wozu viele Patient*innen exzessiv reisen. Auch kann es vorkommen, dass sie unter verschiedenen Namen auftreten oder neue Lebensläufe angeben.
  • Die Betroffenen verspüren ein starkes Verlangen, sich immer wieder in ärztliche Behandlung zu begeben und die Krankenrolle einzunehmen.

Münchhausen-Syndrom: Beispiele für selbstschädigendes Verhalten

Menschen mit Münchhausen-Syndrom fügen sich auf unterschiedliche Weise Schaden zu beziehungsweise täuschen diesen vor, wie folgende Beispiele verdeutlichen:

  • Sie spritzen sich infektiöse Substanzen unter die Haut, damit Abszesse entstehen.
  • Sie täuschen heftige Schmerzen vor und erfinden dazu eine besonders dramatische Geschichte.
  • Sie fügen sich Schnitt- und Schürfwunden zu. Die Selbstverletzung wird bewusst herbeigeführt, um medizinisch versorgt zu werden und ist nicht mit anderen Erkrankungen wie etwa dem Borderline-Syndrom zu verwechseln. Bei Borderline dient die Selbstverletzung zum Beispiel dazu, ein Verlassenwerden zu vermeiden oder sich selbst wieder zu spüren.
  • Sie verabreichen sich Insulin spritzen, sodass eine Unterzuckerung entsteht.
  • Sie drängen auf aufwendige Untersuchungsverfahren.
  • Sie fordern immer wieder Operationen, die eigentlich nicht notwendig sind.

Münchhausen-Syndrom: Diagnose

Das Münchhausen-Syndrom zu diagnostizieren, ist in der Regel schwierig: Betroffene möchten in der Regel nicht, dass die seelische Störung auffällt, und tun alles, um den wahren Grund ihrer Besuche in ärztlichen Praxen zu verschleiern.

Zunächst wird die*der Ärztin*Arzt ausschließen, dass organische Erkrankungen vorliegen. Eine gründliche körperliche Untersuchung ist zudem wichtig, um mögliche Folgeschäden zu behandeln – Schäden, die sich die Person selbst zugefügt hat.

Wichtig: Eine ausführliche Anamnese

Um die Diagnose Münchhausen-Syndrom zu sichern, ist zunächst eine ausführliche Anamnese wichtig. So können Mediziner*innen etwa Fragen zur Krankheitsgeschichte stellen. Fällt auf, dass die*der Betroffene mit häufig wechselnden Erkrankungen in Behandlung war und häufig die ärztliche Praxis gewechselt hat, kann das bereits ein Hinweis auf das Münchhausen-Syndrom sein. Auch eine auffallende medizinische Expertise und die Kenntnis vieler Fachbegriffe kann ein weiteres Anzeichen auf die seelische Erkrankung sein.

Darüber hinaus können sich Psycholog*innen und/oder Psychiater*innen beispielsweise durch ausführliche Gespräche mit Betroffenen ein Bild machen. Das kann zum Beispiel mithilfe von Fragebögen zur Persönlichkeit und durch eine ausgiebige Verhaltensbeobachtung geschehen.

Münchhausen-Syndrom: Intensive Therapie notwendig

Das Münchhausen-Syndrom verläuft fast immer chronisch. Die Betroffenen sind zwar häufig wegen diverser Beschwerden in Behandlung. Die Störung an sich ist dabei aber in der Regel nicht Inhalt der Therapie – im Gegenteil: Menschen mit Münchhausen-Syndrom entziehen sich meist dem Angebot, psychologische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sobald ein*e Mediziner*in einen Verdacht äußert oder gar Beweise für die Täuschung erbringt, wird die Praxis gewechselt.

Um eine erkrankte Person dazu zu bewegen, sich freiwillig in Therapie zu begeben, müssen Ärztinnen*Ärzte daher äußert vorsichtig vorgehen. Es kann sinnvoll sein, dass sie in Zusammenarbeit mit einem*einer Psychiater*in Betroffene zunächst über einen Zeitraum von mehreren Wochen stationär weiterbehandeln, um eine vertrauensvolle Bindung herzustellen – die im Idealfall eine Psychotherapie möglich macht.

Meist sind mehrere stationäre Aufenthalte nötig, die sich mit ambulanten Therapiephasen abwechseln. Dabei können verschiedene therapeutische Ansätze zum Tragen kommen, so beispielsweise aus der Verhaltenstherapie.

Prognose: Lässt sich das Münchhausen-Syndrom heilen?

Zur Prognose des Münchhausen-Syndroms liegen keine allgemeingültigen Daten vor. Schätzungen zufolge ist sie jedoch eher ungünstig: Die Erkrankung bedarf einer langwierigen und intensiven Therapie, der sich viele Erkrankte allerdings entziehen. Dazu kommt, dass viele der Betroffenen zusätzlich an weiteren schwerwiegenden psychischen Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen leiden.

Gefährlich wird es, wenn der*die Patient*in tatsächlich einmal ein körperliches Leiden hat und dieses womöglich nicht richtig behandelt wird. Dazu kann es kommen, wenn die behandelnden Ärztinnen*Ärzte Kenntnis über das bestehende Münchhausen-Syndrom haben. Dann werden die Betroffenen unter Umständen nicht ernst genommen, wenn sie ihre Krankheitssymptome schildern.