Eine Frau mit einer gelben Mütze joggt über eine Straße.
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Sport bei Brustkrebs: Fünf Gründe, warum Bewegung helfen kann

Brustkrebs ist eine kräftezehrende Erkrankung. Viele Betroffene fühlen sich permanent erschöpft und müde, leiden unter Schmerzen, Sorgen und Angst. Dennoch – oder besser: gerade deshalb – raten Mediziner*innen ihnen dazu, jede Woche mindestens 150 Minuten Sport zu treiben. Das hat gute Gründe.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Sport bei Brustkrebs: Fünf Gründe, warum Bewegung helfen kann

Sport ist gesund, soviel ist klar. Doch taugt Bewegung auch als Therapie, als wirksames Heilmittel? Was Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 betrifft, sind sich Mediziner*innen einig: Ja, Sport hilft, sogar besser als Medikamente. Aber was ist mit lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs? Können Betroffene ihren Tumor buchstäblich aus eigener Kraft bekämpfen, indem sie ihren Körper stärken?

Die Krebsforscherin Prof. Karen Steindorf vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg und ihre Kollegen beschäftigen sich seit Jahren mit dieser Frage. In mehreren Studien mit Brustkrebspatientinnen haben sie nachgewiesen, dass Bewegung bei Krebs eine geradezu therapeutische Wirkung entfalten kann. "Die Erkrankten profitieren von regelmäßigem Training, und zwar auf mehreren Ebenen", sagt Steindorf.

1. Sport lindert Erschöpfung

Viele Krebspatient*innen fühlen sich chronisch erschöpft, egal wie viel sie sich ausruhen oder schlafen. "Fatigue" (französisch für Müdigkeit) nennen Mediziner*innen dieses Phänomen. Die Ursachen sind noch nicht ganz geklärt. Vermutlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle:

  • Die schnell wachsenden Tumorzellen zehren an den Energiereserven.
  • Die Erkrankung ruft im Körper eine Entzündungsreaktion hervor. Diese wirkt sich unter anderem auf den Energiestoffwechsel der Muskeln und die Bildung neuer Muskeleiweiße aus. So lässt sich möglicherweise erklären, warum sich viele Krebspatient*innen körperlich entkräftet fühlen.
  • Chemo- und Strahlentherapie schädigen nicht nur Tumorzellen, sondern auch körpereigenes Gewebe. Dadurch werden zahlreiche physiologische Prozesse gestört, zum Beispiel die Bildung roter Blutzellen, die für den Sauerstofftransport verantwortlich sind. Mangelt es dem Körper an Sauerstoff, geht ihm gewissermaßen der Treibstoff aus.
  • Zudem scheinen bestimmte Entzündungsstoffe eine Wirkung auf den Hypothalamus zu haben. Diese Hirnregion ist unter anderem für Wachheit und Aufmerksamkeit zuständig.
  • Die Angst vor der Erkrankung und der Therapie kann psychisch sehr belastend sein.

Die Fatigue vermindert nicht nur die Lebensqualität. Häufig führt sie auch dazu, dass die Betroffenen nicht genug Kraft haben, um die Chemotherapie durchzustehen. "Dann kommt es vor, dass der*die Ärzt*in die Dosis reduzieren oder das Therapieschema verändern muss", erklärt die Krebsforscherin Steindorf. "Insofern kann sich Fatigue indirekt auf die Wirksamkeit der Behandlung auswirken."

Vor einigen Jahren testeten Karen Steindorf und ihre Kollegen in einer Studie, ob Sport gegen die besondere Form der Erschöpfung helfen kann. Sie teilten 160 Brustkrebspatientinnen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein: Die Hälfte von ihnen sollte 12 Wochen lang zweimal in der Woche eine Stunde Sport treiben. Die anderen nahmen an einem Entspannungstraining teil.

Vor Beginn und nach Abschluss des Trainings befragten die Forschenden alle Teilnehmerinnen ausführlich nach ihrem körperlichen und psychischem Befinden. Dabei zeigte sich, dass sich die Frauen in der Sport-Gruppe weniger ermüdet fühlten als die aus der Vergleichsgruppe. Vor allem die körperliche Erschöpfung hatte sich durch das Training offenbar verbessert.

2. Sport hilft gegen Schlafprobleme

Körperliche Ertüchtigung macht müde und hilft somit beim Einschlafen. Zudem schlafen Menschen, die sich tagsüber körperlich angestrengt haben, tiefer und besser. Steindorf und ihre Kolleg*innen stellten in einer weiteren Untersuchung fest, dass das nicht nur für gesunde Menschen mit Schlafproblemen gilt, sondern auch für Brustkrebspatient*innen.

Trotz Erschöpfung haben Menschen mit Krebs besonders häufig mit Einschlafproblemen und Schlafstörungen zu kämpfen. "Zum Teil, weil sie sich Sorgen machen und mental nicht zur Ruhe kommen", sagt Karen Steindorf. Zudem treten Schlafstörungen häufig als Nebenwirkung von Chemo- und Strahlentherapien auf. "Selbst in diesem Fall kann Sport helfen", sagt Steindorf.

Wie viel und welche Art von Sport?

Fachleute raten zu mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche. Geeignete Sportarten sind z. B.

Wichtig ist, dass man sich dabei ruhig etwas anstrengt, also außer Atem gerät und ins Schwitzen kommt.

Für wen ist Sport ein Risiko?

In bestimmten Fällen wird der*die Ärzt*in dem*der Betroffenen von Bewegung abraten, etwa kurz nach einer Operation, bei Fieber oder auch generell am Tag nach der Chemotherapie. Auch bei speziellen Behandlungsformen sowie bei bestimmten Begleiterkrankungen ist Vorsicht geboten, zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Beschwerden oder chronischen Gelenkentzündungen.

Wo finden Patient*innen Sportangebote?

Viele große Krebszentren bieten Sportprogramme an. Zudem werden über den Deutschen Behindertensportverband (DBS) Sportgruppen für Menschen mit Krebserkrankungen angeboten. Eine Suche ermöglicht die Website: www.dbs-npc.de

Wichtig: Grundsätzlich sollte sich das Sportpensum jedoch immer nach dem Gesundheitszustand und den individuellen Bedürfnissen des*der Patient*in richten. Wer an Brustkrebs erkrankt ist oder war, sollte mit dem*der Ärzt*in und qualifizierten Sporttherapeut*innen besprechen, ob und wie viel Sport förderlich ist.

3. Sport hebt die Stimmung und stärkt die Psyche

Sport ist eine natürliche Droge: Er bewirkt, dass im Körper die als Glückshormone bekannten Botenstoffe Serotonin und Dopamin ausgeschüttet werden. Auch legen Studien nahe, dass körperliche Aktivität Ängste lösen kann – sofort und auch langfristig.

Darüber hinaus fördert Sport die sogenannte "Selbstwirksamkeit", also das Gefühl, aus eigener Kraft etwas bewirken zu können. Dieses Empfinden gilt in der Psychologie generell als wichtige Voraussetzung für seelische Gesundheit. Krebspatient*innen hilft es, sich weniger machtlos zu fühlen und wieder mehr Vertrauen in ihren eigenen Körper zu entwickeln.

4. Sport unterstützt die Therapie

Forschende vermuten, dass Bewegung im Körper Prozesse in Gang setzt, die möglicherweise das Wachstum des Tumors hemmen. In Tierversuchen hat sich gezeigt, dass:

  • bei Bewegung mehr sogenannte natürliche Killerzellen in den Tumor "einwandern". Das sind Zellen des Immunsystems, die in der Lage sind, Krebszellen zu erkennen und abzutöten.
  • Sport chronischen, niedriggradigen Entzündungen im Körper entgegenwirkt, die als krebsfördernd gelten.

Ob sich diese Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist noch ungewiss. Zudem ist noch nicht klar, welche Sportart und Bewegungsintensität optimal ist, um die besagten Mechanismen auszulösen. Und allzu viel darf man sich von diesen Effekte auch nicht erhoffen. "Kein Tumor lässt sich allein durch Sport beseitigen", stellt Karin Steindorf klar.

Dennoch könne Bewegung zum Erfolg der Behandlung beitragen. "Es kommt häufig vor, dass Ärzt*innen die Dosis reduzieren oder das Therapieschema verändern müssen, weil die Erkrankten zu erschöpft sind oder zu stark unter weiteren Nebenwirkungen leiden", sagt sie. "Das kann leider auch die Wirksamkeit der Behandlung verringern." Diesem Problem beugt Sport vor, da er viele Nebenwirkungen lindern kann.

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5. Sport scheint das Risiko für Rückfälle zu senken

Ehemalige Brustkrebspatient*innen, die sich regelmäßig bewegen, haben ein geringeres Risiko, an den Spätfolgen der Krankheit zu sterben. Auch erleben sportlich aktive Betroffene nach einer erfolgreichen Krebstherapie seltener einen Rückfall (sog. Rezidiv) als jene, die sich nach der Erkrankung selten bewegen.

Das geht jedenfalls aus sogenannten epidemiologischen Studien hervor, bei denen ehemalige Patient*innen über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder nach ihrem Gesundheitszustand und ihren Lebensgewohnheiten befragt werden.

"Solche Studien deuten zunächst nur auf einen möglichen Zusammenhang hin und sind kein Beweis für eine Ursache-Wirkung-Beziehung", sagt die Forscherin Steindorf. "Man kann daraus also nicht ableiten, dass Bewegung vor Rezidiven schützt." Doch vieles spräche dafür:

  • Einer der wichtigsten Risikofaktoren für Brustkrebs ist Übergewicht. Zum einen werden im Fettgewebe Hormone (etwa sog. Adipokine) gebildet, die Körperzellen das Signal geben, sich zu vermehren. Das kann im schlimmsten Fall zur Entstehung bzw. zum Wachstum eines Tumors führen.
  • Zum anderen werden im Fettgewebe männliche Geschlechtshormone (Androgene) zu weiblichen Hormonen (Östrogene) umgewandelt. Je mehr Fettgewebe im Körper eingelagert ist, umso mehr Östrogen bildet dieser. Ein Östrogen-Überschuss begünstigt das Tumorwachstum.
  • Durch Sport verbessert sich die Körperzusammensetzung: Wer regelmäßig trainiert, baut Fett ab und Muskeln auf. Dies wirkt der ungesunden Hormonproduktion entgegen.

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