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Internetsucht

Veröffentlicht von Onmeda-Redaktion

Der Begriff Internetsucht, auch Onlinesucht oder pathologischer (krankhafter) Internetgebrauch genannt, beschreibt die exzessive Nutzung des World Wide Web (WWW).

Überblick

Internetsucht ist vergleichbar mit krankhaftem Spielen – die Betroffenen haben keine ausreichende Selbstkontrolle mehr und verbringen so viel Zeit mit Internetanwendungen, dass ihr Sozialleben und ihr Geisteszustand darunter stark leiden. Die Folgen sind häufig soziale Isolation, Stimmungsschwankungen und Konzentrationsschwierigkeiten sowie in schweren Fällen auch eine verzerrte Wahrnehmung der Realität, der Verlust des Arbeitsplatzes und Verarmung.

Eine Internetsucht kann aber auch körperliche Probleme mit sich bringen: Durch die stundenlange Bewegungslosigkeit vor dem PC-Bildschirm verkümmern die Muskeln – Fehlhaltungen können auftreten. Zudem haben internetsüchtige Menschen aufgrund des Bewegungsmangels ein erhöhtes Risiko für Krankheiten und Symptome wie:

Wie genau Ursachen und Wirkung bei Internetsucht zusammenhängen, ist noch weitgehend unbekannt.

Im Vordergrund der Internetsucht stehen Onlinespiele, die Nutzung sozialer Netzwerke und sexuelle Inhalte. Welche Art von internetfähigen Geräten der Internetsüchtige dabei nutzt – Personalcomputer, Spielekonsolen, Smartphones oder Tablet-PCs – spielt keine Rolle.

Man geht davon aus, dass alleine in Deutschland mehr als eine halbe Millionen Bürger internetsüchtig sind. In der Altersgruppe zwischen 14 und 64 Jahren sind etwa 1 Prozent oninesüchtig, 4,6 Prozent haben einen problematischen Internetkonsum.

Die Therapie der Internetsucht sieht vor allem eine Verhaltenstherapie vor. Dabei sollen die Betroffenen lernen, ihre Sucht zu erkennen und Bewältigungsmuster beziehungsweise Problemlösungsstrategien zu entwickeln, damit langfristig ein normaler Gebrauch des Internets möglich ist.

Eine solche Behandlung der Internetsucht sollte frühzeitig beginnen, wenn Betroffene selbst einsehen, dass sie internetsüchtig sind oder Freunde und Angehörige entsprechende Symptome bemerken. Ansonsten kann es sogar zu Entzugserscheinungen kommen, wenn zeitweise nicht die Möglichkeit besteht, online zu gehen.

Definition

Die Frage, ob es sich bei der Internetsucht tatsächlich um eine Suchtstörung handelt, ist umstritten. Kritiker des Begriffs Internetsucht bemängeln, dass die Beschreibung des Phänomens nicht zutreffend ist: Um ein Verhalten als Sucht bezeichnen zu können, fehlt ihnen – ähnlich wie bei der Spielsucht – die stoffliche Ebene, die körperliche Abhängigkeit samt schwerster bis lebensbedrohlicher Entzugssymptome hervorruft, wie es zum Beispiel bei Alkohol, Medikamenten oder Drogen der Fall ist.

Bislang ist die Internetsucht als sogenannte "Störung der Impulskontrolle" klassifiziert. Störungen der Impulskontrolle zählen zu den Persönlichkeitsstörungen. Experten diskutieren derzeit, ob eine Zuordnung der Internetsucht zu den Suchtstörungen sinnvoll ist.

Namensgeber der Internetsucht ist der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg, der den Begriff internet addiction disorder, kurz: IAD, 1995 erstmals einführte. Er beschrieb die Abhängigkeit als ein psychisches Problem ähnlich der Spiel- oder Kaufsucht: Diese Süchte zeichnen sich dadurch aus, dass die Erkrankten immer wieder bestimmte Dinge tun müssen, zum Beispiel das Internet gebrauchen, Glücksspiele spielen oder Einkaufen gehen, obwohl sie sich dadurch selber oder andere schädigen.

© Jupiterimages/iStockphoto
Die Internetsucht zählt zu den nicht-substanzgebundenen Abhängigkeiten – ähnlich wie die Spielsucht.

Experten schätzen, dass in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen internetsüchtig sind.

Ursachen

Für Internetsucht kann es viele Ursachen geben. Dazu gehören unter anderem die attraktiven Möglichkeiten und Erleichterungen im Alltag, die das Internet bietet, sowie neue Handlungsmöglichkeiten wie die Realitätsflucht und das Experimentieren mit der eigenen Identität.

Das Fliehen vor der Realität kann Flucht vor negativen Emotionen und persönlichen Problemen bedeuten; vor Problemen mit sich selbst (wie Minderwertigkeitskomplexe) oder mit seinem sozialen Umfeld (Integrationsschwierigkeiten, Probleme der Kontaktaufnahme, Einsamkeit). Häufig besteht auch der Wunsch, die Bedürfnisse, die im Alltag vielleicht nicht realisiert werden können, über das Internet zu befriedigen, zum Beispiel der Austausch mit Gleichgesinnten.

Manche Experten beurteilen das Experimentieren mit der eigenen Identität im Internet als Phänomen, das aus der heutigen Anforderung nach Flexibilität entspringt: Häufiger Arbeitsplatzwechsel, neue Erziehungsmodelle, neue Geschlechterrollen und sich ständig erneuernde Technologien verlangen vom Einzelnen stets Flexibilität und Wandlungsfähigkeit. Sie zeigen, dass alles von kurzlebiger Dauer ist und immer beliebiger wird. Das Internet bietet in diesem Zusammenhang den idealen Rahmen: Im virtuellen Cyberspace kann jeder den Rollentausch spielerisch üben beziehungsweise seine Bedürfnisse ausleben (z.B. beim gender switching, also beim Geschlechtertausch). Gerade die Möglichkeit, im Rahmen des Internets mit der eigenen Identität zu experimentieren, scheint insbesondere bei Jugendlichen das Risiko einer Internetsucht zu erhöhen und gehört damit zu den möglichen Ursachen.

© Jupiterimages/Ingram Publishing
Internet: Flucht vor der Realität?

Symptome

Psychologen sind sich bei Internetsucht über einige charakteristische Symptome einig, auch wenn es noch keine verbindliche Definition der Krankheit mitsamt ihrer Symptomatik gibt. Charakteristische Symptome sind:

Außerdem kann das lange Sitzen vor dem Computer körperliche Schäden verursachen:

Außerdem können folgende Nachteile entstehen, die sich unmittelbar auf den Alltag auswirken können:

Diagnose

Bei Internetsucht stellen Ärzte die Diagnose meist mithilfe von speziellen Fragebögen, zum Beispiel der Internetsucht-Skala (ISS) oder der sogenannten Compulsive Internet Usage Scale. Mit diesen Bögen kann der Arzt prüfen, ob folgende Diagnose-Kriterien vorliegen:

Im Extremfall verbringen Betroffene nahezu ihre gesamte Zeit im Internet, beispielsweise mit Computerspielen. Bei der Diagnose der Internetsucht lassen sich drei Stadien unterscheiden:

Therapie

Bislang gibt es bei Internetsucht noch keine Standard-Therapie. Wie bei anderen Abhängigkeitserkrankungen gilt jedoch auch bei der Internetsucht, dass die Betroffenen die Gründe für ihre Abhängigkeit erkennen müssen, um dann entsprechende Gegenmaßnahmen erlernen zu können.

Daher versprechen sich Experten gute Ergebnisse von einer Verhaltenstherapie: Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass sowohl verhaltenstherapeutische Gruppentherapie-Programme, als auch verhaltenstherapeutische Onlineberatungen bei Internetsucht wirkungsvoll sein können.

Im Rahmen der Internetsucht-Therapie entwickeln die Betroffenen in erster Linie Techniken für einen veränderten Umgang mit dem Internet. Meist ist es hilfreich, den Internetgebrauch zeitlich zu begrenzen, oder bestimmte Internetseiten, die für die jeweilige Person besonders suchtfördernd sind, zu meiden. Ein wichtiger Therapiebestandteil ist auch die Entwicklung von Alternativen zum süchtigen Verhalten. So ist es beispielsweise hilfreich, alte Hobbys wieder aufzunehmen.

Auch Freunde und Angehörige können bei Internetsucht die Therapie unterstützen, indem sie den Internetsüchtigen ablenken und ihm Gespräche anbieten.

Die Internetsucht-Therapie ist zurzeit noch keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen. Doch einige Krankenkassen haben bereits begonnen, Therapien bei Internetsucht zu bezahlen.

Therapeutische Anlaufstellen

Betroffene finden im Internet therapeutische Anlaufstellen, die spezielle Online-Beratungen für Erkrankte und ihre Angehörigen anbieten. Es mag etwas paradox klingen, Hilfe für Internetsüchtige im Internet anzubieten. Andererseits ist gerade das Internet erster Anlaufpunkt für Internetsüchtige auf der Suche nach Rat und Hilfe, da sie zu der Außenwelt oftmals fast keinen Kontakt mehr haben.

Verlauf

So wie jeder Mensch unterschiedlich ist, kann auch Internetsucht einen unterschiedlichen Verlauf nehmen. In den meisten Fällen verläuft sie jedoch ähnlich. Dabei steigert sich der tägliche Internetgebrauch oftmals im Lauf der Zeit bis zu mehreren Stunden pro Tag. Bei einer schweren Internetsucht kann der Betroffene auch einen Großteil seiner Tages- und Nachtzeit im Internet verbringen. Häufige Anzeichen von Internetsucht sind:

Gleichzeitig können auch Entzugserscheinungen wie Nervosität und Gereiztheit entstehen, wenn der Internetsüchtige vorübergehend keinen Zugang zum Internet hat.

Ein Beispiel für einen Internetsucht-Verlauf ist der Fall einer 43-jährigen Hausfrau, den die Psychologin K. Young innerhalb ihrer Studien aufzeichnete:

Die Frau führte zunächst ein zufriedenes und ausgeglichenes Leben, ohne jegliche Anzeichen, suchtgefährdet zu sein. Doch als sie einen Computer bekam, besuchte sie in den ersten drei Monaten immer häufiger Chatrooms (Internetseiten, über die Besucher interaktiv miteinander sprechen können), bis sie letztendlich rund 60 Stunden pro Woche online war. Sie habe sich bald auf einen bevorzugten Chat konzentriert, wo sie sich etablierte und eine Art Gemeinschaftsgefühl entwickelte. Sehr bald konnte sie, entgegen besserer Absicht, die Zeit der verbrachten Sitzungen nicht mehr kontrollieren. Diese hätten manchmal bis zu 14 Stunden angedauert. Wenn sie nicht online sein konnte, habe sie zunehmend unter depressiven Verstimmungen, Angstzuständen und Nervosität gelitten. In der Folge begann sie, Verabredungen nicht mehr einzuhalten und ihre Freunde ebenso wie ihr Familienleben zu vernachlässigen. Auch ging sie keinen sozialen Aktivitäten mehr nach, die sie früher gerne ausgeübt hatte.

Sie zeigte hinsichtlich ihrer Internetsucht ein mangelndes Problembewusstsein und sah sich mit schwerwiegenden familiären Problemen und Vorwürfen konfrontiert. In der Folge kam es zur Entfremdung vom Ehemann und den Töchtern. Dies führte schließlich doch zu der Einsicht, dass sie sich nach dem Internet so süchtig fühlte, wie andere Menschen nach Alkohol. Sie konnte anschließend ihr Konsumverhalten eingrenzen, ohne therapeutische Hilfe beansprucht zu haben. Sie gab aber auch zu, einen völligen Verzicht nicht geschafft zu haben.

Vorbeugen

Einer Internetsucht sollten Nutzer des Internets vor allem vorbeugen, indem sie ihren Umgang mit diesem Medium kritisch beobachten.

Wenn Sie Anzeichen einer Suchtentwicklung bei sich bemerken, sollten Sie die Internetnutzung bewusst einschränken. Typische erste Symptome einer Sucht sind:

  • zunehmende Zeit, die Sie im Internet verbringen
  • oder Entzugssymptome (z.B. Nervosität, Ängste oder Depressionen), wenn Sie nicht online gehen können.

Wenn Ihnen dies allein nicht gelingt, empfiehlt es sich, dass Sie frühzeitig professionelle Unterstützung suchen, damit sich Ihr Suchtverhalten nicht weiter verstärkt.

Da zunehmend Jugendliche vom Problem der Internetsucht betroffen sind, ist es ratsam, dass Eltern das Internet-Nutzungsverhalten ihrer Kinder mit diesen besprechen und gegebenenfalls kontrollieren.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Linktipps:

Fachverband Medienabhängigkeit e.V.
Der Fachverband Medienabhängigkeit e.V. bietet auf seiner Seite eine Suche nach Beratungs- und Anlaufstellen zum Thema Internetsucht.

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

Fachverband Sucht e. V.
Walramstraße 3
53175 Bonn
Tel.: +49-(0)-228-261 555
Fax: +49-(0)-228-215 885
sucht@sucht.de
www.sucht.de

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS)
Westenwall 4
59065 Hamm
Tel.: +49-(0)-2381-90 15 0
Fax: +49-(0)-2381-90 15 30
info@dhs.de
www.dhs.de

Internetsuchthilfe e.V.
Untere Zahlbacher Straße 8
55131 Mainz
Tel.: +49-(0)-6131-17-6064
kontakt@internetsucht-hilfe.de
www.internetsucht-hilfe.de

Buchtipps:

buch_batthyany_rauschohnedrogen.jpg

Rausch ohne Drogen

Dominik Batthyány, Alfred Pritz

377 Seiten Springer Verlag 2009

Suchtforschung galt bisher überwiegend der Auseinandersetzung mit substanzgebundener Abhängigkeit. Heute erkennt man eine Tendenz: der Blick richtet sich verstärkt auf so genannte Substanzungebundene Abhängigkeiten. Sowohl die Zahl der Betroffenen als auch die Zahl derer, die tatsächlich Beratung und Hilfe suchen, sind hoch – und sie steigen. Dem großen Interesse für dieses Störungsbild und der hohen Anzahl an Betroffenen steht hingegen ein Mangel an Aufklärung und an intensiver wissenschaftlicher und öffentlicher Diskussion gegenüber. Dieses Buch widmet sich explizit diesem Phänomen und diskutiert den Stand der Forschung sowie Trends und Erfahrungen mit Substanzungebundenen Abhängigkeiten. Schwerpunkte werden sowohl auf Darstellung einzelner Formen, wie etwa Internet-, Sex-, Kauf- und Arbeitssucht, auf Überlegungen zu Therapie, Behandlung und Prävention, auf das Problem der Klassifikation dieses Phänomens als eigenständiges Störungsbild, auf Ursachenforschung und neurologische Aspekte gesetzt. Suchtforschung galt bisher überwiegend der Auseinandersetzung mit substanzgebundener Abhängigkeit. Heute erkennt man eine Tendenz: der Blick richtet sich verstärkt auf so genannte substanzungebundene Süchte. Sowohl die Zahl der Betroffenen als auch die Zahl derer, die tatsächlich Beratung und Hilfe suchen, sind hoch - und sie steigt. Dem großen Interesse für dieses Störungsbild und der hohen Anzahl an Betroffenen steht hingegen ein Mangel an Aufklärung und an intensiver wissenschaftlicher und öffentlicher Diskussion gegenüber. Dieses Buch widmet sich explizit diesem Phänomen und diskutiert den Stand der Forschung sowie Trends und Erfahrungen mit substanzungebundenen Süchten. Schwerpunkte werden sowohl auf Darstellung einzelner Formen, wie etwa Internet-, Sex-, Kauf- und Arbeitssucht, auf Überlegungen zu Therapie, Behandlung und Prävention, auf das Problem der Klassifikation dieses Phänomens als eigenständiges Störungsbild, auf Ursachenforschung und neurobiologische Aspekte gesetzt.

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Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2016)

Online-Information des Fachverbandes Medienabhängigkeit: www.fv-medienabhaengigkeit.de (Abrufdatum: 12.1.2016)

Sucht und Drogen. Online-Information des Bundesministeriums für Gesundheit: www.bmg.bund.de (Stand: 18.11.2015)

Müller, K.: Spielwiese Internet. Sucht ohne Suchtmittel. Springer, Berlin Heidelberg 2013

Fegert, J.M., Eggers, Ch., Resch, F.: Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Springer, Heidelberg 2012

Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA). Ein Bericht an das Bundesministerium für Gesundheit von der Universität zu Lübeck und der Universitätsmedizin Greifswald (31.5.2011)

Scherfer, K.: Webwissenschaft. LIT, Berlin 2010

Hönicke, I.: Die bunte Cyber-Welt als digitale Droge. In: "Die digitale Revolution: Immer mehr Internet-Surfer hängen an der elektronischen Nadel". Die Welt (9.4.1999)

Droge Internet. Macht das World Wide Web wirklich süchtig? Main Echo (11.3.1999)

Stand: 12.1.2016