Eine Frau liegt auf dem Bett und schaut TV.
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Binge Watching: Machen Serien süchtig?

Schauen Sie noch? Echte Serienjunkies kennen diese Frage: Der Video-Streamingdienst Netflix stellt sie allen, die ohne Pause mehrere Folgen einer Serie geschaut haben. Was treibt Menschen zum "Binge Watching"? Handelt es sich dabei wirklich um eine Sucht? Und welche Folgen haben regelmäßige Serienmarathons für die Gesundheit?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Was ist Binge Watching?

"Binge Watching" – in Anlehnung an "Binge Drinking", das englische Wort für Komasaufen – ist ein recht neues Phänomen. Fernsehserien gibt es zwar schon seit Jahrzehnten. Der wöchentliche Erscheinungsrhythmus neuer Serienfolgen ist allerdings Geschichte. Netflix, Amazon Instant Video & Co. warten mit ganzen Staffeln auf. Die Ausstrahlung aller Folgen einer Staffel erfolgt zeitgleich. Viele Zuschauer*innen nehmen das als Anlass für einen „Serienmarathon“, bei dem häufig eine ganze Staffel am Stück geschaut wird.

Seriensucht: Wirklich eine Sucht?

Binge Watching gilt bislang nicht als Suchterkrankung. Diese würde anerkannten Diagnose-Kriterien unterliegen. Dennoch lassen sich Medienpsycholog*innen zufolge einige typische Verhaltensweisen beim Binge Watching finden. Betroffene

  • vernachlässigen ihre Pflichten,
  • ziehen sich sozial zurück,
  • verlieren das Interesse an anderen Aktivitäten,
  • können ihren Konsum nicht kontrollieren
  • und fühlen sich nach dem Konsum oft schuldig.

Im Jahr 2013 machte eine Studie Schlagzeilen, laut der exzessives Seriengucken tatsächlich mit der Sucht nach harten Drogen vergleichbar sei. Dabei wurde geprüft, ob ein Serienentzug mit für Suchterkrankungen typischen Entzugserscheinungen einhergeht. Das Ergebnis: Die Proband*innen hatten eine erhöhte Atemfrequenz. Dieses Ergebnis gibt jedoch allenfalls Aufschluss über die kurzfristigen körperlichen Auswirkungen eines plötzlichen Serienentzugs.

Ein "echter" Drogenentzug dauert – sofern er gelingt – Wochen. Den Betroffenen stockt auch nicht nur kurz der Atem, sondern sie leiden tagelang unter Krämpfen, Schüttelfrost, Fieber, Durchfall und Herzrasen, fühlen sich erschöpft und können nicht schlafen. Von körperlicher Abhängigkeit kann beim Binge Watching also nicht die Rede sein.

Ursachen für Binge Watching

Fachleute vermuten hinter dem Suchtfaktor von Serien hauptsächlich zwei Gründe:

Vermeintlicher Stressabbau und Realitätsflucht

Der Play-Button scheint für viele Menschen eine Art Pause-Button der Realität zu sein – vor allem nach einem stressigen Tag sehnen sie Unterhaltung und Entspannung herbei. Expert*innen sprechen vom sogenannten Eskapismus: Wer sich deprimiert und einsam fühlt, flüchtet in eine fiktive Welt, um sich nicht mit seiner Traurigkeit, seinem Stress und seinen Problemen beschäftigen zu müssen.

Dafür sprechen auch die Ergebnisse einer Umfrage, die der Streaming-Dienst Netflix durchführen ließ. Rund 3.000 US-Amerikaner*innen sollten angeben, wieso sie Serien schauen. Das Ergebnis: Drei Viertel der Befragten gaben an, Binge Watching als "willkommene Flucht vor ihrem hektischen Leben" zu empfinden.

Zugehörigkeitsgefühl: Serien als Ersatzfamilie

Serien befriedigen das menschliche Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit. Für 20 bis 60 Minuten darf sich der*die Zuschauer*in im Kreise einer fiktiven Clique oder Familie geborgen fühlen – ohne sich dafür verstellen oder anstrengen zu müssen.

"Social Surrogate Hypothesis", auf Deutsch "Sozialersatz-Hypothese", nennen Sozialpsycholog*innen diese Idee. Ausreichend belegt ist sie bisher noch nicht. Es gibt aber einige Studien, die daraufhin deuten, dass Menschen sich eher zu einem Serienmarathon hinreißen lassen, wenn sie sich einsam und deprimiert fühlen. Fachleute vermuten, dass der Anblick einer vertrauten (wenn auch fiktiven) Gemeinschaft dieses Gefühl des mangelnden sozialen Rückhalts ein Stück weit kompensieren kann.

Zudem scheinen Serienfans grundsätzlich anfälliger für Binge Watching zu sein: Sie können weniger gut mit offenen, ambivalenten Situationen umgehen als andere. Sie fühlen sich zum Beispiel gestresst, wenn Handlungen noch offen sind. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang vom need for closure, also dem Bedürfnis nach einem Abschluss. Das nutzen Serienmacher, indem sie Folgen bewusst mit Cliffhangern beenden.

Folgen von Binge Watching

Medienpsycholog*innen gehen davon aus, dass sich regelmäßiges Binge Watching langfristig negativ auf die mentale und körperliche Gesundheit auswirken kann.

  • Soziale Isolation: In einsamen Momenten Trost auf dem Bildschirm zu suchen, kann zu Einsamkeit führen und dem Sozialleben schaden. Damit steigt das Risiko, psychische Erkrankungen wie Depressionen, eine Sozialphobie oder Angststörung zu entwickeln.
  • Schlafmangel: Nicht nur die Schlafdauer, auch die Schlafqualität kann unter der Seriensucht leiden. Denn viele Streaming-Nutzende kommen nach einer langen Bildschirmzeit nur schlecht zur Ruhe.
  • Konzentrationsschwäche: Schlafentzug durch nächtliches Serienschauen führt zu einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus. Das kann am Folgetag Konzentrationsprobleme und Antriebslosigkeit auslösen.
  • Bewegungsmangel: Steht das exzessive Seriengucken täglich auf dem Programm, bleibt im Alltag kaum Zeit für Sport. Zum Stressabbau benötigen Körper und Geist jedoch Bewegung – erst recht, wenn man bereits den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen hat.

Tipps gegen Binge Watching

Serien können fesselnd und unterhaltsam sein. Es macht Spaß, in fremde Welten abzutauchen und sich berieseln zu lassen. Wenn Sie aber bemerken, dass Ihre Bildschirmzeit immer länger wird und Sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, sollten Sie Ihren Medienkonsum überdenken. Folgende Tipps können dabei helfen, die Seriensucht zu überwinden:

  • Um den Absprung zu schaffen, kann es helfen, eine Folge nicht bis zum Ende zu schauen, sondern mit einer Szene aufzuhören, die weniger spannend ist.
  • Autoplay-Funktionen ausschalten: So wird nicht automatisch die nächste Folge abgespielt und Nutzer*innen können bewusst die Entscheidung treffen, weiterzuschauen oder aufzuhören.
  • Die permanente Verfügbarkeit der Streamingdienste auf sämtlichen Geräten verleitet zum Binge Watching. Deshalb kann es helfen, Streaming-Plattformen wie Netflix beispielsweise nur auf dem Fernseher zu installieren und Tablet und Smartphone zur serienfreien Zone zu erklären.
  • Eigenes Zeitlimit setzen: Stellen Sie sich zur Erinnerung einen Wecker.
  • Ausreichend medienfreie Zeit in den Alltag einbauen: Sport und soziale Interaktionen können helfen, den Bezug zur Realität nicht zu verlieren und erinnern Sie daran, dass Ihnen auch andere Dinge Freude bereiten als das Serienschauen.

Menschen, die zu Binge Watching neigen, sind oft auch über das Seriengucken hinaus viel in der Netzwelt unterwegs. Sie haben etwa eine Vorliebe für Computerspiele und kommen insgesamt auf eine hohe tägliche Bildschirmzeit. Zwar sind Medienabhängigkeit und Internetsucht noch nicht ausreichend erforscht, da es sich um ein relativ neues Phänomen handelt. Dennoch gibt es bereits Hilfsangebote. Betroffene können sich etwa an Suchtberatungsstellen wenden.

Hilfesuchende finden Unterstützung bei der Internetseite Erste Hilfe Internetsucht.