Das Bild zeigt einen Krankenhausflur mit einem Bett und Personal.
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Hospitalismus: Wenn das Krankenhaus krank macht

Ein Krankenhausaufenthalt dient im Normalfall dazu, dass kranke Menschen gesund werden. Ein Krankenhaus ist jedoch gleichzeitig auch ein Ort, der selbst bestimmte Krankheiten begünstigen kann – zum Beispiel durch verschiedene Erreger, die dort vermehrt vorkommen, oder durch psychische Belastungen. Wenn sich Patienten während ihrer Zeit in einem Krankenhaus oder in einem Heim einen zusätzlichen gesundheitlichen Schaden zuziehen, spricht man von Hospitalismus.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Allgemeines

Ein Krankenhausaufenthalt trägt nicht immer ausschließlich zur Genesung der Patienten bei. Vielmehr treffen hier viele Kranke und damit auch verschiedenste Keime aufeinander. Dies birgt das Risiko, sich mit weiteren Krankheiten wie zum Beispiel sekundären Infektionen anzustecken. Auch durch Ernährungs- oder Pflegefehler können zusätzliche Erkrankungen entstehen. Dazu gehören unter anderem Wundliegen (Dekubitus), Verstopfung oder Thrombose. Alle körperlichen Schäden, die während eines Krankenhausaufenthalts entstehen, fasst man unter dem Begriff physischer Hospitalismus zusammen.

Die wenig heimelige Umgebung und fehlende emotionale Zuneigung während des Krankenhausaufenthaltes können außerdem psychische Belastungen hervorrufen. Vor allem Kinder leiden darunter, wenn in der fremden Umgebung und der besonderen Situation eine konstante Bezugsperson, liebevolle Fürsorge und das Gefühl von Geborgenheit fehlen – beispielsweise wenn Eltern sich nicht entsprechend kümmern können und das Pflegepersonal ihnen nicht genügend Aufmerksamkeit entgegenbringt.

Infolgedessen kann es zu psychischen Auffälligkeiten wie Apathie, Angst und Depressionen kommen. Kinder zeigen mitunter Sprachentwicklungsstörungen und / oder allgemeine psychomotorische und somatische Entwicklungsverzögerungen. Auch Bindungs- oder Kontaktstörungen können als Folge von Einsamkeit und Vernachlässigung auftreten.

Alle psychischen Beeinträchtigungen, die durch einen Krankenhausaufenthalt entstehen, bezeichnet man allgemein als psychischen Hospitalismus.

Der Begriff Hospitalismus umschreibt alle gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die sich Menschen durch oder während eines Krankenhaus- oder Heimaufenthalts zuziehen. Dabei unterteilt man

  • körperliche Schädigungen (physischer Hospitalismus)
  • und psychische Beeinträchtigungen (psychischer Hospitalismus).

Physischer Hospitalismus

Als physischer Hospitalismus werden alle körperlichen Schäden bezeichnet, die während eines Kranken- oder Heimaufenthalts entstehen. Darunter fallen zum Beispiel Infektionen durch Keime, mit denen ein Patient während eines stationären Aufenthalts oder auch einer ambulanten medizinischen Maßnahme in Kontakt kommt. In diesem Zusammenhang spricht man von sogenannten Nosokomialinfektionen.

Dies sind vor allem Infektionen der Harnwege, der Atmungsorgane, der Haut und der Schleimhäute, des Bluts und postoperative Wundinfektionen.

Keime, die einen Hospitalismus auslösen, haben in der Regel besondere Eigenschaften: Sie sind

  • resistent gegen die meisten Antibiotika,
  • widerstandsfähig gegen übliche Desinfektionsmittel und
  • sie lassen sich über Keimträger weiter verbreiten.

Typische Hospitalismuserreger :

Infektionsquellen in einem Krankenhaus sind zum Beispiel die Patienten selbst, das Krankenhauspersonal oder Besucher.

Aber auch über Wasser und feuchte Stellen (z.B. in Wasch- und Toilettenräumen), Staub, Pflegeartikel und medizinische Gegenstände wie Fieberthermometer, chirurgische Instrumente, Bettschüsseln, Nierenschalen, diverse Katheter, Beatmungs- oder Narkosegeräte, Spritzen, Kanülen oder Endoskopiegeräte können sich Erreger verbreiten und bei Patienten zu Infektionen führen.

Auch Krankenhauswäsche, Handtücher und verunreinigte Arzneimittel sind Überträger von Keimen.

In einem Krankenhaus haben Krankheitserreger oft leichtes Spiel: Bei vielen Patienten ist das Immunsystem aufgrund einer Erkrankung geschwächt, sodass sie besonders anfällig für Krankenhausinfektionen sind. Gleiches gilt für Patienten mit offenen Wunden oder Verbrennungen.

Eine wichtige Maßnahme für Ärzte und Pfleger im Krankenhaus, um einer nosokomialen Infektion vorzubeugen, ist die Händedesinfektion.

Neben Krankenhausinfektionen beschreibt der Begriff Hospitalismus weitere körperliche Veränderungen, die sich ein Patient im Krankenhaus oder Heim zuziehen kann. So kann es durch falsche Lagerung, Ernährungsfehler, Bewegungsmangel oder fehlende vorbeugende Maßnahmen zum Beispiel zu

  • Atrophie (Erschlaffung) der Muskulatur,
  • Dekubitus (Wundliegen),
  • Thrombose,
  • Verstopfung oder
  • Kontrakturen (Verkürzung von Muskeln, Sehnen oder anderen Weichteilgeweben)

kommen.

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Psychischer Hospitalismus

Bei einem Krankenhaus- oder Heimaufenthalt besteht nicht nur die Gefahr, dass es bei Patienten zu einer zusätzlichen körperlichen Erkrankung kommt. Der Begriff psychischer Hospitalismus umschreibt alle psychischen und geistigen Beeinträchtigungen, die durch einen längeren Aufenthalt in einem Krankenhaus entstehen. Davon betroffen sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder, aber auch bei Erwachsenen (z.B. Langzeitpatienten oder Menschen, die in einem Heim leben) kann psychischer Hospitalismus auftreten.

Psychischer Hospitalismus (auch Krankenhaus-Koller, Deprivationssyndrom genannt) entsteht, wenn es Patienten an emotionaler Zuwendung mangelt, zum Beispiel durch

  • die längere Trennung von der Mutter (bei Kindern),
  • das Fehlen des direkten körperlichen Kontaktes einer konstanten Bezugsperson
  • und / oder fehlende soziale Beziehungen.

Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Deprivation (lat. deprivare für berauben). Der Begriff beschreibt die Tatsache, dass Betroffenen etwas genommen wird, das sie für ihr Wohlbefinden brauchen oder sich wünschen. Man unterscheidet

  • sensorische Deprivation: Mangel an Sinneswahrnehmungen (Hören, Sehen, Fühlen usw.)
  • soziale Deprivation: das Fehlen von Bezugspersonen und emotionaler Nähe
  • kognitive Deprivation: das Fehlen von Reizen, die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kreativität, Orientierung, Vorstellungskraft usw. beanspruchen

Eine eintönige, wenig heimelige Umgebung, wie man sie oft in Krankenhäusern vorfindet, erhöht das Risiko, dass eine Deprivation entsteht: So führen etwa ein Mangel an Licht, Geräuschen und visuellen Reizen schon nach kurzer Zeit zu Störungen des Erlebens und des Verhaltens.

Aufgrund der fehlenden Reize und der mangelnden sogenannten Nestwärme ziehen sich vor allem betroffene Kinder aus der Realität zurück. Sie schenken ihrer Umwelt kaum Beachtung, bewegen sich wenig und wirken teilnahmslos. Gestik und Mimik sind ausdruckslos. Auch Weinen, Jammern und anhaltendes Schreien sind typische Verhaltensweisen, wenn Kinder und Babys allein gelassen oder vernachlässigt werden.

Aus diesen anfänglichen Anzeichen kann sich im weiteren Verlauf (nach etwa drei bis fünf Monaten) ein psychischer Hospitalismus ausbilden, der durch schwere Entwicklungsstörungen gekennzeichnet ist.

Psychischer Hospitalismus bei Kindern kann sich durch folgende Beeinträchtigungen und Auffälligkeiten äußern:

  • Sprachentwicklungsstörungen
  • Anpassungsstörungen in der frühen Sozialisation
  • allgemeine psychomotorische und somatische Entwicklungsverzögerungen
  • affektive und kognitive Entwicklungsstörungen
  • Kontaktstörungen (z.B. übermäßiges Misstrauen oder Distanzlosigkeit gegenüber Fremden)
  • Schwierigkeiten, eine dauerhafte, enge und stabile Bindung einzugehen
  • Angst
  • Apathie
  • erhöhte Infektanfälligkeit
  • Depressionen
  • stereotype Bewegungen (z.B. Wippen, Schaukeln)
  • Reizbarkeit, Feindseligkeit
  • Einnässen
  • autoaggressives Verhalten
  • Nahrungsverweigerung

Einige dieser Symptome zeigen sich auch bei erwachsenen Menschen, die unter Einsamkeit leiden, wie zum Beispiel bei Menschen, die in einem Pflegeheim leben und wenig Besuch bekommen.

Psychischer Hospitalismus drückt sich zum Beispiel im rhythmischen Schaukeln oder Vor-und-zurück-Wippen des Körpers aus: Betroffene interpretieren dies als Trosthandlung, wenn es im Umfeld niemanden gibt, der durch körperliche und emotionale Zuwendung Trost spendet.

Je nach Ausmaß des Hospitalismus sind die Symptome behandelbar. Sofern sich keine andere Störung (z.B. Bindungsstörung) manifestiert hat, gehen die Symptome oftmals zurück, sobald sich die äußeren Umstände verbessern und die Betroffenen liebevolle und fürsorgliche Zuwendung erfahren. Je kürzer die belastende Situation andauert, desto besser sind die Chancen, dass die Beschwerden völlig verschwinden. Häufig bleiben durch die emotionale Vernachlässigung jedoch Folgen wie Störungen der Kontaktfähigkeit in Form von emotionaler Stumpfheit und Gleichgültigkeit zurück. Betroffene Kinder passen sich zwar neuen Situationen oberflächlich schnell an, ihre Bindungsfähigkeit und Liebesfähigkeit ist jedoch gestört. Liegt eine schwere Deprivation vor, kann eine psychotherapeutische Behandlung nötig sein.

Wie kann man psychischem Hospitalismus vorbeugen?

Wenn Menschen länger in einem Krankenhaus oder in einer entsprechenden Einrichtung leben, ist es wichtig, sie nicht von alltäglichen Sinnesreizen „abzuschotten“. So können sich beispielsweise monotones Licht, mangelnde Kontakte, wenig Abwechslung und die Eintönigkeit des Krankenzimmers (z.B. bei Bewohnern eines Altersheims, die immer auf die gleiche Wand blicken) negativ auf das psychische Wohlbefinden auswirken.

Um psychischem Hospitalismus vorzubeugen ist es deshalb wichtig, die Umgebung für Patienten möglichst angenehm zu gestalten. Ein Krankenzimmer kann so zum Beispiel durch den Einsatz bestimmter Farben an Wänden, Gardinen und Bettwäsche einen wohnlichen Charakter bekommen. Auch Bilder, Pflanzen, Dekorationen und mitgebrachte vertraute Gegenstände der Patienten schaffen eine wohnliche Atmosphäre und machen einen Krankenhausaufenthalt angenehmer.

Je nach Erkrankung bieten Beschäftigungsangebote wie Sport- und Bewegungsprogramme, Musik oder Spiele Abwechslung im Krankenhausalltag. Wichtig ist es darüber hinaus, soziale Kontakte zu ermöglichen und zu fördern.

Vor allem Kinder brauchen ein hohes Maß an emotionaler Zuwendung und eine konstante Bezugsperson. Sofern die Eltern eines Kindes dies nicht leisten können, sollte geschultes Pflegepersonal diese Aufgabe übernehmen. Hierbei spielen auch Körperkontakte eine wichtige Rolle, um den kleinen Patienten ein Gefühl von Geborgenheit und Nestwärme zu vermitteln.